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Tausend und eine Insel

Richard Arnold Bermann: Tausend und eine Insel - Kapitel 8
Quellenangabe
typereport
authorRichard Arnold Bermann
titleTausend und eine Insel
publisherS. Fischer Verlag Berlin
printrun1. bis 6. Auflage
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140923
projectid608b3a89
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Der Busch

Der österreichische Erforscher Neuseelands, Ferdinand von Hochstetter, wurde von den Maori »Hokitika« genannt, denn ihre Sprache kennt nicht die röchelnden oder zischenden Laute der unseren. Hokitika heißt nun auch eine Stadt in Westland, das ist die große Buschprovinz an der Küste der Südinsel von Neuseeland. In den Tagen, da auf einmal das Helle Gold in den Sturzbächen des Gletschergebirges gefunden wurde, vor sechs Jahrzehnten also, war Hokitika eine Stadt von fünfzigtausend Einwohnern, und es hätte ganz gut ein San Franzisko aus ihr werden können. Es hat Jahre gegeben, in denen man von dieser Westküste Neuseelands Gold wegsandte im Wert von zwei Millionen Pfund Sterling. Noch heute wird hier Gold gewonnen, doch mühsam und unromantisch, und die Provinz, die einst die volkreichste Neuseelands zu werden schien, ist seltsam verödet, obwohl dieser Boden noch andere Metalle als Gold enthält und viel vortreffliche Kohle. So ist Hokitika jetzt menschenleer und im Verfall. In diesen kleinen Städten des Westlands, die einst groß waren, wackelt alles, die hölzernen Häuser sehen grau und alt und krank aus, und in jedem zweiten Haus wird Whisky geschenkt, denn von der alten Größe ist nichts geblieben als die Schanklizenzen der alten Goldgräberkneipen; ringsum aber wächst der Busch über den halb erschöpften Minen.

Nach Hokitika bin ich auf einer der sonderbar unmotivierten Eisenbahnen gekommen, die in diesem halb verlassenen Lande plötzlich irgendwo anfangen und anderswo wieder aufhören, ohne daß man wüßte, warum. Der größte Tunnel des britischen Weltreichs, der acht Kilometer lange Tunnel von Otira, wird von einem Schienenstrang durchzogen, der dann plötzlich endet, irgendwo, ohne Sinn. Man hatte diese Bahnen eben zu bauen begonnen, als der Goldrummel jählings abflaute. Über Hokitika hinaus geht die Strecke nicht, und ich muß, da ich zu den großen Gletschern reisen will, eines der Postautos benutzen, die auf Neuseeland überall zu finden sind, obwohl es keine wirklichen Autostraßen gibt. Die Autos sind stattliche Cadillac-Omnibusse mit offenem Verdeck; das Gepäck der Reisenden wird in riesige Leinwandtaschen getan, die außen über den Trittbrettern angebracht werden, und darüber hängen, an Pflöcken aufgereiht, die zahllosen mageren Postsäcke für die Siedlungen im Busch; der Chauffeur aber sitzt auf einem wahren Berg von Zeitungen, gerollten Exemplaren der »Hokitika Times« von heute. Wie wir durch die majestätisch einsame Landschaft fahren, schmeißt der Chauffeur mit der Geschicklichkeit eines Akrobaten hier eine Zeitung, dort ein Paket an den Wegrand, wo sie liegenbleiben, bis der Adressat sie abholen kommt; oder der Wagen hält vor einer winzigen Hütte im wildesten Busch, die, siehe da, ein Postamt ist, und der Fahrer turnt wie ein Zirkusathlet über den Gepäckbeutel und liefert einen der Postsäcke ab, oder es steht in Gottes einsamer Natur ein Holzpflock, hoch genug, um Hunden oder wilden Schweinen das Springen zu verleiden, und darauf ist ein Brett genagelt, und darauf stehen drei volle Milchkannen; der Chauffeur nimmt sie in den Wagen und liefert sie irgendwo ab, in einem der größeren Dörfer, die, spärlich genug, in einer offenen Flußniederung liegen, nicht fern vom Strande der See. Denn der Ozean ist hier nah, und ich spüre den ganzen Tag seinen Hauch, obwohl ich nur selten seine Wogen blinken sehe. Da ein berühmter Gletscher mein Ziel ist, denke ich immer wieder, daß wir nun landeinwärts fahren werden und langsam emporsteigen; aber nein, die Straße, sofern sie eine ist, schlängelt sich am Fuß eines unendlich zerrissenen Bergmassivs dahin, das hier zur See abfällt, aber nicht ganz zur See: die zahllosen Bergströme haben an ihrer Mündung fruchtbares Flachland angeschwemmt. Immer wieder und immer wieder kommen wir an einen breiten seichten Fluß, der aus einem geheimnisvollen Gebirgstal hervorbricht, völlig verwachsen und von keinem Weg entweiht; aus dem Grunde des Tales winken wunderbare Berge, vereist und schneegekrönt, viele hat noch niemals ein Mensch bestiegen, und was in den Urwaldgründen des Tales steckt, wer soll es wissen? Wenn der Fluß sehr breit ist, führt eine hölzerne Brücke über ihn; bloße Fiumaren und kleinere Bäche sind nicht überbrückt; das Auto fährt einfach durchs Wasser. Nun hat es seit mehreren Tagen geregnet, und unser Wagen muß immer wieder bedenklich durch reißende Strömungen rudern; und einmal, in einem Bach, der sonst vielleicht nur ein Gerinnsel ist, bleiben wir stecken und müssen zurück ans eben verlassene Ufer. Es dauert Stunden, ehe wir weiter gelangen. Ein Maorihirte, nicht unkokett als Cowboy stilisiert, reitet hinter seiner Rinderherde des Weges daher; da er unsere Verlegenheit sieht, springt er lachend vom Pferde, watet in den Fluß hinein und hilft unserem Chauffeur, inmitten des reißenden Flusses, die ärgsten Steine talabwärts zu wälzen; die beiden stehen bis über den Gürtel im eisigen Wasser und tauchen vollends hinein, um die Steine zu packen. Dann endlich wird das verwegene Kunststück gewagt, und das Auto fährt schwankend durch die unheimliche Furt und weiter hinein in die wasserdurchrauschte und düstere Wildnis der einsamen Wälder.

*

Kein Wald auf Erden gleicht dem Wald von Neuseeland, diesem »Busch«, wie sie ihn nennen. Wir fahren heute nur am Rand dieses ungeheueren Busches entlang, dort wo er an Weideland grenzt und an die ebene Küste; gerade, daß der lässig gerodete Weg hier oder dort den letzten vorspringenden Sporn der niedersten Vorberge schneidet, ein wenig ansteigt, um gleich wieder tiefer zu führen. Und doch, dieser äußerste Rand ist schon eine Mauer von fast undurchdringlichem Dickicht. Manchmal öffnet sich überraschend eine Vedute; wir kreisen um einen Waldsee, der unter uns schimmert, oder wir sehen in den Riß eines Tales hinein, aufwärts, wo die weißen Berge leuchten. Hier oder dort ist ein Stückchen des Waldes gerodet, brutal zu Boden gebrannt oder sachlich niedergehauen, bei einer einsamen Sägemühle oder ein paar mit Wellblech gedeckten Hütten. Sonst blickst du links und rechts in die unergründliche Dichtigkeit eines urwilden Buschwalds, der furchtbar sein kann, grau und braun und ganz finster, oder plötzlich ganz hell von grünem Laub und grellfarbigen Blüten. Hier kriechen Schlinggewächse aus blinkenden Sümpfen empor, dort siehst du den Boden meilenweit nicht, weil die Farne, tausendgestaltig, ihn dir verbergen. Dieser »Busch« ist hier ein wirklicher Hochwald von Weißfichten, die wunderbar gerade wachsen, und von Mirobäumen, deren Laub wie das von Myrten glänzt, und von den Rimubäumen Neuseelands, Rotfichten, die den Tannen unserer Heimat ähneln, nur daß kein heimischer Baum Neuseelands wirklich wie irgendein Baum Europas aussieht. Der Rimu ist wunderbar; seine weiten Arme sind ganz beladen mit Moosen und Flechten und Farnen und langen Quasten; der Stamm trägt förmlich einen langhaarigen grünen Pelz, gebildet aus den grünen Bändern der Schmarotzerpflanze Kiekie, aus der die Maori ihre feinsten Kleiderstoffe machen; es ist, als ob Gras auf den Bäumen wüchse. Zwischen diesen hohen Bäumen, den starken und feierlichen Pfeilern, drängt sich das graziösere Linienwerk palmenähnlicher Farnbäume und jener zwei- und dreiköpfigen »Kohlbäume«, die hohe Palmlilien sind, und der Lanzenbäume, deren junge Triebe wie schlanke Sperre aufschießen. Hart am Weg, wo die Axt den Urwald zerschnitten hat, ist jüngeres Gezücht ausgewachsen, blühende Fuchsien, die Fuchsien unserer Blumentöpfe, aber nicht Büsche oder Sträucher, sondern wirkliche hohe Bäume, ganz behangen mit den scharlachroten kleinen Blüten, und ein anderer rotblühender Baum, den sie den »Currant-Tree« nennen, Johannisbeerbaum, und der rosige und grüne Pfefferbaum und die helle Silberfichte; oder es wächst am Sumpfrand ein Dschungel von schmalen Riesenblättern, gänzlich den Aloen der Riviera ähnlich, mit einem mannshohen Lilienstengel in der Mitte des Kreises, den die Blätter bilden. Das ist der neuseeländische Flachs, Phormium Tenax, eine echte Lilie, die unschätzbare Pflanze, aus der die Maori ihre schönen Mäntel machen und die Weißen alles, was man aus Flachs oder Hanf nur fertigen könnte.

*

Dieser neuseeländische Busch ist stets ein wenig unheimlich; es ist so unwahrscheinlich, daß er ganz ohne verborgene Schrecken sein soll oder lauernde Ungeheuer. Diese Waldgründe sehen so tief und geheimnisvoll aus, daß die Phantasie sie leicht mit großen und wilden Tieren bevölkert; zu diesen Sümpfen würden Krokodile passen und Riesenschlangen, auf diesen krummen, verwachsenen Ästen müßten Jaguare lauern, und ist das nicht der Tritt eines Elefantenfußes im tiefen Gebüsch? Tatsächlich beherbergt dieser subtropische Buschwald kein einziges einheimisches Säugetier, keine Schlange; nicht einmal Moskitos und Ameisen verpesten dieses glückliche Land. Hingegen ist der Busch von Neuseeland das Reich der Vögel, Wolkenkuckucksheim auf Erden. Der Glockenvogel, ein schnell flitzendes Ding aus purpurnem und olivenfarbigem Federwerk, singt flüssige goldene Klänge wie die einer Glocke; der Pastorvogel, so groß wie ein Star, mit weißem Pfarrerbäffchen auf einem dunkeln und metallisch grünen und purpurnen Kleid, singt immer und immer wieder fünf herrliche Noten: Tuttutütuttutüüta! Waldtauben, größer als unsere Tauben und bunter, flattern auf mit einem Flügelrauschen, in dem Musik ist; Drosseln flöten, und kleine grüne Sittiche jagen vorbei; und dann ist da ein beständiges Flitzen, Hopsen, Zirpen von anmutigem vielbunten Kleinzeug, wer kennt die Geschlechter, die Arten?

*

Aber vielleicht, wenn ich die Namen nenne...

Nicht die hilflosen europäischen Namen oder die pedantischen Vokabeln der Wissenschaft; nein, die heimischen Maorinamen der Vögel von Neuseeland – –

Ich möchte sagen, wie das klingt, wie es pfeift und flötet. Ich kann es, denke ich, in menschlichen Worten sagen, wenn ich nur die vokalreichen Wunderworte der Maorisprache ausspreche. Jedes der folgenden Wörter benennt einen Vogel im Busch und malt ihn zugleich und macht seine Stimme nach:

»Pipipi!«

Pipipi heißt, bei Gott, ein kleiner brauner Baumläufer, und Kokako eine Krähe.

»Tui, Koko, Pitui!« singt der Pastorvogel seine Namen vor.

»Mako, Komako, Titimako, Makomako, Korimako, Kokorimako!« läutet der Glockenvogel.

»Rurul« stellen sich andere Vögel vor, »Matuhituhi, Patarai, Popotai, Ngirungiru!«

Toitoi, Hihi! Piopio! Riroriro, Matata, Piripiri!

Tokepiripiri, Pihipihi, Taratiti!

Pihoihoi, Kakariki, Koroatito, Totokipio!

So heißen sie, und so sehen sie aus, und so singen sie, alle auf einmal – –

*

Der große Busch des Westlands steigt von der flachen Küste langsam empor zu einem Hochgebirge, das er lange verbirgt und verschleiert. Ich denke, während der vielen Stunden im Auto: Wann kommt das Gebirge? Wir fahren in großen Zacken um seinen Fuß herum und dringen nicht ein. Bergflüsse mit klangvollen Namen durchqueren wir: Waitoho, Watoroa, Matainui. Noch sind sie ganz atemlos von der Steilheit ihres Abstiegs, milchweiße Gletscherbäche, aber wir begegnen ihnen tief unten, nahe der Mündung. Dreimal, viermal sehe ich mit hellem Entzücken das blinkende Wasser ureinsamer Seen. Der erste trägt, seltsam genug, den hellenischen Namen: See Janthe. (Ajanthi sprechen sie es aus!) Hier, in der größeren Weite des Seetals, sehe ich zum erstenmal die ferne Horizontlinie der Gletscherkette; aber erst am sinkenden Abend wird mir, am Ufer des Sees Mapourika, die ganze phantastische Schönheit dieses Waldlandes offenkundig. Der Lake Mapourika, so groß etwa wie die größeren unter den Salzkammergutseen, liegt auf dem Grund eines Waldkessels, tief unten, kaum höher als der nahe benachbarte Ozean. Kein Nachen befährt ihn, kein Haus steht am Ufer, nur der Wald stürzt zu ihm hinab, hier dunkel, dunkel, dort von der Sonne mit goldenen und smaragdenen Lichtern durchwirkt. Hier nun nehme ich in dem reinsten und bewegungslosesten Wasser plötzlich die tiefe Spiegelung wahr, ungeheuere Massen von perlweißem Eis, wie durch magische Kunst auf den Seegrund versenkt. Ein märchenhaft blauer Vogel, auf der Jagd nach Forellen, fliegt über das Spiegelbild, ein schöner blauer Eisvogel über das perlweiße Gletschereis, das da zum Entzücken widergespiegelt ist, und seinem hohen Fluge mit den Augen folgend, sehe ich nun in der zarten Luft den göttlich schönen Umriß greifbar naher Berge. Ein Brüderpaar von Gletscherfirnen lugt hier über andere gewaltige Brücken; Mount Tasman, fast viertausend Meter hoch, und neben ihm der andere, höhere, der Mont Blanc der Insel, aber nein, der Jungfrau muß man diese gleichmäßig edle Eispyramide vergleichen. Das ist Mount Cook, zu dem die Maori beten und den sie erschauernd den Himmeldurchdringer nennen, in den Glockentönen ihrer Sprache: Aorangi.

*

Am späten Abend hält das Auto vor einer sauberen Alpenherberge, dem Waiho Hotel; und in meinen Schlaf webt sich die wunderbare Erinnerung an einen harten, kalten, kristallenen Sternenabend und den magischen Schimmer gespenstisch weißer Gletscherdraperien auf benachbarten Höhen. Am Morgen bringt mir der Wirt, der auch Bergführer ist, ein Paar Nagelschuhe und einen Alpenstock und drängt sie mir auf, obgleich ich ihm gesagt habe, daß ich nicht sehr hoch steigen will, nur hundert Meter allenfalls, oder zweihundert...

Während der Wirt seinen Rucksack füllt, sehe ich die im Korridor hängende Karte an und finde Anlaß zum Staunen. Alle Ortsnamen sind auf Neuseeland, sofern sie nicht, seltener, englisch sind, die alten Maorinamen. Hier, die Karte der neuseeländischen Alpen betrachtend, bemerke ich, nur ganz flüchtig, wie diese Berge, Gletscher, Ketten heißen. Sie heißen: Kaiser Fritz, oder Kant Peak, Mount Zurbriggen, Werder, Glacier, Silberhorn, Blumental Glacier, Mount Brunner, Mount Ferchelmann, Lendenfeld Saddle und Kaiserin Viktoria Range, Bismarck Peak, Rudolf Glacier, Mount Müller. Das hohe Bergmassiv, von dem der Gletscher in dieses Tal stürzt, ist der Mount Roon; der Gletscher heißt: Franz Joseph.

Dem Österreicher Ferdinand von Hochstetter, dem Geologen der Fregatte »Novara«, verdankt Neuseeland die erste Erforschung, seiner Alpen. Andere deutsche Bergsteiger, wie der Rheinländer Julius von Haast und der Linzer Andreas Reischek und viele nach ihnen, haben das Werk weitergefördert. Ihnen zu Ehren und den Potentaten ihrer Heimat hat man die Berge benannt: es gibt einen Hochstetter-Eisfall, einen Reischek-Gletscher. Seitdem die deutschen Naturforscher und Alpinisten nicht mehr nach Neuseeland kommen, stockt die Erforschung des Alpenlandes im Süden und Westen. Noch immer gibt es Landstriche, die nie ein Weißer betrat, und die Zahl der unbesiegten, ja der unbenannten Gipfel ist groß, zum Erstaunen.

Jetzt kommt der Führer. Wir gehen. Ich weiß, daß man zu einem Gletscher emporsteigen muß, und erwarte sogleich einen steilen Abhang; ich erinnere mich nicht, mit dem Wagen gestiegen zu sein; wo zum Teufel kommt diese Eisluft her und der milchige Gletscherfluß, an dem entlang ich nun aufwärts gehe? Aufwärts? Ich gehe gemächlich durch einen verzauberten Wald, nein; durch ein Treibhaus, Farnhaus, Palmenhaus! Nirgends noch habe ich den subtropischen Riesenforst schöner gesehen, die Farne zarter: eine große wächserne und grüne Orchidee finde ich, eine Orchidee, am Uferrand eines Gletscherbachs, bei den Göttern! Wie ich vorwärts komme, noch immer nicht wesentlich steigend, vermehrt sich mein ungläubiges Staunen. Dies ist, wer zweifelt daran, eine richtige Gletschermoräne, und nun sehe ich, wo immer der Urwald sich öffnet, den ungeheuren Eisstrom, aber je näher ich komme, desto stattlicher wird der exotische Wald, desto treibhausähnlicher, desto mehr durchschwirrt von holden Vögeln – –

Tuttutü – tuttutüüta!

Und dann auf einmal kraxle ich, ich weiß nicht wieso, über das Geröll und die nackten Erdpyramiden der Gletschermoräne und habe nur Augen für dieses Bild: ein Eisstrom, vielleicht dreiviertel Kilometer breit und aus einer Höhe von zweitausendfünfhundert Metern herabfließend, kommt durch den Wald, kommt durch einen brennenden Wald, denn bis zur halben Höhe des Berges sind die steilen Gletscherufer umrandet von den riesigen Ratabäumen; und jetzt, da der Hochsommer naht, der antipodische Weihnachten-Sommer, blüht die Rata, flammenrot, karmin. Die Blüten sind wie kleine Myrtenblüten, aber wer unterscheidet sie? Die ganze Bergseite loht, unglaublich, unfaßbar, und das Eis strömt zwischen Blumen, Blumen, Blumen herab – –

Ehe ich weiß, was ich tue, finde ich mich auf einem bläulichen Gletschergrat, die Stufen benützend, die mein Führer mit dem Pickel gehauen hat. Der Pasterzengletscher am Großglockner fällt mir ein; ja, er ist, nur als Gletscher betrachtet, vollkommen ähnlich.

Ich steige, dem Führer folgend. Schon bin ich am Rand der tiefen Spalten, einmal den gepanzerten Abhang erklimmend und einmal auf der eisigen Ebene, die eine Stufe bezeichnet. Ein großer grüner Vogel fliegt über das Eis, mit einem Schrei, der wie das Miau einer Katze klingt. Das ist Kea, der böse Bergpapagei, er, der gelernt hat, Schafe zu fressen, wie ein Geier. Und der Führer hält inne, um mir auf einem Felsen die Gemse zu zeigen, eine von den Tiroler Gemsen, die Kaiser Franz Joseph den Neuseeländern geschickt hat, zur größeren Glorie ihrer Alpen. Wie hoch bin ich denn? Mir kommt es vor, als hätte ich die Hälfte des Gaurisankars erstiegen.

Der Führer lächelt. Ich befinde mich hier in einer Höhe von etwa fünfhundert Metern über dem Spiegel des Stillen Ozeans, der nur sieben Meilen von hier entfernt ist. Die Stelle, wo dieser Gletscher sich plötzlich in den fast tropisch üppigen Urwald verliert, ist höchstens zweihundertfünfzig Meter über dem Meere gelegen!

An dieser großen Scheidelinie raste ich, nach einer langen und harten Kletterpartie, am Nachmittag. Der Führer hat in einer kleinen Unterkunftsbude aus Wellblech Tee gebraut, und wir haben Sandwiches und Kuchen aus seinem Rucksack gegessen. Jetzt ist die Stunde der dampfenden Pfeife da und der lang ausgestreckten müden Beine. Nachher heißt es noch wandern, ich soll noch ein neues verrücktes Wunder schauen, die heißen Quellen, die aus dem Gletscher entspringen.

Unterdessen starre und starre ich immer nur den Eisstrom an, der aus einem brennenden Wald rinnt, herein in ein tropisches Treibhaus. Der Lärm der Vögel ist toll, ist berauschend. Auf einem Baum sitzt eine Taube mit blutrotem Schnabel und dreht kokett ihren opalisierenden Hals; und auf einmal, da ich lange ganz still war und eine Belohnung verdiene, kommt aus dem tiefsten Dickicht ein seltsam gnomenhaftes Vogelwesen gehüpft, so groß wie ein großer Truthahn, bräunlich und schwärzlich und mit schimmernden Lichtern. Dieser große Vogel, der da auf langen roten Beinen ans dem Dunkel kommt, hat keine Flügel oder so gut wie keine. Es ist nicht der Vogel Kiwi, der kleine neuseeländische Strauß, sondern das Maorihuhn, Weka, Gallirallus hectori, vom Rallengeschlecht. Wie alle die flügellosen oder flügelschwachen Bodenvögel des neuseeländischen Waldes, so wie der wehrlose Kiwi und wie Kakapo, der lahme Grundpapagei, hat nach dem Kommen der Weißen auch die Weka den neuen Feinden, den Wieseln und Schweinen und Mardern und Katzen, nicht ausweichen können und ist diesen Unholden aus dem fernen Europa fast überall schon erlegen; hier, am Rand des Gletschers, der aus dem brennenden Wald kommt und in das farnumrankte Treibhaus mündet, sehe ich mit beglückten Augen diesen großen, fetten, zutraulichen Vogel, der mir doch ein bißchen dämonisch erscheint, wie die schwunglose und wehrlose Seele des neuseeländischen Busches, des Busches, der sich so brutal niederbrennen läßt und erwürgen, den dummen Wollschafen dieser Fremden zuliebe, und der doch noch, in diesen letzten gebirgigen Winkeln, seine Geheimnisse wahrt und eine dunkle Magie des Verborgenen, doch noch ein schleierumwobenes Ziel für eine letzte romantische Sehnsucht.

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