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Tausend und eine Insel

Richard Arnold Bermann: Tausend und eine Insel - Kapitel 7
Quellenangabe
typereport
authorRichard Arnold Bermann
titleTausend und eine Insel
publisherS. Fischer Verlag Berlin
printrun1. bis 6. Auflage
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140923
projectid608b3a89
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Eine Schale Kawa

Ich komme, ungern und zögernd, zu der Geschichte, in der ich bekennen muß, warum ich Samoa viel zu rasch verlassen habe. Ich bilde mir manchmal ein, daß ich ohne diese Begebenheit auf der Insel Opolu geblieben wäre, lange und vielleicht, wie Stevenson, für immer. Dann wieder denke ich mir, daß uns keine anderen Abenteuer begegnen als diejenigen, die in unserem eigenen Charakter liegen. Ich selbst und nicht eine Kokosschale voll Kawa muß schuld daran sein, daß mich ein panisches Erschrecken aus dein Paradies getrieben hat; es paßt nicht jeder in jedes Paradies.

Am Ende jenes Tages sollte die »Tofua« nach Fidschi zurückfahren; schon hing der Blaue Peter am Mast. Ich hatte schon an Bord geschlafen statt im Hotel von Apia, aber in der Kühle des grauenden Morgens stand ich plötzlich auf und begann meine Koffer zu packen, fast entschlossen, sie an Land bringen zu lassen und noch dazubleiben. Dann kam mit der Hitze des Tages die Trägheit wieder und der Zweifel. Tat ich recht daran, die vorher festgesetzte Reisezeit zu verlängern? Unschlüssig verließ ich das Schiff, ohne die Koffer mitzunehmen. Mir war etwas eingefallen, was vielleicht die Entscheidung fördern konnte: ich hatte noch einen Brief in der Tasche, an einen Eingeborenen namens Soolevao. Der Brief war von einem Deutschen geschrieben, von Erich L., der vor dem Krieg eine große Pflanzung auf Samoa besessen hatte. Herr L. hatte mir gesagt: wenn Sie meinem lieben Soolevao diesen Brief bringen und Grüße von »Elika«, dann läßt er Sie natürlich nicht fort. Sie werden bei ihm wohnen, und das ganze Dorf wird Ihnen gehören. – Ich hatte den Brief bisher nicht abgegeben, weil ich von einem deutschen Händler gehört hatte, Soolevao sei auf die Insel Savaii gefahren. Indessen hatte mir der gleiche Landsmann am vorhergehenden Abend mitgeteilt, Soolevao wäre nun wieder da und ich könnte ihn in einem bestimmten Haus in Apia finden; so ging ich am Vormittag hin, in der ungewissen Hoffnung, der Mann werde mich zum Dableiben überreden. Oder vielleicht auch in der Hoffnung, er würde mir den letzten plausiblen Vorwand zum Dableiben benehmen; ich weiß nicht, was ich wirklich wünschte. Das Haus, in dem ich nach Soolevao fragen sollte, gehörte einer von den englischen Firmen, die seit der Vertreibung der Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft den Handel Samoas monopolisiert haben. Soolevao war, denke ich, im Auftrag dieser Firma nach Savaii gefahren, um dort Kopra aufzukaufen, denn er ist, obwohl ein Häuptlingssohn, der faul auf einer guten Matte liegen sollte, merkwürdig aktiv und modern, vielleicht wegen der deutschen Schule, in der er erzogen worden ist. Nicht ich fand Soolevao, sondern er fand mich, während ich, von meinem zögernden Unterbewußtsein gehemmt, vor dem Haus des englischen Traders herumlungerte. Erst war ich langsam, langsam die Uferstraße entlang gegangen, die den europäisierten Teil von Apia bildet. Ich hatte mir im Geschäft des Photographen Bilder von schönen samoanischen Tänzerinnen angesehen. Ich hatte einem alten Weib Muschelketten abgekauft und ein aus buntem Stroh geflochtenes Tanzröckchen. Ich hatte zweifelnd vor der Bar innegehalten, in der man Fruchtsäfte mit Sodawasser ausschenkt, denn das Mandatsgebiet Westsamoa ist unter neuseeländischer Herrschaft »trocken«. Ein Durst begann mich zu quälen, und eine Limonade schien angezeigt; dann aber fiel mir etwas anderes ein, ich ging weiter und sprach, knapp vor dem Hause des Traders, einen schönen halbnackten Knaben an: ich versprach ihm ein großes Geschenk, wenn er mir eine frische Kokosnuß zum Trinken verschaffen würde. Der bronzebraune Junge besann sich keinen Augenblick, sondern kletterte sogleich an der hohen Palme empor, in deren Schatten wir beide standen; das heißt, er ging hinauf, wie man eine Treppe emporsteigt, es sah lächerlich einfach und selbstverständlich aus. Drei Minuten später hielt ich eine große grüne Nuß in den Händen, die der Junge sachkundig mit meinem Taschenmesser angebohrt hatte; dieses Taschenmesser, ein zu allem fähiges Messer mit vielen Klingen und listigen Vorrichtungen, hätte nur barbarische Grausamkeit dem samoanischen Jungen wieder entreißen können, so verliebt sah er es an. Ich ließ es ihm also, und nun begann er um mich herumzutanzen wie ein kleiner Wahnsinniger. Währenddessen hatte ich die große Kokosnuß mit beiden Händen hochgehoben und trank den kühlen Buttermilchsaft; aber der Tropenhelm behinderte mich beim Trinken, und der Saft floß mir über Kinn und Kragen. In dieser nicht sehr würdevollen Situation nun hielt mich Soolevao an; er hatte in dem kleinen Kolonialnest längst schon gehört, daß ich nach ihm gefragt hätte und wie ich aussehe. Jetzt kam er mit einem ruhigen Lächeln zu mir und legte mir die Hand auf die Schulter, ein junger Herkules von dreißig Jahren, mit einem Lendenschurz und einem ärmellosen Trikot bekleidet, ohne Schuhe noch Hut. Das ein wenig pockennarbige Gesicht war sehr männlich, obgleich nicht schön, und vollkommen europäisch gebildet, ob auch ziemlich dunkel.

Soolevao sagte, in einem fast fehlerfreien Deutsch:

»Guten Tag! Wie geht es dir? Ich habe gehört, du hast einen Brief von Elika an mich. Donnerwetter, das freut mich aber!«

Er sagte oft solche Worte: Donnerwetter, Teufel noch einmal.

Von dem Augenblick an, in dem er mir seine Hand auf die Schulter gelegt hatte, behandelte mich Soolevao wie einen Bruder, und zwar, obwohl ich älter war, wie einen jüngeren Bruder. Meine Mitteilung, daß ich abends mit der »Tofua« abfahren wollte, wischte er gleichsam beiseite als einen kindischen Unsinn. Ich hatte ihm einen Brief seines teueren Freundes Elika gebracht, und was zunächst zu geschehen hatte, war, daß ich in seinem Dorf und in seinem Haus mit der notwendigen Kawazeremonie begrüßt werden mußte; alles andere hatte Zeit, insbesondere konnte man nachher meine Koffer ans Land bringen. Mit einer freundlichen Bestimmtheit, gegen die einfach nichts zu machen war, eskortierte Soolevao mich zur Uferstraße zurück, bis zu dem Platz beim Uhrturm, wo die Mietautos stehen – dem Wrack des »Seeadlers« gerade gegenüber.

Wenn Passagierdampfer auf der Reede von Apia liegen, stehen unter dem Uhrturm Mietautos, geradeso wie in einer europäischen Stadt. Aber der Chauffeur tragt eine Blumengirlande um den herkulischen bronzenen Oberleib.

Ich protestiere noch lachend, und schon sitze ich mit Soolevao im offenen Auto, und wir fahren. Soolevaos Dorf liegt an dem langen ebenen Fahrweg, der sich westlich von Apia längs der Küste dahinzieht. Es ist offenbar nicht die beste Autostraße der Welt, aber wahrscheinlich die schönste: ein übler Karrenweg meistens, gepflastert mit vulkanischem Gestein oder im Ufersand versinkend oder, da ein kurzer Tropenregen auf uns niederpeitscht, auf einmal von meerwärts eilenden Bächen stürmisch bespült, aber was für eine Landschaft, welches Wandelpanorama! An dieser beryllfarbenen Lagune vorbeifahrend, an der perligen Linie der Brandung, durch dieses feingefiederte Grün der tausend und tausend Palmen, an diesen Vorgebirgen vorbei und den ernsten Konturen der Berge, in der heiteren Anmut dieser vielen sauberen Dörfer, die schon den Hindurchrasenden unsäglich locken durch die Schönheit goldbrauner Frauen und die Würde starker, gelassener Männer – in diesen zauberischen Bildern, die ganz aus Blumenkränzen bestehen, und Liedern und grellen Hybiscusblüten und der roten Flammenpflanze Bua, die um die Hütten lodert, und aus nackten schönen Kindern im Bade, und den Vögeln, den Schmetterlingen, dem Duft nach Seesalz und Schokolade – an alledem im Auto vorbeifahrend, beginne ich mir zu sagen, daß Soolevao recht hat, und daß ich ein trotziger Junge bin, so ein Unsinn, heute wegzufahren, auf einem übel duftenden schmutzigen Schiff! Mein Bruder Soolevao sitzt neben mir, lächelnd und ernsthaft, und ich sehe wohl, daß ich ihm vertrauen darf und daß ich ihm willkommen bin, nicht nur als Elikas Bote und nicht nur als ein »Siamani«. Denn die Siamani, die Deutschen, werden in dem Samoa von heute sehr geliebt, und die deutsche Kolonialzeit heißt auf den Inseln nur »die gute Zeit«. Sogar die alte australische Missis, der das Hotel gehört, redet nicht anders.

Soolevao, neben mir, macht Pläne: Er wird mir in seinem Dorf ein schönes neues Haus geben, ein eben vollendetes. Es ist nur ein offenes Eingeborenenhaus, aber man kann es mit Matten ganz verschließen, wenn ich die Abendluft fürchte. Ich soll ein wirkliches Bett bekommen, mit einem Moskitonetz, einen Tisch zum Schreiben und zwei Sessel, und wenn man die Möbel des ganzen Bezirks zusammentragen müßte, Donnerwetter! Eine Petroleumlampe soll ich haben. Obwohl es verboten ist, werde ich jeden Abend Bier kriegen, nicht das gewöhnliche, das die Kanälen brauen, sondern ein feines, von einem deutschen Händler. Aberja, es gibt Siamani in der Nähe, sie kehren jetzt langsam nach Samoa zurück. Im nächsten Dorf, durch das wir fahren, lebt ein Deutscher, und im zweitnächsten Dorf lebt wieder ein Deutscher; wenn ich ihnen gleich beim Vorbeifahren guten Tag sagen will –

Ja, ich will, wir werden in den beiden Dörfern das Auto halten lassen.

*

Das erste Dorf ist groß und schon ein wenig europäisiert, das heißt, es besteht zwar auch zumeist aus den malerischen offenen Hütten der Samoaner, nur Holzpfeiler, Dach und Mattenwerk ohne Wände; und es ist, natürlich, das große Wasserbecken zum Schwimmen da und der niedere Palmblattschuppen, in dem der Stolz des Dorfes verwahrt ist, das lange, lange Rennkanu mit den vielen Rudern; aber es gibt auch europäisch gebaute Häuser, die meistens Kirchen sind, von mindestens drei verschiedenen Konfessionen, es gibt einige Missionsschulen und das Haus, in dem der deutsche Trader lebt. Ich steige aus, während Soolevao im Auto wartet, und finde auf der Veranda den weißen Mann, der einen Zelluloidkragen trägt und eine wirkliche Krawatte. Ja, in der Krawatte steckt sogar eine Nadel – mit einem eisernen Hakenkreuz, das so groß ist, daß ein Segelboot es als Anker benützen könnte. Das ist der deutsche Trader, und er lebt seit dreißig Jahren auf Samoa.

Wir beginnen zu plaudern, auf seiner hölzernen Veranda. Ihr gegenüber hocken vor einem auf dem Boden liegenden Baumstamm vier prachtvolle samoanische Weiber, mit Schnüren aus roten Pflanzenkernen um ihre nackten und goldbraunen Brüste, und klopfen mit hölzernen Klöppeln ein Stück Bast glatt, Bast des Papiermaulbeerbaumes, aus dem die wunderschönen Tapazeuge gemacht werden; wenn sie fertig sind und mit Pflanzenfarben gefärbt und mit Mustern geziert, sehen sie aus wie Linoleum, wenn Linoleum einen seidigen Glanz hätte.

Während ich mit dem Händler von der Heimat spreche, sehe ich mir immer sein Hakenkreuz an, dieses Symbol deutscher Rassenreinheit, und wundere mich ein bißchen. Nachher muß ich dann in die gute Stube, um ein Glas Bier zu trinken, und auch diese Stube ist mit großen Hakenkreuzen vielfach verziert, nicht nur mit Kaiserbildern und kaiserlichen Flaggen.

Auch ist die Frau dieses Vorkämpfers der Rassenreinheit in der Stube. Madame ist ein bißchen dick, trägt einen Lavalavaschurz und ist olivengrün bis hellgelb, weil sie in der Tat nicht eine gewöhnliche Kanakin ist, sondern ein wenig chinesisches Blut hat. Auch sind sieben Kinder da. Die Knaben tragen alle Krawatten und in ihren Krawatten kleine Hakenkreuze, dieses grimmige Symbol abweisender Rassenreinheit.

*

Ich lache ein bißchen, wie ich zu Soolevao ins Auto zurückkomme, und er fragt, warum ich lache, aber ich erkläre es ihm nicht.

Im nächsten Dorf steht wieder ein deutscher Name über einem kleinen Geschäft, in dem man buntbedruckte Stoffe bekommt, Eisenwaren, Zuckerzeug, Gummibälle, Limonadeflaschen und Strohhüte, alles zahlbar in Kopra. Da ich den Kaufmann anrede, einen blonden, blauäugigen Menschen, und sage, daß ich aus Wien bin, schreit er: »Kruzitürken!« – und ruft seine mollerte Frau, die wie er aus Graz ist. Also, wir fraternisieren weidlich, und ich muß die reifen Mangopflaumen versuchen, und wir plauschen auf Österreichisch. Ich bin der zweite Österreicher, der seit elf Jahren in dieses gottverlassene Dorf gekommen ist, und nach fünf Minuten liebt mich das ganze Haus, bis zu dem Hund, der eine Mischung aus Schäferhund, Dackel und Bernhardiner sein muß und der Waldl heißt.

»Also,« frage ich, »wie ist das Leben auf Samoa, Herr G.?«

Er explodiert: »Scheußlich!« sagt er. »Scheußlich! Aber Sie sehen es eh, sind das Leut'? Ist das a Rass'?«

Ich wundere mich, denn alle Menschen auf Samoa, an die ich sonst diese Frage gestellt habe, sind vergnügt und glücklich gewesen und haben dieses Land gar nicht genug preisen können. Noch der Hakenkreuzler im letzten Dorf hat alles, alles gelobt, sogar die neuseeländische Verwaltung der Kolonie, die, sagt er, die Deutschen offenkundig fördert und froh ist, wenn Deutschsamoaner zurückkommen und wieder auf den Plantagen wohnen, aus denen man sie im Krieg verjagt hat –

Aber mein Grazer, nein. Er haßt Samoa; er träumt davon, nie wieder eine Kokosnuß zu sehen, oder eine Hybiscusblüte, oder eine Brotfrucht, oder ein Stück Tapa, oder einen hohlen Baumstamm zum Trommeln, oder einen Kanaken, oder, vor allem, einen Neuseeländer. Dieses Land ist ein Schweineland, elend regiert – – Seine Frau sitzt dabei, mit einem österreichischen Blick, den ich mir leicht übersetzen kann:

»Lassen Sie ihn, er ist ein Raunzer!«

Ein Raunzer! Bei Gott, ein richtiggehender österreichischer Raunzer ist nach Samoa verschlagen worden! Oh, wie fühle ich mich angeheimelt! Ich empfinde: Nur das hat mir hier noch gefehlt. Jetzt ist es die Insel der Seligen.

Ich deute auf die smaragdgrüne und saphirblaue Lagune, die zwischen den Palmenstämmen leuchtet:

»Aber Herr G., ist denn das nicht schön?«

»A Schmarren!« sagt der Mann aus Graz. »Schön ist das Jogelland, bei uns z'haus; das ist eine grüne Farbe; und die Leut' haben Hosen an, vernünftige feste Lederhosen!«

Ich freue mich schrecklich. Denn, seht, dieser österreichische Raunzer ist von einer gütigen Vorsehung nach Samoa exportiert worden, ich kann nicht herauskriegen, wieso, bloß damit er einmal aufhörte, auf Österreich zu schimpfen. Wehe, wenn er zurückkäme! Ich wage nicht, daran zu denken, wie er vom teueren Vaterland reden würde; aber er ist, hurra, auf der Insel Opolu, und nun weiß er, wie herrlich die grünen Waldberge der Steiermark sind.

– »Und ein Geselchtes mit Knödeln, was, Herr G.?«

Ich fürchte einen Augenblick, daß er mich hinauswirft. Ich soll ihn doch nicht frozzeln. Meine Großmutter soll ich frozzeln. Das erträgt er nicht, daß ich von richtigen Knödeln rede, mit einem steirischen Landgeselchten.

Ich sage, sachlich: »Spanferkel mit Taro, in der Kochgrube auf heißen Steinen gebacken, ist auch nicht schlecht!«

Der Raunzer spuckt aus. Er beginnt gottslästerlich zu fluchen. Er schwört, daß er schon deswegen froh ist, keine Kinder zu haben, weil sie, die Ärmsten, das Zeug fressen müßten, und überhaupt Kanaken werden, oder Neuseeländer, oder im allgemeinen Menschenfresser. – –

Nein, nein, ich wage nicht, ihn an einen Heurigen zu erinnern, oder an Kärntner Koschatsänger; ich meine, er würde mir eine Watschen geben, daß ich – –

*

Da ich zu Soolevao hinauskomme, muß ich wieder lachen und kann es wieder nicht erklären. Mir ist aber die Lust, noch auf Samoa zu bleiben, gar nicht vergangen.

Jetzt kommen wir in das Dorf, in dem Soolevaos Eltern wohnen und in dem auch ich wohnen werde, wenn ich die Einladung annehme. Auch hier gibt es drei Kirchen, nämlich eine katholische, eine wesleyanische und eine mormonische – in keinem Land der Welt gibt es so viele Kirchen wie in Samoa. Sonst stehen um den sauberen Grasplatz nur die prachtvollen samoanischen Häuser, die eigentlich aussehen wie ein großer Musikpavillon in einem europäischen Park: über einem erhöhten Fußboden auf Holzpfeilern ein gewölbtes Dach und keine Wände, höchstens Latten und Sparren.

Das schönste Haus in diesem Dorf gehört dem Vater meines Freundes Soolevao. Man sieht gleich, daß es ein Häuptlingshaus ist, denn es ist in einer vornehmen Weise oval statt rund, und es steht hoch über der Gemeindewiese auf einem künstlichen kleinen Hügel, dessen Oberfläche geschmackvoll mit großen weißen Muscheln belegt ist. Ich trete ein, und Soolevaos Vater, ein weißhaariger alter Mann mit kunstvoll tätowierten Schenkeln, grüßt mich herzlich: »Talofa!«

»Talofa!« grüße ich zurück. Es bedeutet: Liebe.

Gleich muß ich mich niedersetzen, auf eine feine geflochtene Strohmatte. Es gibt keinen Stuhl in diesem Haus, und ich sitze nicht sehr bequem.

Man läßt mich einen Augenblick allein, weil ja doch alle Dorfgenossen zusammengerufen werden müssen und weil Vorbereitungen für meine Bewirtung und die feierliche Kawazeremonie getroffen werden müssen. Ich sehe mich in dem großen leeren Haus um und bewundere die Schönheit seiner Proportionen und die kunstvolle Einfachheit seiner Architektur. Das Haus besteht eigentlich nur aus drei gewaltigen hohen Pfeilern, die in der Mitte stehen und das Dach stützen; dieses Dach aber, von der Form einer großen halbierten Melone, ist wundervoll. Aus sauber geschnitzten Sparren vom Holz des Brotfruchtbaums ist eine Art Käfig gezimmert, zwischen dessen Stäben ein enges Geflecht aus Rohr angebracht ist; dieses Korbgeflecht wieder ist sorgsam durchwoben mit den langen dürren Blättern der Zuckerrohrpflanze; man hat dieses Dachstroh sauber mit den Rippen der Kokosblätter am Gerüst befestigt. Das Ganze ergibt ein schönes, wasserdichtes und doch gut ventiliertes Dach. Wo man die Wände erwarten würde, ist nichts als ein lockeres Rahmenwerk; aber man kann daran Strohmatten wie Jalousien herablassen, so daß man die Wetterseite gegen einen scharfen Wind zu schließen vermag. Am Abend wird das ganze Haus geschlossen, und man stellt außerdem Schlafzelte für die einzelnen Bewohner her.

Dieses Haus füllt sich langsam mit Männern und Frauen. Erst kommt Soolevaos Frau. Sie hat einen deutschen Namen, Kaiselina, das heißt: Kaiserin. Sie trägt eine dicke Girlande um ihren Hals und rote Blumen im Haar. Hinter ihr kommt das ganze Dorf. Die Leute hocken stumm nieder oder bleiben stehen, nachdem sie höflich: »talofa« gesagt haben. Alle starren mich an, ein bißchen verlegen, aber schon fängt das junge Volk zu lachen an. Indessen, wir alle benehmen uns noch ein bißchen steif, wir sind einander noch nicht vorgestellt.

Ich habe meinen Stevenson mit Nutzen gelesen und weiß, was nun zunächst kommt. Der Gast muß vor allem mit den neuen Freunden eine große Bowle Kawa leeren; der angesehenste alte Häuptling des Dorfes wird jedem der Anwesenden eine Kokosschale voll des lauen Gebräus reichen, mir als dem Gast zuerst, dann den anderen in der strengen Reihenfolge ihres Ranges, und er wird eine kleine ehrende Rede auf jeden einzelnen halten, die längste und ehrenvollste auf mich – –

Unterdessen ist das Hocken auf dieser Matte nicht sehr bequem, meine Beine beginnen steif zu werden, es ist heiß in diesem Haus, und es riecht nach mit Öl gesalbten Menschenleibern. Soolevao und sein Vater sind lächelnd herbeigekommen, und jeder hat einen Kranz von großen weißen Blüten mitgebracht, einen bekomme ich um die Schulter, der andere hängt über meinen Tropenhelm herab. Auch Soolevao und sein Vater sind bekränzt; sie sitzen neben mir, und Soolevao hat zärtlich seinen Arm um meine Schulter gelegt. Das ist lieb von ihm, und ich empfinde es so, aber es gestattet mir nicht, mich umzuwenden, während doch hinter meinem Rücken offenbar etwas vorgeht, was mich betrifft. Ich höre eine sonderbare Stimme, die laut spricht, ziemlich lange, und es kommt in der Rede mein Name vor und auch der Name meines Vaterlandes: Austelia. Ich denke mir, das muß schon der feierliche Trinkspruch sein. Aber warum klingt diese Stimme so –

*

Und dann verstummt die Stimme, und der Kreis der Umstehenden öffnet sich einem gebeugten alten Mann, der in die Mitte kommt, mit einer halben Kokosnußschale voll Kawa in seinen zitternden Händen. Ich sehe ihm neugierig ins Gesicht und – –

Wie soll ich es sagen? Einmal, während des Kriegs, auf einem Schiff voll von Cholerakranken, habe ich, aus dem Schlaf jählings aufschreckend, den grauenhaften Schädel des Todes erblickt, zu erblicken vermeint, denn es muß ein entsetzlich deutlicher Traum gewesen sein. Hier nun, am hellen heißen Mittag, blicke ich in ein ärgeres Gesicht, denn es ist tot und lebendig zugleich. Dieser alte Mann, der mir so herzlich eine Schale Kawa bringt, hat keine Nase, keine Wangen, keine Zähne und kein Kinn, nur eine blutrote vernarbte Masse zerquetschten und zerfressenen Fleisches und darin schwarze glänzende Augen!

Es ist, anders kann ich es nicht empfinden, der Tod selbst, der gräßlichste Tod, der mir grinsend den Becher entgegenhält: Willkommen, da, trinke!

*

Noch heute, da ich es erzähle, beutelt mich das Grauen, und ich kann nicht klar überblicken, was dann weiter geschehen ist. Ich weiß, daß ich damals nur zwei Dinge deutlich begriffen habe: daß es nicht anging, diese so feierlich zur Begrüßung dargebotene Schale nicht anzunehmen, und daß ich lieber gleich sterben wollte, als eben dieses tun. Ich kann mich sehen, wie ich, ungeschickt und unglaubwürdig, ein plötzliches Unwohlsein vorzutäuschen versuche, und ich höre meine Stimme, die auf Deutsch und Englisch etwas von der großen Hitze stammelt und meiner Ermüdung – – Ich muß gleich zum Schiff zurück, sage ich, das Schiff geht ja bald ab –

Ich sehe den gespenstischen Alten, der die Kawa niedersetzt und mir sofort ein Gefäß voll Quellwasser bringt, um mich zu laben – –

Aber ich rühre das Wasser nicht an.

Ich sehe die Hütte auf einmal leer, nur Soolevao ist noch neben mir, mit einem betrübten und auch erbitterten Gesicht. Gewiß, o gewiß habe ich diese gütigen Menschen unsäglich beleidigt, eine unfaßbare Schmach habe ich der Familie meines Freundes angetan, dem ganzen Stamme!

Ich höre mich, wie ich auf Soolevao einspreche. Er muß das doch einsehen, sage ich, es ist doch nicht möglich, daß ich aus den Händen eines Aussätzigen ein Getränk entgegennehme!

Vielleicht hat er die Kawawurzel vorher gekaut! denke ich, und das Grauen rührt in meiner Kehle herum.

Soolevao benimmt sich wie ein Edelmann, wie ein Fürst unter den Menschen. Ach nein, Donnerwetter noch einmal, sagt er leise und traurig, der alte Mann ist doch nicht aussätzig, er ist von einer Kokospalme heruntergefallen, aufs Gesicht.

Und ich glaube ihm nicht, ich bin nicht imstande, ihm zu glauben!

*

Auf einmal sitze ich im Auto und sage dem kanakischen Chauffeur, daß ich nach Apia zurück will, zum Schiff, rasch, nur um Gottes willen rasch!

Soolevao begleitet mich nicht, aber bevor das Schiff abgeht, kommt er an Bord, mit einer reservierten, aber höflichen Miene, und sagt mir adieu wie ein pikierter Prinz und bringt mir kostbare Abschiedsgeschenke, schöne Tapastoffe und eine unendlich zarte Matte aus einem Strohgewebe wie das eines Panamahuts, mit roten Vogelfedern köstlich eingesäumt; ich weiß, daß solche Matten fast Heiligtümer sind und daß die Frauen viele, viele Monate an ihnen weben. Auch hat Soolevao herrliche Früchte mitgebracht, Ananas und Orangen und Mangopflaumen.

Ich schäme mich, es hier niederzuschreiben, aber ich habe diese Früchte nachher über Bord geworfen, aus Angst, der alte Mann könnte sie berührt haben.

Das ist die Geschichte meiner törichten Flucht aus Samoa. Ich versuche mein Verhalten nicht zu beschönigen, niemand kann es kindischer finden als ich. Aber ich hätte niemals in diesem Dorfe wohnen können, neben diesem entsetzlichen Antlitz. Ich weiß noch heute nicht, ob dieser alte Häuptling wirklich aussätzig war, und ich glaube es jetzt nicht mehr recht; aber sein Gesicht, diese namenlos fürchterliche Maske des Todes, hatte in mir eines jener starken kategorischen Gefühle erweckt, an die ich glaube; nie, weiß ich, hätte ein Abenteuer in diesem samoanischen Dorf zu meinem Heil ausschlagen können. Ich denke an Soolevao zurück wie an einen Bruder, den ich verraten habe, und doch weiß ich, daß ich irgendeiner tückischen Gefahr entronnen bin, da ich jene Schale voll Kawa von mir stieß.

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