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Tausend und ein Tag / Orientalische Erzählungen

Unbekannte Autoren: Tausend und ein Tag / Orientalische Erzählungen - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authoranonym
titleTausend und ein Tag / Orientalische Erzählungen
publisherInsel Verlag
addressLeipzig
volume2
editorPaul Ernst
year1925
firstpub
translatorPaul Hansmann (1882-1936)
correctorlecomte@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060710
projectid3a449e61
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Die Geschichte des Prinzen Malik al-Nasir

Der Sultan Kalaun von Ägypten hatte zwei Söhne; und als er eines Tages über den Wankelmut des Schicksals nachsann, das mit den Fürsten wie mit den andern Menschen spielt, beschloß er, den Prinzen Malik al-Nasir – das ist ›der erobernde König‹ –, seinen zweiten Sohn, ein Gewerbe lernen zu lassen, das ihn im Falle der Not zu ernähren vermöchte. Er gab ihn also bei einem berühmten Schneider der Stadt Kairo in die Lehre, der ihn in kurzer Zeit lehrte, mit der größten Vollkommenheit Kleider zuzuschneiden und zu nähen.

Erst staunten alle in höchstem Staunen ob dieses Entschlusses, den der Sultan gefaßt hatte, denn sie sahen in seiner Vorsorge lächerliche Furcht; niemand glaubte, daß der Sohn eines Sultans von Ägypten eines Tages in solche Not geraten könnte, daß er um seinen Lebensunterhalt arbeiten müßte. Aber in Bälde vollzog sich im Lande eine Umwälzung, die all jenen, bei denen Kalauns Verhalten keinen Beifall gefunden hatte, zeigte, wie sehr sie im Unrecht gewesen waren. Denn der Sultan starb, und der Prinz Malik Aschraf, sein ältester Sohn, bestieg den Thron.

Das erste nämlich, was der neue Sultan tat, bestand darin, daß er seinen Hauptleuten Befehl gab, seinen Bruder, der noch bei dem Schneider war, aufzusuchen und ihm vorzuführen, damit er durch seine Hinrichtung allen Aufständen und Kriegen zuvorkäme, die er im Lande Ägypten erregen könnte. Zu seinem Glück nun erfuhr Malik al-Nasir von der grausamen Absicht seines königlichen Bruders. Er verkleidete sich also und verließ heimlich die Stadt, indem er sich unter die Pilger mischte; mit ihnen besuchte er die Kaaba, das heißt den Tempel zu Mekka.

Während nun die Pilger und er den Umzug vollzogen, fühlte er plötzlich etwas Hartes unter den Füßen, und als er nachsah, was es sein mochte, erblickte er einen vollen Geldbeutel; er hob ihn auf und schob ihn in seine Tasche, ohne daß einer der Pilger es bemerkte, und setzte den Marsch im Umzug fort. Er war sehr neugierig, was er enthalten mochte, doch wagte er seine Neugier nicht vor aller Augen zu befriedigen und harrte voll Ungeduld des Augenblicks, in dem der Umzug sein Ende erreichen würde, um sich an einen entlegenen Ort zurückzuziehen. Da aber hörte er einen Khwadschah, das heißt einen Gelehrten, der zwei große Steine in den Händen hielt und sich unbarmherzig damit auf die Brust schlug, indem er mit lauter Stimme rief: »Weh mir! Ich Unglücklicher! Ich habe meinen Geldbeutel verloren! Alles, was ich durch meine Arbeit verdient hatte, die ganze Frucht meiner Mühen und mein ganzer Besitz stecken darin! O ihr Moslems, meine teuren Brüder, erbarmt euch meiner. Wenn einer von euch ihn gefunden hat, so gebe er ihn mir um Gottes willen und aus Ehrfurcht vor dem heiligen Tempel in Mekka. Die Hälfte soll ihm gehören, und ich erkläre, daß er an sie einen ebenso gerechten Anspruch haben soll wie an die Milch seiner Mutter.«

Der unglückliche Gelehrte sprach diese Worte unter so lebhaften Zeichen des Schmerzes und der Verzweiflung, daß alle Pilger gerührt waren. Und mehr als alle andern spürte Malik al-Nasir das Mitleid in seiner Brust, also daß er bei sich selber sprach: ›Ich richte diesen Khwadschah mit den Seinen zugrunde, wenn ich diesen Beutel behalte. Es ist nicht recht, daß ich, um selber glücklich zu werden, andre elend mache. Und wenn ich auch kein Königssohn, sondern statt dessen der letzte der Menschen wäre, so möchte ich darum doch nicht die Habe andrer nehmen.‹

Und als er diese Überlegungen angestellt hatte, rief er den Khwadschah, zeigte ihm den Beutel und sprach zu ihm: »O Gelehrter, ist es dies, was du verloren hast?« Der Khwadschah, den bei diesem Anblick ein Übermaß der Freude packte, griff auf der Stelle nach dem Beutel, erfaßte ihn und schob ihn in seine Tasche. »Und weshalb«, fragte ihn der Prinz, »entreißest du ihn mir so gewaltsam? Fürchtest du, daß er dir entgehen könnte, oder hast du nicht die Absicht, mir die Hälfte von dem zu geben, was er enthält, wie du es versprachest?« »Vergib mir,« erwiderte der Khwadschah, »vergib einem Überschwang, den ich nicht zu beherrschen vermochte. Du brauchst mir nur zu folgen, so werde ich mein Versprechen erfüllen.« Mit diesen Worten führte er ihn unter sein Zelt, wo er den Beutel hervorzog, ihn küßte, das Siegel brach und ihn auf einen Tisch entleerte.

Malik al-Nasir, der erwartet hatte, daß er Goldstücke sehen würde, erstaunte in höchstem Staunen, als er erkannte, daß der Beutel Diamanten, Rubinen und Smaragden enthielt. »O Khwadschah,« rief er aus, »nicht zu Unrecht erhobst du so laute Klagen. Was du verloren hattest, war der Mühe wert.« Der Khwadschah aber schob all die Edelsteine zu einem Haufen zusammen und teilte ihn in zwei Hälften. Doch auch den einen kleineren Haufen teilte er nochmals in zwei gleiche Teile, die er dem Prinzen anbot, indem er zu ihm sprach: »O Jüngling, wenn du diese beiden Teile nehmen willst, so gehören sie gemäß meinem Versprechen dir; wenn ich dir aber offen sagen soll, was ich denke, so höre: nicht ohne Schmerzen werde ich zusehn, wie du sie fortträgst. Wenn du dagegen großherzig genug bist, um dich mit einem dieser beiden Teile zu begnügen, so schwöre ich dir, daß es mich nicht kränken soll, wenn du ihn besitzest.«

Malik al-Nasir, der ganz die Gesinnung eines großen Fürsten hatte, erwiderte ihm: »Da dem so ist, o Gelehrter, verlange ich nur den einen Teil.« Der Khwadschah, der sich ob dieser Selbstlosigkeit in höchster Freude freute, teilte den Teil, den der Prinz ihm zurückgegeben hatte, nochmals in zwei Hälften und sprach zu Malik al-Nasir: »Wähle dir abermals eins dieser Achtel aus. Ich versichere dir, daß ich es ohne Bedauern gebe.« »Nein,« versetzte der Prinz, »ich bin mit dem zufrieden, was ich schon habe.« »O Jüngling,« rief der Gelehrte, »du zeigst zu große Mäßigung. Du mußt dieses Achtel nehmen oder mit mir unter die goldene Traufe kommen; denn dort will ich für dich ein Gebet verrichten, das dir viel Nutzen bringen soll.« Da gab der Prinz wie in einer Eingebung des Himmels dem Khwadschah auch das zurück, was er schon angenommen hatte, und sprach zu ihm: »O Gelehrter, wenn du für mich im heiligen Tempel von Mekka ein Gebet verrichten willst, so ist mir das lieber als all deine Edelsteine. Ich gebe sie dir zurück, wenn du das Gebet mit der ganzen Glut eines guten moslemitischen Gelehrten verrichten willst.«

Als nun der Khwadschah diese Worte vernahm, erstaunte er ob des Übermaßes der Großmut des Prinzen und führte ihn unter die goldene Traufe, wo er die Hände wortlos gen Himmel hob; dann aber sprach er zu dem Prinzen: »Sage Amen!« Und der Prinz tat es; worauf der Gelehrte eine Weile die Lippen bewegte, sich zwei- oder dreimal mit den Händen über das Gesicht strich, und sich schließlich zu dem Prinzen umwandte und zu ihm sprach: »O Jüngling, ich habe soeben ein Gebet für dich verrichtet, du kannst dahinziehn, denn du stehst in Gottes Hut.«

Der Prinz Malik al-Nasir nahm von dem Gelehrten Abschied; kaum aber hatte er ihn verlassen, so sprach er bei sich selber: »Was soll jetzt aus mir werden? Wohin soll ich meine Schritte wenden? Wenn ich nach Kairo zurückkehre, so wird mein grausamer Bruder Malik Aschraf mich töten lassen; also ist es besser, ich kehre mit diesem Khwadschah in seine Heimat zurück. Doch ich darf niemandem offenbaren, wes Standes ich bin, auf daß nicht irgendein Verräter mich ermorde, weil er hofft, für seine Tat einen guten Lohn zu erhalten; denn ich darf nicht daran zweifeln, daß der neue Sultan von Ägypten einen Preis auf meinen Kopf gesetzt hat.« Und als er über den Stand seiner Angelegenheiten diese und andre Überlegungen angestellt hatte, kehrte er zu dem Gelehrten zurück. »O Khwadschah,« sprach er zu ihm, »ich komme, um dich zu fragen, aus welchem Lande du bist.« »Ich bin aus Bagdad,« versetzte der Gelehrte, »und ich heiße Abu Nowas.« »Gern würde ich diese berühmte Stadt einmal sehen«, fuhr Malik al-Nasir fort; »willst du mich mit dir nehmen? Ich werde während der Reise für deine Kamele sorgen.« Der Gelehrte willigte ein; und da sie nichts mehr in Mekka fesselte, so machten sie sich beide auf den Weg nach Bagdad.

Sowie sie dort anlangten, sprach der Prinz zu dem Khwadschah: »O Gelehrter, ich will dir nicht zur Last fallen; ich verstehe herrliche Kleider zu machen; empfiehl mich, bitte, einem Schneider, der mit dir befreundet ist.« Der Khwadschah brachte ihn also zu dem berühmtesten Schneider der Stadt, der seinem neuen Gehilfen, um ihn auf die Probe zu stellen, ein Kleid zuzuschneiden und zu nähen gab. Malik al-Nasir, der schon in Kairo die Bewunderung der Schneider geweckt hatte, konnte auch in Bagdad des Erfolges nicht entbehren. Das Kleid, das er herstellte, fand seines Meisters entzückten Beifall, also daß er es allen Schneidern der Stadt zeigte, die es aufs höchste priesen und zugaben, daß es nach Schnitt und Arbeit ein wunderbares Meisterwerk wäre. Der Schneider aber freute sich in höchster Freude, dieweil er einen so geschickten Gehilfen hatte, und er gab ihm zwölf Nusfs täglichen Lohns. So hatte denn der Prinz genug, um in Bagdad ein angenehmes Leben zu führen.

So nun stand es um ihn, als eines Tages der Gelehrte Abu Nowas, der von Natur heftigen Gemütes war, mit seinem Weibe einen Streit bekam und in seinem Zorne zu ihr sprach: »Geh, einmal, zweimal, dreimal, ich scheide mich von dir!« Kaum aber hatte er diese Worte ausgesprochen, so bereute er sie auch schon, denn er liebte sein Weib von ganzem Herzen. Er wollte sie in seinem Hause behalten und auch fernerhin wie bisher mit ihr zusammenleben; aber der Kadi widersetzte sich dem und sagte, zuvor müßte ein Hulla oder Zwischengatte den Beischlaf mit ihr ausüben, um sich dann von ihr zu scheiden; das heißt, es müßte zuvor ein andrer Gatte sich ihr vermählen und von ihr scheiden; dann dürfe der Gelehrte sich ihr von neuem vermählen, wenn er wollte. Da nun der Khwadschah sich gezwungen sah, sich den Gesetzen zu beugen, beschloß er, den Prinzen Malik al-Nasir zum Hulla zu nehmen. »Ich muß«, sprach er bei sich selber, »den Jüngling, den ich aus Mekka nach Bagdad mitgebracht habe, als Zwischengatten wählen; er ist ein Fremdling und ein gutmütiger Mann, und von ihm werde ich alles erlangen, was ich wünsche. Er soll sich heute abend meinem Weibe vermählen, und morgen früh muß er sich von ihr scheiden.« Und als er zu diesem Entschluß gekommen war, ließ er den Prinzen zu sich rufen, schloß ihn mit seinem Weibe in einer Kammer ein und ging davon.

Kaum aber hatte das Weib Malik al-Nasir gesehen, so verliebte es sich auch schon in ihn. Und auch der Prinz fand es schön und lieblich, also daß sie sich ihre Empfindungen offenbarten und nicht versäumten, sich all die gegenseitigen Zeichen der Neigung zu erweisen, die ihre Lage und der Ort ihnen nur erlauben mochten. Nach vielerlei Liebkosungen zeigte das Weib dem Prinzen ganze Kisten voller Gold und Silber und Edelsteine, indem es zu ihm sprach: »Weißt du auch, o Jüngling, daß all diese Reichtümer mir gehören? Dies ist die Mitgift, die ich dem Khwadschah eingebracht habe und die er mir zurückerstatten mußte, als er sich von mir schied. Wenn du morgen erklären willst, daß du mich als dein rechtmäßiges Weib zu behalten gedenkst, so wirst du über all diese Habe ebensosehr Herr sein wie über mich selber.« »O meine Herrin,« versetzte der Prinz, »kann mich der Gelehrte nicht zwingen, dich ihm zurückzugeben?« »Nein, wahrlich nicht,« erwiderte sie, »es steht ganz bei dir, ob du dich von mir scheiden willst oder nicht.« »Wenn es so steht,« sprach Malik al-Nasir, »so verspreche ich dir, dich zu behalten; du bist jung, schön und reich; ich könnte leicht eine schlechtere Wahl treffen. Laß den Gelehrten nur kommen, du wirst schon sehen, welchen Empfang ich ihm bereite.«

Am folgenden Tage kam der Khwadschah in aller Frühe und öffnete die Tür. Und als er ins Zimmer trat, ging ihm der Prinz lachenden Antlitzes entgegen und sprach zu ihm: »O Gelehrter, wieviel Dank bin ich dir schuldig, dieweil du mir ein so liebliches Weib gegeben hast!« »O Jüngling,« versetzte der Khwadschah, »sieh sie an und sprich: »Geh, einmal, zweimal, dreimal, ich scheide mich von dir!« »Das sollte mir leid tun,« sprach Malik al-Nasir; »in meiner Heimat ist es ein großes Verbrechen, wenn man sich von seinem Weibe scheidet; es ist eine schmähliche Handlung, die man den Gatten unablässig zum Vorwurf macht, wenn sie feige genug sind, sie zu begehen. Da ich mich einmal dieser Dame vermählt habe, will ich sie auch behalten.« »Wie, o Jüngling?« rief der Gelehrte aus, »was bedeutet diese Rede? Machst du dich über mich lustig?« »Nein, o Gelehrter,« versetzte der Prinz, »ich spreche in vollem Ernst; das Weib gefällt mir, und offen gestanden, auch ich gefalle ihr besser als du, der du unter der Jahre Last gebeugt bist. Glaube mir, denke nicht mehr an sie; denn all deine Gedanken wären zwecklos.« »O Himmel!« rief der Gelehrte aus, »was für einen Hulla habe ich mir da in einem törichten Einfall gewählt! Wie leicht die Menschen doch andre falsch beurteilen! Ich hätte darauf geschworen, daß dieser junge Bursche tun würde, was ich wollte. Ach, lieber wollte ich noch, er hätte damals meinen Beutel behalten, als daß er mir mein Weib nimmt!«

Und der Gelehrte fuhr fort, ihn zu beschwören, damit er sie ihm zurückgäbe; und er warf sich ihm zu Füßen; aber wie sehr er auch bat und was er auch sagen mochte, der Prinz blieb unerbittlich. Der Khwadschah glaubte, vielleicht würde das Weib mehr Macht über Malik al-Nasirs Gedanken haben als er, und sie werde sich nichts Besseres wünschen, als daß der Prinz sich von ihr schiede; und also wandte er sich an sie und sprach zu ihr: »O innerstes Wesen meines Lebens, da dieser Jüngling meiner Bitte nicht achtet, benutze du selber die ganze Macht deines Mondgesichts, um von ihm zu erlangen, daß er dich meiner Liebe zurückgebe.« »O mein teurer Gelehrter, mein einstiger Gatte,« versetzte das Weib, indem es tat, als wäre es aufs höchste bekümmert; »es ist sinnlos, eine solche Gnadentat von ihm zu erwarten; er ist hartnäckig und wird seinen Fang nicht wieder freigeben. Ach, wie sehr schmerzt es mich, daß ich nicht wieder dein Weib werden kann!« Da nun der Khwadschah diese Worte für aufrichtig hielt, so steigerte sich sein Kummer noch, und von neuem bat er Malik al-Nasir, sich von dem Weibe zu scheiden; ja er begann bitterlich zu weinen, doch selbst seine Tränen fruchteten nicht mehr als seine Reden. Der Prinz blieb fest, und schließlich ging der Gelehrte, als er jede Hoffnung, ihn jemals beugen zu können, fahren ließ, zum Kadi, um wider den Hulla Klage zu führen. Der Eichter aber lachte seiner Klagen und erklärte, daß das Weib nicht länger ihm gehöre, sondern rechtmäßig im Besitz des jungen Schneiders verbliebe, den niemand zwingen könnte, sich von ihr zu scheiden. Der Khwadschah war ob dieses Abenteuers in Verzweiflung, also daß er meinte, darob von Sinnen zu kommen. Er erkrankte, und die geschicktesten Ärzte von Bagdad vermochten ihn nicht zu heilen.

Als er nun schließlich auf seinem Sterbebette lag, verlangte er den Prinzen zu sprechen. »O Jüngling,« sprach er zu ihm, »ich vergebe dir, daß du mir mein Weib geraubt hast; ich darf dir darob nicht länger grollen, denn es ist alles nach Gottes Willen geschehen. Weißt du noch, daß ich in Mekka unter der goldenen Traufe ein Gebet für dich verrichtet habe?« »Ja,« versetzte der Prinz, »ich weiß sogar noch, daß ich nicht ein einziges Wort von deinem ganzen Gebet verstand und daß ich nur in aller Andacht Amen sagte, ohne zu wissen, worum es sich handelte.« Da sprach der Gelehrte: »Dies war der Wortlaut meines Gebetes: ,O mein Gott, laß es so geschehen, daß eines Tages all meine Habe mit allem, was ich liebe, diesem Jüngling rechtgemäß anheimfallen möge!«

»Freilich«, fuhr der Khwadschah fort, »bist du mir dafür nicht so viel Dank schuldig, wie du wohl glauben magst, denn ich sprach diese Bitte nicht völlig aus eigenem Antrieb aus. Ich will dir gestehen, daß ich die Absicht hatte, ein andres Gebet zu tun, und ich weiß nicht, welche Macht und welche göttliche Regung mich mit sich fortriß, also daß ich wider Willen diese Bitte tat. Wie du siehst, fand sie Erhörung, denn fast alles, was ich besaß, gehörte meinem Weibe, und sie gibt es dir mitsamt ihrer Liebe. Ich rufe alle, die hier zugegen sind, als Zeugen dafür auf, daß mein Wunsch und Wille dieser ist: was sich nach meinem Tode an Hab und Gut auch finden möge und was mir gehörte, das soll dein rechtmäßiger Besitz sein.« Diesen letzten Willen ließ er niederschreiben und von all den Zeugen unterzeichnen. Auch er selber unterschrieb ihn, und drei Tage darauf verschied er.

Malik al-Nasir also lebte hinfort mit seinem Weibe im Hause des Gelehrten, und er ergriff Besitz von all seiner Habe. Er übte nicht mehr den Beruf eines Schneiders aus, sondern nahm sich eine große Anzahl von Dienern und dachte nur noch daran, in Bagdad ein herrliches Leben zu führen. Er freute sich in höchster Freude ob seines Loses und hielt sich für glücklicher als den Sultan Malik Aschraf, seinen Bruder. Er dachte nur noch daran, sich tagtäglich mit allen Jünglingen der Stadt zu ergötzen, bis das Schicksal, das sich darin gefiel, ihn zu verfolgen, diesem Leben in Herrlichkeit und Freuden ein Ende machte.

Als er eines Abends, nachdem er sich den ganzen Tag hindurch vergnügt hatte, in sein Haus zurückkehren wollte, pochte er kräftig an seine Tür. Und da ihm niemand auftat, so pochte er nur noch heftiger, während er zugleich nach seinen Dienern rief, doch niemand gab eine Antwort. »Oh,« sagte der Prinz, »meine Leute müssen sämtlich tot sein oder außerordentlich fest schlafen.« Und schließlich pochte er so sehr, daß er die Tür einschlug. Da eilte er hinein und stieg in das Gemach seines Weibes hinauf; doch fand er sie zu seinem höchsten Staunen nicht darin. Und seine Überraschung stieg noch, als er erkannte, daß er in seinem ganzen Haus vergeblich suchte, denn er fand keinen einzigen seiner Sklaven und Diener. Er wußte nicht, was er davon halten sollte, als er in das Gemach seines Weibes zurückkehrte und gewahrte, daß auch die Schatullen, in denen Gold und Edelsteine lagen, verschwunden waren. So verbrachte er denn die Nacht in den traurigsten Gedanken.

Am folgenden Morgen erkundigte er sich in der Nachbarschaft, ob man nicht am Tage zuvor, während er sich in der Stadt vergnügte, bemerkt hätte, daß in seinem Hause etwas Außergewöhnliches vorginge. All seine Nachbarn verneinten diese Frage, und er konnte von ihnen keinerlei Aufklärung über dieses unheimliche Abenteuer erhalten. Er stellte alle nötigen Nachforschungen an, doch ohne irgend etwas zu erfahren. Zu allem Unglück aber kam der Kadi auch noch auf den Gedanken, Malik al-Nasir möchte vielleicht sein Weib gar getötet haben und stelle sich nur, als bereitete ihm ihr Verschwinden so viel Schmerz, um jeden Argwohn des Mordes von sich abzuwehren; er ließ den Prinzen also ergreifen, und trotz seiner Unschuld mußte der Jüngling froh sein, sich mit dem Opfer all seiner Habe aus dieser Angelegenheit herauszuziehen.

So war denn nun der Prinz Malik al-Nasir von neuem in eben der Lage, in der er gewesen war, als er sich dem Weibe des Abu Nowas vermählte. Er kehrte zu seinem Schneidermeister zurück und nahm das Gewerbe der Nadel wieder auf. Doch da es in seiner Natur lag, sich ob jeglichen Unglücks zu trösten, vergaß er sein jüngstes Mißgeschick ebenso schnell wie das frühere. Und als er eines Tages im Laden seines Meisters an der Arbeit war, blieb plötzlich ein Vorübergehender stehen, sah ihn aufmerksam an und rief alsbald: »Ich irre mich nicht, das ist der Prinz Malik al-Nasir; er selber ist es, den ich mit Augen sehe.« Da sah auch der Prinz diesen Fremdling aufmerksam an und erkannte in ihm den Schneider aus Kairo, bei dem er seine Lehrjahre durchgemacht hatte; und er stand auf und ging ihm entgegen, um ihn zu umarmen. Aber der Schneider warf sich, statt ihm die Arme entgegenzustrecken und ihn an die Brust zu drücken, vor ihm nieder und küßte zwischen seinen Händen den Boden, indem er sprach: »O Prinz, ich bin deiner Umarmungen nicht würdig, zwischen dir und einem Menschen, wie ich es bin, liegt ein zu großer Abstand. Dein Schicksal hat sich gewandelt, und das Glück, das dir bislang so feindlich war, überschüttet dich jetzt mit seinen kostbarsten Gaben. Der Sultan Malik Aschraf ist tot, und sein Verscheiden hat im Lande Ägypten schwere Unruhen im Gefolge gehabt; die meisten der Großen wollten einen Prinzen deines Hauses auf den Thron erheben; ich aber reizte das ganze Volk zu deinen Gunsten wider sie auf und trat an der Spitze meiner Anhänger vor sie hin. ›Weshalb‹, sprach ich zu diesen Großen, ›wollt ihr die Krone demjenigen nehmen, der ihr rechtmäßiger Erbe ist? Der Prinz Malik al-Nasir muß unser Sultan werden; ihr wißt recht wohl, aus welchem Grunde er Ägypten verlassen hat; ihr wißt, daß er nur, um sein Leben vor der grausamen Klugheit seines Bruders zu retten, aus der Heimat entfliehen mußte. Ich bin Zeuge, daß er sich verkleidete und sich Pilgern anschloß, die nach Mekka zogen. Seit jener Zeit habe ich zwar nichts wieder von ihm vernommen, aber ich bin überzeugt, daß er noch lebt; Gott wird einen so tugendhaften Prinzen nicht zugrunde gehen lassen. Gebt mir zwei Jahre, damit ich ihn suche; und unterdessen vertraut die Leitung des Staates unsern weisen Wesiren an; und wenn mein Suchen kein Ergebnis hat, so könnt ihr immer noch den Prinzen zum Sultan erwählen, den ihr jetzt zu krönen wünscht.‹ Und als ich also gesprochen hatte,« fuhr er fort, »willigten die Großen ein, daß ich dich suchen sollte, zumal das ganze Volk mein Begehren mit seiner Stimme unterstützte. Sie gewährten mir eine Frist von zwei Jahren, um dich zu finden; und jetzt suche ich dich bereits seit einem Jahr von Stadt zu Stadt bei allen Schneidern der Welt; und ohne Zweifel hat mich endlich der Himmel hierher geleitet, da ich das Glück habe, dich zu finden. Auf, o mein Prinz, folge mir, ohne länger zu zögern, und zeige dich den Völkern, die deiner harren, um dich auf den Thron deiner Väter zu erheben.« Malik al-Nasir dankte dem Schneider für seinen Eifer und versprach ihm, sich zur gegebenen Zeit und am rechten Ort seiner zu erinnern; dann aber machten sie sich noch selbigen Tages nach der Stadt Kairo auf den Weg.

Sowie sie angekommen waren, ließ der Prinz Malik al-Nasir sich anerkennen, und die Großen, die am leidenschaftlichsten dafür gewirkt hatten, ihn dem Throne fernzuhalten, zeigten sich jetzt als die eifrigsten Fürsprecher seiner Krönung. Schließlich wurde er zum Sultan ausgerufen, und er nahm bei seiner Thronbesteigung die Huldigung seiner Beis entgegen.

Eins der ersten Dinge, an die der König dachte, war die Belohnung des Schneiders. Er ließ ihn berufen und sprach zu ihm: »O mein Vater, denn ich kann dich bei keinem andern Namen nennen, nachdem du mir einen solchen Dienst geleistet hast, ich verdanke dir nicht weniger als dem Sultan Kalaun. Wenn er mir mit dem Leben das Recht gab, ihm auf seinem Throne zu folgen, so hatte mein Unglück mich um eben dieses Recht gebracht, und ohne dich hätte ich es nimmermehr ausüben können. Es ist nur gerecht, daß ich meine Dankbarkeit zeige; und also mache ich dich zum Großwesir.« »O mein Herr,« erwiderte der Schneider, »ich danke deiner Hoheit für die Ehre, die sie mir antun will, und ich flehe dich in aller Demut an, entbinde mich von der Pflicht, diese Ehre anzunehmen; ich bin nicht zum Großwesir geboren. Ein solches Amt verlangt Gaben, die ich nicht habe. Du ziehst nur das Wohlwollen zu Rate, das du mir entgegenbringst, und bedenkst nicht, daß ich keineswegs zum Minister tauge. Wenn das Unglück wollte, daß sich die Angelegenheiten deines Königreiches zum Schlimmen wendeten, so würden mir all deine Völker fluchen, und zugleich würden sie dich tadeln, dieweil du aus einem guten Schneider einen schlechten Minister machtest. Ich bin nicht ehrgeizig genug, um ein hohes Amt ausfüllen zu wollen, das ich nicht verwalten darf. Wenn deine Hoheit mir Gutes erweisen möchte, so möge sie es tun, ohne die Ruhe und das Glück ihrer Untertanen aufs Spiel zu setzen; befiehl, o mein Herr, daß ich allein das Vorrecht haben soll, für dich und deinen ganzen Hof die Kleider herzustellen. Lieber, o mein Herr, will ich Schneider bleiben, als dein höchster Minister werden, denn ein jeder muß das Gewerbe, das er treibt, verstehen.« Der König war zu verständig, um nicht einzusehen, daß der Schneider recht hatte, wenn er es ablehnte, sein Wesir zu werden; doch er überhäufte ihn mit Wohltaten und gab Befehl, daß er allein die Würde eines Hofschneiders bekleiden sollte; und er verbot unter den strengsten Strafen allen andern Schneidern in Kairo, jemals für seine Würdenträger zu arbeiten.

Der Sultan Malik al-Nasir nun ließ es sich angelegen sein, mit allen Kräften dahin zu wirken, daß die Gesetze beobachtet wurden; denn darum hatte sich sein Bruder, der verstorbene König Malik Aschraf, nur wenig gekümmert. Er machte sich bei all seinen Beis beliebt und machte jeden Augenblick seiner Herrschaft durch irgendeine Tat denkwürdig, die seinem Volke nützlich oder angenehm war. Eines Tages aber kam der Kadi der Stadt und suchte den jungen Herrscher auf. »O unser König,« sprach er zu ihm, »ich habe drei Sklaven verhaften lassen, die beschuldigt werden, einen christlichen Kaufmann ermordet zu haben. Zwei von ihnen haben das Verbrechen eingestanden und die Strafe bereits dahin; aber der dritte setzt mich in Verlegenheit, denn er behauptet, unschuldig zu sein und dennoch den Tod zu verdienen. Nun komme ich, um deine Hoheit zu fragen, was mit diesem Menschen geschehen soll.« »Ich will ihn sehen«, versetzte der König, »und ihn selbst verhören. Diese Worte, die sich selber widersprechen, bedürfen einer Aufklärung, und also führe man ihn auf der Stelle vor.«

Unverweilt ging der Kadi davon, und als er bald darauf wiederkam, hatte er den Sklaven und den Henker bei sich. Kaum aber hatte der König einen Blick auf den Angeklagten geworfen, so erkannte er in ihm einen der Sklaven, die in Bagdad in seinen Diensten gestanden hatten. Doch er tat, als erkennte er ihn nicht und sprach zu ihm: »Weh dir! Du wirst beschuldigt, einen Menschen getötet zuhaben.« »O mein Herr,« erwiderte der Sklave, »ich bin unschuldig, aber ich verdiene den Tod.« »Wie willst du deine Worte miteinander in Einklang bringen?« fragte der Sultan. »Wenn du unschuldig bist, so verdienst du nicht den Tod; und wenn du den Tod verdienst, so bist du nicht unschuldig.« »Ich bin unschuldig«, versetzte der Sklave, »und verdiene dennoch den Tod. Deine Hoheit wird sich selbst davon überzeugen können, wenn sie mir erlaubt, ihr meine Geschichte zu erzählen.« »Sprich,« erwiderte der König, »ich bin bereit, dich anzuhören.«

»O mein Herr,« hub der Sklave an, »ich bin in Bagdad geboren. Ich diente dort einem Jüngling, der Schneider gewesen war und einen Khwadschah beerbt hatte. Dieser Jüngling war sehr schönen Wuchses, und was sein Gesicht angeht, so will ich dir gestehen, o mein Herr, daß es dem deiner Hoheit aufs genaueste glich; in meinem ganzen Leben habe ich noch keine so vollkommene Ähnlichkeit gesehen. Der nun hatte ein Weib von seltener Schönheit, das er sehr liebte; und sicherlich hätte er sie glücklich gemacht, wenn sie vernünftig gewesen wäre; aber das war sie nicht, denn eines Tages sagte sie mir unter vier Augen, sie hätte eine Neigung zu mir gefaßt, und wenn ich sie entführen wollte, so könnten wir beide den Weg nach Bassorah einschlagen. ›Dort werden wir herrlich und in Freuden leben,‹ fügte sie hinzu, ›denn wir werden all mein Gold und meine Edelsteine mitnehmen.‹ ›Nein, o meine Herrin,‹ erwiderte ich, ›ich kann mich nicht dazu entschließen, meine Pflicht zu verletzen und die Ehre meines Herrn zu vernichten.‹ Sie spottete meines Widerspruchs und wußte meine Bedenken schließlich durch ihre Liebkosungen zu überwinden. Und als wir soweit waren, handelte es sich nur noch darum, unsern Plan so auszuführen, daß niemand etwas davon merkte, und daß der Gatte nicht später erfahren könnte, was aus uns geworden war.

Zu diesem Zweck nahm die Herrin eines Tages, als er sich in der Stadt vergnügte, und wir wußten, daß er erst sehr spät nach Hause kommen würde, all ihre Diener beiseite und sprach, indem sie einem jeden eine Handvoll Gold gab, zu dem einen: ›Geh du nach Damaskus in Syrien und hole mir Kohl und Henna, denn beides ist dort am besten zu haben. Und du‹, fuhr sie, zu einem andern gewandt, fort, ›geh nach Mekka und erfülle ein Gelübde, das ich getan habe, nämlich das, einen Pilgerzug dorthin zu schicken.‹ Kurz, sie gab ihnen allen Aufträge, die ganze Jahre in Anspruch nahmen, und ließ sie auf der Stelle aufbrechen. Und als wir beide allein zurückgeblieben waren, beluden wir uns mit allem, was groß war an Wert und doch nicht beschwert, und zogen mit Einbruch der Nacht davon; die Tür verschlossen wir, und dann schlugen wir den Weg nach Bassorah ein.

Ohne haltzumachen, zogen wir die ganze Nacht hindurch und auch noch die Hälfte des folgenden Tages dahin. Als aber die Herrin von Müdigkeit übermannt war, setzten wir uns am Rande eines Teiches, wo wir vor uns einen prunkvollen Palast erblickten. Wir sahen ihn uns aufmerksam an, und wir sagten uns, daß er einem großen Fürsten gehören müßte. Da sahen wir, wie ein Jüngling mit dem Gefolge mehrerer Diener daraus hervorkam, von denen zwei auf ihren Schultern Netze trugen. Da sie geradeswegs auf den Teich zukamen, standen wir auf, um uns zurückzuziehen; aber der Jüngling, dessen Blicke die Herrin bereits auf sich gelenkt hatte, eilte uns nach. Und als er sie grüßte, gab sie ihm seinen Gruß zurück. Da er nun an ihrem Aussehen erkannte, wie sehr sie der Ruhe bedürftig war, bot er ihr seinen Palast an, indem er sagte, er sei der Prinz Guajas al-Din Mahmud, der Neffe des Königs von Bassorah. Sie schlug alsbald ihren Schleier zurück und enthüllte ihm ihr Gesicht, um dem Prinzen zu zeigen, daß sie seine Aufmerksamkeit gar wohl verdiente. Sie nahm seine Einladung an, und mir war, als betrachtete sie ihn mit Vergnügen. Zugleich aber merkte ich auch, daß sie auf ihn einen großen Eindruck gemacht hatte, und ich sah in dieser Begegnung ein schlimmes Zeichen, und nicht zu Unrecht fürchtete ich ihre Folgen. Mahmud vergaß, daß er gekommen war, um sich mit dem Fischfang zu vergnügen, und dachte nur noch an die Herrin. Er führte sie in den Palast und ließ sie in ein prunkvolles Gemach eintreten, wo sie sich auf ein Lager setzte; und als der Prinz sich neben sie gesetzt hatte, begannen sie, sich flüsternd miteinander zu unterhalten, und ihre Unterhaltung dauerte so lange, bis ein Diener kam, um seinem Herrn zu melden, daß die Mahlzeit bereitet wäre. Da nahm Mahmud die Herrin bei der Hand und führte sie in einen Saal, wo für drei Gäste gedeckt war; und ferner stand dort ein Tisch mit Bechern und Krügen aus lauterm Golde voll herrlichen Weins. Sie setzten sich und boten mir den dritten Platz. Ein Sklave schenkte mir emsig zu trinken ein und versah sein Amt so eifrig, daß ich meinen Becher kaum je geleert hatte, ohne daß er ihn auf der Stelle wieder bis zum Rande füllte. Die Dünste des Weines stiegen mir zu Kopfe, und also schlief ich bald darauf ein.

Als ich am folgenden Morgen erwachte, sah ich zu meinem größten Staunen, daß ich am Ufer des Teiches lag. ›Die Diener des Prinzen Mahmud werden mich hierher getragen haben,‹ sagte ich bei mir selber, ›um sich einen Scherz zu erlauben.‹ Damit erhob ich mich, ging zu dem Palast und pochte an die Tür. Ein Mann tat mir auf und fragte mich, was ich wollte; und ich erwiderte ihm: ›Ich komme, um die fremde Herrin zu sehen, die in diesem Palaste ist.‹ ›Hier ist keine Herrin‹, erwiderte er, indem er mir die Tür schroff vor der Nase zuschlug. Ich aber war mit dieser Antwort durchaus nicht zufrieden, sondern pochte zum zweitenmal. Da zeigte sich derselbe Mann und fragte wiederum: ›Was wünschest du?‹ ›Erkennst du mich nicht wieder?‹ fragte ich. ›Ich war im Geleit der schönen Herrin, die gestern hier eingezogen ist.‹ ›Ich habe dich noch nie gesehen‹, erwiderte der Mann; ›in diesen Palast ist keinerlei Herrin eingezogen, geh deines Weges und poche nicht noch einmal, wenn du es nicht bereuen willst.‹ Und mit diesen Worten schloß er die Tür abermals in großer Eile. ›Was soll ich von alldem halten?‹ fragte ich mich selber; ›schlafe ich noch? Nein, und sicherlich habe ich auch nicht geträumt, was gestern in diesem Palaste vorgegangen ist. Nichts kann wirklicher sein. Ach, ich errate, wie es zusammenhängt; die Diener des Prinzen, die mich in meinem Rausch auf das Ufer des Teiches getragen haben, wollen sich ergötzen, indem sie beobachten, wie ich die Dinge aufnehmen werde.‹ Ich pochte also zum drittenmal, und wiederum tat mir der Mann auf, der schon zweimal mit mir gesprochen hatte. Zugleich aber kamen noch drei oder vier andre Männer zum Tore heraus; die waren mit Stöcken bewaffnet, stürzten sich auf mich und versetzten mir so viel Schläge, daß ich bewußtlos am Boden liegen blieb.

Als ich wieder zu mir kam, erhob ich mich, und als ich mir alles vor Augen hielt, was am Tage zuvor zwischen dem Prinzen und der Herrin geschehen war, sagte ich mir, daß sie sich meiner hätten entledigen wollen, und daß ich noch billig davongekommen wäre. Ich hub an, mich ob meines Unglücks zu beklagen, und stieß tausend Flüche gegen die Herrin aus; aber ich schwöre dir, daß mich die Not, in der ich mich befand, minder bekümmerte als der Schmerz und die Reue ob meines Verrats an meinem Gebieter. Von Gewissensbissen gequält verließ ich den verfluchten Palast, und ohne einer bestimmten Straße zu folgen, irrte ich von Stadt zu Stadt und kam auf diese Weise nach Kairo, das ich gestern abend erreichte.

Als nun eben die Nacht hereinbrach und ich noch immer nicht wußte, wo ich unterkommen sollte, sah ich in einer abgelegenen Straße zwei Männer, die einen dritten ermordeten. Und dieser, der, wie man sagt, ein christlicher Kaufmann war, stieß ein lautes Geschrei aus, also daß die Mörder aus Furcht vor den Wachen in der Richtung auf mich zu die Flucht ergriffen; und eben kamen sie an mir vorüber, als auch schon die Wachen herbeieilten, und da sie glaubten, ich gehörte zu diesen Räubern, so warfen sie mich mit ihnen in den Kerker.

Das, o mein Herr,« fügte der Sklave aus Bagdad hinzu, »ist alles, was ich deiner Hoheit berichten wollte. Ich bin unschuldig an dem Morde, an dem man mir eine Mitschuld zur Last legt; doch ich verdiene den Tod, weil ich es über mich gewann, meinen Gebieter zu verraten und mich auf die treulosen Worte eines Weibes zu verlassen.«

Als nun der Sultan Malik al-Nasir diesen Bericht vernommen hatte, ließ er den Sklaven in Freiheit setzen. »Geh,« sagte er, »ich begnadige dich, weil du bereust, daß du deine Pflicht verletzt hast; ein andermal hüte dich besser vor den Verführungskünsten deiner Gebieterinnen und laß es dir nicht wieder einfallen, sie entführen zu wollen. Denn solcherlei Entführungen werden dir nicht gelingen.« Und da der König auf diese Weise über die Tücke seines Weibes volle Aufklärung erhalten hatte, dankte er Gott dafür, daß er von ihr befreit war. Er vermählte sich einer Prinzessin von großer Schönheit, die ihm nach zehn Monaten der Ehe einen Sohn gebar. Alle Bewohner Kairos feierten die Geburt des jungen Prinzen durch Lustbarkeiten, die vierzig Tage lang dauerten, denn niemals war ein Sultan von Ägypten von seinen Untertanen so sehr geliebt worden wie Malik al-Nasir. Freilich rechtfertigte er diese Liebe auch durch die Sorgfalt, mit der er ihnen seine Herrschaft angenehm und leicht zu machen suchte. Die Stadt Kairo wurde trotz ihrer großen Ausdehnung so trefflich verwaltet, der Wachthauptmann und die Würdenträger, die mit Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe betraut waren, sorgten so gut dafür, daß sich nicht die geringste Störung ereignete, ohne daß sie benachrichtigt wurden; und der Sultan selber ging, um sich von dem trefflichen Dienst seiner Wachtmeister zu überzeugen, von Zeit zu Zeit mit seinem Großwesir und einigen seiner Hauptleute nachts durch die Straßen der Stadt.

Nun vernahm er eines Nachts, als er an einem großen Hause vorüberkam, das Schreien und Klagen eines Weibes, das offenbar mißhandelt wurde. Er ließ also einen seiner Hauptleute am Tore pochen, und der befahl im Namen des Sultans, daß ihnen aufgetan würde. Der König trat mit seinem Wesir und den andern Leuten seines Geleites ein, und nun vernahmen sie das Schreien deutlicher; und als sie der Richtung folgten, aus der diese Schreie zu kommen schienen, gelangten sie in einen Saal des Erdgeschosses, wo sie zu ihrem Grauen und ihrer Überraschung ein blutüberströmtes, nacktes Weib erblickten, das zwei Sklaven unerbittlich mit Ruten peitschten, und zwar vor einem Jüngling, der sich an diesem grausamen Schauspiel zu erfreuen schien. Beim Anblick des Sultans ließen die Sklaven auf der Stelle ab, ihr Opfer zu foltern, und trotz seines Zustandes erkannte der König in diesem Opfer das Weib, dem er sich zu Bagdad vermählt hatte. Er ließ sich jedoch nichts davon merken und fragte, weshalb dieses Weib also mißhandelt würde. Da aber der Jüngling inzwischen von seinen Leuten erfahren hatte, daß der Sultan von Ägypten zu ihm spräche, küßte er vor ihm den Boden und sprach zu ihm: »O mein Herr, ich bin der Gatte der Unseligen, die du vor dir siehst. Wenn du wüßtest, weshalb ich mich über sie beklage, so zweifle ich nicht daran, daß deine Hoheit mein Verhalten billigen würde.« »Nenne mir die Gründe,« erwiderte der Sultan, »so werde ich selbst darüber urteilen können.«

»O mein Herr,« erwiderte der Jüngling, »ich bin der Neffe des Königs von Bassorah, und ich heiße der Prinz Guajas al-Din Mahmud. Ich lebte in einem Palast, der nur wenige Meilen von Bagdad entfernt ist und mir gehört. Ich verließ ihn eines Abends mit einem Teil meiner Diener, um mich mit dem Fischfang zu ergötzen, als ich diesem Weibe im Geleit eines Mannes begegnete, der aussah wie ein Sklave. Ich begrüßte sie und lud sie ein, sich bei mir auszuruhen. Sie willigte ein, und ich fragte sie, wer sie wäre und wohin sie wollte. Sie erwiderte, sie wäre die Tochter eines Würdenträgers des Sultans von Bagdad, und sie sei nachts aus dem Hause ihres Vaters entflohen, um sich dem Liebeswerben eines alten Beis zu entziehen, dem sie vermählt werden sollte. ›Ich habe die Absicht,‹ fügte sie hinzu, ›mich unter Führung dieses Sklaven, den ich mitgenommen habe, nach Bassorah zu begeben.‹ Und da sie mit Gold und Edelsteinen beladen war, so schenkte ich ihren Worten Glauben. ›O meine Herrin,‹ sprach ich, ›wenn du hierbleiben willst, so sollst du auch hier in Sicherheit sein.‹ ›Ich willige ein,‹ erwiderte sie, ›doch mußt du meinen Sklaven töten, auf daß ihn nicht die Lust ankomme, nach Bagdad zurückzukehren und den Ort meines Aufenthalts zu verraten.‹ Obwohl nun die Klugheit mir riet, das zu tun, was das Weib verlangte, konnte ich mich doch nicht dazu entschließen. Ich begnügte mich damit, daß ich Befehl gab, den Sklaven berauscht zu machen und ihm ein Pulver in seinen Wein zu schütten, also daß er entschliefe und sich, ohne zu erwachen, würde zum Schlosse hinaustragen lassen; ferner wies ich meine Diener an, wenn er sich an der Türe zeigen sollte, zu tun, als erkennten sie ihn nicht; und wenn es nötig sein sollte, so möchten sie ihn durch ein paar Schläge vertreiben. Und so geschah es. Der Sklave verschwand, und ich flößte dem Weibe den Glauben ein, daß man ihn in einen Abgrund geworfen hätte; für den Fall aber, daß der Sklave nach Bagdad gehen sollte, um den Eltern seiner Herrin zu sagen, daß sie in meinem Palaste wäre, brach ich wenige Tage später mit ihr auf und begab mich nach Bassorah.

Wir lebten dort in aller Freude aneinander, als ich erfuhr, daß der Sultan von Bagdad aus Gründen, die niemand kannte, beschlossen hatte, den König von Bassorah zu entthronen und ihn mit allen Prinzen seines Blutes hinzurichten. Ich wurde gewarnt und nahm all meine kostbarste Habe und verließ Bassorah bei Nacht; und so bin ich mit diesem Weibe hierher gezogen. Nie hatte ich sie leidenschaftlicher geliebt, und ich dachte nur daran, ihr zu gefallen. Ja, um sie durch ein noch ehrenvolleres und festeres Band an mich zu fesseln, habe ich mich ihr sogar vermählt. Und dennoch hat die Undankbare heute zum Lohn für soviel Liebe einem meiner Diener den Vorschlag gemacht, mich zu ermorden; und wenn er es täte, so sei sie bereit, sich ihm hinzugeben und ihm zu folgen, wohin er sie führen würde. Dieser Diener aber ist mir treu ergeben, und er hat mir den grauenhaften Vorschlag nicht verheimlicht. Ich erbebte, als ich ihn angehört hatte, und um sie für ihre Tücke zu bestrafen, beschloß ich, sie täglich bis aufs Blut peitschen zu lassen.«

»Nein,« sprach da der Sultan von Ägypten, ohne zu verraten, wie sehr er an alldem beteiligt war, »ein Geschöpf von so abscheulichem Wesen verlangt eine andre Strafe. Sie ist des Lebens unwert; sie ist ein Ungeheuer, von dem wir die Erde so bald wie möglich befreien müssen. Ich befehle, daß man sie auf der Stelle ertränke.« Und kaum hatte er diese Worte gesprochen, so ergriffen seine Wachen die Dame und stürzten sie in den Nil. So fand die Elende ihr Ende, und ihr Leichnam folgte dem Laufe des Flusses und wurde im Schilf bei einer volkreichen Stadt ans Land geschwemmt. Und da man die Leiche infolgedessen nicht sah, so verpestete sie allmählich die Luft und erzeugte schließlich einen Gestank, der die Pest in die Stadt trug, also daß dreißigtausend Bewohner starben.

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