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Tausend und eine Insel

Richard Arnold Bermann: Tausend und eine Insel - Kapitel 14
Quellenangabe
typereport
authorRichard Arnold Bermann
titleTausend und eine Insel
publisherS. Fischer Verlag Berlin
printrun1. bis 6. Auflage
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ein junger Mensch in Neuseeland

Von allen Städten auf der südlichen Hälfte der Erdkugel ist Christchurch die am meisten europäische. Diese Stadt ist im Jahre 1850 aus dem englischesten England nach Neuseeland transportiert worden: einer von den großen Männern, die das britische Weltreich gebaut haben, Gibbon Wakefield, überlegte eines Tages, was alles zu einer wirklich stockenglischen Stadt gehört, also: ein anglikanischer Bischof mit einer Kathedrale, ein Carl mit einem normannischen Schloß, Professoren mit einem College, Kricketer mit Rasenplätzen, – und er packte das alles in vier Schiffe, das heißt, er schickte die nötigen Menschen und das nötige Geld, und in der Ebene von Canterbury auf der Südinsel von Neuseeland entstand eine Stadt wie Oxford, nur ein bißchen echter englisch: eine Stadt, in der jede Straße den Namen einer Diözese der Church of England trägt, mit Ausnahme der »High Street«, die selbstverständlich auch da sein muß; eine Stadt, in der englische Parks von einem Fluß namens Avon gewässert werden, eine Stadt, in der Efeu um gotische Fassaden wächst, in der riesige Bobbies kommandieren: Rechts fahren! – in der man um fünf Uhr Liptons Tea konsumiert, mit Muffins, – eine Stadt mit allen Manieren, Vorurteilen, Lebensformen des viktorianischen Englands. Das lustigste daran ist, daß Gibbon Wakefield selbst kein respektabler Viktorianer gewesen ist, sondern ein Zigeuner und Rebell; er baute dieses Christchurch, so wie ein spielendes Kind Baukastenstädte baut. Die Hauptstadt der Nachbarprovinz, Dunedin, wurde so schottisch und presbyterianisch, wie Christchurch englisch und hochkirchlich ist; auch eine englische Judenstadt, ein glorifiziertes Whitechapel, wollte Wakefield in Neuseeland gründen; es ist nicht dazu gekommen. Aber Christchurch ist ganz so, wie sein spielerischer Schöpfer es haben wollte: die nach Rosen und Seife riechende Stadt der gepflegten Gärten, der entzückenden Cottages, der sauberen Squares und der grünbewachsenen Sportplätze. Die normannische Kathedrale sieht ehrfurchterregend uralt aus, obgleich sie ganz neu ist, die Universität hat so viel Tradition wie die von Oxford, das Museum (das zwei Deutsche eingerichtet haben, Julius von Haast und dieser geniale frühere Bäckerlehrling aus Linz und spätere Maorihäuptling, Andreas Reischek), das Museum ist britischer als das British Museum in London.

Hier in Christchurch gibt es sogar noch die grotesken zweirädrigen Hansoms, die in London schon ganz durch die Autos verdrängt worden sind, und ein Hansom ist die richtige Kutsche, um in ihr über die Parkwege am Ufer des Avon spazierenzufahren, – Ufer, die gar nicht anders aussehen als die jenes anderen Avon, in Stratford. Aber an jenem Tage, da ich einen größeren Ausflug unternehmen wollte, mietete ich ein Auto. Ich ging einfach zu dem Autostandplatz auf dem Cathedral Square und sprach den erstbesten von den Chauffeuren an, die hier warteten. Cs war ein junger Mensch mit dem typischen Quadratschädel, der den Söhnen der neuseeländischen Siedler auf irgendeine geheimnisvolle Weise wächst, woher die Väter auch gekommen sein mögen; er war, wie es diesem neuen Typus entspricht, massiv und ein wenig schwer gebaut, hatte dunkle Haare und starke Augenbrauen; er war unter seiner ledernen Autojacke bürgerlich respektabel gekleidet, obwohl ein wenig altmodisch und provinziell; er war wirklich der erstbeste junge Arbeiter von Neuseeland, und er hieß Jim. Daß ich den Vornamen dieses Chauffeurs weiß und daß er den meinen weiß, das ist eben die Geschichte, die zu erzählen ich im Begriffe bin.

Jim lenkte einen der gewöhnlichen Fordwagen, die für die miserablen Landstraßen Neuseelands vortrefflich geeignet sind. Ich setzte mich nicht ins Innere, sondern draußen auf den freien Sitz neben dem Wagenlenker, um mir von ihm unterwegs die Namen von Bergen und Ortschaften sagen zu lassen. Ich wollte den berühmten Höhenweg von Christchurch nach Akaroa kennenlernen. Christchurch liegt in der großen Ebene, nicht weit vom Meere, und Akaroa liegt an einem herrlichen Fjord, der in eine gebirgige Halbinsel eingeschnitten ist. Man hatte mir die Schönheit der Bergstraße gerühmt, die man auf der Fahrt nach Akaroa zu passieren hat, den berauschenden Blick auf die zackige Klippenküste des Ozeans, das liebe Grün der baumlosen Wiesenlandschaft und den besonderen Reiz der kleinen Hafenstadt Akaroa, die nicht von Engländern, sondern von Franzosen gegründet worden ist und die inmitten ihrer blühenden Obstgärten wie eine Stadt der Normandie aussieht.

Ich machte mit dem Chauffeur Jim den Fahrpreis aus; es war ein tüchtiger Fahrpreis, und Jim bestand hartnäckig genug auf der Forderung, die Interessen des Autounternehmers, seines Arbeitgebers, energisch wahrend. Sobald ich aber geseufzt und eingewilligt hatte, schien zwischen uns beiden jede geschäftliche Beziehung ausgeschaltet; der junge Mensch, der sich lachend neben mich auf den Chauffeursitz schwang, hätte sich nicht anders benehmen können, wenn er mich, einen alten Freund, eingeladen gehabt hätte, sein Privatauto mit ihm zu benützen. War einerseits ich als der Ältere und Fremde ein wenig zu respektieren, so gab andererseits dem jungen Chauffeur (nach seiner Meinung) seine Eigenschaft als Brite, ja als Neuseeländer ein« gewisse soziale Überlegenheit. Auch war mein Beruf unbekannt, also ein wenig verdächtig, während Jim doch bestimmt etwas Ansehnliches und Solides war, ein eingetragenes Mitglied der Transportarbeiter-Gewerkschaft. Sich mir irgendwie untergeordnet zu fühlen, als eine Art Diener, konnte ihm keinen Augenblick einfallen, er hätte mich für irrsinnig gehalten, wenn mein Benehmen ihn etwa hätte vermuten lassen, ich empfände unser Verhältnis so und wünschte als Herr behandelt zu werden und nicht als älterer Kamerad und Reisegefährte. Wir fuhren los, und nach wenigen Kilometern hatte ich Jim als zuverlässigen Motorführer erkannt, in dessen geschickten Händen das Lenkrad und das Leben des Fahrgastes sicher waren. Die nötigen Griffe tat er wie beiläufig und als hätten sie weiter keine Bedeutung; er hatte die Hände immer frei, wenn er sich eine Zigarette anstecken wollte oder mir etwas zeigen; er konnte im Fahren sprechen und aufmerksam meinen Antworten folgen; dennoch sah er die Steine am Weg und nahm waghalsige Kurven mit Ruhe und Eleganz; er konnte jungenhaft lustig sein, und doch war kein Zweifel an seiner Mannheit möglich. Er war zugleich ein Arbeiter bei der Berufsarbeit und ein lachender Bub auf einem Ausflug. Vielleicht war dieses Lachen ein wenig robust, das ruhige Selbstbewußtsein ein bißchen zu früh gefestigt. Kein junger Lord, in der Tat, sondern ein als Chauffeur verdungener Farmerssohn aus dem Busch, erfüllt von gesunden Muskeln und gesunden Ideen: man mußte den Sonntag heiligen und jeden Tag um fünf Uhr nachmittag Tee trinken; zwischen fünf und sechs war es männlich, Whisky zu konsumieren. Die Welt gehörte dem König von England, doch war sie im großen und ganzen ein provinzielles Zubehör zu Gott's eigenem Lande, Neuseeland. Man aß fünfmal am Tag Fleisch, natürlich, und sagte niemals vor Damen: » damned«.

Wir fuhren langsam durch die Vorstädte am Avon, und der kleine krumme Fluß war entzückend, mit den vielen Brücken, den Trauerweiden an den Uferhängen und den schönen Gärten, in denen die kleinen Häuser standen, jedes mit einem offenen Portikus, und Schaukelstühlen darunter, und hellgekleideten Kindern davor, jedes ein Stückchen bürgerlicher Glückseligkeit, mit Rosen und Glyzinen, mit Glaskugeln und Springbrunnen, mit Badezimmer und Nursery, mit elektrischem Licht und Vacuum Cleaner, mit Gasherd und Telephon und Antenne, mit jeglichem Requisit mittleren Wohlstands. – »Wer wohnt denn in diesen Gärten?« frage ich den Chauffeur Jim. Ich wußte es, ich hatte die gleiche Frage schon in den Gartenvorstädten der anderen neuseeländischen Städte getan, und ich hatte diese beglückende Antwort bekommen, die ich nun wieder zu hören wünschte: Hier wohnt das proletarische Volk. – Jim sah mich über den Volant zweifelnd an: verachtete ich vielleicht die Neuseeländer, weil bei ihnen das gemeine Volk so bescheiden wohnte? Er fing gleich an, mich auf einzelne Villen reicher Leute aufmerksam zu machen; oh, das gab es auch, die Gärten waren größer, die Veranden verglast, es gab mindestens ein oberes Stockwerk, das waren Herrensitze, nicht bloß so Fünfzimmerhäuser wie die der Ladenkommis und Tramwaykondukteure!

Nun waren wir im Freien, und Jim lenkte unser Auto zur Höhe eines Berges, den die vielen Schafe ganz kahl gefressen hatten, und man sah unten die grüne Ebene, die Stadt und den Horizontkreis der gletschergekrönten fernen Alpenberge. Es war gegen Mittag, und ein Steinklopfer, der den Weg verbesserte, der Weg hatte es nötig, saß am Straßenrand und ruhte aus; es war ein ganz gewöhnlicher staubiger Steinklopfer in einem blauen Kittel, ein Steinklopfer wie in Europa, und wie in Europa hatte die Frau des Steinklopfers ihrem Mann das Mittagessen herausgebracht. In einem Blechgefäß, das sie an einem Henkel trug; diese Frau war eine Dame, sie hatte einen Topfhut mit Lederblumen auf dem Kopf, und ihr Kleid war ein Sommerkleid nach der letzten Mode von Christchurch, die die vorletzte Mode von Sydney ist; sie beschützte ihren Teint mit einem rotseidenen Schirm und war überhaupt eine Bourgeoise, so wie ihr Steinklopfer, nachdem er sich gewaschen haben würde, sicherlich ein Bourgeois werden mußte, mit einer goldenen Uhrkette auf seinem Bauch. Diese beiden Menschen wohnten natürlich in einer der kleinen Villen, die ich gesehen hatte, der Mann hatte seinen guten Lohn, beide durften auf eine ausreichende Versorgung in ihrem Alter hoffen, da sie Arbeitsmenschen auf Neuseeland waren; und was die große Leidenschaft im Leben dieses Steinklopfers war, das wußte ich: natürlich die Pferderennen.

Wir kamen höher hinauf, bis zum Kamm der Berge, und sahen das herrliche Bild, die vulkanischen Höhenzüge und fruchtbaren Lavaschluchten der Halbinsel, zwischen dem offenen Ozean und dem tief eingeschnittenen Fjord, an dem Akaroa liegt, einem Fjord, der den norditalienischen Seen ähnelt und so schön ist wie sie. Auf der Höhe des Passes, im Wirtshaus zum Kiwi, wollte ich zu Mittag essen. Jim brachte das Auto zum Stehen; es kam der Augenblick, in dem der europäische Tourist hochmütig gütevoll zu seinem Chauffeur sagt: »Lassen Sie sich auch etwas zum Essen geben« – und vornehm an dem Dank des Mannes vorbeigeht zu seinem herrschaftlichen Tisch.

Der Chauffeur Jim sagte, als ich ausgestiegen war: »Sie nehmen doch vor dem Essen einen Cocktail, nicht? – Jack, zwei Martini-Cocktails!«

Der Kellner Jack sagte:

» Right, o', Jim!« Es war alles In Ordnung; daß ich, der Fremde, Jims Gast war, was hätte natürlicher sein können, man muß doch die Honneurs seines Landes machen, wie? Gleich saßen wir vor einem Tisch im Freien und aßen kaltes Fleisch mit Pickles; der Kellner Jack brachte nach den Cocktails australisches Flaschenbier und blieb interessiert neben unserem Tisch stehen. Er war ein Londoner Cockney, erst seit zwei Jahren im Land, er sprach das H nicht aus und hatte noch ein bißchen Verachtung zu überwinden, wenn er von den Colonials redete, diesen Provinzlern von Neuseeland. »Aber, Sir,« sagte er, »es ist doch ein gutes Land. Es ist ein gutes Land zum Arbeiten, hier ist ein jeder genau so viel wie sein Boß! Cheddarkäse, Sir? Gleich, Sir!«

Ich hatte unterdessen dem Chauffeur Jim Rede zu stehen. Also, was dachte ich eigentlich von der Dominion of New Zealand?

»Das schönste Land der Welt,« sagte ich. »Und das reichste Land der Welt. Ob es das glücklichste Land der Welt ist, das müssen Sie mir mitteilen, Jim. Mir will es scheinen, als ob ihr euch alle ein bißchen langweiltet. Ihr habt keine Kunst, keine Theater, keine Musik – –«

Jim fiel mir eifrig ins Wort. In jedem neuseeländischen Ort war doch schon ein Kino, mit den neuesten amerikanischen Cowboyfilmen. Nun ja, Bilder und so – – Aber Musik! Ich würde anders reden, wenn ich erst die diesjährige Landesausstellung in Dunedin besucht haben würde! Die Neuseeländer fuhren zu Hunderttausenden hin, so gut wie alle; und hauptsächlich wegen der herrlichen Musik, die man dort zu hören bekam: die Dudelsackkapelle zweier schottischer Hochländerregimenter. Zwei zugleich, bitte!

»Der Gentleman hat ganz recht,« sagte Jack, der den Käse gebracht hatte. »Neuseeland ist ein gutes Land, aber langsam, wie?« Die beiden begannen zu streiten, ob Neuseeland » slow« sei oder » fast«, langsam oder schnell. Ihr Streit war nicht heftig, sondern kameradschaftlich und neckisch; er wurde mit wenigen und nicht sehr korrekten Vokabeln geführt, und keiner von beiden holte seine Waffen aus einem besonders gut versehenen Arsenal von Gedanken. Ich saß dabei, ein Fremder, der nicht mitzureden hatte, und dachte, die göttliche Landschaft genießend, daß diesem Land ohne Armut nur noch dieses eine zu fehlen schien, ein bißchen mehr geistiges Leben und ein Hauch von Kunst, daß es, in der Tat, ganz ein neues Hellas war, nur ohne Sklaverei und ohne Kunst, daß hier entweder eine neue höhere Stufe des Menschentums erreicht werden konnte oder daß gerade hier die große Entscheidungsschlacht verlorengehen würde. Wenn Neuseeland mißlingt, dachte ich, wird man sagen, daß das Leben in einer vom sozialen Druck befreiten Welt nicht begehrenswert ist – –

Da wir unsere Mahlzeit beendet hatten, zahlte Jim die Rechnung wie ein Grandseigneur; er hatte mich vorhin gezwungen, einem Fahrpreis zuzustimmen, der ihm selbst reichliche Entlohnung sicherte, nun aber, außerhalb des Gewerkschaftlichen und Geschäftlichen, war er freigebig und gastlich gewesen.

Wir stiegen wieder in unser Auto und fuhren über die Berghöhe abwärts, den Uferklippen entgegen, und nun wurde die Landschaft immer schöner und reicher. Um uns war das halb italienische Frühlingsland, das südeuropäische Blumen und Früchte trägt; die Öl- und Nußbäume, die die ersten französischen Siedler hierhergebracht haben, leben noch und haben sich vermehrt; und es gibt Akazien und Mandelbäume, Zitronen und Orangen und in alten Gärten Abkömmlinge der Weinstöcke von Bordeaux.

An einer Stelle, von der aus man das seidige blaue Wasser des Fjords sehen konnte und jenseits die roten Dächer von Akaroa und die weißen Blüten in den Gärten, bat ich Jim, stehenzubleiben, und wir rauchten eine Zigarre miteinander, bevor wir weiterfuhren. Ich fragte Jim nach den Einzelheiten einer schrecklichen Geschichte, die einmal auf dieser schönen Halbinsel sich ereignet hatte: der Überfall des Maori-Napoleons Te Rauparaha auf den hier einst wohnhaften Eingeborenenstamm, der besiegt und gefressen worden ist. Es zeigte sich, daß Jim eine gute Schulbildung besaß und um die Dinge seiner Heimat Bescheid wußte. Er kannte auch die Geschichte jener ersten französischen Siedlung in Akaroa, die Geschichte der fünfundsechzig Emigranten auf dem Segelschiff »Le Comte de Paris«, die im Jahre 1835 auf ein Haar die Südinsel Neuseelands für Frankreich in Besitz genommen hätten. Er sprach mit Stolz davon, daß das vereitelt worden war, und er freute sich, daß ich seine Ansichten teilte. Die britische Demokratie auf Neuseeland schien uns beiden das am besten gelungene Kolonisationswerk des neunzehnten Jahrhunderts und im zwanzigsten noch eine große Hoffnung der weißen Menschheit. Welcher Erfolg! Im Jahre 1830 frißt Te Rauparaha mit den Seinen die Bevölkerung von Akaroa auf, im Jahre 1853 hat Neuseeland eine parlamentarische Verfassung, zu der Zeit, da viele deutsche Staaten keine haben; vierzig Jahre später schafft sich diese kleine Demokratie eine Serie von großartigen sozialen Gesetzen, wie sie bis dahin die Welt nicht gekannt hat: der neuseeländische Arbeiter und Angestellte erlangt seinen Anteil am Nationalwohlstand, hohen Lohn, vernünftige Arbeitsbedingungen, Sicherheit im Alter und Schutz für Frauen, Kinder, Kranke. Drei Jahrzehnte, nachdem man der Volkswirtschaft diese Lasten aufgebürdet hat – ist Neuseeland dasjenige Land der Welt, das die relativ größte Güterausfuhr hat; es ist nicht nur das Land ohne Armut, es ist auch noch das reichste Land der Welt.

»Jim,« sagte ich, »was bleibt einem arbeitenden Menschen auf Neuseeland eigentlich noch zu wünschen übrig?«

Jim verstand die Frage persönlich. »Oh,« sagte er, »man wünscht sich noch manches. Ich möchte gerne reisen, Europa muß schön sein – –«

»Sie möchten Italien sehen, Jim? Oder Paris?«

»Nein,« sagte Jim. »Ich möchte Sowjetrußland sehen. Oh, das muß ein wunderbares Land sein. Ein Land für Arbeiter! Haben Sie vielleicht Lenin gekannt?«

*

Es kann nicht verschwiegen werden, was ich von diesem jungen neuseeländischen Arbeiter dann gehört habe: daß er, im Besitz aller Vorteile einer guten bürgerlichen Sozialreform, mit einer schwärmerischen und religiösen Inbrunst an Wladimir Iljitsch Lenin glaubt, an einen sozialen Umbau der ganzen Welt, der ihn, Jim, kaum wohlhabender machen kann und den er und viele seiner Arbeitsgenossen dennoch in ihren Träumen ersehnen als Glück über ihrem Glück und Himmel über ihrem irdischen Paradies.

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