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Tausend und eine Insel

Richard Arnold Bermann: Tausend und eine Insel - Kapitel 13
Quellenangabe
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authorRichard Arnold Bermann
titleTausend und eine Insel
publisherS. Fischer Verlag Berlin
printrun1. bis 6. Auflage
year1927
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Hinemoa

»Setzen Sie sich her, Rangi, und erzählen Sie mir – –«

»Wir werden die Eruption des großen Pohuti-Geisers versäumen,« sagt das braune Maorimädchen Rangi. »Der Pohuti-Geiser wird gleich spielen; seine Wassersäule ist neunzig Fuß hoch und – –«

»Rangi,« sage ich, »heißes Wasser ist heißes Wasser, wir wollen es kochen und spritzen lassen. Setzen Sie sich her, Rangi, so, auf den Rasen, daß wir das Geschnitzte Haus vor den Augen haben, die Bilder der Maorigötter und Ihrer Ahnen, und denken wir nicht an kochendes Wasser, Rangi!«

Aber ich weiß, daß wir an kochendes Wasser denken müssen. Wir sitzen hier auf dem Burghügel, über dem vulkanischen Tal von Whakarewarewa, und die Manukabüsche, weiß blühend, halb Myrten, halb Schlehdorn, verhehlen ein wenig das Grauen der dampfenden Landschaft; dennoch sehe ich, wohin ich mich wende, die weißen Säulen zum Himmel sprudeln, und sicherlich riecht es nach heißem Wasser und Schwefel. Aber der blaßblaue Frühlingshimmel Neuseelands ist über uns, und ich kann in der Ferne den Wasserspiegel des großen Sees erblicken und eine hochragende Felseninsel in seiner Mitte. Auch singen hundert und hundert verborgene Vögel, so wie nur hier auf Neuseeland die Vögel singen. Das alles tröstet mich; ich fühle mich diesem entsetzlichen Tal des kochenden Baches entronnen, dem Schrecken der glucksenden Schlammvulkane, der plötzlich explodierenden Geiser; zwischen mir und dem Brodeln dieses Infernos liegt ein doppelter Zaun aus spitzigen Pfählen, und uralte Götter halten am Zaun die Wache, das tätowierte hölzerne Antlitz mit den großen glotzenden Muschelaugen den Abgründen zugekehrt; ich empfinde den wehrhaften Frieden dieser geheiligten Burg. Denn wir sitzen hier in einer befestigten Pa der Maori, auf dem großen Platz des altertümlichen Dorfes, das nicht mehr bewohnt wird, nur den Touristen gezeigt, die die Thermen von Rotorua besuchen kommen; und vor mir erhebt sich, wunderbar anzusehen, die große Whare Whakairo, das Geschnitzte Haus, mit dem fast hellenischen Tempelportikus und den bebilderten Pfosten, Pfeilern und Firsten.

»Rangi,« sage ich, »seien Sie menschlich. Vergessen Sie, daß Sie einem weißen Touristen diesen ganzen vulkanischen Wasserzirkus zu zeigen haben, kraft Ihres Führeramtes. Ich will den großen Geiser nicht hopsen sehen, und der Schlammpfuhl, der wie ein Schwein grunzt, ist mir egal; und der andere, dessen Blasen den Blüten der Arumlilie gleichen – –«

»Sie haben Entree gezahlt,« sagt die Fremdenführerin Rangi. Sie steht vor mir, groß und ein wenig zu mager. Sie trägt ihre europäischen Kleider, aus einem schottisch karierten Stoff von erheblicher Buntheit, und hat einen Topfhut auf ihrem Kopf; sie geht nicht einmal barfuß. Aber das eigenwillige, kraftvoll geformte Gesicht ist nicht verkleidet; diese Frau ist zu adelig, um »schön« zu sein. Kein Negerzug in diesem aristokratischen Antlitz, doch auch kein Tropfen von weißem Bastardblut in diesen polynesischen Adern.

»Gut,« sage ich, »gut. Miß Rangi. Sie wünschen keine private Konversation; ich bin ein fremder Herr, der Sie engagiert hat, damit Sie ihm die Sehenswürdigkeiten erklären. Erklären Sie, bitte! Aber den Geiser brauche ich nicht, ich mag gerade jetzt keinen Geiser, der wallt morgen wieder! Ich, ein großmächtiger Tourist und Gast im Kurorte Rotorua, wünsche hiermit, daß meine pflichttreue Führerin mir dieses geschnitzte Haus hier erkläre. Ja, ich will wissen, was diese Bilder bedeuten; also fangen Sie an!«

Ich ziehe ein Notizbuch aus der Tasche. Das braune Maorimädchen Rangi lächelt, ein wenig erweicht. Ich habe ihre Reserve noch nicht überwunden, aber sie weiß sehr gut, warum ich nun seit drei Tagen immer wieder nach Whakarewarewa spaziere und daß ein lebendiger Mensch namens Rangi das Ziel dieser kleinen Spaziergänge ist, nicht das Wunder der heißen Wasser.

»Miß Rangi,« sage ich mit großer Strenge, »Sie werden mir jetzt für die zwei Schillinge und Sixpence, die ich Ihnen gezahlt habe, und außerdem, weil ich Sie schön bitte, ganz genau erklären, was die Schnitzereien an der Fassade dieses Hauses bedeuten. Aber keinen eingelernten Fremdenführerunsinn, wenn es gefällig ist! Nicht wie unten, bei den Geisern. Sie haben mir gestern und vorgestern die wichtigsten Tatsachen vorenthalten –«

Jetzt habe ich sie endlich gereizt. Ihre Augen sprühen. Noch ein wenig mehr Zorn, denke ich, und sie wird die Zunge Herausstrecken, à la Maori, mit der Geste, die bedeutet: ich werde dich fressen! Dein Blut werde ich trinken. Rangi ist sehr stolz auf ihre Funktionen als Fremdenführerin im Thermalbezirk von Whakarewarewa und nimmt dieses lächerliche Geschäft vollkommen ernst.

»Sie sagen eine Unwahrheit!« beginnt sie kriegerisch. »Ich habe Ihnen zweimal alles erklärt – –«

»O ja,« sage ich, »Sie haben mich zwischen heißen Springbrunnen spazierengeführt, bis ich beschlossen habe, nie wieder in einen Kochtopf zu blicken. Ich habe das große Blasloch von Weirakei gesehen und bin über den siedenden See gefahren, auf dessen Grund das versunkene Maoridorf liegt. Sie haben mich über die Brücke gejagt, die man rennend passieren muß, weil alle drei Minuten ein Wasserstrahl aus dem Zentrum der Hölle über sie hinspritzt. Ich habe den Drachenschlund gesehen und das versteinerte Geiernest, und habe: ah! gesagt an der nicht mehr vorhandenen Stätte der berühmten weißen und roten Sinterterrassen, die der Vulkan Tarawera begraben hat. Ich bin getreulich hinter Ihnen hergezottelt, auf schmalen Wegen, unter denen man die Erde wackeln fühlt, und Sie haben mir genau erklärt, welche heiße Quelle Silikate enthält und welche Jod und welche Eisen, und daß man diesen brodelnden Schlammpfuhl den Kaffeetopf nennt und jenen den Grützekessel. Rangi, Rangi, Sie schämen sich nicht? Sie sagen mir lauter Sachen, von denen wir beide gar nichts verstehen, und was Sie wirklich wissen, das verbergen Sie mir!«

»Ich habe Ihnen alles erklärt!« beharrt sie, mit Kannibalenaugen.

»Ich verlange fünf Schillinge von Ihnen zurück, verehrte Miß Rangi. Welche von den brühheißen Schwefelquellen war die, über die Hatupatu gesprungen ist? Sie wissen, das Ogerweib, das ihn jagte, glaubte, das Wasser sei kalt, und fiel, da sie nachsprang, hinein. Sie wissen, das Waldweib aus der schrecklichen Vogelhöhle. Wie hieß sie? Kura? ›Kura mit den Klauen‹, wenn ich nicht irre?«

»Oh,« sagt sie, doch ein bißchen beschämt, »das sind so Maorisachen, und – –«

»Und ich bin ein Pakeha, wie, und lache doch nur darüber? Rangi, Sie kennen mich nicht. Ich halte Silikate für alberne Mythen und habe niemals an Jodverbindungen glauben mögen, daß aber in dem tiefen Farnwald Neuseelands gespenstische Unholde wohnen müssen, das erscheint mir so unbestreitbar gewiß. Natürlich wohnt in dem neuseeländischen Busch ein struppiges Riesenweib, mit Klauen und einem Maul, spitz genug, um arme Vögel zu sperren! Natürlich lauert sie schönen Maorijünglingen auf. Daß sie in die heißen Quellen gefallen ist, kann ein jeder riechen. Sie stinken nach Ogerweib!«

»Sehen Sie, Sie spotten!« sagt das Maorimädchen Rangi.

»Aber nein,« schwöre ich. »Nur Sie, in Ihrem durch Bücher zerstörten Gemüt, glauben nicht mehr an das struppige Vogelweib Kura. Rangi, Rangi, warum haben Sie in Napier die höhere Mädchenschule besuchen müssen! Jetzt glauben Sie an lauter Silikate und solche abergläubische Sachen. Rangi, Hand aufs Herz, wer hat in den Tagen der Schöpfung den Himmel von der Erde geschieden?«

»Der Waldgott Tane Mahuta,« antwortet sie sofort.

Rangi macht ein paar Schritte auf das geschnitzte Haus zu und bleibt In der offenen Vorhalle unter dem hellenischen Giebel stehen. »Dies hier«, sagt sie, »ist Tane.« Sie weist auf den mittleren Pfeiler, der den Firstbalken trägt. Ein verzerrter Riese, furchterregend, mit perlmutterglänzenden Muscheln in seinen großen Augenhöhlen, stemmt seine Arme aufwärts, gegen den Balken, aus dem mit weit geöffnetem Munde ein Antlitz starrt –

»Dies ist Tane,« sagt das Maorimädchen. »Und das über ihm, das Gesicht, das weint, das ist der Himmel, Rangi. Ja, ich heiße nach diesem Gott, aber er ist ein Mann. Papa, das ist die Mutter, die Erde, hier unten. Sie lieben einander, wissen Sie, und sind so enge vereinigt, daß zwischen ihnen nicht Platz bleibt für das Licht, – da wollen ihre Kinder, die Götter, sie töten. – Nein, sagt Tane Mahuta, der Gott der Bäume; nein, nicht so; wir wollen sie nur auseinanderreißen, so daß der Himmel hoch über uns sei und die Erde zu unseren Füßen – – Unser Vater, der Himmel, mag uns ein Fremder werden, aber der nährenden Mutter wollen wir nahe bleiben. Sehen Sie, hier reißt Tane seinen Vater Himmel aus den Armen seiner Mutter Erde, und der Himmel weint und weint seine Regentränen – –«

Ich höre schweigend zu. Das ist der Schöpfungsmythus der Polynesier, den ich schon auf Hawaii gehört habe, nur in der Version der Maori, verändert und wunderbar vertieft. Da ich nichts rede, sieht mich das braune Mädchen von der Seite an, ob ich wohl lachen werde. Ich lache nicht. »Ist es denn nicht wahr?« sage ich. »Stemmt sich die Gottheit des Waldes, der Baum, denn nicht zwischen Himmel und Erde? Glauben Sie nicht an diese Geschichte, Rangi?«

»Nicht mehr, als Sie an die Geschichte von Adam und Eva glauben,« sagt Rangi rebellisch. »Und ich sehe nicht ein, warum ich weniger an sie glauben sollte!«

Das gefällt mir an Rangi, sie denkt wie ein erwachsener Mensch und empfindet kindlich.

»Rangi, Sie sind eine polynesische Heidin!«

»Nein,« sagt sie und wirft den Kopf mit den halblangen Haaren zurück, »ich gehe am Sonntag in die anglikanische Kirche, aber ich bin ein Maorimädchen, eine Arawa von dem alten Blut, und ich will meine Ahnen nicht gemein verleugnen. Soll ich Ihnen die Bilder weiter erklären, Doktor?«

»Rangi,« frage ich, »warum tragen Sie diese europäischen Kleider? Versprechen Sie mir, daß ich Sie einmal so sehen werde, wie Sie sind, in dem flächsernen Mantel, mit dem buntdurchwirkten Stirnband und der Feder des Vogels Huia darin – –«

Das Maorimädchen sieht aus, als ob sie rot werden würde, wenn sie nicht so braun wäre. Sie hat ihre modernste Toilette am Leibe, und es gefällt ihr nicht, daß ich etwas dagegen einwende. »Sie werden mich im Nationalkostüm sehen,« sagt sie kurz. »Mittwoch, wenn wir die Tänze aufführen.«

Sie hat mir schon angekündigt, daß die jungen Leute von Notorua am Mittwoch hier vor dem geschnitzten Haus tanzen werden, die Krieger die militärische Haka, den Tanz der nackten Oberleiber, der drohenden und grotesken Gesten, der scharf hervorgestoßenen rhythmischen Trutzrufe, und die Frauen jenen berühmten Poi-Tanz, bei dem die Tänzerinnen in jeder Hand einen kleinen aus Binsen geflochtenen Ball halten, an einer Schnur, die es gestattet, ihn im Takt der alten Lieder zu schwingen, so daß sein beseeltes Spiel die Mimik unterstützt, den Inhalt des Tanzliedes akzentuierend.

Aber Rangi will nicht gern vorher von diesem großen festlichen Tanz sprechen. Obwohl man diese Tänze den Touristen vormacht, sind sie doch immer noch »tabu«, eine bedeutende und eigentlich heilige Sache, über die nicht gescherzt werden soll. Um das Gespräch zu wenden, erinnert sich meine Führerin ihrer Aufgabe und fängt wieder an, mir die Bildwerke des geschnitzten Hauses zu erklären. »Das,« sagt sie, »auf diesem Pfosten hier, das ist unser Heros Maui, wie er den ungeheueren Fisch aus dem Wasser zieht, mit seiner verzauberten Angel. Sie wissen: ›Te Ika a Maui‹, Mauis Fisch, die Nordinsel von Neuseeland. Die Südinsel ist das versteinerte Boot, aus dem Maui gefischt hat. Hier, diese Leiste aus rotem Totara-Holz, das ist Maui, mit dem Fisch an der Leine.«

»Wer ist der Mann auf der nächsten Säule?« frage ich.

Sie sieht mich an, wie eine Lehrerin einen dummen Jungen, der Unsinn fragt. »Sehen Sie nicht, daß dieses Gesicht nur um Kinn und Lippen tätowierte Linien trägt, nicht auch auf Stirne und Wangen? Hier, dieser große Kopf, über und über mit schönen Spiralen bedeckt, das ist ein Mann und ein Häuptling. Ein nur um den Mund tätowiertes Gesicht ist ein Frauengesicht, das könnten Sie wissen. Die verheirateten Frauen unten im Dorf tätowieren sich immer noch so, obwohl es die Männer schon lange nicht tun. Dies ist meine Ahnfrau, die Schwimmerin, Hinemoa!«

»Um Gottes willen, Rangt, werden Sie sich Ihren schönen starken Mund auch einmal blau tätowieren?«

»Warum nicht?« ruft sie scharf.

»Weil es abscheulich ist.«

»Das sagen Sie. Aber ich will doch nicht Ihnen gefallen. Der Maori, den ich vielleicht einmal heiraten werde – –«

Sie ändert den Ton, wird unvermittelt vertraulich. »Wenn ich jemals heirate, wird mein Mann ein Rangatira sein, ein Maori von ungemischtem polynesischen Häuptlingsblut, der seine Ahnen aufzählen kann, bis zu dem Ruderer in dem großen Kriegskanu, das unsere ersten Vorfahren von den heißen Inseln nach Aotearoa gebracht hat, diesem Land der Langen Weißen Wolke.«

»Ich bin davon überzeugt, Fräulein Rangi, daß Ihre fernsten Ahnen illustre Menschenfresser gewesen sind – – Nein, seien Sie nicht beleidigt. Sie wissen sehr gut, daß sie Menschen gegessen haben, und glauben Sie, daß ich etwas dagegen habe?«

Sie unterbricht mich. Das Thema ist immerhin peinlich. »Kommen Sie, stehen Sie auf, ich will Ihnen das interessanteste Schnitzwerk zeigen!«

Sie ist jetzt ganz eine Fremdenführerin und läßt ihren Touristen nicht sitzen, wo er gern möchte. In mir erwacht der verdammte Instinkt des Sehenswürdigkeitenbesichtigers, und ich gehe ihr folgsam nach, nicht weit, nur bis zu dem Palisadenzaun, der das Dutzend Häuser der Pa umgibt und die prunkvoll geschnitzten Vorratskammern der alten und toten Maorifürsten.

Der Zaun der Pa, aus hohen und spitzen Pfählen, die kunstvoll an längsgelegte Balken gebunden sind, mit den festen Flachsfasern der Phormiumblätter, dieser zweifache Zaun, durch einen Graben nochmals geschützt und an den Ecken der Pa mit flankierenden Türmen aus Flechtwerk vereinigt – dieser Zaun, ein wahres Wunderwerk militärischer Kunst und gar nicht so viel primitiver als die neuen verdrahteten Schützengräben –, der Zaun ist wie von einer lebenden Garnison von stärkeren Pflöcken besetzt, die schützende Götter und Helden darstellen sollen. Sie wenden ihre bösen Gesichter nach außen und strecken freßgierige Zungen gegen den etwa belagernden Feind. In der Mitte der Palisade ist ein hohes und schmales Tor, von einem anmutigen doppelten Bogen hoch überwölbt. Aus der Füllung des Bogens ist, so daß das Licht durch die Löcher scheint, ein Bildwerk ausgeschnitten. Ich trete mit Rangi heraus aus dem Tor und sehe, daß diese hölzerne Plastik einen Mann zeigt, der, sitzend, ein Weib mit seinen Armen umfängt. Ja, sie ist eine Frau, mit tätowierten Lippen, und sein Gesicht ist ganz von den Spiralen durchfurcht, die den krausen Farnen des neuseeländischen Buschwaldes gleichen. In seiner einen Hand, an der Hüfte der kauernden Frau, hält er eine Häuptlingskeule von der Form eines römischen Schwerts. Die beiden Gesichter, mit großen Perlmutteraugen, sind nicht so grotesk und verzerrt, wie sonst der Maorischnitzer das Menschenantlitz empfindet. Nein, es scheint mir das Licht einer großen Liebe gütig aus ihnen zu leuchten.

»Das sind meine Ahnen,« sagt das Maorimädchen Rangi, und ich höre in ihrer Stimme nicht Stolz, sondern selbstbewußte Bescheidenheit. So, ein bißchen apologetisch, würde eine Prinzessin irgendwo in Europa vor dem Bilde Maria Stuarts sagen, daß sie von ihr abstamme. (»Aber bitte, das macht nichts, was kann ich dafür, ich rede dennoch mit Ihnen!«)

»Das sind meine Ahnen,« sagt Rangi, »die Ahnen des Stammes Arawa, Hinemoa und ihr Geliebter Tutanekai – –«

»Die Geschichte!« rufe ich. »Rangi, ich brauche diese Geschichte! Diese Hinemoa, dieser Tutanekai werden den erlauchten Stamm der Arawa nicht ohne weiteres einfach erzeugt haben, hier ist etwas vorgefallen! Sehe ich das diesem wunderbar schönen Torbogen nicht an? Die Geschichte, Rangi!«

»Man wird mich unten in Whaka brauchen,« sagt Rangi.

»Sagen Sie nicht Whaka, wie die australischen Touristen, Rangi – – Und niemand braucht Sie in Whakarewarewa. Ihre süßen Kumarakartoffeln und das gepökelte Rindfleisch kochen ganz allein in der heißen Quelle, in die Sie den Kochtops gehängt haben, und Touristen sind keine gekommen, es ist noch nicht die Saison, und wenn sie gekommen sind, soll ein anderes Maorigirl sie führen, seien Sie nicht verdienstgierig, Rangi! Ich muß die Geschichte haben!«

»Gut,« sagt Rangi, »aber erst geben Sie mir eine Zigarette!«

Wir setzen uns, außerhalb des geschnitzten Tors, auf den Rand des tief eingeschnittenen Weges, unter den weißblühenden Manukabusch, den die Weißen den Teebaum nennen, obwohl er kein Baum ist und keinen Tee trägt. Das Gestrüpp ist voll von Vögeln, und ihr Gesang hört keinen Augenblick auf, das Flöten, Trompeten und Läuten der kleinen Stimmen.

Wir sitzen da, Rangi und ich, und haben die Pa im Rücken und unter uns das dampfende Höllental der Geiser und Schwefeltümpel. Es ist Mittag, im Monat November, der der Mai von Neuseeland ist; in der Ferne, tief unter uns, sehen wir den See Rotorua, und in der Mitte des ungeheueren blinkenden Beckens steigt dunkel die Felseninsel empor, Mokoia.

»Auf dieser Insel,« sagt das Maorimädchen Rangi und wirft ihre Zigarette fort und ist auf einmal ganz fremd und heidnisch – »auf dieser Insel wohnte Tutanekai. Seine Mutter war Rangi-Uru; ihr erster Gatte war Whakaue-Kaipapa, der Ahne des Stamms Ngatiwhakaue; aber sie lief ihm mit dem Häuptling Tuwharetao davon, von dem die Te Heukeu stammen und die Ngatituwharetoa –«

»Um Gottes willen,« plädiere ich, »hören Sie mit den langen Namen auf!«

»Wir Maori«, sagt Rangi mit zuckenden Lippen, »sind blinde Heiden gewesen und Menschenfresser, und wir halten es in unserer Einfalt nicht für unwichtig, von welchen Männern und Frauen wir stammen – –

Aber gut, ich erzähle Ihnen diese Geschichte ja doch in der englischen Sprache, die sie nicht ausdrücken kann. Wenn etwas schwarz ist, sagen Sie › black‹ und sind zufrieden, und das Wort › white‹ genügt Ihnen, um alles Weiße zu bezeichnen; in meiner ungebildeten Sprache habe ich zehn verschiedene Vokabeln für ›schwarz‹ und vierzehn für ›weiß‹; und ich kann dreizehn verschiedene Nuancen der roten Farbe durch je ein besonderes Wort kenntlich machen. In der Pakehasprache kann man Maorisachen eigentlich nicht erzählen. Soll ich von meinen Leuten reden und solche Worte gebrauchen wie: ›Cheirrung‹? –

Also gut, ich werde sprechen wie Ihre Zeitungen,« sagt Rangi und schürzt ihre etwas zu vollen Lippen auf. »Also gut, meinetwegen: Cheirrung. Eine Cheirrung im Hause Whakaue-Kaipapa, auf der Insel Mokoia, verstehen Sie? Drei Söhne hat die Häuptlingsfrau Rangi-Uru, meine Urmutter Rangi, bevor sie – – Also der Knabe Tutanekai ist das, was man ein Kind der Liebe nennt. Nachher, nach diesem Abenteuer mit einem Verführer, dessen langen Namen Sie zu hören nicht wünschen, lebt Rangi-Uru wieder mit ihrem Gatten und gibt ihm wieder zwei Kinder; so sind es sechs im ganzen, aber der Knabe Tutanekai ist. Sie verstehen, nur ein Bastard; doch man behandelt ihn gut im Hause des Mannes, der sein Vater nicht ist – –

Und nun, im Dorfe Owhata, am Ufer des Sees, lebt Hinemoa. Hine heißt: ›Weib‹, Herr Doktor, und Moa, das ist der ungeheuere Riesenstrauß, den es jetzt nicht mehr gibt, und nach ihm zu heißen: Sie-Moa, Weib-Moa, das ist eine große Ehre, und es zeigt Hinemoas erhabenen Adel. Sicherlich, wer dieses fürstlich: Mädchen gewinnt, der darf kein geringer Bastard sein. – – Jeden Abend sitzt Hinemoa am Ufer des Sees und lauscht dem Ton einer Flöte, die von der fernen, fernen Insel herüberklingt – – Tutanekai sitzt auf einer Plattform, mit einem Dachgiebel, den er mit schönen Bildern beschnitzt hat, und neben ihm ist Tiki, sein Freund, und sie spielen sehnsüchtige Lieder; Tiki liebt die hölzerne Pfeife; aber Tutanekai ist ein Meister der beinernen Nasenflöte – –«

Rangi dreht sich scharf gegen mich. »Aus Menschenbein!« sagt sie trotzig, wie drohend. »Aus dem Schienbein eines getöteten Stammesfeindes!«

»Ich habe keinen Einwand,« antwortete ich, »keinen Einwand gegen Militärmusik, werte Miß Rangi!«

»Hinemoa weiß, daß diese Musik von Tutanekai kommt,« erzählt Rangi weiter.

»Kennt sie ihn denn, Tutanekai?«

»Oh, bei den großen Trauerfesten sind sie einander begegnet, wenn ein Häuptling gestorben ist, und sie hat ihn die Haka tanzen gesehen, natürlich, mit den anderen Jünglingen, an den Tagen der Stammeszusammenkünste. Ihre Leute, sehen Sie, hatten Blicke bemerkt und geflüsterte Worte, – und sie dulden es nicht, ihre Leute.«

»Wir Maori sind sehr aristokratisch,« sagt Rangi. »Tutanekai ist nur Tutanekai und hat noch nicht – wie sagt man? – das Prestige, das, was wir ›Mana‹ nennen, von seinen späteren heldenhaften Taten. Hinemoa ist eine große Lady, wissen Sie, und die Weisen Männer, die Tohungas, rezitieren ihre Ahnenliste, bis sie zu dem Ahnen kommen, der in dem großen Kanu Arawa über das Meer gesegelt ist, zu dieser unserer Insel. Nein, niemals kann Tutanekai Hinemoa in sein Haus führen, und seine Flöte klingt traurig am Abend – –«

Rangi läßt den Erzählerton fahren, hockt zutraulich neben mir, aus den Schenkeln sitzend, nicht wie eine junge englische Miß, sondern wie ein Maorimädchen. »Wissen Sie, daß ein Maori mit seiner Flöte sprechen kann? Ich meine: sprechen, Worte, ganze Gedichte, die man deutlich versteht. Warten Sie!«

Sie rafft ein Stückchen Astholz vom Boden auf und hält es an ihre vollen Lippen, wie eine Flöte. »E uru« – fängt sie an, das Lied einer Flöte nachzumachen:

»E uru e uru ki kurakurarangi
E uru ki wharaurangi, karia au e pa-tu,
Karia au e patu kia taria atu
Te hau-taua i a Maru, ka patu ai au:
Kia oti, kia oti to koekoe ahorua – –«

– »Nein, übersetzen kann man das nicht, Doktor. Aber es hat einen Sinn, es ist nicht nur so dummes Zeug; es ist ein vollständiger Text, den eine Maoriflöte singen kann, Wort für Wort. Und ganz bestimmt kann Tutanekai mit seiner Flöte rufen: Hinemoa! Wollen Sie ein Lied hören, das jeder Maori noch heute kennt? Das ist das Lied von Hinemoa, wie sie in der Nacht dasitzt unter den vielen Sternen, und über den See, von Mokoia her, ruft Tutanekais Flöte – –«

»Hinemoa,« fängt Rangi zu singen an, nicht ganz ernst zuerst, dann doch hingerissen:

»Hinemoa! Hinemoa!
Ach, die Flöte über dem Wasser – –
Die Flöte höre ich rufen, rufen –
Und dieses einsame Herz muß brechen.

Tutanekai ruft mich.
Seine Liebe ruft er über das Wasser,
Ich höre die süßen Noten fallen,
Sobald die Schatten des Abends erwachen – –

Hinemoa! Hinemoa!
Klagt die Flöte über dem Wasser.

Hinemoa! Hinemoa!
Alle die süßen Traum-Echos hallen.
Tutanekai ruft mich,
Und dieses einsame Herz will brechen.

Hinemoa! Hinemoa!
Alle die süßen Traum-Echos hallen.«

»Das ist das Lied,« sagt Rangi. »Jeden Abend sitzt der Jüngling Tutanekai auf der erhöhten Plattform, die er aus dem Holz einer großen Kaurifichte gezimmert hat und mit Dämonen und Eidechsengöttern beschnitzt und mit großen Moavögeln, die den Namen seiner Geliebten tragen, und sein Freund sitzt neben ihm, Tiki; und Tutanekai bläst auf der Flöte aus Menschenbein. Kommen die älteren Brüder zu ihm und höhnen: ›Flötest du den Namen Hinemoa? Denke, daß du ein Niederer bist, nicht so wie wir aus unbeflecktem Adel geboren!‹

Nur der Mann, der nicht Tutanekais Vater ist, Whakaue, ist gut zu dem Bastard. Ihm sagt Tutanekai einmal: ›Und sie hat doch meine Hand gedrückt. So! Und einmal in der Nacht, wenn meine Flöte ruft, wird sie über den See rudern –‹

Einmal in der Nacht schleicht Hinemoa zum Ufer des großen Sees; sie will ein schöngeziertes Boot nehmen und heimlich flüchten, dem Tone der Flöte nach. Aber längst wissen Hinemoas Verwandten, daß ein Niedriggeborener um Hinemoa wirbt; und sie haben, seit vielen Abenden schon, die großen Kanus auf das hohe User gezogen; vergebens rüttelt Hinemoa mit ihren Händen an einem Boot und dann an dem anderen; niemals wird sie die schweren Einbäume ins Wasser bringen. Doch die Flöte ruft: Hinemoa! Hinemoa! Da nimmt Hinemoa hohle Kürbisse, sechs, und bindet sie mit einem Band aus Flachs, drei für jede Seite. Auf dem Felsen, der heißt: Iri-Irikapua, steht sie und wirft ihre Kleider ab, den kostbaren Mattenmantel, verbrämt mit den Federn der bunten Taube, und sie springt in das kalte Wasser, die Kürbisse helfen ihr schwimmen. Oh, es ist kalt und dunkel und ein großer, großer See! Ein Baumskelett ragt aus dem Wasser, der tote Baum Hinewhata. Hier, an den Stamm geklammert, rastet Hinemoa, bis ihre müden Schultern ein wenig geruht haben. Und dann schwimmt sie wieder, im Dunkel. Sie sieht die Insel nicht mehr, nur der Ton der Flöte weist ihr den Weg: Hinemoa! Hinemoa!«

»Der See ist groß,« sagt Rangi und zeigt mir die besonnte Fläche. »Hinemoa schwimmt und schwimmt, und es ist kalt. Sie zittert, zittert, da sie endlich ans Ufer steigt, dort bei den Felsen. Dort, nicht weit von Tutanekais geschnitztem Lugaus, ist eine warme Quelle, die Quelle Waikimihia. Hinemoa, aus dem See ans Ufer gerettet, wirft sich schwer atmend in das lauwarme Bad, das die Quelle ihr bietet. Sie will sich wärmen; und dann, sie schämt sich so furchtbar. Nie wird sie es wagen, zu Tutanekai zu gehen, dessen Flöte jetzt ganz aus der Nähe nach ihr verlangt: Hinemoa!«

»Und nun«, erzählt Rangi, »ist Tutanekai durstig vom langen Flötenblasen. ›Bringe Wasser!‹ befiehlt er seinem Sklaven. Der Sklave nimmt eine Kürbisflasche und geht zum See, hart neben der warmen Quelle. Hinemoa, in ihrem Bade, erschrickt. Sie sagt mit einer verstellten Stimme, so wie ein Mann: ›Für wen holst du Wasser, Sklave?‹ – ›Für Tutanekai,‹ sagt er. – ›Gib her,‹ grölt der Verborgene im Bade und nimmt die Kürbisflasche und trinkt, und dann zerbricht er, zerbricht sie die Kürbisflasche an einem Stein. Da fürchtet der Sklave sich, er will nicht getötet werden und gegessen, von einem fremden Krieger, der auf der Insel gelandet ist. Er flieht zu Tutanekai.

Tutanekai sitzt auf der Plattform, mit seinem Freund, Tiki. ›Hinemoa!‹ flötet er. ›Hinemoa!‹ Da kommt der Sklave und stottert seinen Bericht. ›Hine – –‹ ruft die Flöte und bricht ab.

Zornig erhebt sich Tutanekai. ›Bringe Waffen, Sklave! Bringe die hölzerne Schwertkeule. Bringe den Speer!‹

Tiki will dem Gefährten folgen. ›Nein,‹ sagt Tutanekai. ›Nimm du deine Pfeife und spiele das Lied Hinemoas. Vielleicht ist sie unterwegs, in einem Kanu – –‹

Tutanekai, prachtvoll in einem flächsernen Mantel, mit Streifen aus Hundehaaren, von Waffen starrend, steht drohend am Rande der warmen Quelle. Oben auf der Höhe der Insel tönt Tikis Pfeife. Mit klopfendem Herzen hat Hinemoa die Flöte verklingen gehört.

›Komm heraus, daß ich deine Augen esse!‹ ruft Tutanekai dem Fremden zu, dem Feind, der seinen Kürbis zerbrochen hat und seine Ehre beleidigt. Aber Hinemoa antwortet nicht; schamhaft kauert sie in der Dunkelheit. Tutanekai greift vor sich hin und packt eine liebliche Hand. ›Hoho! Wen haben wir da?‹ – ›Ich bin es, Tutanekai! Ich, Hinemoa!‹

›Ho!‹ schreit er und tanzt und tanzt, ›ho! ho! ho! Kann dies die Wahrheit sein? So wollen wir in mein Haus gehen, Hinemoa!‹'

Da kommt sie aus dem Wasser, hell und anmutvoll wie der weiße Kranich, da wirft er seinen Mantel über sie, das macht sie zu seinem Weib, nach der alten Sitte des braunen Volks. Am Morgen, da die Brüder nach Tutanekai sehen, öffnen sie das hölzerne Schiebefenster, auf dem Maui geschnitzt ist, der Fischermann, – und sie sehen unter der warmen Matte vier nackte Füße ins Freie ragen. ›Ho!‹ rufen sie. ›Ho! Dies ist Hinemoa! Hinemoa und Tutanekai! Tutanekai und Hinemoa!‹

– Das ist die Geschichte,« sagte Rangi. »Und wenn wir Maorimädchen beisammen hocken, sagen wir noch der Freundin: ›Sei schön wie Hinemoa! Sei mutig wie Hinemoa!‹«

Rangi steht auf und sieht mich, der ich im Grase sitze, von oben an, mit einem ernsten und stolzen Gesicht, und sagt:

»Von diesen beiden Maorimenschen stammen wir ab, meine Leute und ich. Die Tohungas wissen die Reihe der Ahnen – –«

Ich verbeuge mich vor der Königstochter: »Es sind die besten Ahnen, die Sie hatten auftreiben können, Miß Rangi!« Sie sieht mich zweifelnd an, ob ich es vielleicht spöttisch meine.

»Ich bin eine Wilde!« sagt sie auf einmal zornig. »Mein Urgroßvater hat noch Menschenleichen gefressen!«

»Was will das sagen?« antworte ich trostreich. »Mein eigener Bruder hat noch vor ein paar Jahren Handgranaten auf lebendige Menschen geschmissen!«

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