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Tausend und eine Insel

Richard Arnold Bermann: Tausend und eine Insel - Kapitel 11
Quellenangabe
typereport
authorRichard Arnold Bermann
titleTausend und eine Insel
publisherS. Fischer Verlag Berlin
printrun1. bis 6. Auflage
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140923
projectid608b3a89
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Der Papagei Kea

Als Neuseeland noch Aotearoa war, das Land der Maori, lebten die heimischen Vögel dort wie in einem wirklichen Paradies. Es mag sein, daß in diesem Paradies die Maori, in aller Unschuld, einander zu fressen pflegten und sogar einander zu trinken, denn manchmal tranken sie ihre Feinde ganz leer, mittels eines Loches in der Halsader. Doch im tiefen Busch der beiden großen Inseln gab es, wenn kein Mensch hineinkam, nirgends ein Raubtier. In diesem verzauberten Wald haben viele und viele Vögel das Fliegen verlernt, weil sie die Furcht verlernten. Der Riesenstrauß Moa, vier Meter hoch und ein bißchen dumm, war, das ist wahr, zu groß und zu fleischig für diese Welt, und er war von den braunen Menschen schon aufgefressen worden, als mit neuen Appetiten die Weißen kamen. Aber der Zwergstrauß Kiwi hat die Maorizeit überlebt und mit ihm mehr als ein Vogel, der gar nicht fliegt, oder ungern. Da ist die Lerche Pipit, die hopst und flattert, und Kakapo, der Grundpapagei, ein weiser Vogel, doch mit ohnmächtigen kraftlosen Flügeln; und Weka, das Maorihuhn, das nur noch so Stummelchen trägt auf dem braunen Rücken, ein gemächliches Fußgängervolk, ohne Eile, wozu denn?

Dann kam einmal ein seltsames großes Kanu über die Meere geschwommen; in ihm kam der weiße Pakeha, das ist: das Rübengesicht. Er sah das Land und dachte, daß es ein vortreffliches Land sei, obgleich nicht reich an fleischigen Tieren. Es wäre so sehr natürlich gewesen, hätten darauf die Weißen begonnen, die Maori aufzufressen; doch nein, sie dezimierten sie zwar, doch auf andere Weise. Dieser erste weiße Pakeha, der Captain Cook (er, dessen Augen später gefressen worden sind, auf der Insel Oahu), war noch nicht viele Stunden an Land, da ließ er schon Schweine kommen, damit sie fett würden an den Farnwurzeln des Buschwalds; und gleich darauf, wette ich, sah ein anmutig seltsamer Kiwivogel eine gräßliche Schnauze, die ihn, den so friedlichen Flügellosen, bedrohte; bisher hatte er keinen Feind gekannt, und er floh nicht, kam neugierig daher.

Es ist zu berichten, daß diese Weißen mit der Natur in Neuseeland ein sonderbares Spiel begonnen haben. Ihre Schweine, Schafe, Kühe machten die Maori satt, so daß sie von nun an aus anderen Gründen einander töten konnten als bloß, um zu fressen; und die Weißen gaben ihnen Gewehre, da ging es viel schneller.

Aber da die Schafe viel wurden, wunderbar viel, kam ein Pakeha mit einem kleinen Zündholz, im Januar, wenn die Sommerhitze die Sümpfe trocknet, und zündete mal einen Wald an, so groß wie ein fürstliches Erbland, einen ganzen wundervollen verzauberten Buschwald voll Moos und Farn und Vögeln; dann nachher wuchs Gras dort, gut für die Schafe.

Aber ein Pakeha sprach: In meiner Heimat ißt man Kaninchenpastete. Ich will nach Sydney schreiben, um ein paar tüchtige Zuchtkaninchen!

Und er sah mal weg, da huschten die Zuchtkaninchen ihm aus dem Garten, und da kein Raubtier im Land war, wurden sie viele, viele, viel zuviele – –

Als die Kaninchen sehr viele geworden waren, hörten die Weißen Neuseelands auf, Kaninchenpastete zu lieben und alles, was nach Kaninchen von ferne aussieht. Denn die Kaninchen fraßen das Gras, das die Schafe fressen sollten, und es waren, in der Tat, ein bißchen zu viele Kaninchen im Lande der Hellen Wolke, so ein paar Dutzend Millionen Stücke zu viel, kann man sagen.

Sprach ein weißer Pakeha: da helfen die Schießgewehre wohl kaum mehr, oder die Schlingen. Dieses Land ist schuld, das kein Raubtier hat, keine Schlangen!

Preiset, o preiset die Weisheit dieser Pakehas, daß sie nicht aus dem Zoo in Sydney ein Jaguarpärchen kommen ließen, daß es Kaninchen fräße; oder so fünf, sechs tüchtige Riesenboas; sie hätten sich trefflich vermehrt in den Tiefen des Urbuschs. Nur Wiesel und Marder kamen, in Kisten verpackt, mit dem Postschiff, und viele Katzen.

Der Kiwi, im dunklen Gebüsch, erlernte das Entsetzliche, die stetige Angst. Die gute zutrauliche Wekahenne wackelte lustig auf das erste Kätzchen zu – –

Auch sagt der Chronist, daß die Marder Neuseelands Kaninchenbraten nicht lieben, er ist so gewöhnlich. Sie ziehen es vor, die Hühnerhöfe der Siedler bei Nacht zu besuchen, auch schmeckt ihnen Lammbraten über die Maßen.

Aber nicht das erzähle ich jetzt, dies sinnlos viehische Sengen und Brennen im heiligen Urwald oder das gräßliche Sterben der hilflosen heimischen Vögel, der Pazifisten, die an den Frieden geglaubt und die jetzt ratlos dastanden, ohne Schwung, mit kraftlosen Schnäbeln und wehrlosen Klauen – –

Dies ist kein Lied von dem guten, lieben, armen, drolligen Kiwi, der da stirbt – –

Von den Rebellen erzähle ich, dem Rachevogel, von ihm, Kea, der gegen die Weißen Krieg führt.

Wisset ferner, daß dieser Vogel Kea, auf Lateinisch: Nestor Notabilis, ein Papagei war wie andere, Gattung: Psittaci – ganz ohne Ehrgeiz, den Adler zu spielen, den mächtigen Lämmergeier.

Einfach ein Papagei. Vierzig Zentimeter hoch, oder so, ein hübscher graugrüner Papagei mit einem gelbroten Kragen und scharlachgeränderten Flügeln. Es ist wahr, sein Schnabel ist eher stark und gekrümmt. Aber er fraß seit fernen Jahrtausenden immer nur Beeren und wurde fett und sehr alt, denn der neuseeländische Busch hat viele Beeren und gute Beeren und solche, die große Weisheit geben – –

Als nun die Weißen den Busch verbrannten, der Bähschafe wegen, und als keine Beeren mehr waren, was hätte der Vogel Kea tun sollen?

Auszusterben beginnen, wie sein Vetter, der Hopspapagei Kakapo?

Seht, dieser Vogel Kea, ein sehr weiser Vogel, hatte, auf alle Fälle, mitten im Frieden, das Fliegen nie aufgegeben und seine Schwingen geübt, nicht wie sein Vetter Kakapo, der eines Tages zu fliegen versuchte, nur so zum Spaß, und bemerkte, daß er viel zu lange im Gras herumgehopst hatte und daß seine Flügel ihn nicht mehr trugen.

Auch war der Vogel Kea kein so loyaler Untertan wie der Vogel Huia, der, in Ehrfurcht wahrhaft, oh, wahrhaft ersterbend, die Liste der neuseeländischen Vogelarten verlassen hat, als seine jetzige Majestät, King George V., God save the king, nach Neuseeland kam. Da die schwarzweiße Feder des Huiavogels der Schmuck der obersten Häuptlinge ist, jagten damals die letzten Maori die letzten Huia; und sicherlich war seine Hoheit, der Prinz (er war noch nicht König), in Gnaden erfreut, als er die Federn bekam, wer weiß, in welchem Museum sie faulen. Seither gibt es den Königsvogel nicht mehr auf Neuseeland – –

Was nun den Papagei Kea angeht, ist zu bemerken, daß seine Gemütsart mitnichten loyal war wie die des Huia, der für Britanniens Königshaus starb, oder sanft, wie das Gemüt des Kiwis, der sich morden läßt und nicht: Piep! sagt, oder melancholisch, wie das Gemüt Kakapos, des hopsenden Grundpapageien –

Sondern, daß Kea, weit entfernt von Gedanken an Resignation oder Selbstmord – –

Es ist (mit Entrüstung im Ton) zu berichten: Als der Vogel Kea, der auf der Höhe der Berge zu leben liebt, als er eines Morgens zu frühstücken wünschte, gute Beeren im Busch, und es waren auf einmal keine Beeren mehr da und kein Busch, nur verkohlte Baumstümpfe, grauenhaft anzusehen, gespenstisch mit zum Himmel erhobenen Armen – und Kea, vom Rande des Gletschers hinfliegend, sah diese Fügung – fügte er sich? Ging er hin und starb bescheiden vor Hunger? Nein!

Ein wenig Kenntnisse in der Biologie hatten zweifellos den Papagei Kea darüber belehrt, daß ihm gar nichts übrigblieb, als auszusterben, da er den Busch zur Schafweide werden sah und die Beeren verschwinden. Die Anpassung an das Milieu, von der die Gelehrten reden, kann sich nicht auf einmal, vollziehen, von einer Generation bis zur nächsten, das wissen wir. Kea nur wußte es nicht.

Es ist so unglaublich, daß immer wieder Naturforscher zweifeln, noch heute; aber die Schaffarmer Neuseelands wissen es besser, und ich für meine Person habe Photographien gesehen, die jeden Zweifel zerstören:

Als der Vogel Kea, ein sehr weiser Papagei mit einem sehr starken Schnabel, eines Morgens zu dem Beerenbusch kam, dessen Beeren er gefressen hatte, er und vor ihm seine fernsten Ahnen –

Und es war kein Beerenbusch da, nur ein Haufen Asche unter dem Gras und ein Bähschaf, das dieses Gras verspeiste – –

Da setzte der Papagei Kea sich auf dieses fremde Tier aus einer ganz anderen Welt. Ich werde nie verstehen, wieso er die Anatomie der Schafe erlernt hat, nur eines ist sicher:

Setzte sich auf das Schaf, an der richtigen Stelle. Krallte sich fest an dem Vlies. Hackte mit seinem gewaltigen Schnabel ein Loch in das Schaf, dort wo die Nieren sich runden, und fraß das aromatische Fett über den Nieren. Nichts als dies. Er flog zum nächsten Schaf und fraß das Fett seiner Nieren. Seine blutenden Opfer ließ er grausam verrecken. Er frißt nicht Schafe, nur Nierenfett.

Dies ist die Geschichte von Kea, der ein Papagei ist und doch ein Pirat der Lüfte. Ich habe Kea gesehen, auf dem großen Gletscher. Er hüpfte ganz freundlich herbei, am Rand der Moräne, und sah mich neugierig an. Ha, hätte ich ein Gewehr gehabt und den Feind der Menschheit getötet oder, es ist dasselbe, der neuseeländischen Wollproduktion, das nächste neuseeländische Amt hätte mir für Keas Kopf und grausamen Schnabel gern ein halbes Pfund Sterling gegeben, denn dieser Preis steht auf dem blutbedeckten Haupt des Rebellen, des Räubers. Ein Vogel, der Lämmer mordet, ist wahrhaft vogelfrei in einem Lande, das auf der Welt nichts anderes will als nur Wolle.

Nur zwei Lebewesen auf der Doppelinsel Neuseeland haben sich gegen die Weißen gewehrt, gegen ihre Zivilisation, ihre Wolle, ihre ganze sinnlose und entgötterte Wirtschaft.

Mit den Maori sind die Weißen fertig geworden. Sie haben sie besiegt und dann gebleicht, so daß sie jetzt selbst schon fast weiß sind, ins Kino gehen, in die Kirche, Hosen tragen und im Innersten an die Lebenswerte der Wolle glauben.

Aber Kea, nein, Kea, der graugrünrote Papagei der südlichen Alpen, nein, Kea hat nicht kapituliert. Er lebt hoch, hoch in den Gletscherbergen ein freies Räuberleben, ein Lämmergeier honoris causa, und die Schafweiden kennen ihn. Die ältesten Böcke schaudern vor seinem Schrei, der wie das Miauen einer bösen Katze klingt. Ich weiß nicht, ob er den Raubtierschrei schon immer hatte oder ob er ihn lernte, da er sich als Lämmergeier zu etablieren beliebte und kein Adler da war, dessen Ruf er nachahmen konnte. Denn seht, er ist, nehmt alles in allem, doch schließlich ein Papagei und im Nachahmen tüchtig; von den Katzen der Weißen hat er das Miauen vortrefflich gelernt.

Auch betrachtete er, ein Papagei von enormer Weisheit, erst eine Zeit die Methoden der zivilisierten Ökonomie und beschloß dann, gelehrig, zu tun, wie die Wirtschaft tut, in den kolonialen Gebieten, die Kea kennt:

Setzt sich auf ein wehrloses Bählamm, schnabuliert ruhig des Bählämmchens einziges gutes Nierenfett und läßt dann das Bählamm krepieren.

Dies tut Kea, der, nehmt alles in allem, noch immer ein Papagei ist.

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