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Tausend und eine Insel

Richard Arnold Bermann: Tausend und eine Insel - Kapitel 15
Quellenangabe
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authorRichard Arnold Bermann
titleTausend und eine Insel
publisherS. Fischer Verlag Berlin
printrun1. bis 6. Auflage
year1927
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Pitcairn

Der Europäer, der nur die vielbefahrenen Meere der alten Erdteile kennt, ahnt nicht, wie leer und einsam der Stille Ozean ist. So wie der nächtliche Himmel der südlichen Hemisphäre neben dem Kreuz des Südens und nahe den am hellsten funkelnden Sternenarchipelen diese entsetzliche schwarze und leere Stelle hat, die sie den »Kohlensack« nennen, so hat das große Meer der Antipoden zwischen Chile und den tausend Inseln Polynesiens seine tote Stelle, die ungeheuere Leere, aus der nur die fürchterlichen einsamen Klippen von Salas y Gomez aufragen und das steinerne Geheimnis der Osterinsel.

Unser Dampfer, von Neuseeland nach Panama unterwegs, ist seit acht Tagen nicht in Sicht eines Stückchens Land gekommen oder eines Schiffes; seit fünf Tagen fliegen nicht einmal die letzten Boten des Festlandes, die großbeschwingten Albatrosse, um unseren einsamen Mast. Aber auf einmal, ganz unvermittelt, sehen wir einen hohen Felsen, rot gefärbt und grün bewachsen. Diese kantige und knochige Insel ist die Insel Pitcairn; und ich weiß, daß sie eine von den großen romantischen Stätten der Menschenerde ist, so heilig wie Robinsons Eiland und wie die Schatzinsel Stevensons, denen sie gleicht. Mit verlangenden Augen sehe ich hinüber. Ich weiß, daß unser Schiff mehrere Stunden vor Pitcairn liegenbleiben wird, um Früchte an Bord zu nehmen, und so verlange ich, unterdessen ans Land gebracht zu werden. Der Kapitän sieht mich mit seinen gläsern Hellen Seemannsaugen an und grinst.

»Aber gewiß, Doktor, gleich gebe ich Ihnen ein Boot, es ist in diesem Augenblick leicht genug, zu landen. Sie werden schöne alte Orangenbäume sehen und viel Kokosnüsse, auch ein paar Dutzend eher belangloser Hütten. Wer Sie sollten Ihr Gepäck mit ins Boot nehmen, nur so für alle Falle; ich weiß, daß ich Sie ans Land setzen kann; ob ich Sie in zwei Stunden wieder abholen lassen kann, das liegt auf den Knien der Götter. Ein Mensch, der ein bißchen auf Pitcairn landet, der Teufel hole diese unausstehliche Küste, der muß vollkommen darauf gefaßt sein, daß sein Schiff ihm plötzlich davonfährt. Oh, es dauert vielleicht nur zwei Wochen, bis das nächste vor der Insel haltmachen kann, aber vielleicht erlauben es Wind und Wetter nicht, und es dauert ein Vierteljahr ... Also, Sie sind bereit, ein wenig auf Pitcairn zu leben?«

Die gläsernen Augen sehen mich an, und ich winde mich vor Scham und Verzweiflung. Ich bin nicht bereit! Ich bin noch immer nicht bereit, auszusteigen und auf der Insel Pitcairn zu leben!

*

Diese Insel Pitcairn, deren ungeheure und erschütternde Geschichte mir In diesem Augenblick so stark gegenwärtig ist, heißt nach irgendeinem jungen Midshipman der Expedition Carteret, der im Jahre 1767 diesen Felsen von einem Mastkorb aus zum erstenmal gesehen hat. Erst dreiundzwanzig Jahre später, am 23. Januar 1740, wirft ein europäisches Schiff vor der Insel seine Anker aus. Neun weiße Seeleute sind an Bord, dann sechs Kanaken aus Tahiti und elf braune Weiber. Die Leute bringen nicht ohne Mühe Vorräte durch die Brandung, Bretter, Geräte, alles, was sie von dem Gerüst und dem Takelwerk des Schiffes verwenden können. Dann zünden sie das Schiff an. Die Flammen beleuchten die vergoldeten Buchstaben am Bug: His Majesty's Ship »Bounty«.

*

Die Kriegsschaluppe »Bounty« ist zu Weihnachten 1787 von Spithead ausgefahren, unter dem Kommando des Marineleutnants Bligh, eines Offiziers, der schon Cooks Entdeckungsreisen in der Südsee mitgemacht hat. Das kleine Schiff, obwohl ein Kriegsfahrzeug und der fürchterlichen Disziplin der Kriegsmarine unterworfen, hat eine friedliche und ökonomische Bestimmung: von diesen seligen Eilanden, die Captain Cook gesehen hat, von »Otaheite«, soll es Exemplare des unschätzbaren Brotfruchtbaums wohlerhalten und lebend nach Seiner Majestät Kolonien in Westindien bringen, damit man sie dort anpflanzen könne.

Die »Bounty« erreicht Tahiti und nimmt Brotfruchtpflanzen an Bord, eintausendundfünfzehn Stück in Töpfen. Alles geht gut, man Ist auf dem Heimweg, hat die Vulkaninsel Tofua schon passiert; der Kapitän Bligh ist mit sich zufrieden. Aber was hat er seinen Seeleuten wohl getan? Warum hassen sie ihn so? Am Morgen des 28. April holen sie den Ahnungslosen aus seinem Bett. Der wachthabende Maat, Fletcher Christian, ist der Führer der Meuterer. Nachdem sie den Kapitän festgenommen haben, überwältigen sie die nicht mitverschworenen Offiziere. Die Meuterer vergießen kein Blut, aber sie zwingen ihre Gefangenen, in ein offenes Boot zu steigen, acht Offiziere und Chargen außer dem Kapitän, – fünfundzwanzig Mann bleiben an Bord der »Bounty«, darunter vier Offiziere der königlichen Marine. Die Fahrt der Achtzehn im offenen Boot ist eines von den großen Seeabenteuern: einundvierzig Tage, dreieinhalbtausend Seemeilen, Hunger, Durst, Sturm und Pfeile der Wilden – – Kapitän Bligh besteht alle Gefahren und landet glücklich auf der Insel Timor in Holländisch Indien. Sein erster Gedanke ist: an den Galgen die Meuterer von der »Bounty«! Sobald er wieder in England ist, veranlaßt der Rachsüchtige, daß man die Fregatte »Pandora« ausschickt, um den Leuten von der »Bounty« nachzujagen. Die »Pandora«, in Tahiti angelangt, findet und verhaftet dort vierzehn von den Meuterern. Man legt sie in Eisen, und nun beginnt ein zweiter großer Seeroman, die Heimfahrt der »Pandora« mit den unseligen Gefangenen, die in einem entsetzlichen dunklen Stall auf Deck angekettet sind – – Auch in diesem wahren Seeroman kommt ein großer Schiffbruch vor: die »Pandora« scheitert an den Korallenfelsen des großen Barrier-Riffs, das der Küste Australiens vorgelagert ist. Der Kapitän, Edwards, steigt ins Boot, ohne daß er die Gefangenen von dem Wrack hätte losketten lassen, nur das Erbarmen des Waffenmeisters rettet die Unglücklichen: er läßt wie zufällig die Schlüssel der Ketten in das dunkle Loch fallen, das sie die »Büchse der Pandora« nennen. Bon diesen Meuterern der »Bounty«, die sich in Tahiti haben fangen lassen, gelangen schließlich zehn nach England, wo ein Kriegsgericht fünf von ihnen freispricht und fünf verurteilt. Von den fünfen werden drei gehängt.

*

Aber der »Erzmeuterer«, gleicher Christian, hat sich nicht fangen lassen. Vergeblich hat die »Pandora« ihn und die verschollene »Bounty« in der halben Südsee gesucht. Nur ein Teil der Meuterer von der »Bounty« hat auf Tahiti das Verhängnis erwartet, gleicher Christian, schlauer oder phantasievoller als die anderen, ist mit der »Bounty« weitergesegelt, weiter, weiter, in die Stille hinein, in die Leere, in den Kohlensack des südlichen Ozeans, in eine Welt, die noch nicht der gewöhnliche Jagdgrund britischer Fregatten ist. Vielleicht hat gleicher Christian von einer kleinen Felseninsel gehört, die dreiundzwanzig Jahre vorher einmal ein Midshipman aus dem Mastkorb gesichtet hat – –

Die Leute von der »Bounty« landen auf Pitcairn und verbrennen hinter sich das Schiff, das nicht gefunden werden darf. In der Nähe des schwierigen Landungsplatzes finden die Flüchtlinge einen Felsen mit jener uralten und geheimnisvollen Bilderschrift bedeckt, die das große Rätsel der Südsee ist. Auf längst verlassenen heidnischen Opferstätten ragen stumme Steinbilder empor, jenen der Osterinsel ähnlich; menschliche Schädel liegen in der Nähe herum. Aber das alte Volk, das hier das Fleisch der Opfer aß, ist ausgestorben, auf der Insel lebt nichts als der Wald und eine ärmliche Kleintierfauna, die nur einen einzigen Landvogel enthält.

*

Neun englische Seeleute, zu Meuterern, zu Piraten geworden, betreten den Boden dieser Insel. Bei ihnen sind Menschen der Südsee, Männer und Weiber, harmlos kindliche Wesen vielleicht, wenn man sie richtig behandelt, aber doch auch blutgierige und grausame Triebwesen, wenn zwischen diese Männer und diese Weiber von Otaheite die Gier, die Brutalität und die Besoffenheit meuternder Matrosen tritt. Diesen Roman von den Meuterern auf Pitcairn hat der Epiker der Südsee, Stevenson, zu schreiben versäumt. Nur er hätte diese Geschichte erzählen können, diese Geschichte von blutigen Verbrechen und naiven Lastern, des Krieges aller gegen alle in dieser primitiven kleinen Gemeinschaft, von jenem Tage angefangen, an dem die Matrosen auf einmal das warnende Lied der dunklen Kanakenweiber belauschen:

»Warum schleift schwarzer Mann Axt?
Weil will weißen Mann töten!«

Und nun hebt der Bürgerkrieg auf Pitcairn an, Schwarz gegen Weiß, Gattin gegen Gatten. Nach einiger Zeit sind alle kanakischen Männer ermordet und von den neun Meuterern nur noch vier am Leben, William MacCoy, Matthew Quintall, Edward Doung und ein Mann, der damals Alexander Smith hieß; alles gemeine Matrosen bis auf den Seekadetten Joung. Die anderen, die Toten, hatten einige dunkelgefärbte Nachkommenschaft hinterlassen.

Von den vier Letzten der »Bounty« stirbt MacCoy im Delirium tremens. Er hat aus einem eisernen Kessel eine Schnapsdestille gemacht und aus irgendeiner Wurzel ein Gesöff brennen gelernt. Eines Tages bindet er einen Stein an seinen Leib und springt von dem höchsten Felsen in die See. Sein Kumpan Quintall wird, da er streitsüchtig ist, von Young und Smith gemeinsam ermordet.

*

Von den Meuterern der »Bounty« leben nur noch Alexander Smith und Edward Young auf Pitcairn. Welcher von den beiden wird den anderen umbringen? Welcher wird das Weib des anderen haben wollen, wird seinen Schlaf belauern, mit erhobener Axt in die Hütte des Schläfers treten?

Im Jahre 1800 sind diese beiden Männer noch am Leben. Auch wachsen Kinder heran, dreiundzwanzig an der Zahl, Nachkommen des Säufers MacCoy und des Meutererhäuptlings Christian und des vertierten Raufbolds Quintall; ihre Nachkommen und der wilden Frauen, um derentwillen sie einander gemordet haben. Was für eine Hille wird sich auf dieser Insel Pitcairn entwickeln?

*

Im Februar 1808 erscheint plötzlich ein Schiff vor der Insel Pitcairn, zum erstenmal, seitdem die »Bounty« verbrannt worden ist. Der Kapitän des amerikanischen Seglers »Topaz«, Mayhew Folger aus Boston, entdeckt Spuren menschlicher Ansiedelung, geht an Land und findet – was? Ein Inferno?

Nein, Captain Folger findet ein kleines urchristliches Paradies, eine fromme angelsächsische Sonntagsschule inmitten des Ozeans, unter der tugendhaften Herrschaft eines ehrwürdigen greisen Inselpatriarchen.

Es ist – wie soll man sagen? Es ist im Jahre 1800 auf der Insel Pitcairn ein Wunder geschehen. Die beiden letzten Meuterer haben einander nicht umgebracht, sondern es hat der eine den anderen »bekehrt«, sie haben beschlossen, ein christliches Leben zu führen; Edward Young ist reuig gestorben, nicht im Schlaf an einem Axthieb, sondern wie ein Bürger am Asthma; Alexander Smith hat feierlich seiner sündigen Vergangenheit entsagt, sogar seinem alten Namen. Dieser neue Adam, den er aus sich gemacht hat, heißt jetzt Adams, John Adams; und er liest den ganzen Tag in dem Book of Common Prayers, das merkwürdigerweise von der »Bounty« ans Land gebracht worden ist, und er hat die dreiundzwanzig Kinder in den Lehren der Kirche von England unterrichtet, soweit er sich ihrer erinnert, und es gibt in der ganzen Welt kein frömmeres Eiland und keinen strengeren Inselkönig als die Insel Pitcairn und ihren Monarchen John Adams. Da der Kapitän der »Topaz« die erstaunliche Kunde von dem letzten Schicksal der »Bounty« der zivilisierten Welt mitgeteilt hat, wird diese Insel der bekehrten Sünder zu einem beliebten Thema für angelsächsische Prediger. In den nächsten Jahrzehnten kommen immer wieder Schiffskapitäne und Reisende aus der Südsee zurück und erzählen ganze Traktate von der unglaublichen Reinheit und Sittenstrenge der winzigen Kolonie. Da der Patriarch John Adams hochbetagt stirbt, schickt die britische Regierung einen Marmorstein für das Grab dieses unbestraften Rebellen; in der rührseligen viktorianischen Periode und nachher, bis heute, beschenkt und verhätschelt die angelsächsische Welt diese braven Kinder der Südsee, diese frommen, hymnensingenden Musterknaben und Mustermädchen – –

Zweimal wandern, da die Insel gar zu klein ist, die Nachkommen der Meuterer aus, einmal nach Tahiti, einmal nach der Insel Norfolk. Auf der Norfolkinsel wohnen noch viele Familien aus Pitcairn; aber andere sind wieder auf ihr altes Eiland zurückgekehrt, und es leben jetzt dort 165 Menschen, die meist Christian heißen oder MacCoy. Seit dem Jahre 1838 weht die englische Flagge über dem Felsen. Jetzt ist die Insel dem Namen nach dem High Commissioner unterstellt, der auf Fidschi residiert; aber tatsächlich regiert die kleine Demokratie sich selbst, und Pitcairn ist das erste Land der Welt gewesen, das den Frauen das Wahlrecht gab.

Sie haben einen gewählten Beamten, der »Magistrat« heißt, und ein Parlament von sieben Abgeordneten. Eines der wichtigsten geschriebenen Gesetze der Insel verbietet, wegen der Rattenplage, das Töten von Katzen.

*

In Wellington auf Neuseeland lebt, wenn er nicht unterdessen gestorben ist, ein sehr alter Mann, David Nield, Pastor der »Church of God«. Es ist nicht irgendeine Kirche Gottes, sondern die Kirche Gottes, die einzige orthodoxe, die es gibt, nach der Ansicht des Reverend Nield. Seine verstorbene Frau, Rosalind Amelia Nield, geborene Young, war eine Enkelin Edward Youngs, des Seekadetten von der »Bounty«. Sie ist so etwas wie eine Dichterin gewesen und hat ein Buch über ihre Heimat, Pitcairn, geschrieben. In dem Nachwort dazu erzählt der Pastor Nield, warum er, als seine Frau auf der Insel gestorben war, nicht dort bleiben konnte. Der Grund ist ein theologischer. Diese Leute von Pitcairn meinen es gut, aber sie sind doch eigentlich Ketzer.

Von den anglikanisch-prälatistischen Irrlehren, die John Adams auf Pitcairn eingeführt hat, sind sie zwar schon lange abgekommen. Ein Missionar aus Amerika hat im Jahre 1886 die Pitcairner zu einem fast richtigen Glauben bekehrt, zu dem der »Adventisten des siebenten Tages«. Seither heiligen sie nicht mehr den Sonntag, sondern den Samstag. Wenn am Sonntag ein Schiff ankommt – seit der Eröffnung des Panama-Kanals kommen viele Schiffe –, gehen sie ruhig an Bord und verkaufen Andenken an die Touristen. Aber wenn am Samstag ein Schiff ankommt, gehen sie zwar auch an Bord und nehmen ihr« Waren mit, aber sie sagen dann zu dem Passagier: Freund, ich schenke dir diese bemalte Kokosnußschale. Wenn du mir einen Schilling schenken willst, tue es, aber du mußt nicht – – –

Insoweit wäre ja der Reverend Nield mit ihrer Religion einverstanden. Auch daß sie es mit dem Zehent so streng nehmen, ist ihm recht. Die Leute von Pitcairn leben nämlich als Kommunisten, und das Geld, das sie von den Schiffen ernten, für Orangen und Kokosnüsse, für Andenken und Blumen, verwenden sie gemeinsam, indem sie sich dafür aus Amerika und Neuseeland Waren kommen lassen, – aber in den Stamm jedes zehnten Kokosnußbaums ist das Zeichen eingebrannt: LX – das heißt: Tenth of the Lord. Und jede zehnte Reihe in dem Bananenhain und jede zehnte Orange gehören Gott; diese Früchte werden nicht verkauft, um Mehl oder Sessel oder Wellblech erwerben zu können, sondern der Ertrag dieses Zehents wird den »Adventisten des siebenten Tages« nach Amerika geschickt, für ihr frommes Missionswerk.

Dies nun mißbilligt der Reverend Nield. Er hat herausgebracht, daß auch die Adventisten des siebenten Tages Ketzer sind. Sie heiligen den Samstag, gut. Östlich von der internationalen Datumslinie, also in Europa, Amerika, auch auf Pitcairn, muß man den Samstag heiligen. Ganz anders liegen die Dinge westlich vom 180. Meridian. Der Reverend Nield ist fest davon überzeugt, daß jedermann in die Hölle gelangt, der westlich vom 180. Meridian, etwa auf Neuseeland, den Samstag als den »siebenten Tag« ansieht und nicht den Sonntag.

*

Der erste Pitcairner, mit dem ich gesprochen habe, war ein Christian aus dem Samen des Meutererkapitäns. Er kam als erster an Bord der »Rotorua«, mit einem großen Korb voll von Ananas, Kokosnüssen und unbeschreiblich guten Bananen; auch hatte er »Souvenirs« zu verkaufen, Taschen aus Palmstroh, mit grauenhaften Blümchen bemalt, und Kästchen aus Kokosholz und bunte Muschelketten. Hinter ihm drein kamen aus den drei großen Booten noch hundert von seinen 164 Landsleuten, Männer, Frauen und Knaben, alle barfüßig, aber sonst respektabel In ungemein englische Kleidungsstücke gehüllt, mit Matrosenkappen und Strohhüten auf dunkelhaarigen Köpfen.

Diese Gesichter, halb englisch und halb kanakisch, sind nicht schön. Die Leute haben ein Jahrhundert Inzucht hinter sich. Merkwürdig, obwohl sie so tugendhaft sind, geht auf der Insel die Lues um: nur so ist es zu erklären, daß die Bevölkerung für diesen Felsen nicht zu viel wird, der nur acht Kilometer im Umkreis hat. Einmal, vor einem Menschenalter, hat es auf einmal eine Wahnsinnsepidemie auf Pitcairn gegeben. Zwei Jahre hindurch waren fast alle Insulaner nacheinander verrückt; dann verschwand die Seuche spurlos. Aber es liegt etwas in diesen Blicken – –

Der junge Christian, dem ich seine Früchte abkaufe, hat große Ohren, und in seinem Mund fehlen die wichtigsten Zähne. Er kann ein präzises Schulbuch-Englisch, obwohl die Leute untereinander ein schwer verständliches Gemisch aus angelsächsischen und polynesischen Worten gebrauchen.

Sobald das Geschäftliche erledigt ist, stellt der Mann von Pitcairn eine erstaunliche Frage:

»Sagen Sie, ist jetzt irgendwo Krieg, oder lebt Europa im Frieden?«

Ich weise scherzend auf einen britischen Offizier, der neben mir steht.

»Ich bin ein ehemaliger Feind, ein Österreicher, aber Sie sehen, der Captain hier tut mir nichts.«

»Oh,« sagt der Mann von Pitcairn, »wir haben unseren Feinden auch verziehen. Bis vor kurzem hat ein Österreicher unter uns gelebt, und wir haben ihn sehr geliebt, aber er ist nun gestorben.«

*

Ich habe leider vergessen, nach dem Vornamen dieses Österreichers zu fragen. Sein Familienname war Leffler, oder vielleicht Loeffler. Er kam nach dem Krieg zur Insel Pitcairn, von Tahiti her. Er war ein Greis, über Siebzig. Auf der Insel hat er, »nicht für Geld, nur aus Freundschaft«, das Handwerk eines Drechslers geübt, und ich besitze nun einen schönen Stab aus Palmholz, den er angefertigt hat, mit einer wie sehnsüchtig ausgestreckten Hand als Griff. Er hat die Eingeborenen gelehrt, diese hübschen hölzernen Kästchen zu machen, die neben dem bedauerlich geschmacklosen Krimskrams, den sie sonst verkaufen, einen letzten Schimmer wienerischen Kunstgewerbegeschmacks auszustrahlen scheinen.

Mehr weiß ich von Loeffler kaum. Er lebte ungefähr zwei Jahre auf der Insel. Er war zuletzt sehr krank, und sie pflegten ihn auf ihren Rücken an Bord der Schiffe zu tragen, über die steile Leiter.

Oh, die Girlande aus paradiesisch weißen und duftenden Morindablüten, die Girlande, die mir, nach dem schönen polynesischen Brauch, ein milchkaffeebraunes Mädchen, in rosa Kattun, um den Hals gehängt hat, ich möchte die Girlande gern und gern auf das Grab dieses Unbekannten legen, in dem ich einen von den unbezwingbar Sehnsuchtsvollen ahne, einen der rastlosen Wanderer, von meinem eigenen Schlage.

Wer nein, noch bin ich nicht bereit, so wie er auf Pitcairn zu leben und zu sterben.

*

Ich könnte es, wenn ich wollte. Ich kann ein Pitcairner werden, jeder Mensch kann ein Pitcairner werden, der nur verspricht, ein christliches, nein, ein adventistisches Dasein zu führen, nicht zu rauchen, keinen Alkohol zu genießen und für die Gemeinschaft zu arbeiten, nur aus Freundschaft, sagt der junge Christian, nicht für Geld.

Nur aus Freundschaft, nicht für Geld hat jener »Magistrat« von Pitcairn, ein Mann aus dem Stamm« des besoffen schweinischen Mörders MacCoy, einmal freiwillig jenes brennende Schiff bestiegen, um es, da Pitcairn keinen Hafen hat, als Pilot über das Meer zu einer flacheren Insel zu führen. Eine der Südseenovellen Jack Londons erzählt diese wahre Begebenheit, unter dem genialen Titel: »Der Samen MacCoys.«

*

Du, Mann oder Frau im gequälten Europa, der du oder die du oft genug vom Auswandern träumst, von irgendeiner paradiesgleichen Palmeninsel, – da brauchst nur eine Bücherkiste und ein paar alte Kleider mitzunehmen und mit einem Dampfer der New Zealand Shipping Company, Limited, von Southampton vier Wochen westwärts zu fahren; es ist billiger, als du denkst.

Dann brauchst du, auf Pitcairn, nie wieder Geld.

Wenn du nur irgendeine vernünftige Fertigkeit verstehst, bist du den Insulanern willkommen und kannst ihr Obdach und ihre Nahrung teilen. Ein Arzt und besonders ein Zahnarzt würde mit Jubel begrüßt werden, ein guter Musiker nicht minder. Ein nicht zu wilder Kunstgewerbler könnte die Souvenirindustrie dieser Leute in bessere Bahnen lenken.

Wohlverstanden, Geld ist nicht zu verdienen, nicht ein Penny. Nur der Lebensunterhalt und die Aussicht auf ein ehrenvolles Grab auf der Felsenklippe.

*

Ich weiß natürlich, daß ich aussteigen sollte und für immer auf Pitcairn bleiben. Was hindert mich eigentlich daran? Nur bürgerliche Feigheit? Oh, ich weiß sehr gut, daß ich mir einen solchen Lebensabend wünsche, das nützliche und kontemplative Inseldasein Robert Louis Stevensons oder des unbekannten Österreichers Loeffler, das Leben des tropischen Eremiten, das vielleicht nur ein sanfter und prolongierter Tod ist, ein allmähliches und vorzeitiges Verschmelzen mit einer lieblichen Vegetation, vielleicht aber, oh, vielleicht die einzige Möglichkeit, den vorwitzig geraubten Apfel wieder ganz still an den Baum der Erkenntnis zu hängen und zu leben in einem Paradies ohne Erkenntnis noch Schlange – –

Was hindert mich? Man würde ein Stück Land bebauen, süße und gewöhnliche Kartoffeln, Zuckerrohr, tropische Früchte und Brotfrucht. Man würde den verwilderten Ziegen nachjagen wie Robinson Crusoe oder die Eier der Hennen suchen, die frei über die ganze Insel dahintollen!

Was hindert mich? Vielleicht die unerträgliche, die unausstehliche Bravheit dieser frommen Insulaner? Diese Sonntagsschulbravheit, die es bewirkt, daß ihnen aus der ganzen angelsächsischen Welt fortwährend milde Gaben gesandt werden und daß eben jetzt wieder die Seeleute der »Rotorua« die Boote der Pitcairner mit vielen Kisten beladen, Weihnachtsgeschenken guter und sentimentaler Menschen auf Neuseeland?

*

Nein, ich steige nicht aus. Während die drei Boote das Schiff verlassen und auf die schäumende Brandung zufahren, auf diese Insel zu, die ich niemals betreten werde, stimmen die Pitcairner ein braves Lied an, das ihre Dichterin Rosalind Doung selbst gedichtet hat:

»Nun wollen das letzte Lied wir singen – lebet wohl, lebet wohl!
Es fliegt die Zeit mit Riesenschwingen – lebet wohl, lebet wohl!«

– und ich winke, winke ihnen nach, und beschimpfe mich heimlich, weil ich nicht mit ihnen in einem dieser Boote sitze, und bin im tiefsten Inneren dennoch froh, einer Versuchung entgangen zu sein, einer wirklichen Gefahr; lebet wohl, lebet wohl!

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