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Tausend und eine Insel

Richard Arnold Bermann: Tausend und eine Insel - Kapitel 16
Quellenangabe
typereport
authorRichard Arnold Bermann
titleTausend und eine Insel
publisherS. Fischer Verlag Berlin
printrun1. bis 6. Auflage
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140923
projectid608b3a89
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Panama-Saga

Es ist natürlich nicht wahr, daß die moderne Welt jede Romantik verloren hat. Auf diesem Dampfer »Rotorua« gibt es, der Jahreszeit wegen, nur achtzehn Passagiere erster Klasse, aber was für abenteuerliche Biographien, was für bemerkenswerte Schicksale habe ich von ihnen schon erfahren! Dabei sind es, wohlgemerkt, nicht einmal Frauen. Wir haben nur drei Matronen unter uns, von denen nicht viel zu sagen ist; es ist ein Kind vorhanden, und die anderen vierzehn sind Männer. Man könnte sagen, daß es ein Schiff ohne Weiber ist, wenn nicht, natürlich, noch die dritte Klasse da wäre: einundvierzig Personen, auf dem Hinterdeck nicht wenig zusammengedrängt, hinter einer Eisenschranke und einer flatternden Wand aus Segelleinwand, die sie von uns Salonpassagieren trennt. Hinter dieser Schranke und dieser Leinwand leben hemdärmelige Männer ohne Glorie, die nicht einmal an diesen äquatorialen Abenden, bei vierzig Grad Hitze, einen Smoking und ein steifes Hemd anlegen, so wie wir es tun: und es leben dort junge Mädchen und Frauen.

Ich weiß nicht, wer das Wort aufgebracht hat: diese idiotische Barriere auf unserem Promenadendeck nennen wir die Geschlechtslinie, » the sex line«. Am Abend, unter den tropischen Sternen, sieht man stille oder flüsternde Gestalten im Smoking dieser Linie nahen und die Segelleinwand ein wenig lüften – – Man muß wissen, daß wir drei junge Kadetten der neuseeländischen Armee an Bord haben, wunderbare Musterkadetten, glaube ich, die unter allen ihren Kameraden ausgesucht worden sind, um an der britischen Offizierschule zu Sandhurst weiter zu studieren. Sie sind in Wellington von ihren braven festen neuseeländischen Müttern an Bord gebracht worden, und wir haben geschehen, wie sie von ihnen Abschied genommen haben, sehr gerührt und sich ihrer Rührung knabenhaft schämend. Und jetzt fahren sie nach England, wo sie alle Feldmarschälle werden wollen ... Man muß sich vorstellen, was das bedeutet, welches Glücksgefühl, welche goldenen Träume; und nun ein Schiff ohne Frauen, oder fast so, es ist entsetzlich! Den ganzen Tag spielen die armen Jungen »Quoits«; das heißt, sie werfen aus Stricken gewundene Ringe nach einem Ziel, das mit Kreide aufs Deck gezeichnet ist, hart an der Geschlechtslinie. Manchmal fällt der Ring über die Barriere, und dann ist eine von den drüben eingesperrten Damen dritter Klasse so gut und reicht ihn herüber, mit einer Hand, die – –

Und nun noch, um die Voraussetzungen eines außerordentlichen Abenteuers zu erklären, ein Wort über diese Stunden in Panama. Wir hatten seit der Insel Pitcairn kein Land mehr gesehen, lange, lange, und nun ließ man uns seemüde Menschen auf einmal los, für einen Vormittag nur, aber wo! In dem farbigsten Hafen der westlichen Welt, dem Port Said des Pazifischen Ozeans, in der Stadt der großen Pforte, die zwei Namen hat, Panama als Hauptstadt einer putzigen Republik und Balboa als Hauptstadt der von den Dankees regierten Kanalzone; so wie die Stadt am anderen, am atlantischen Ende des Kanals zwei Namen hat, nämlich Cristobal, das ist Christoph, und Colon, das ist Kolumbus; man muß verstehen, daß es beide Male die gleiche Stadt ist, nur durch eine unsichtbare diplomatische Linie gespalten in zwei Teile, nämlich in den einen, wo freie Panamenser (und quer über die Straße ins Ausland gelangte Soldaten und Bürger der Vereinigten Staaten) sich mit Alkohol besaufen können, und in den anderen, wo ehern strenge Gesetze die Prohibition erzwingen, – also Panama und Balboa, Balboa und Panama, das ist das tollste Gemisch von Yankeetüchtigkeit und spanischem Schlendrian, von Indianern und Indern, von Negern, Chinesen, Hidalgos und amerikanischen Ingenieuren, das alles peinlichst gewaschen und asphaltiert und assaniert und mit Moskitowänden verdrahtet, von Autohupen durchdröhnt und durchklungen von Kathedralenglocken; nach Benzin und nach Orchideen duftend, und heiß, heiß, heiß – –

Nun muß man sich diese drei jungen Kadetten verstellen, die nur ihr pausbäckig biederes Neuseeland kannten, das nüchternste Land dieser Erde, und die auf einmal, drei lange blondhaarige Jungen und britisch zum Schreien, die auf einmal in diese verzauberte Gegend kommen; oh, ich habe sie, fünfundzwanzig Kilometer von der Stadt, in einem Auto bei den Ruinen im Dschungel ankommen sehen; den Ruinen Alt-Panamas, das Morgan zerstört hat, Sir Henry Morgan, der alte Pirat; dies hier, der viereckige Turm, aus dessen Steinen die Waldbäume wachsen, war jene Kathedrale, die innen ganz golden war – – Ich sehe diese drei Jungen, manchmal erregt wie spielende Kinder und manchmal künstlich blasiert, Offiziere und Gentlemen, die Romantik nichts angeht, sehe sie durch die Ruinen wanden:; und riesige Eidechsen huschen durchs Gras, und Kolibris fliegen, und es duftet nach wilder Vanille und unbekannten Dingen des Urwalds – –

Dies alles sage ich nur, um Charleys Gemütszustand begreiflich zu machen. Ich weiß es nicht ganz genau, aber ich glaube, er hatte, über die Geschlechtslinie hinüber, einen harmlos sehnsüchtigen Flirt mit Mrs. Taylor gehabt. Man muß wissen, daß Mrs. Taylor, die hübsche junge Frau aus der dritten Klasse, in Panama plötzlich unser Schiff verlassen hat, statt nach Southampton weiterzufahren, auf ein Telegramm ihres Mannes hin; man sagt an Bord, daß ihr Mann aus Neuseeland telegraphiert hatte: »Schwiegermutter plötzlich gestorben. Stop. Kehre zurück, versöhnen wir uns. Stop. Jetzt steht nichts mehr zwischen uns« – Also, wenn Charley diese Mrs. Taylor angeschwärmt hatte und nun fürs Leben unglücklich war und ein Frauenhasser, so sah Ich ihn dennoch in der Calle Lesseps zu Panama einen Panama kaufen, einen billigen für zwei Dollars – die Panamahüte werden durchaus nicht in Panama erzeugt, sondern in Ekuador, deswegen kauft in Panama jedermann einen ganz, ganz echten Panama – –Also Charley, mit diesem Panama auf dem Kopf, saß eine Stunde später neben mir auf der vorderen Brücke des Schiffes; wir saßen in einer tollen tropischen Sonne, ließen unsere Beine über den Rand der Brücke zum Deck baumeln und sahen dieses unglaubliche, dieses unmögliche Wunder, den Panama-Kanal, durch den wir da langsam fuhren.

Ich erinnere mich, daß Charley mindestens dreimal schmerzlich aufseufzte, der Mrs. Taylor wegen, aber dann, wissen Sie, sah er am Ufer des Kanals einen wirklichen und lebendigen Alligator und hatte keine Zeit mehr für Weltschmerz. Ich erzähle das alles ausschließlich in der Absicht, auf das große, tiefe, ernste, amouröse Abenteuer eben dieses blonden Buben Charley vorzubereiten, das nachher an die Reihe kommt, aber eben dazu muß ich klarmachen, in was für einer romantischen Atmosphäre er diesen Tag lebte. Romantisch? Kann eine technische Angelegenheit romantisch sein, ein Schiffahrtskanal? Ich habe es auch nicht geglaubt, jetzt aber schwöre ich, daß dieser Yankeekanal das wildeste, das phantastischste Wunder ist, das ein poetisches Hirn nur ersinnen konnte! Technisch, ja; und es stehen Reihen von betonierten Leuchtpfeilern im Wasser, mit elektrischen Scheinwerfern beladen; und auf dem einen Scheinwerfer sitzen Pelikane, auf dem anderen Königsreiher, Kraniche; die Luft ist voll von Falken, Truthahngeiern; ein Blitzen und Flitzen von Schmetterlingen, unsäglich, webt von Ufer zu Ufer. Dieser Kanal mag von Yankeeingenieuren erbaut worden sein, doch bewohnt wird er von Krokodilen; und wo am Ufer nicht Eisenbeton ist und Starkstromleitung, dort ist Dschungel und dunkles Geheimnis des tropischen Waldes.

Neben dem blonden Charley sitzend, auf der schmalen Brücke, beginne ich, besoffen vom Sonnenschein, von diesem großen Epos zu reden, der Panama-Saga, der Geschichte des neuen Kanals. Von dem gewaltigen Kampf und der Niederlage der französischen Pioniere, die hier begraben liegen, viel«, viele. Und von den Amerikanern: wie sie erst die gefügige Scheinrepublik von Panama geschaffen haben, dann ihr diesen Boden abgekauft, zehn Meilen breit – vom Meer zum anderen Meer, und einen militärischen Staat geschaffen, ein Heerlager und eine Werkstatt; dann das Erstaunliche, der Kampf gegen die Moskitos, der das sprichwörtliche Pestloch der Welt, den Hauptort des gelben Fiebers und der Malaria, in das gesündeste tropische Land der Erde verwandelt. Ich erzähle von dem amerikanischen Arzt und den Soldaten, die sich kn das Bett, auf das Leintuch der am Fieber Gestorbenen gelegt haben, bloß um, wer wußte es, den Beweis zu führen, daß dieses Fieber durch Berührung nicht übertragen wird. Und ich erzähle weiter: wie sie dann, des wissenschaftlichen Gegenbeweises halber, eine Nacht in einem hermetisch verschlossenen Raum verlebt haben, in den man Anophelesmücken gebracht hat, infizierte Mücken, die Kranke gestochen haben. – Ja, Triumph, der Nachweis gelingt, daß die Mücken die Krankheit verbreiten. Die große Tat ist geglückt; die Männer, die freiwillig eine so schwere Krankheit in ihr Blut genommen, haben den Bau des Kanals erst möglich gemacht, da man nun die Gründe des Fiebers kennt und die Möglichkeit, ihm zu begegnen. Heute, sage ich dem Kadetten Charley, ist der Isthmus kein Fieberland mehr, denn diese blaugrünen Wälder dort drüben mögen noch voll von Raubtieren sein, die Wässer von Alligatoren: die Moskitos sind tot, ausgetilgt, immer wieder, von den Patrouillen, die Petroleum in die Tümpel spritzen – –

Während ich das erzähle, die Panama-Saga, halte ich immer wieder inne, einmal, weil ein toter Kaiman im Wasser schaukelt, einmal, weil ein großer Reiher einen Fisch In den Fängen trägt, und dann, weil wir Schiffen begegnen, vielen aufregenden Schiffen. Keine Rauchfahne haben wir je gesichtet in der Einsamkeit der Südsee; hier aber, in diesem Torweg der Welt, sehen wir dieses atemraubende Schauspiel des großen Verkehrs. Dies ist ein belgisches Schiff, die »Keltier«, fährt von Amsterdam nach Lima; »La Città di Bologna«, aus Genua, bringt Auswanderer nach Chile; und »W.C. Smith«, aus New York, fährt durch den Kanal nach Frisco. Wie viele Flaggen, welche Reichtümer, was für fremde Menschen! Einmal begegnen wir einem neuseeländischen Schiff mit dem Namen des großen Kanus des Maorimythos: die »Arawa« fährt nach Wellington, an uns vorbei, die wir von Wellington kommen, das gibt ein Grüßen und Winken!

Dann, in der großen dreifachen Gatunschleuse, geschieht das Ereignis.

Diese Schleuse, am Ausgang des ungeheueren künstlichen Sees, liegt fast dreißig Meter über dem Spiegel des Atlantischen Ozeans, den wir von hier schon erblicken, tief unter uns. Unser Schiff, von Süden kommend, in der Glorie des tropischen Tagesendes, hat in drei gewaltigen Stufen zur Tiefe hinabzutauchen. Das geschieht zwischen ungeheueren stählernen Toren, in tiefen Becken, zwischen Rampen aus lichtem Beton, mit wunderbaren geschwungenen Kurven, dort, wo es zum nächsten Absatz hinabgeht. Elektrische Lokomotiven, so flach, daß wir sie sogleich die Kanalwanzen nennen, laufen an beiden Selten und ziehen das Schiff, sobald das Niveau erreicht ist, vorwärts in die nächste Schleusenkammer, die steile Kurve halsbrecherisch abwärtsfahrend. Eine lange, lange Zeile von herrlichen dorischen Riesensäulen, die gewaltige Lampen tragen, verziert die Rampen rechts und links. Erst sind wir hoch über diesen gigantischen steinernen Masten; dann, wie das Wasser der Schleuse abgelassen wird, sinken wir tiefer und tiefer, bis die Lampen hoch über unseren Häuptern sind und wir auf dem tiefsten Grunde eines unheimlichen Schachts; dann öffnet sich klingend das Eisentor, und wir werden weitergezogen, in den nächsten heiligen Weiher dieses Riesentempels, dem wartenden Meere entgegen – –

Und nun begab sich nicht mehr als dies: Als unser Schiff, in der obersten Schleusenkammer, soeben zu sinken begann, umrauscht von dem abfließenden Wasser, – stieg neben uns, jenseits der monumentalen Rampe, ein anderes Schiff aus der Tiefe empor, in einem parallelen Kanal, südwärts fahrend, an uns vorbei. Ein unschönes, kleines Schiff, zu tief geladen, ein schmutziger Trampdampfer, mit einer enormen jugoslawischen Flagge am Heck und dem Namen am Bug: »Militza, Dubrovnik«. Da ich weiß, daß Dubrovnik nicht eine Galoschenmarke ist, sondern der kroatische Name Ragusas, sage ich das dem Kadetten; doch was ahnt der antipodische Knabe von Ragusas Glorie! Er steht nur da und starrt und starrt – –

Starrt ein weißgekleidetes blondes Mädchen an, auf der Kommandobrücke neben dem Piloten; sie steigt, langsam, langsam, neben uns empor aus den Fluten wie Aphrodite, und der goldene Purpur des Sonnenuntergangs leuchtet um sie – –

Und dann, wie wir sinken, sinken, und den Anblick verlieren, wie das eherne Tor der tieferen Schleuse sich hinter uns geschlossen hat, steht der Junge noch da, wie rasend, wie vom Sonnenstich betroffen, und sagt, daß diese und diese nur das Mädchen ist, das er sucht, und er liebt sie, und er wird in Colon das Schiff verlassen und ihr nachjagen, irgendwohin, zurück durch den ganzen Pazifik – –

(Er wird es nicht. Er muß nach Sandhurst einrücken und ein Musterkadett sein.)

Aber ich verstehe ihn. Alles an diesem romantischen Tag hat ihn vorbereitet, auf diese Begegnung vorbereitet, auf dieses Vorüberfahren, auf diesen kurzen Roman in der sinkenden Sonne. Sie, Militza aus Dubrovnik, sicherlich heißt sie Militza, und er, Charley, aus der Provinz Taranaki, Neuseeland – westöstlich zusammengeführt, auseinandergerissen am Kreuzweg der Welt! Oh, ich weiß, daß sie in der heißen Nacht, die nun kommt, von einem blonden Knaben träumen wird! –

Es ist schon ganz dunkel, plötzlich. Wir haben die dritte Schleusenstufe passiert und fahren das letzte Stückchen Kanal entlang; schon umweht uns der Meerwind. Hinter uns sehen wir einen brennenden Tempel, eine dreistufige Pyramide von Terrassen, auf denen die großen Fanale leuchten. So und nicht anders sahen die Tempelterrassen Huitzilopochtlis aus, am Abend der Opferfeste, im Mexiko der Azteken. Die heiße tropische Nacht, nach Vanille duftend, weht hinter uns drein, aus den verschwimmenden Wäldern, in denen jetzt, denken wir, die Augen der Jaguare grünlich erschimmern; und während wir so den ungeheueren, den unsagbar schönen Tempel der Technik hinter uns lassen, eine tausendfach leuchtende moderne Akropolis, während ich, der Südsee den Rücken kehrend, dem erreichten und wieder verlorenen Traum, während ich, langsam, langsam in das Meer der Alten Welt einfahre, spreche ich, plötzlich von Sehnsucht gepackt, von den braunen steinernen Straßen Ragusas, von der sonnengebadeten Würde des großen Stradone, von der Fassade des Rektorenpalastes; und er, der gierig gefragt hat, hört nicht zu und blickt zurück, weit zurück zu der lichtschimmernden obersten Plattform des Wassertempels, dorthin, wo ein Schiff aus Ragusa südwärts segelt, nach der Stadt der großen Pforte, Panama, und weiter, in das Meer der tausend Inseln, in eine bange Ferne, die schon wieder undenkbar wird, traumhaft, von milden und traurigen Nebeln umschleiert.

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