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Tausend und Ein Tag im Orient

Friedrich von Bodenstedt: Tausend und Ein Tag im Orient - Kapitel 8
Quellenangabe
typereport
booktitleTausend und Ein Tag im Orient
authorFriedrich Bodenstedt
year1850
firstpub1850
publisherVerlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
addressBerlin
titleTausend und Ein Tag im Orient
pages777
created20100928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

Die Schule der Weisheit.

(Fortsetzung.)

Mirza-Schaffy! – hub ich an, als wir wieder versammelt saßen im Divan der Weisheit – was wirst Du sagen, wenn ich Dir erzähle, daß die Weisen des Abendlandes Euch für eben so dumm halten, als Ihr sie!«

»Was kann ich thun, als staunen ob ihrer Thorheit! – entgegnete er – Was kann ich Neues lernen aus ihrem Urtheil, wenn sie mein eigenes wiederholen?«

Er ließ sich einen frischen Tschibuq bringen, dampfte eine Weile nachdenkend vor sich hin, bat uns, das Kalemdan (das Schreibzeug) zu bereiten, und dann begann er zu singen:

Soll ich lachen, soll ich klagen,
Daß die Menschen meist so dumm sind,
Stets nur Fremdes wiedersagen
Und in Selbstgedachtem stumm sind!

Nein, den Schöpfer will ich preisen,
Daß die Welt so voll von Thoren!
Denn sonst ginge ja der Weisen
Klugheit unbemerkt verloren!

96 »Mirza-Schaffy! – unterbrach ich ihn wieder – wäre es nicht ein kluges Beginnen, Deine Sprüche der Weisheit in das Gewand des Abendlandes zu kleiden, auf daß sie uns werden ein Spiegel für die Thoren, eine Richtschnur für die Irrenden, und eine Quelle hohen Genusses für unsere Weiber und Jungfrauen, deren Anmuth groß ist wie ihr Hang zur Weisheit!«

»Die Frauen sind überall klug, – entgegnete mein ehrwürdiger Lehrer – und ihre Macht ist größer als die Thoren wähnen. Ihre Augen sind der Ursitz aller wahren Andacht und Weisheit, und wer aus ihnen schöpft, der braucht nicht auf den Tod zu warten, um einzugehen in die Freuden des Paradieses. Der kleinste Weiberfinger stößt das größte Gebäude des Glaubens um, und das jüngste Mädchen macht die ältesten Satzungen der Kirche zu Schanden!«

»Aber Du hast mir noch nicht Antwort gegeben auf meine Frage, o Mirza!«

»Du sprachest weise. Die Saat meiner Worte hat Keime gewonnen in Deinem Geiste. Schreib', ich werde singen!«

Und nun sang er mir eine Menge wundersamer Lieder vor, von welchen ich einen Theil hier in deutschem Gewande folgen lasse.

Das Glaubensbekenntniß des Mirza-Schaffy.

        Mein Lehrer ist Hafis, mein Bethaus ist die Schenke,
Ich liebe gute Menschen und stärkende Getränke,
Drum bin ich wohlgelitten in den Kreisen
Der Zecher, und sie nennen mich den Weisen.
Komm' ich – da kommt der Weise! sagen sie;
Geh' ich – schon geht der Weise! klagen sie; 97
Fehl' ich – wo steckt der Weise? fragen sie;
Bleib' ich – in lust'ger Weise schlagen sie
Laut Glas an Glas. Drum bitt' ich Gott den Herrn,
Daß er stets Herz und Fuß die rechten Pfade lenke,
Weitab von der Moschee und allen Bonzen fern
Mein Herz zur Liebe führe und meinen Fuß zur Schenke;
Daß ich dem Wahn der Menschen und ihrer Dummheit ferne
Das Räthsel meines Daseins im Becher Weins ergründe,
Am Wuchse der Geliebten das All umfassen lerne,
An ihrer Augen Glut zur Andacht mich entzünde.
O, wonniges Empfinden! o, Andacht ohne Namen!
Wenn Kolchis Feuerwein mir Mark und Blut durchdrungen,
Ich die Geliebte halte und sie hält mich umschlungen,
Beseligt und beseligend – so möcht' ich sterben! Amen.

* * *

Mirza-Schaffy giebt sein Urtheil über den Schach von Persien.

        Ein Schriftgelehrter kam zu mir und sprach:
»Mirza-Schaffy, was denkst Du von dem Schach?
Ist ihm die Weisheit wirklich angeboren,
Und ist sein Blick so groß wie seine Ohren?«

– Er ist so weise, wie sie Alle sind,
Die Träger des Talars und der Kaputze;
Er weiß, wie ehrfurchtsdumm das Volk und blind,
Und diese Dummheit macht er sich zu Nutze! – 98

* * *

Mirza-Schaffy rühmt die Anmuth Zuléikha's.

        Seh' ich Deine zarten Füßchen an,
So begreif' ich nicht, Du süßes Mädchen,
Wie sie so viel Schönheit tragen können!

Seh' ich Deine kleinen Händchen an,
So begreif' ich nicht, Du süßes Mädchen,
Wie sie solche Wunden schlagen können!

Seh' ich Deine ros'gen Lippen an,
So begreif' ich nicht, Du süßes Mädchen,
Wie sie einen Kuß versagen können!

Seh' ich Deine klugen Augen an,
So begreif' ich nicht, Du süßes Mädchen,
Wie sie nach mehr Liebe fragen können

Als ich fühle. – Sieh mich gnädig an!
Wärmer als mein Herz, Du süßes Mädchen,
Wird kein Menschenherz Dir schlagen können!

Hör' dies wonnevolle Liedchen an!
Schöner als mein Mund, Du süßes Mädchen,
Wird kein Mund Dir Liebe klagen können!

* * *

Mirza-Schaffy feiert einen Gedächtnißtag.

        Jenem Tage zum Gedächtniß
Sei ein langer Trunk gemacht,
Wo vom Bethaus in die Schenke
Ich den Ersten Sprung gemacht! 99

War verdummt in blinder Demuth,
War gealtert wie ein Greis –
Aber Wein, Gesang und Liebe
Hat mich wieder jung gemacht!

Trink, Mirza-Schaffy! berausche
Dich in Liebe, Sang und Wein!
Nur im Rausch sind Deine Lieder
So voll Glut und Schwung gemacht.

* * *

Mirza-Schaffy wird gläubig aus Liebe.

        Kind, was thust Du so erschrocken,
Was hebt schüchtern sich Dein Fuß?
Faß' ich tändelnd Deine Locken,
Naht mein Mund sich Dir zum Kuß –
    Was ich biete, was ich suche,
    Laß Dich's, Mädchen, nicht betrüben:
    Denn so steht's im Schicksalsbuche
    Mir urzeitlich vorgeschrieben!

Ja, voll hohem Glauben bin ich,
Glaub' an Allah und Koran!
Glaube, daß ich Dich herzinnig
Lieben muß und lieben kann!
    Andern ward ihr Loos zum Fluche –
    Mir zum Segen und zum Lieben:
    Denn so steht's im Schicksalsbuche
    Mir urzeitlich vorgeschrieben! 100

Beut die Liebe Dir Bedrängniß?
Scheuche lächelnd Angst und Pein!
Denn erfüllt muß das Verhängniß
Meines stolzen Herzens sein!
    Ob ich sinne, ob ich suche,
    Keine Andre kann ich lieben:
    Denn so steht's im Schicksalsbuche
    Mir urzeitlich vorgeschrieben.

Hoffst Du einst dort auf Belohnung
Nach vollbrachter Erdenbahn,
Nimm Dich selbst auch hier voll Schonung
Meines armen Herzens an!
    Keines Andern Minne suche!
    Füge, zwing Dich, mich zu lieben:
    Denn so steht's im Schicksalsbuche
    Dir urzeitlich vorgeschrieben!

Nimm dies duft'ge Lied und lies es,
Lausche seinem Zauberton –
Es verheißt des Paradieses
Seligkeit auf Erden schon!
    Andres Glück dort oben suche,
    Doch hienieden laß uns lieben:
    Denn so steht's im Schicksalsbuche
    Uns urzeitlich vorgeschrieben!

Wie vom Hauch des Morgenwindes
Sich der Kelch der Rose regt,
Sei das Herz des lieben Kindes
Von des Liedes Hauch bewegt! 101
    Sie gewähre, was ich suche,
    Was mich toll zu ihr getrieben:
    Denn so steht's im Schicksalsbuche
    Ihr urzeitlich vorgeschrieben!

* * *

Mirza-Schaffy rühmt sein eigenes Glück.

        Ich Glücklichster der Glücklichen! Derweil
Die Welt sich um sich selbst in Dummheit dreht,
Und Jeglicher auf seine Art dem Heil,
Das offenbar liegt, aus dem Wege geht;
Derweil der Mönch den eig'nen Leib kasteit,
Und wähnt, daß ihn der Himmel einst entschädigt
Für die auf Erden wundgerieb'nen Knie –
Derweil der Pfaff vom Jenseits prophezeit,
In frommer Wuth den Leuten Dinge predigt,
Von denen er so wenig weiß wie sie:
Knie' ich zu meines Mädchens Füßen nieder,
Und schreibe meine wonnevollen Lieder
Aus ihren Augen ab. Es perlt der Wein
Zuneben mir im funkelnden Pokale;
Ich schlürfe ihn in vollen Zügen ein,
Und denk': es ist in diesem Erdenthale
Bei Lieb' und Wein ein paradiesisch Sein!

* * *

»Mirza-Schaffy! – sagte ich, als der Weise einen Augenblick innehielt, um ein Glas Wein zu trinken und einen frischen Tschibuq anzurauchen, – die Herzen der Jungfrauen werden hochaufschlagen durch die süße Gewalt Deiner Lieder, aber die Weisen unseres Volks werden sprechen in ihrer 102 Eifersucht: es fehle Dir an Mannigfaltigkeit der Anschauungen und Gedanken. Hast Du nicht auch Lieder über andere Dinge geschrieben, als über Wein, Liebe und Rosen?«

Ohne mich gleich einer Antwort zu würdigen, oder auch nur aufzublicken, blies der Mirza eine Weile dicke Dampfwolken vor sich hin, schlürfte ruhig noch ein paar Gläser Wein herunter, und dann hub er folgendes Lied an zu singen:

        Euch mißfällt mein Dichten, weil ich
    Immer nur das Eine singe?
Nur von Rosen, Lenz und Liebe,
    Nachtigall und Weine singe?

Was ist schöner: daß der Sänger
    Irrlicht, Nacht und Lampe preist –
Oder daß er von der Einen
    Sonne ew'gem Scheine singe?

Und wie eine Sonne gieß' ich
    Meine Liederstrahlen aus,
Weil ich immer nur das Schöne,
    Niemals das Gemeine singe.

Mögen andere Lieder rühmen
    Kampf, Moschee und Fürstenglanz –
Nur von Rosen, Wein und Liebe
    Sollen immer meine singen!

O, Mirza-Schaffy! wie lieblich
    Duftet's aus den Versen her!
Denn so schön wie Deine Lieder
    Kann ein Andrer keine singen! 103

 

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