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Tausend und eine Insel

Richard Arnold Bermann: Tausend und eine Insel - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
authorRichard Arnold Bermann
titleTausend und eine Insel
publisherS. Fischer Verlag Berlin
printrun1. bis 6. Auflage
year1927
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Eine Prinzessin von Tonga

Ich glaube, ich kann die Geschichte erzählen, wenn ich nur den Namen des Doktors ein wenig ändere.

Er kam zu mir in das Grand Pacific Hotel, am Abend nach meiner Ankunft in Suva. Ich war auf der Landungsbrücke von einem Reporter des »Fiji Herald and Times« angehalten worden, und er hatte die bedeutende Tatsache meiner Ankunft gleich ins Abendblatt gebracht, mit Ausschmückungen. Den Doktortitel auf meiner Visitkarte hatte er für einen medizinischen gehalten; nun stand da zu lesen, ich wolle auf Fidschi, Samoa und Tonga Tropenkrankheiten studieren.

Nach dem Dinner saß ich mit Mister Burr in der großen kühlen Halle des Hotels, unter den rotierenden elektrischen Fächern. Mister Burr war ein feiner Kerl, ein alter Amerikaner, einst dem Stahltrust ergeben und nun dem Fischen.

Ein indischer Kellner, mit einer blauen Bauchbinde über dem weißen Kleid, brachte mir die Karte des fremden Herrn, der mit mir zu sprechen wünschte: Charles F. Morton, Doktor der Medizin. »Doktor wartet draußen in Veranda auf den Sahib.« – »Bitten Sie den Gentleman doch hier herein zu uns!« sagte ich. Der kleine schlanke Bengale verzog sein pockennarbiges Gesicht zu einem ganz flüchtigen Grinsen. »Doktor viel lieber draußen,« sagte er, mit einem Unterton. »Kommt der Sahib nicht zu ihm hinaus?« Ich stand auf, ein wenig verwundert.

Das Grand Pacific Hotel ist ein riesiges modernes Haus aus Eisenbeton. Rings um das eigentliche Gebäude ziehen sich breite offene Veranden und Balkone, die bei Tag die Sonnenhitze abwehren sollen. Am Abend ist es hier schwüler als im Inneren, und es gibt Moskitos.

In der dunkelsten Ecke der Veranda, beim Eingang zum Billardsaal, saß Doktor Morton. Ein großer athletischer Angelsachse, nicht mehr jung. Er trug nicht den üblichen Abendanzug, sah aber nett und distinguiert aus in einem dünnen grauen Alpakarock und weißen Hosen. Als er den Tropenhelm lüftete, sah man ein schon gebleichtes Haar.

Wir sagten beide gleichzeitig: » How do you do?« Nein, der Doktor mochte lieber nicht in die Halle kommen, er fand es hier draußen lustiger. Ja, einen Whisky mit Soda wollte er mit mir trinken. Also ich war der österreichische Arzt, der – – Nein, kein Arzt! Abernach Tonga wollte ich doch reisen? Doktor Morton war gekommen, um mir viel von Tonga zu erzählen, und wenn ich hinfuhr, würde er mir Empfehlungsbriefe mitgeben. Er hatte lange in Nukualofa gelebt, als Leibarzt der Königin Salote. Jetzt war er einer der Stellvertreter des Amtsarztes hier auf Fidschi. Hygienischer Aufsichtsdienst, Gesundheitspolizei im Hafen und dergleichen. Oh, er würde mir ganz interessante Dinge in dieser sonderbaren kleinen Stadt zeigen können; mit ihm konnte man ruhig die verdächtigsten Lokale betreten. Warum nicht gleich, heute abend? Es war ohnedies heiß hier in diesem Hotel. Ein kleiner nächtlicher Bummel durch All Nations Street, wie?

Ich ging Mister Burr holen; dann ließen wir uns ein Auto kommen. Doktor Morton erwies sich in der Tat als ein unschätzbarer Führer durch das nächtliche Suva. In den dunklen hölzernen Straßen am Hafen öffneten sich die Türen unwahrscheinlicher Spelunken, wenn er anklopfte. Wir sahen Chinesen Opium rauchen und Inder Haschisch. Wir sahen einen endlosen und langweiligen Akt in einem chinesischen Theater. Wir tranken das bitterliche Bier der Eingeborenen, in halbdunklen, seltsam riechenden Höhlen, unter riesigen schwarzen Männern, von deren schönen breiten Stirnen die feinen Haare mächtig zu Berge standen wie gewellte Bürsten. Hier, wo vielleicht auch der verbotene Whisky geschenkt wurde, aber der Doktor sah es nicht, funkelten die schwarzen Augen; blumenbekränzte Frauen, mit grellroten Hybiscusblüten hinter den Ohren, preßten sich an ihre Geliebten. Hier oder dort erklang ein Lied aus der Kannibalenzeit, wild und energisch. Aber anderswo, in den Stuben der Kawatrinker, war keine Fröhlichkeit. Der laue und trübe Gifttrank, von dienenden Weibern in großen Holzkesseln aus Wurzelmehl und Wasser gemischt, machte die Gliedmaßen schwer und steif und die Köpfe nicht heiter. Immer wieder mußten wir eine Kokosschale leeren; man darf Kawa nicht verschmähen, wenn sie angeboten wird. »Bola!« – »Prosit!« Wir klatschten zeremoniell in die Hände.

Spät in der Nacht fanden wir uns in einem Tanzlokal, in dem halbblütige Frauen mit englischen Matrosen Onestep tanzten. Die alte fette Kanakin, der das Haus gehörte, begrüßte den Doktor mit einem Jubelschrei. Das schönste der samoanischen Mädchen hing ihm ihre Blumengirlande um den Hals. Er mußte mit allen tanzen, zu einer Musik von europäischen Blechinstrumenten und hawaiischen Ukuleles. Er gab einen »Comic Song« zum besten, etwas von einem amerikanischen Provinzonkel, der zum erstenmal in die Großstadt kommt. Zwischen zwei Shimmys sagte er zu mir, ein bißchen stolz und ein bißchen entschuldigend: »Sie sind wie die Kinder, nicht? Wie ihren Vater behandeln sie mich alle!« – »Das habe ich nicht bemerkt,« antwortete ich höflich. Er lachte erfreut: »Aber, bitte, sagen Sie niemand, daß ich hier getanzt habe.«

Aha, dachte ich, verheiratet!

Aber es trat keine Mrs. Morton in Erscheinung. Der Doktor kam jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit zu uns ins Hotel, oder nein, er kam niemals in das Hotel, er blieb immer in der verborgensten Ecke der Veranda sitzen und nahm Einladungen zu Mahlzeiten nicht an. Tagsüber war Doktor Morton nicht sichtbar; er erklärte uns, daß er gewisse Runden abzugehen hatte, meilenweit, zu Fuß, in den Eingeborenenvierteln und draußen in den Kulidörfern. Hygienischer Aufsichtsdienst, ja. Wir sahen ihn niemals anders gekleidet als am ersten Abend. Aber sein grauer Rock war immer frisch gebügelt, der Tropenhelm und die Leinenschuhe waren mit Schlemmkreide tadellos weiß gemacht. Eine extreme, aber scheue und anständige Armut war nicht zu verkennen. Ein Gentleman, ohne Zweifel. Ein Graduierter nicht nur von Oxford, sondern auch von Harvard, stellte sich heraus. Mister Burr sagte einmal: »So redet kein Britisher, auch wenn er in Harvard war. Er muß ein geborener Amerikaner sein.« Leugnete er es wegen des Ämtchens in der englischen Kolonie? Er erzählte aus seinem Leben so viel, daß man alsbald merkte: Alles erzählt er nicht. Jahrzehntelang Schiffsarzt gewesen, auf allen Meeren. Dazwischen einmal auch Cowboy im Wilden Westen und Beamter in peruanischen Silberminen, in einer kalten Mondlandschaft hoch auf dem Grat der Anden, unter armseligen geknechteten Indianern. Dann die Südsee – – niemand kannte die Südsee wie er. Drei Schiffbrüche hatte er überlebt.

Am liebsten erzählte er von den Tongainseln. Das war ein Paradies! Eine große Zeit hatte er dort gehabt. Chefarzt des Königreichs, eine Art Gesundheitsminister, wie, und Leibmedikus der Königin. Ihren beiden Jungen hatte er ins Leben geholfen, ja. Unklar blieb, warum er jetzt auf Fidschi die Kulidörfer abpatrouillieren mußte. Unklar blieb, warum er niemals das Hotel betreten wollte. Wir kannten nun diesen oder jenen weißen Menschen in Suva. Sir Morris Hastings, der Chef der großen Koprafirma, hatte gelacht, als wir ihn nach Doktor Morton gefragt hatten. So, den kennen Sie? Woher kennen Sie den? Ein doller Bursche, nicht? – Warum er ein doller Bursche sein sollte, war nicht zu ermitteln. Mrs. Levy, der das schöne Geschäft an der Victoria Parade gehört, Touristenandenken und echte Schildkrotartikel, sagte: »Den Doktor Morton haben wir früher einmal gekannt.« Seine Bekanntschaft war ihr offenbar seither verlorengegangen.

Suff? rieten wir, Burr und ich. Aber der Mann soff gar nicht, obwohl er sich ganz gern einen Whisky zahlen ließ. Manchmal lud auch er uns, mit einer gewissen Feierlichkeit, zu einem Drink ein. Wir nahmen an und bestellten uns je eine Orangeade, die nur Sixpence kostete. Daß dem Doktor jeder Penny Ersparnis wesentlich war, hatten wir langst bemerkt. Einmal, als wir ihn aufforderten, unsere Expedition auf die Insel Mbau mitzumachen, sagte er zögernd und widerwillig, Urlaub würde man ihm schon geben, aber man würde ihm für die versäumten Tage etwas von seinem Gehalt abziehen, eine nicht unerhebliche Summe, vielleicht drei Pfund. Er nahm, heftig errötend, die drei Pfund, die ich ihm zaghaft anbot, und seitdem immer wieder kleine Geldbeträge. Die weltmännischen Manieren des Doktors halfen über das peinliche Erbitten und Geben hinweg. Er mochte, trotz seinem Amt, nahezu ein »Beachcomber« sein, einer von den »geringen Weißen« der Südseeküsten, und Sir Morris nickte nur kurz, wenn er in seinem Auto an ihm vorbeifuhr. Mister Burr und ich, keine kolonialen Würdenträger, mochten den Doktor gern, obwohl er offenbar »unter einer Wolke« war und daher ein bißchen »schattig«, wie die Engländer sagen. Nur, als er zu viel Mango gegessen hatte und in der Nacht die Kolik bekam, ließ Burr nicht den Doktor Morton holen, sondern einen anderen von den fünf Ärzten der Insel. »Ich liebe alles Problematische,« sagte er auf meine Vorstellungen, »aber ich lasse es nicht bis zu meinen Eingeweiden.« Habe ich schon gesagt, daß Mr. Burr in der Leitung des großen Stahltrusts gesessen hatte?

Als mein Reisegefährte und ich daran dachten, nach Tonga weiterzufahren, baten wir Doktor Morton um die Empfehlungsbriefe. Er wurde verlegen: »Gern natürlich – – Aber eigentlich – – Wissen Sie, es lebt hier eine Dame, sie ist eine Prinzessin des königlichen Hauses von Tonga – –«

Diese Dame, diese Prinzessin, konnte uns selbstverständlich noch besser Empfehlungsbriefe mitgeben. Sie wollte uns so gern kennenlernen. Heute abend, wie?

Am Abend zogen wir nicht weiche Smokinghemden an, sondern steife, trotz einer besonderen Hitze. Wir bestellten ein Auto. Doktor Morton kam uns abholen. Seine Kleidung hatte er auch heute nicht geändert. Als er das Auto sah, wurde er unmotiviert rot. »Nein, es ist ja nur in einem Haus hier gegenüber!« Dem Grand Pacific Hotel gegenüber lag ein großer Sportplatz und dahinter ein Gewirr von kleinen, nicht sehr reputablen Holzhäuschen, chinesische Wäschereien enthaltend und die Wohnungen der schönen halbblütigen Prostituierten. Hierher führte uns Morton, durch eine nach tropischen Blüten duftende und nach tropischen Menschen stinkende Dunkelheit. Es waren wirklich nur wenige Schritte. Wir traten in eine ebenerdige Hütte. An der Art, wie der Doktor die Tür öffnete, errieten wir, daß er hier wohnte. Zwei Kinder, liebe, fette, dunkeläugige kleine Mädchen, liefen ihrem Daddy krähend entgegen. In dem Zimmer lag in einem Strecksessel eine schöne Frau in einem roten Kleid von europäischem Schnitt. Die Prinzessin!

Mister Burr stieß mich an. Das war die Lösung aller Rätsel: der Mann wurde von den anderen Weißen geschnitten, weil er mit einer Farbigen in einem gemeinsamen Haushalt lebte. Dem Amerikaner, der an die Color Line gewöhnt war, mochte diese Verfemung nicht sonderbar Vorkommen. Ich staunte weiter. Deswegen? Hatten nicht alle weißen Junggesellen auf Fidschi farbige Geliebte?

Nicht, daß man die Gefährtin des Doktors sogleich als eine Farbige erkannt hätte. Sie war nicht dunkler als eine Spanierin; sie hätte auf jeder Bühne die Carmen singen können. Sie hatte ein langes ovales Gesicht und mandelförmige Augen unter langen Wimpern. Sie hatte Prinzessinhände: die Ahnen dieser Hände hatten niemals gearbeitet, seit der Zeit der polynesischen Urgötter, von denen sie stammten. Es waren Tabuhände, deren bloße Berührung das Berührte heilig machte und unberührbar für die Gemeinen. Dennoch hatten diese Hände sicherlich das rote Kleid genäht und auch die Schärpen der Kinder, und es waren bestimmt diese Hände, die den grauen Alpakarock des Doktors zu bügeln pflegten. Der erste Blick in diesen Raum verriet eine gutbürgerliche und nicht unprätentiöse Armut. Das Zimmer bestand aus graugestrichenen Brettern, an denen Südseekuriositäten hingen, kleine geschnitzte Auslegerkanus, Fidschibogen und Fidschipfeile, schön polierte oder bemalte Kokosnußschalen, nichts von wirklichem Wert. Auf dem Fußboden lag, vielleicht nur dem Besuch zu Ehren, eine preislose samoanische Häuptlingsmatte, weich wie Seide und mit roten Vogelfedern durchwirkt. Es war fast unanständig, darauf zu treten. Auf dem ungehobelten Tisch lag eine zweite Matte und darauf ein medizinisches Buch des Doktors und eine polynesische Trommel: ein gehöhltes Stück Holz, wie ein kleines rohes Boot anzusehen, ohne Trommelfell, mit zwei hölzernen Schlegeln.

Der Doktor stellte uns seiner Freundin mit großer Förmlichkeit vor. Sie gab jedem von uns die Hand, ohne aus dem Liegestuhl aufzustehen. Sie war krank, schien es; sie hustete viel, und ihre Hand fühlte sich heiß an. Sie sprach nicht allzu gut Englisch. Ihr Benehmen war ganz das einer europäischen Dame, unbefangen und wahrhaft freundlich.

Ein kleiner schwarzer Diener, ein fast nackter Fidschibub mit einer unglaublichen Haartolle, brachte unter viel Aufsehen Erfrischungen: eine Flasche Sodawasser, eine Flasche Brauselimonade und die halbe Flasche Gin, die wir zwei Tage vorher dem Doktor aus dem Hotel mitgegeben hatten. Die beiden kleinen Mädchen, Mine und Louise, gerieten in Aufregung wegen der Brauselimonade und sprachen leise, aber nachdrücklich, zu der Mutter, auf Tonganisch. »Sprecht Englisch mit den Gentlemen!« sagte der Doktor. Da liefen die Kinder in eine Ecke, wie gescheuchte Vögelchen. Erst viel später war die sechsjährige Aline dazu zu bewegen, daß sie uns etwas vortanzte, einen kleinen samoanischen Tanz, zu dem ihre Mutter auf der hölzernen Trommel den Rhythmus schlug.

Wir kamen am nächsten Abend wieder, mit einer Probe von allen Schokoladesorten, die in dem Teeraum »Zur Schwarzen Katze« (neben Levys Geschäft, auf der Victoria Parade) die dürre australische Miß Tomson führte. Sogar die kleine scheue Louise wurde zutraulich und ließ sich streicheln. Sie sah aus, wie irgendein Kind von dunkelhaarigen Weißen, aber wenn man ihre weiche Haut berührte, merkte man die fremde Art an dem eigenen Gefühl, das einem durch die Fingerspitzen rieselte. Auch die Mutter der Kinder verlor die erste Scheu und Förmlichkeit. Sie hätte gewiß zutraulich genug geplaudert, nur daß der Blick des Doktors auf ihr ruhte. Sie lag oder saß immer auf ihrem leinenbespannten Sessel, Zigaretten rauchend. Sie bezahlte das Rauchen mit langen und qualvollen Hustenanfällen; niemand konnte die Natur ihres Leidens verkennen. Ein kanakischer Mensch, der weniger an der Schwindsucht starb als an seinen europäischen Kleidern, an diesem geschlossenen Holzhaus, an diesem infernalischen Wellblechdach, an der lächerlichen halben Zivilisation dieser kleinen spießbürgerlichen Kolonialstadt, an Victoria Parade und der Teestube zur Schwarzen Katze und Levys Spezialgeschäft für Touristenandenken, an dem Zwang eines sinnlos und unvollkommen europäisierten Lebens. Alice sagte das alles und mehr in ein paar kindlichen Worten, etwa:

»Annehmen Sie, ich in Tonga will Banana. Ich gehe Garten, nicht mein Garten, Garten von Tongamann, macht nichts! Ich esse Banana, viele. Hier ich will Banana, Banana im Geschäft von Naulep Singh, muß kaufen, alles viel Geld! Tonga groß Stück viel schöner für Kanakamädchen!«

Oh, Tonga, welch ein besseres Land als Fidschi, mit besseren Leuten, besseren Früchten, besseren Fischen! Und tanzen können nur die Leute von Tonga!

Eines Abends, als Doktor Morton uns zum Hotel zurückbegleitet hatte und wir noch ein wenig auf der Gartenbank rauchten, unter einem zart verschleierten Sternenhimmel, wurde Mister Burr deutlich: »Die Frau stirbt Ihnen, Doc'. Können Sie nicht mit ihr nach Tonga zurück?«

Doktor Morton antwortete ausweichend, aber am nächsten Morgen brachte der kleine bengalische Hoteldiener dem Amerikaner einen Brief ans Bett: Ja, das wollte der Doktor eben, Alice und die Kinder nach Tonga zurückschicken. Alice war doch in Tonga ein Mitglied des königlichen Hauses, es gehörte ihr eine ganze Insel, es war eigentlich ein Unfug, daß sie hier in dem kleinen Haus lebte, der Doktor sah es ein. Nur gewisse Umstände – –

Der Brief wurde verworren und dann auf einmal leidenschaftlich. Der Doktor hatte das Leben auf Fidschi auch schon satt, das konnte Mister Burr ihm wohl glauben. Spucknäpfe inspizieren, wie? Um Gottes willen, wußte denn Mister Burr nichts für ihn, er war doch ein einflußreicher Mann in Amerika, wußte er von keiner offenen Stelle, von keiner Möglichkeit? Natürlich, er, der Doktor, wollte immer einen Teil seines Gehalts an Alice schicken, für die Kinder; die sollten erzogen werden wie kleine Ladies – –

Ich sah Mister Burr an, als er mir den Brief vorlas. »Er will das arme Wesen im Stich lassen!« sagte ich. Burr nickte.

Am gleichen Tage kam der Doktor wieder zu uns, frühzeitig am Nachmittag, zu der Zeit, da er seinen Inspektionsgang hätte machen sollen. Er ließ mich, der ich nicht zum Stahltrust gehöre, links liegen und sprach lange und leidenschaftlich mit Burr. Ich saß am anderen Ende der Veranda in einem Korbsessel, mit einer Manilazigarre, und sah manchmal einem dreisten Mainhaspecht zu, der aus dem Garten bis zu meinem Fuß gehüpft war, und manchmal sah ich hinüber zu den beiden, zu dem korrekten und kalten Burr und zu dem Doktor, der redete und redete. Ich sah in diesem zerwühlten Gesicht die Qual eines schwachen und ermüdeten Menschen und konnte nicht böse sein, obwohl der Mann eine Gemeinheit plante, sicherlich.

Burr gab ihm ein halbes Versprechen. Am Abend verabschiedeten wir uns kurz von Alice. Sie war kränker denn je, und ihre Augen waren sehr groß. Sie gab uns Briefe mit, die sie für uns geschrieben hatte, einen an den Honourable Tungi, ihren Vetter, den Gemahl der Königin von Tonga, und einen an ihren Onkel, den Gouverneur von Haapai. Die Briefe waren offen, aber für uns unverständlich, da sie in der tonganischen Sprache geschrieben waren.

*

Dann sind wir auf Tongatabu. Tonga-Tabu, das heilige Tonga, ist die Hauptinsel des Königreichs, in dem die arme kranke Alice eine Prinzessin gewesen ist. Es ist keine Kleinigkeit, an dieser uralten königlichen Heiligkeit von Tonga teilzuhaben.

Jetzt natürlich ist auch Tonga banalisiert. Die Königin Salote trägt eine komische goldene Krone auf ihrem jungen Haupt, das nur den Nimbus des unsagbaren König-Tabus tragen sollte und einen Blumenkranz. Sie haben aus dem alten Reich der Inselkönige einen komischen kleinen Serenissimusstaat gemacht, mit einem Parlament, mit sieben Ministerien in einem Holzschuppen, einer stolzen Flagge und einem englischen Konsul, dessen Stirnrunzeln alle Gesetze diktiert.

Dafür gibt es jetzt mehr als achtzig Automobile auf Tongatabu und gute Autostraßen aus hartem weißen Korallenkalk.

Unser Chauffeur hatte eine grellrote Hybiscusblüte hinter seinem braunen Ohr, und er nahm zum Chauffieren ein Saiteninstrument mit, eine Ukulelelaute. Ich saß neben ihm auf dem vorderen Sitz, und manchmal erklärte er mir seine Insel, und manchmal fragte er mich, ob es wahr ist, daß in Europa die Häuser zwei Stockwerke haben, eins über dem anderen, und ob New York viel größer ist als Nukualofa. Wie groß? Zweimal so groß? Wie viele Klubs gibt es in New York? In Nukualofa gibt es zwei, den einen, aus dem sie die Deutschen ausgeschlossen haben, und den zweiten, neuen. In New York gibt es sicher drei, nicht?

Ich antworte diesem großen braunen Baby und fülle mich unterdessen ganz mit dem Bild der großen blauvioletten Blüten, die von der Hecke hängen, und der wilden Pflanze, die orangegelb blüht, und des Hybiscus, der rot brennt, und jenes ganz goldenen Strauches; die wunderbaren Spiele von Licht und Schatten entzücken mich, zwischen den hohen Kokosstämmen, die manchmal gelb sind, manchmal braun und manchmal gelbrot von einer Flechte; und krumm, schief, gerade, von einem Gott spielerisch verbogen und verwirrt zu einem Zauberwald. Kokosnüsse liegen auf der Erde, viele, viele. Ich habe auf einmal Durst nach frischer Kokosmilch. Ich sage dem Chauffeur, daß ich eine grüne Trinknuß haben will. Er nickt und fährt ruhig weiter, noch viele Meilen, bis er mich an dem Platz hat, an dem er mich haben will. Es ist eine Stelle nahe an der See, die ich grün und blau durch die Stämme eines großen Gartens blinken sehe; dieser Garten ist mit Stacheldraht umhegt und hat ein steinernes Tor. Der Chauffeur sieht mich erwartungsvoll an und klimpert leise auf seiner Ukulele, wer weiß, welchen heiligen Gesang dieses heiligen Ortes. Ich staune nur so: dieses steinerne Tor ist ein Menhir aus drei riesigen, behauenen Blöcken, zwei aufrecht stehenden und einem, der darüber liegt. Ich messe mit meinem Schirmstock die Höhe des Tors bis zur Decke: zweieinhalb Meter schätzungsweise. Das Ganze, als ein von Europäern gebautes Tor, wäre nichts, ein rohes Ding aus drei Steinplatten. Aber ich verstehe sofort, daß dieses Tor alt ist, sehr, sehr alt, und daß es eine Nation gebaut hat, die weder Metall hatte, um schwere Korallenblöcke von den Uferfelsen zu lösen und zu behauen, noch Zugtiere, um sie hierherzubefördern, noch Maschinen, um sie aufzustellen; daß ich ein gewaltiges Denkmal vor mir habe, geheimnisvoll wie das Felsgebilde von Stonehenge oder wie jene Bildnisse auf der Osterinsel. Wer hat dies gebaut? Wozu?

Der Chauffeur ist in den Garten hineingegangen und hat mit einem nackten alten Mann verhandelt, der ihn hütet. Nun kommen sie beide, ganz beladen mit Früchten. Der Alte, dessen Haare mit Kalk unirdisch weiß gebeizt sind, öffnet mit einem großen Buschmesser die Trinknüsse, schlägt mit sicheren Hieben die schuppige Rinde von der Ananas, daß der süße Saft ihm über seine mageren Schenkel rieselt.

Ich frage, da der Alte mich nicht versteht, den Chauffeur nach den Steinen aus. Er sagt: »Alte Könige, Sir. Sehr alte Könige. Nicht Könige Volk von Tonga, Könige früher, sehr alte Volk. Komm Auto, noch viele, viele Steine, sehr alt!«

Er fährt mich ein Stückchen zurück und bedeutet mich, ihm in den Busch zu folgen. Ich dringe ein in das Gestrüpp, das nach Vanille und wilden Zitronen duftet und von gelben Hornissen durchschwirrt wird und schwarzen Schmetterlingen mit weißen Zeichen – und stehe erschüttert vor den Ruinen einer ganz verwachsenen Tempelstadt. Hier hat jemand aus gigantischen Blöcken, die ohne Mörtel wunderbar ineinandergefügt waren, ein Labyrinth von feierlichen Straßen gebaut, zwischen Stufenterrassen, die vielleicht zur Höhe wirklicher Pyramiden führten oder zu Tempelplattformen und Königspalästen. Es ist nichts erhalten als die großen Korallenblöcke, manchmal mit einem zweiten und dritten Aufbau darüber, der, wie mich deucht, sich zur Pyramide verjüngt hat. Sträucher und Bäume wurzeln in allen Ritzen, und hier und da haben sie die streng geometrische Ordnung bereits gesprengt; doch niemand kann die Großartigkeit der Anlage verkennen oder ohne einen Schauer das Alter des Werkes bedenken und das große Geheimnis. Oh, Tonga-Tabu! Das ist eine heilige Insel, wer zweifelt?

In der Nähe dieser Ruinenstätte ist ein großes Dorf, Mua.

Ein Dorf auf Tonga, das ist ein großer Grasplatz, beschattet von gewaltigen Mangobäumen und unordentlich besät mit niederen geflochtenen Hütten, in denen ich nicht aufrecht stehen könnte. Das Dach ist manchmal nicht mehr aus Palmenstroh, sondern aus Wellblech, weil die Blechrinnen das Regenwasser besser sammeln, das einzige trinkbare Wasser der Insel; aber auch diese Blechdächer haben die nationale Form: die eines umgekehrten Boots. Die Häuser sind nicht schön und sauber wie die Eingeborenenhäuser auf den Fidschiinseln; das ganze Dorf ist voll von Kokosnüssen, frischen, faulen, entkernten; auf kleinen Plattformen vor den Häusern trocknet Kopra; zahlreiche Schweine, mager wie Hunde, rennen herum und fressen Kokosnüsse; Hunde, unsägliche Köter und mager wie Gespenster, japsen das Auto an. Es gibt in Mua ein ovales Schulhaus aus Holz und Kirchen; gleich drei. Die eine Kirche ist römisch-katholisch, das heißt: schön, stattlich, mit zwei Türmen. Von den beiden anderen Kirchen, die bloße Holzbuden sind, war bis vor kurzem die eine wesleyanisch, die andere gehörte der schismatischen Freien Kirche von Tonga. Jetzt haben die wesleyanischen Methodisten, die die Königin begünstigt, den Freikirchlern ihr Gotteshaus weggenommen, und man redet in Tonga von nichts so leidenschaftlich, wie von diesem Kirchenstreit.

Also das ist Mua. Ich steige aus dem Auto, an der Stelle der Gemeindewiese, wo zwei Weiber auf einem Stein Tapa klopfen – den Bast des Papiermaulbeerbaums, den sie breitschlagen und dann durch Palmblattschablonen mit so entzückenden diskreten Mustern färben. Leute sammeln sich um mich. Manche sehen aus wie Südeuropäer, manche wie Japaner, einige wenige negerhaft. Ein älterer Herr in einer Art Toga gleicht einem fetten, römischen Senator; eine Frau mit roten Blumen im Haar kann sogleich auftreten und die Carmen spielen. Die Frauen tragen lange, vom Missionar zensierte Kleider, aber darüber eine lustige Andeutung des alten Ballerinenröckchens aus flatternden, bunten Blättern. Fast jede hat Blumen hinter den Ohren, Blumen im Haar, Blumen um den Hals. Ich grüße:

» Malole lei!«

» Malole lei!« jubelt das ganze Dorf.

Ich sehe mich nach jemand um, der mir vielleicht ein paar Fragen auf Englisch beantworten könnte. Der Chauffeur hat mir da eine merkwürdige Geschichte erzählt, die ich auch von jemand anderem bestätigt hören möchte. Ich sehe eine Art Laden, jenen unvermeidlichen Store, in dem die Kanälen ihre Kopra gegen blecherne Würfel voll Petroleum eintauschen, gegen bunte Kattune, Taschenspiegel und überflüssiges europäisches Spielzeug aller Art. Hier wird jemand Englisch verstehen. Ich trete ein. Ein junger Mann, mahagonibraun, bekleidet mit einem Trikotleibchen und einem Lendenschurz, steht am Ladentisch.

» Malole lei!«

» Malole – –« sage ich, und dann:

»Donnerwetter!«

Ich habe, mit einem professionellen Blick, das Buch ausspioniert, in dem dieser Tonganer gelesen hatte, und habe auf dem Deckel diesen Titel gefunden:

»Die Leute von Seldwyla.«

»Ja,« sagt der junge Tonganer gleichmütig und in dem schönsten Schwyzerdeutsch, das ich je gehört habe, »mein Name ist Müller – Ich habe in der Schweiz studiert, in Zug – Elf Jahre war ich in Zug – –«

Jetzt lebt er, mit seinem Schweizer Vater und seiner tonganischen Mutter, auf Tongatabu und liest Gottfried Keller.

Ich bin gekommen, um Fragen zu stellen.

»Was sind das für Ruinen?« frage ich.

»Von den alten Königen,« sagt er. »Die Natives erzählen so Geschichten – – Man denkt daran, den Platz von der Vegetation zu säubern, aber bisher – –«

»Zweitens,« sage ich, »glauben Sie die Geschichte von den Fliegenden Füchsen? Ist es wahr, daß die Fliegenden Füchse verschwinden, bevor ein König von Tonga stirbt?«

Der junge Mischling wird ganz blaß, man sieht, wie ein Teil seines Blutes gegen den anderen kämpft. Endlich sagt er, im Dialekt von Zug:

»Es ischt wahr!«

*

Diese Geschichte von den Fliegenden Füchsen hat mir schon Doktor Morton erzählt. Er glaubt fest daran.

Als er noch Leibarzt der Königin von Tonga war und als die Königin Salote zum erstenmal niederkam, glaubte man, sie würde die schwere Geburt nicht überleben. »Doktor,« fragte sie, »werde ich sterben?«

»Nein, Majestät,« sagte der Doktor, »es wird gewiß alles gut gehen.« – »Doktor,« sagt sie, »sind die Fledermäuse noch auf den Toabäumen von Hilo?« – »Ja, Majestät, eben bringt ein Reiter die Nachricht.« – »Gepriesen sei der Ewige, Doktor,« sagt die junge Königin, die ein gewaltiges Weib ist, größer als irgendwer auf ihren Inseln, »gepriesen sei der Ewige, ich werde das Kind sehen!«

Drei Dinge machen Tongatabu so heilig: die unerklärlichen uralten Ruinen, die absonderlichen Spuklöcher an einem Teil der Küste, wo der Wellenschlag Luft und Wasser durch Röhrenöffnungen in die Korallenklippen treibt, so daß eine unabsehbare Reihe von ungeheueren Springbrunnen zum Himmel gischtet, o unvergeßlicher Anblick im Purpur eines schönen Abends – dies, und drittens die großen Fledermäuse von Hilo, die sie die Fliegenden Füchse nennen.

In Hilo, neben der Kirche, steht dieses urheidnische Etwas: der kleine Hain von gespenstischen Bäumen, auf denen die Fledermäuse hängen, wie teuflische Früchte. Die Bäume sind große graue Nadelbäume mit schlaff hängenden Ästen, von der Art, die die Einheimischen Toa nennen und die Weißen den Eisenholzbaum. Es gibt ihrer viele überall auf der Insel, aber nur hier, auf diesem halben Dutzend kränklicher und fast verdorrter Bäume, hängen bei Tag die Fledermäuse, Hunderte, Hunderte – – Es ist nicht schwer zu erklären: ein gewaltiger Tabu schützt sie hier. Man darf die Fliegenden Füchse töten, in der Nacht, wenn sie in die Häuser schwirren, oder wenn sie in den Gärten die Baummelonen fressen, nach denen sie gierig sind. Aber nicht hier; nicht hier darf man sie töten, bei Todesstrafe nicht.

Manchmal erscheint unter diesen grauen Tieren eine weiße Fledermaus. Dann stirbt der Häuptling des Dorfes. Aber diese Legende ist nicht allgemein anerkannt.

Dagegen: legt die Bevölkerung von Tonga, braun, weiß und gemischt, auf die Folterbank, und sie werden mit ihrem letzten Atem bekennen: Manchmal verschwinden plötzlich die Fledermäuse, auf einmal, spurlos. Man kann versuchen, sie zurückzuholen, indem man, mit den gebührlichen Zeremonien, ein Stück Kawawurzel unter den Baum legt. Vielleicht lassen sie sich erflehen.

Oder, wenn nicht, dann stirbt der König von Tonga oder ein Mitglied des königlichen Hauses – –

Dummes Gewäsch, natürlich.

Aber jeder Engländer auf Tonga glaubt es.

Aber die Fledermäuse sind, nachweisbar, ausgeblieben, als König Georg I. Tubou starb.

Und als Georg II. Tubou starb.

*

Mister Burr und ich gehen den Premierminister besuchen, der ein Vetter der Königin ist und auch ihr Gemahl. Wir haben ihm vom Schiff aus unsere Empfehlungsbriefe geschickt, und er hat uns sagen lassen, er wolle uns um die Mittagstunde empfangen. Es ist sehr heiß, und es gehört ein Entschluß dazu, den Tropenhelm fest in den Nacken zu rücken, die dunkle Brille aufzusetzen und quer über den mörderisch besonnten Hafenplatz von Nukualofa zu schreiten. Erst müssen wir an einem Kriegerdenkmal vorbei, zu Ehren der gefallenen britischen Kämpfer aus Tonga. Dann an einem Musikpavillon, gestiftet zur Erinnerung an ebendieselben. Dann an einem eroberten deutschen Mörser. Dann an dem Nukualofa-Klub, aus dem sie die Deutschen ausgeschlossen haben, aber sie hätten sie jetzt ganz gern wieder drin. Dann kommen wir zu einer großen Holzscheune, die zugleich Zoll- und Postamt ist und das Heim von noch ein paar Ministerien, und ich kaufe am Postschalter die ganze Serie der königlich tonganischen Briefmarken. Die Drei-Penny-Marke tragt das Bild des geheimnisvollen Steintors, das der Beweis ist für die uralte Heiligkeit dieser platten Koprainsel. Ich schreibe eine Ansichtskarte auf den hölzernen Stufen des Postamts, neben einem bekränzten Mädchen, das an einer Ukulele zupft und leise dazu singt, wer weiß, welches Lied aus der Heidenzeit; und ich betrachte die schöne, große, blaugrüne Marke und empfinde, mitten in der verzweifelten Banalität dieser winzigen europäisierten Hafenstadt, empfinde, mit wirklicher Ehrfurcht: Heiliges Tonga!

Punkt zwölf Uhr sitzen wir dem großen Mann von Tonga gegenüber, dem Premierminister und Prinzgemahl der Königin. Wir sind in seinem winzigen Bureau am Hafen.

Es ist eine schlichte zweizimmerige Holzbude, von der aus man den hübschen, weißen Palast der Königin sehen kann und die Flagge von Tonga über der Landungsbrücke: rot, mit einem roten Kreuz auf weißem Grund in der obersten Ecke an der Stange.

An der Tür der Holzbude ist eine Messingtafel mit den Worten: »Premier – Palemia.« Palemia, das ist die tonganische Aussprache des Fremdworts.

Von den beiden Zimmern ist das eine der Raum für die weißen Sekretäre des Premiers. Sie sitzen hochwichtig vor Schriftstücken, auf deren Kopf steht: On Her Majesty's Service.

In einem winzigen Gelaß voll von seriösen Büchern sitzt ein großer, massiver Mann in dem weißesten aller Tropenanzüge. Er selbst ist sehr schwarz für einen Polynesier, fast wie ein Neger. Er ist fast Fünfzig, obwohl der Gemahl einer Königin in den Zwanzigern. Er ist ihr Vetter, und sie hätte keinen anderen Mann auf der Erde heiraten können, nur sein Blut ist edel genug.

Der schwarze Mann wendet seinen massiven Kopf mir zu, und sogleich weiß ich, daß ich einem starken und klugen Menschen gegenüberstehe. Dann kommt die Stimme, und ihre kultivierten Akzente sind nicht mißzuverstehen. Dieser kanakische Premierminister ist, was er sonst noch sein möge, jedenfalls ein durch und durch anglisierter Gentleman, das Produkt einer Public School und einer 'Varsity. Auf dem Bücherständer neben seinem Schreibtisch sehe ich einen Band Herbert Spencer stehen und wundere mich gar nicht.

Das dunkle Antlitz über der tadellosen schwarzen Krawatte ist voll ruhiger Würde, da der tonganische Staatsmann meine tiefe Verbeugung und die des Mister Burr quittiert. Wenn wir es auch wollten, wir könnten uns hier nicht weniger respektvoll benehmen als im Arbeitszimmer irgendeines europäischen Premierministers.

Ich ziehe den Empfehlungsbrief des Doktor Morton aus der Tasche und jenen, den Alice geschrieben hat. Der Gemahl der Königin von Tonga sieht die Kuverts an, öffnet sie nicht, legt mit einer kurzen scharfen Bewegung die Briefe auf seinen Schreibtisch. Ich kann sehen, daß etwas nicht in Ordnung ist, aber Burr hat nichts gemerkt und fängt an: »Herr Doktor Morton in Suva war so freundlich, uns – –«

»Sie sind mir willkommen,« sagt der Honourable Tungi. Nun versteht auch der Amerikaner, daß er eigentlich sagt: »Sie sind trotzdem willkommen.«

Kein Wort mehr von Doktor Morton. Kein Wort von Alice, Prinzessin von Tonga. Der Premier, ganz Weltmann, dirigiert das Gespräch ins Sachliche. Gleich sind wir mitten in den königlich tonganischen Hof- und Staatsangelegenheiten. Dieser schwere schwarze Mann hat Esprit genug, das kleine Inselreich nicht für das Zentrum der Welt zu halten und doch seine Aufgabe sehr ernst zu nehmen.

Er lächelt mich an: »Es geht nicht sehr aufregend zu in Tonga. Wir sind ein kleines, kleines Land. Über zweihundert Inseln, aber nur dreißigtausend Menschen. Nein, wir sterben nicht aus; wir halten uns, soso. Und wir lassen die Asiaten nicht ein: keine Japs wie in Hawai, keine Inder wie in Fidschi. Die Weißen –«

Er macht eine weite und resignierte Geste.

»Wir sind eine kleine Nation, aber stolz. Die Engländer sprechen vom › Tongan swagger‹, das ist: der stolze Schritt des Tonganers. Sehen Sie sich um: ein zufriedenes Volk, das sich nicht für geringer hält als andere Nationen. Sie wollen ganz Tonga bereisen? Sie werden niemanden finden, der hungert, niemand, der die Königin nicht verehrt, niemand, der die Bibel nicht achtet – –«

Während er weiter redet, von der ehrenvollen Geschichte Tongas, von dem klugen König George I. Tubou, der es verstanden hat, dem Land eine Art Unabhängigkeit zu erhalten, von dem Freundschaftsvertrag mit dem Deutschen Reich, der bis 1916 bestand, und von dem britischen Protektorat, das in diesem Kriegsjahr verkündet wurde, will ich immer wieder eine Frage stellen und schiebe sie immer wieder zurück und frage schließlich doch: ob er an die Fliegenden Füchse glaubt.

Es ist eine peinliche Frage. Auch er ist aus dem Hause Tubou. Auch bevor er stirbt, werden die Fledermäuse den Eisenholzbaum von Hilo verlassen – –

Der Ehrenwerte Tungi sieht mich gravitätisch an, dann sagt er das Sprüchlein Hamlets:

»Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde – –«

*

Die Audienz bei dem Minister ist vorbei, und mir fällt ein, daß ich Tabak kaufen wollte. Ich suche einen Laden und finde ihn hinter dem hölzernen Gebäude des englischen Klubs. Drei Minuten später habe ich den blonden Trader Herrn Karl Riemerschmidt aus Neiße identifiziert und sitze mit ihm und seiner Familie auf der Veranda seines Hauses, Deutsch schwatzend und echtes Münchener Flaschenbier trinkend.

Hier nun könnte ich dem kolonialen Klatsch beim besten Willen nicht ausweichen; ich will es aber nicht, ich muß endlich erfahren, was es mit diesem Doktor Morton für eine Bewandtnis hat. Warum hat der Premier die Empfehlungsbriefe nicht einmal geöffnet?

Ich erfahre es, ausführlich. Die dicke Frau Riemerschmidt ist sittlich entrüstet. Morton? Er hat auf Tonga eine weiße Frau und vier Kinder im Stich gelassen, als er die junge Alice entführte. In Tonga will niemand mehr etwas von ihm wissen, und auch auf Fidschi ist seine Stellung unhaltbar geworden, hört man, seitdem die Kolonie dort von dem Skandal erfahren hat.

Was? Einen Brief Alicens habe ich überbracht? Frau Riemerschmidt weidet sich!

– »Nein, Herr Doktor, Sie kennen die Verhältnisse nicht so – – Glauben Sie denn, diese Natives fühlen sich geehrt, wenn ein Weißer – –? Ein Mädchen aus dem Hause Tubou ist so etwas Hohes und Heiliges, und wenn sie einen solchen Schritt tut, wird ihr die Königin Salote niemals verzeihen. Sie ist sehr stolz und sehr prüde, die Königin von Tonga! Karl, noch ein Glas Bier für den Landsmann!«

*

Diese meine Geschichte, die nicht erfunden ist, endet auf einer anderen Tongainsel, im Hafen von Vavau. Wer von der Insel Vavau spricht, der wird unfehlbar sogleich den Hafen erwähnen, denn Vavau ist nichts als ein schmaler Ring von Hügeln und Bergen, der diesen ungeheueren Hafen umzirkelt; es ist die belangloseste Insel und der schönste und größte Hafen der Welt. Das heißt, es hat Neiafu, so heißen die zehn oder zwölf Wellblechhäuser, die die Hauptstadt von Vavau bilden, nicht gerade Hafenanlagen wie Hamburg. Der Hafen, sofern er Menschenwerk ist, besteht aus einem hölzernen Landungssteg, an dem einmal monatlich der Dampfer »Tofua« anlegt, und aus einer Art Scheune, die zugleich Zollamt ist, Postamt und Amtspalast des königlich tonganischen Gouverneurs. Ja, an der Alster oder in den London Docks herrscht mehr Hafenbetrieb. Aber der Hafen als ein Werk der Natur ist ein Weltwunder, ein wahres Labyrinth von wohlgeschützten Buchten, größer als der berühmte Hafen von Sydney und überall dreißig Faden tief; es könnten hier alle Kriegsflotten der Welt in Sicherheit ankern, und wer weiß wieviel große Handelsflotten außerdem. Deswegen meine ich, daß Vavau eine große Zukunft hat, denn es liegt im Mittelpunkt einer Inselsee, die wenige gute Häfen besitzt. Diesen tiefen Südlandsfjord zwischen den grünen Palmenhügeln wird die ganze Welt einmal kennen.

Ich hatte am frühen Morgen jenes Tages schon den Berg Talau erklettert und von seiner Höhe zweihundert Inseln gesehen und gezählt. Nun, nach dem scharfen Klettern zwischen den glatten Korallenfelsen, ruhte ich mich faul und müde in Herrn Isegrimms Motorboot aus. Herr Isegrimm, einer von der jüngeren und halbblütigen Generation der Isegrimm aus Pommern, saß selbst am Steuer seines Motorboots, ein Mann mit blauen Augen und einer dunklen Haut. Die Insel Vavau, muß man wissen, gehört den Isegrimm; sie ist ganz voll von pommerschen Isegrimmen. Es gibt ganz weiße Isegrimme, und Halbweiße, und viertelweiße, und solche, die schon sehr dunkel sind, Isegrimme überall, Isegrimme von allen Farben, es ist die Insel der Isegrimme aus Pommern.

Einige von ihnen sprechen noch Deutsch, aber nicht alle. Die jungen Männer gehen nach Neuseeland, besuchen die englischen Schulen, kommen zurück und heiraten eine nußbraune Frau mit Blumen hinter den Ohren; es macht sie sehr glücklich.

Es gibt auch noch andere Weiße und andere Mischlinge auf der Insel, und manche unter ihnen haben deutsche Namen, aber sie werden völlig an die Wand gedrückt durch die herrliche Fruchtbarkeit des Stammes Isegrimm, der aus Pommern ist und der auf dieser fernen, fernen Insel Wurzel geschlagen hat und sie ganz überschattet. Um die Zeit, da der ungeheure Hafen von Vavau von den großen Schiffen aller Nationen erfüllt sein wird, wird das Blut der Isegrimme aus Pommern in den Adern aller Einwohner von Vavau sein; die große Zukunft von Vavau trägt einen nordischen Wolfsnamen: Isegrimm.

Der Isegrimm, der mich in sein Motorboot geladen hat, wollte mir den größten Stolz der Insel Vavau zeigen, ihre Blaue Grotte. Wir fuhren durch die große Binnensee von Vavau, so rasch, daß das grünblaue Wasser von unserem Kiel zu Perlstaub zermalmt wurde. Was für eine Fahrt, in dem ungeheueren Seegrund zwischen den schreiend grünen Uferhöhen! Neiafu, woher wir kamen, liegt ganz innen in dem großen Korallenring; dort, wo er sich, fast unmerkbar, zwischen hohen Klippen ein wenig öffnet und die Durchfahrt zur offenen See freilaßt, befindet sich die große blaue Wassergrotte; sie ist noch nicht ganz erforscht, aber ich denke, daß sie wohl den ganzen steinernen Ring durchbohren muß und daß durch sie der Ozean in die geschlossene Bucht flutet. Diese Grotte ist, um es kurz zu sagen, schöner als die berühmte von Capri und reicher an Lichtnuancen. Aber ich will jetzt nicht davon sprechen, sondern nur von einer Fledermaus, die uns im dunkelsten Winkel der Höhle umflatterte.

»Sind diese Fledermäuse hier auch heilig?« fragte ich Herrn Isegrimm. »Verschwinden sie auch, bevor ein Mitglied des königlichen Hauses stirbt?«

Der blauäugige und dunkle Halb-Isegrimm am Steuer des Boots lächelte verlegen. Von solchem Aberglauben der gewöhnlichen Natives spricht man nicht gern, obwohl man ihn teilt.

»O nein,« sagte er endlich. »Diese Fledermäuse sind immer da. Auch vorige Woche sind sie nicht ausgeblieben – –«

Ich starrte ihn an. Vorige Woche? Ich hatte diese Woche teils auf See verbracht, teils auf einigen kleineren Inseln, und ich hatte nichts von den Fledermäusen gehört. Aber nach Vavau war die Nachricht gekommen, mit den Segelbooten: in der vorigen Woche waren die Fliegenden Füchse von Hilo plötzlich weggewesen. Ganz Tongatabu hatte getrauert; als das Kawaopfer nichts nützte, war man gewiß, daß die Königin Salote sterben würde, oder ihr Gemahl Tungi, oder einer der kleinen Prinzen. Aber es war nichts geschehen. Nach vier Tagen waren die Fledermäuse wiedergekehrt. Das Gebet der Missionare mußte geholfen haben. Aber es war unfaßbar, unbegreiflich – –

Das alles erzählte mir der Halb-Isegrimm, während uns die flüssigen Saphire der Blauen Grotte von Vavau umfunkelten. Ich sah in dieses magische Wasser, und auf einmal, wie ein Mann, der in den Tintenspiegel eines Nekromanten blickt, hatte ich die Vision der Wahrheit. Ich sagte Herrn Isegrimm nichts, und ich habe seither nichts gehört, was meinen Glauben bestätigen könnte: ich weiß nur, warum die Fliegenden Füchse von Hilo damals ausblieben, was das bedeutet hat. Es ist, o sicherlich, ein Mitglied des uralten Hauses Tubou gestorben, eines, an das die Menge des Volkes nicht mehr dachte; eine arme schwindsüchtige Frau, eine unglückliche kleine Südseeprinzessin im Exil. Ich weiß, daß Alice gestorben ist, als Doktor Morton von ihr genug hatte und sie verließ.

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