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Tausend und Ein Tag im Orient

Friedrich von Bodenstedt: Tausend und Ein Tag im Orient - Kapitel 7
Quellenangabe
typereport
booktitleTausend und Ein Tag im Orient
authorFriedrich Bodenstedt
year1850
firstpub1850
publisherVerlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
addressBerlin
titleTausend und Ein Tag im Orient
pages777
created20100928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

Die Zungengeschichte und die Pest.

(Ein Zwischenspiel.)

Am folgenden Morgen saß ich mit einem befreundeten Arzte, demselben, der mich von meinen Wunden geheilt, gemüthlich in meinem Zimmer auf dem Sopha, den duftigen Tabak von Mingrelien rauchend und von Deutschland und heimathlichen Erinnerungen plaudernd. Dr. X. war, obgleich als Oberstabsarzt in russischen Diensten stehend, ein ehrlicher Deutscher, den das Schicksal vor fünfzehn Jahren aus der Heimat vertrieben hatte, in Folge einer freisinnigen Schrift, die heute vielleicht selbst in Wien gedruckt werden dürfte, ohne dem Verfasser große Verlegenheiten zu bereiten.

Unser Gespräch wurde unterbrochen durch ein Klopfen vor der Thüre. Ich öffnete und herein schlich ein schmächtiger, elastisch angelegter Tatarenjüngling.

Nachdem er den üblichen Landesgruß, mit der rechten Hand flüchtig Brust und Stirn zu berühren – was sagen soll: hier ist mein Herz, hier mein Verstand, beides leg' ich Dir zu Füßen! – wohl dreimal wiederholt hatte, verbeugte er sich fast bis zur Erde vor mir, und dann fragte er, mich schüchtern anblickend, ob ich der Alim von Fränkjistan, der 89 junge Weise vom Abendlande sei? Er habe mir eine Botschaft zu bringen von Mirza-Schaffy, dem Weisen von Gjändsha.

»Möge Deinen Schritten Glück folgen,« erwiederte ich, »was ist des Weisen von Gjändsha Begehren?«

Er sah sich spähend im Zimmer um und dann zog er geheimnißvoll einen an mich adressirten Brief aus der Tasche. Ich eröffnete das seltsam gefaltete Schreiben und las, wie hier in wortgetreuer Uebersetzung folgt:

»Licht des Abendlandes! Säule der Weisheit!«

»Dein Freund, der liebende, lockengefangene, mir ein Paar englische Rasirmesser geschenkt habend, weil sie mir wohlgefielen: den Blick des Verlangens werfe ich auf Deine Scheere, weil sie englisch ist und mir wohlgefällt. Blumen vor Deine Füße!

Mirza-Schaffy.«    

Ich übergab dem Burschen die Scheere, mit einem Gruße an Mirza-Schaffy, und dem Wunsche, daß Lilien aufsprießen möchten aus den Barthaaren und Mandelbäume aus den Nägeln, die er damit abschnitte.

Der Bursche verschwand, wie er gekommen war, biegsam wie eine aufgerichtete Schlange.

»Das ist noch ein Ueberbleibsel einer Landessitte der alten Zeit,« sagte der Doktor, »wo die bloße Aeußerung: das gefällt mir! immer gleich den Besitz des Gefallen erregenden Gegenstandes nach sich zog. Du wirst hier zu Lande,« fuhr er fort, »noch oft Augen und Ohren aufsperren müssen, über das, was um Dich vorgeht, unter den Russen sowohl, wie unter den Eingebornen. Bist Du schon einmal in dem großen Militärhospitale von Tiflis gewesen?«

90 »Nein.«

»Nun so komm mit mir, ich habe ohnehin jetzt einige Krankenbesuche zu machen.«

Gern folgte ich der Einladung meines ärztlichen Freundes. Unterwegs erklärte er mir vorbereitend, welch' eine eigenthümliche Behandlung die russischen Soldaten erforderten; wie schwer es sei, sie über den Sitz und die Ursache ihrer Krankheiten auszufragen und wie es fast ganz dem Scharfsinn des Arztes überlassen bleibe, dem Uebel auf den Grund zu kommen. »Ist einem solchen Kerl etwas im obern Theile des Körpers zugestoßen, gleichviel ob im Magen, im Rücken oder im Kopfe, so antwortet der Soldat regelmäßig auf die Frage, was ihm fehle: »Das Herz thut mir weh.« – sserze bolit. – Sitzt das Uebel im untern Körper, so lautet die Antwort: »Der Fuß thut mir weh.« – nog bolit.

Nach wenigen Minuten erreichten wir das ganz im europäischen Style erbaute und eingerichtete Hospital. Als wir in den ersten Saal traten, erhoben sich alle Kranken, welche aufrecht stehen konnten und stellten sich vor die Betten hin, so prall und ernstdumm, wie auf der Parade, wenn irgend eine »hohe Person« zugegen ist.

»Wie geht Dir's Alter?« fragte der Doktor den Ersten.

»Das Herz thut mir weh!« lautete die schüchterne Antwort.

»Zeige mir Deine Zunge!«

Der Soldat that, wie ihm geheißen und brachte ein Stück Zungenfleisch zum Vorschein, das unmenschlich lang und breit aussah.

»Was fehlt Dir?« erging die Frage an den Zweiten.

»Das Herz thut mir weh!«

»Streck die Zunge heraus!«

91 Die Zunge verfehlte nicht zu erscheinen.

Dem Dritten that der Fuß weh, d. h. er hatte eine Wunde in der Lende; aber das half nichts, er mußte ebenfalls mit der Zunge herausrücken.

Als wir solchergestalt etwa ein Dutzend Zungen besichtigt hatten, klopfte mir plötzlich der Doktor auf die Schulter und rief: »Jetzt schau Dich um!«

Da standen die armen Bursche der Reihe nach mit offenem Maule und ausgestreckter Zunge, als ob sie dem jüngsten Tage entgegenleckten.

»Die Zunge zurück!« erscholl jetzt der Kommandoruf des Doktors, und die Zungen verschwanden.

»Aber wie kannst Du Dich so über die armen Leute lustig machen!« bemerkte ich meinem Begleiter.

»Du mußt die Regel nicht nach der Ausnahme beurtheilen,« entgegnete er, »ich wollte Dir bloß durch ein Beispiel veranschaulichen, wie weit der »gute Geist des Heeres,« die Disciplin der Soldaten geht. Den Kranken hat der Scherz nichts geschadet. In diesem Saale sind lauter Rekonvaleszenten, welche ohnehin in wenigen Tagen entlassen werden, und durch das Zungenausstrecken in Gegenwart des Oberarztes glauben sie sicherlich ihre Heilung um ein Bedeutendes gefördert zu haben.«

* * *

Als wir das Hospital verließen, begegnete uns Oberst Y. ein alter Bekannter aus den Ostseeprovinzen.

Mein ärztlicher Freund empfahl sich, um noch einige Besuche zu machen.

»Ein prächtiger Kerl, – sagte der Oberst, dem Doktor nachsehend – ein prächtiger Kerl, aber zu ehrlich für unsere 92 Verhältnisse! Der wird es nie zu was Rechtem bringen in Rußland. Ueberhaupt ist die goldene Zeit der Aerzte am Kaukasus vorüber, seit es mit dem Pestmachen nicht mehr geht.«

Pestmachen? – Was wollen Sie damit sagen?––

»Sie leben schon seit Monaten am Kaukasus, und wissen nicht was Pestmachen ist?« fragte der Oberst, zweifelhaft lächelnd.

Der Ausdruck war mir allerdings bekannt, aber ich wollte mich gern etwas genauer darüber unterrichten, und verneinte deshalb die Frage.

»Pestmachen – fuhr der Oberst fort – ist eine Spekulation wie jede andere. Irgend ein im Innern des Landes wohnender Arzt sprengt bei dem ersten besten gefährlichen Krankheitsfall aus, es sei die Pest im Dorfe. Nun kennen aber die Einwohner aus Erfahrung sehr wohl alle Uebel, welche die Pest in ihrem Gefolge hat; da wird abgesperrt, versengt, verbrannt, geräuchert und der Himmel weiß was noch alles. Um sich diesen unvermeidlichen Uebeln nicht aussetzen zu müssen, quälen die armen Leute den Arzt, doch die Pest bald wieder zu vertreiben, und versprechen ihm dafür Geld und Geschenke so viel sie auftreiben können. Findet er die Bedingungen annehmbar, so verschwindet die Pest wie sie gekommen; im entgegengesetzten Fall wird offizielle Anzeige davon gemacht, alle Vorsichtsmaßregeln werden in Ausführung gebracht, bis der Bericht einläuft, es sei keine Gefahr mehr vorhanden.

Der Arzt erhält dann für die Geschicklichkeit, mit welcher er dem Uebel abgeholfen, einen Orden, Rangerhöhung oder eine Belohnung anderer Art. In jedem Fall läuft die Spekulation zu seinem Vortheil aus.

Ich habe mehrere Pestärzte gekannt, die auf diese Weise ihr Glück gemacht haben, und dabei zu Rang und Orden 93 gekommen sind. Doch die Zeiten sind jetzt vorüber; auch waren die Deutschen in der Regel zu ehrlich und zu plump für diese Künste, wie überhaupt für alle Posten, wo man ein Auge zu und eine Hand aufthun muß, um sein Schäflein zu scheeren. Machen Sie einen Polen oder Russen zum Oberarzt eines Hospitals, er wird Alles in der schönsten Ordnung halten, und in wenigen Jahren ein reicher Mann sein: nehmen Sie einen Deutschen zu solcher Stelle, Alles wird in Unordnung gerathen, und er wird noch obendrein Schulden machen.«

Das versteh' ich nicht recht.

»Und ist doch nichts leichter zu verstehen. Die ganze Kunst besteht darin, sich gut zu stellen mit dem Verwalter des Hospitals, d. h. man muß leben und leben lassen. Das kann aber ein Deutscher bei seinen wunderlichen Begriffen von Ehrlichkeit nicht. Z. B. der Verwalter kommt und sagt: Herr Doktor, es sind Hemden nöthig für die Kranken. – »Wie viele?« – Zweihundert Stück. – Das Geld wird ausbezahlt und die Hemden werden gemacht. Nach vierzehn Tagen erscheint der Verwalter wieder und sagt: Herr Doktor es sind Hemden nöthig für die Kranken. – »Wie viele?« – Zweihundert Stück. – »Wie ist das möglich? Wir haben ja erst vor vierzehn Tagen zweihundert neue Hemden gekauft.« – Die sind alle wieder verdorben. Ist's Ihnen gefällig selbst nachzusehen? – Der Arzt ist gewissenhaft, sieht selbst nach und findet richtig zweihundert verdorbene Hemden. So geht es fort von Monat zu Monat. Der Verwalter wird reich dabei, der Arzt merkt den Betrug wohl, kann jedoch nichts dagegen machen, hat auch nicht immer Zeit und Lust in die ekelhaften Details einzugehen. Ist er hingegen klug genug, sich mit dem Verwalter zu verständigen, so geht Alles im besten 94 Einklang, der Gewinn wird redlich getheilt, die Hemden sind immer ganz, die Kleidung der Kranken reinlich und ordentlich; kurz alle Unannehmlichkeiten sind beseitigt. So läßt sich, trotz des geringen Gehaltes, Alles bei uns vortheilhaft einrichten, man muß sich nur ein bischen in die Verhältnisse zu schicken wissen. In Moskau auf dem Polizeibüreau kannte ich einen Herrn, der bei achthundert Rubel jährlicher Einnahme zwanzigtausend Rubel jährlicher Ausgaben hatte, und der Segen Gottes ruhte sichtbarlich auf ihm, denn er hatte niemals Schulden und wurde rund und dick dabei.«

Aber erfährt die Regierung so etwas nicht?

»Die Regierung weiß das sehr gut, aber es liegt in ihrem Vortheil, die Sache scheinbar zu ignoriren. Denken Sie nur welche ungeheure Summen dem Staate jährlich auf diese Weise erspart werden.« 95

 

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