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Tausend und eine Insel

Richard Arnold Bermann: Tausend und eine Insel - Kapitel 12
Quellenangabe
typereport
authorRichard Arnold Bermann
titleTausend und eine Insel
publisherS. Fischer Verlag Berlin
printrun1. bis 6. Auflage
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140923
projectid608b3a89
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Pelorus-Jack

Seitdem der römische Senat Caligulas Hengst Incitatus zum Konsul wählte, hat nur einmal in der Weltgeschichte das Parlament eines Staates einem Tier, einem einzelnen und bestimmten Tier, ein eigenes Gesetz gewidmet.

Die beiden großen Inseln, aus denen die Dominion von Neuseeland besteht, sind durch eine Meerenge, die Cook-Straße, voneinander getrennt, und jeden Tag verlassen Dampfer den Hafen der Hauptstadt Wellington, um Passagiere nach der gebirgsreichen Südinsel zu bringen. Die Fahrt ist bei gutem Wetter wunderbar schön, weil man erst die höchsten Gletscherberge des Südlands über den Horizont ragen sieht und dann, dem Ufer näherkommend, in eine wildromantische Fjordlandschaft gelangt, mit tief einschneidenden Buchten, romantischen Klippen und unwahrscheinlichen Farnwäldern, deren unentwirrbares Dickicht das schimmernde Wasser umrandet. Der Pelorus-Sund, ein Einschnitt ins Ufergebirge, fünfundfünfzig Kilometer lang, mit zahllosen Buchten, Zacken, Halbinseln, Vorgebirgen, das Heim der Möwe und des gewaltigen Albatros, ist besonders reizvoll.

Es ist nun Jahrzehnte her, seitdem die Passagiere, die regelmäßig von Wellington zur Südinsel fuhren, von einem Seetier zu erzählen begannen, das sie unterwegs gesehen hatten. Es gibt eine Version der Geschichte, nach der es ein gewöhnlicher Delphin gewesen sein soll; ich weiß aber von Leuten, die ihn gesehen haben, daß es ein Walfisch war, nur von einer Gattung, die nicht größer ist als große Delphine. Wale sind an den Küsten Neuseelands und besonders in den Gewässern der Cook-Straße etwas sehr Gewöhnliches, überall sieht der Seefahrer ihre Riesenleiber aus dem Wasser tauchen, oder er sieht den ungeheuren Wasserstrahl, den sie durch die besonnte Lust spritzen. Aber dieser Wal am Pelorus-Kap war von einer besonderen weißlichen und kleinen Art, die, glaube ich, aus dem so unwahrscheinlich fernen Grönland kommt und Beluga genannt wird. Dieser weiße Walfisch war höchstens acht Meter lang, ein wahrer Zwerg. Die Passagiere konnten ihn sehr deutlich sehen, denn er war merkwürdig zahm und schwamm immer im Kreis um das Schiff herum, wie ein lustiger, spielender Hund um den Wagen herumrennt, in dem freundliche Leute fahren. Jeder Neuseeländer, der heute ein gewisses Alter hat, erinnert sich an die Geschichten, die damals jedermann kannte: wie dieser eine und einzige weiße Walfisch sich immer mehr an die Schiffe gewöhnte, wie er ihnen näherkam, ja, sich endlich an ihnen rieb wie eine schnurrende Katze am Bein ihres Herrn; wie absolut zuverlässig sein Erscheinen war, förmlich im Fahrplan vorgesehen, und wie es allmählich Mode wurde, Lustreisen zum Pelorus-Sund zu machen, bloß um den Wasserstrahl über dem lustigen weißen Walfisch aufplätschern zu sehen. Das Tier hatte einen Namen, den ganz Neuseeland kannte: Pelorus Jack; und die Neuseeländer waren auf Pelorus Jack so stolz wie auf ihre berühmte Butter, auf den endlosen Tasman-Gletscher, die Geiser von Rotorua und die Glühwurmhöhle von Waitomo.

Jedermann sprach von dem weißen Walfisch und am meisten, am Abend auf ihrem Dorfplatz, die dunkeläugigen Maori. Oh, sie kannten Pelorus Jack, hatten ihn immer gekannt. Wußte man nicht, daß ein großer und guter Atua in ihm steckte, ein mächtiger Geist und dem Volk der Maori freundlich? In den alten Zeiten, erzählten plötzlich die ehrwürdigen Greise mit den tätowierten Spiralen in den verwitterten Gesichtern, die letzten Überlebenden der romantischen Maorikriege, in den alten Zeiten, lange, lange her, viel sehr lange, Herr, wenn ein Kriegskanu der nördlichen Maori zur Südinsel hinüberfuhr, um den unschätzbaren Grünstein zu holen oder die Männer der Südstämme mit Lanze und Keule zu schlachten zu einem großen Festmahl – – Wenn ein Kriegskanu der Maori, aus einem ungeheuren Totara-Stamm gehöhlt, über die Meerenge fuhr, hundert Ruderer auf den Bänken, gute Krieger, fast nackt, doch bekleidet mit dem wundervollen Netzwerk der tätowierten Linien, wenn das Kanu einherfuhr, mit geblähtem Segel, und die furchterregende Figur am Bug streckte ihre gespenstische Junge aus gegen den Stammesfeind, eine gierige Junge, die fressen wollte – – –

Wenn der kannibalische Napoleon Neuseelands, wenn der furchtbare Häuptling Te Rauparaha südwärts fuhr, um Feinde zu fangen und ihnen aus ihren lebendigen Adern das Blut zu saugen; wenn irgendein großer Ariki der nördlichen Stämme seine Waffen der kalten Südinsel zugewandt hatte – – –

Dann, erzählen die Maori, dann blickten sie sehnsüchtig aus nach einem kleinen, weißen Walfisch, der sicherlich kam, um die Boote spielte, wenn immer die Kriegsfahrt eine glückhafte war und freudenvoll enden würde, viel kostbaren Grünstein bringen, zu Ohrgehängen und breiten, flachen Häuptlingskeulen, auch gefesselte Sklaven und Fleisch für ein großes Fest; wenn dies in der Zukunft war, gewiß kam der Zauberfisch, Glück bedeutend, den Booten nahe; wehe aber, wenn der Wal unsichtbar blieb, wehe den Booten und den Kriegern in ihnen!

Manchmal, erzählen die Greise, die noch die Zeit Aotearoas gekannt haben, der »Insel der hellen Wolke«, die jetzt Neuseeland heißt – manchmal verschwand der weiße Wal ganz aus den Gewässern des Maorilandes; dann wußte das ganze Volk der Inseln, daß Unheil bevorstand, unsagbar, entsetzlich.

Niemand kann sagen, ob die alten Legenden der Maori wirklich um einen seltsamen weißen Walfisch wußten, der in der Cook-Straße sein heiteres Wesen trieb, oder ob, nach ihrer abergläubischen Art, die Eingeborenen nur die moderne Geschichte vom Walfisch Pelorus Jack mit den älteren Traditionen ihres Stammes verflochten hatten; gewiß ist, daß Pelorus Jack von den Maori wie ein höheres Wesen geachtet wurde, und sicherlich hätte niemals ein Angehöriger dieses einst so wilden Kannibalenstammes die Roheit aufgebracht, die im Jahre 1893 ein weißer Tourist sich leistete: er nahm an Bord des Fährdampfers »Pinguin«, aus dem er von Nelson nach Wellington fuhr, eine Flinte mit, und als Pelorus Jack aus dem Wasser tauchte, das Boot auf seine freundliche Art zu begrüßen, schoß der brutale Kerl dem Wal seine Ladung in das speckige Fleisch, so daß die Wellen blutig wurden und der verwundete Riese mit kläglich hastigen Flossenschlägen verschwand. Man muß zur Ehre der guten Neuseeländer sagen, daß sie unsagbar entrüstet waren, alle, alle, sobald die Zeitungen die niederträchtige Begebenheit mitgeteilt hatten.

Und jetzt kommt der politisch-legislative Teil der Angelegenheit. Wer die Geschichte vom Pelorus Jack vielleicht für erfunden hält, der hat bloß im Gesetzblatt der Dominion von Neuseeland nachzuschlagen, Jahrgang 1893, und er wird finden, daß der Generalgouverneur und sein Rat damals im Namen der Königin Viktoria feierlichst ein Gesetz sanktioniert hatten, auf das Drängen einer sittlich empörten Demokratie hin gehörig eingebracht, beraten und beschlossen von Neuseelands Volksvertretung zu Wellington, ein Gesetz, das noch heute nicht widerrufen ist und nach dem es verboten sein soll und mit Gefängnis strafbar, mit tödlichen Waffen oder sonstwie zu jagen, zu fischen, zu schießen oder zu harpunieren einen gewissen weißen Walfisch mit dem Namen Pelorus Jack, in der Nähe des Pelorus-Kaps auf der Südinsel Neuseelands.

Ich habe die Einzelheiten dieser Geschichte von Sir Thomas, dem großen alten Mann, der damals noch nicht Minister und Premier von Neuseeland gewesen ist, wohl aber Abgeordneter und ein begeisterter Vertreter der Walfisch-Bill.

Aus der ferneren Biographie des Walfisches Pelorus Jack hat Sir Thomas mir noch ein paar aktenmäßig erhobene Tatsachen mitgeteilt, die schwer zu begreifen sind, doch unmöglich zu bestreiten, da ganz Neuseeland sie sah.

Der weiße Walfisch genas von seiner Wunde. Nunmehr vollkommen geschützt durch ein eigenes Gesetz, so wie sonst nur Könige geschützt sind oder Diktatoren gleich Mussolini, erschien Pelorus Jack bald wieder den südwärts segelnden Schiffen und spielte um sie und rieb sich an ihnen, wie in den Tagen vor dem verwerflichen Attentat, und man schrieb über ihn und machte Gedichte auf ihn und photographierte ihn und kinematographierte ihn, als man auch das schon erfunden hatte; noch heute existiert der Film. Nur einem einzigen Schiff, dem Fährdampfer »Pinguin«, solange er noch das Wasser befuhr, ist Pelorus Jack niemals wieder nahegekommen.

Dieser Fährdampfer »Pinguin«, von dem aus auf Pelorus Jack geschossen worden war, verunglückte in einem der ersten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts in der Nähe des Kaps Pelorus. Es war ein entsetzlicher Schiffbruch, und viele Menschen kamen ums Leben.

Nachher war der weiße Walfisch noch immer jeden Tag zu sehen, bis er auf einmal unversehens ausblieb, für immer. Es war in einem gewissen Winter, das heißt, daß es bei den europäischen Antipoden eben Sommer war.

Man fand einige Zeit später den verfaulten und von den Haien zerstückelten Kadaver eines kleinen Walfisches in einer Bucht der Südinsel. Viele Leute meinen, das sei Pelorus Jacks Leiche gewesen.

Die Maori von Neuseeland wissen das besser. Ihnen war es gleich klar, was für eine Sorte von Dingen das Verschwinden des göttlichen Walfisches zu bedeuten hatte.

Nebenbei bemerkt, dieser Winter, in dem der weiße Walfisch von Pelorus-Sund so plötzlich verschwand, brachte in Europa viele Ereignisse, es war dort der Sommer des Jahres 1914.

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