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Tausend und Ein Tag im Orient

Friedrich von Bodenstedt: Tausend und Ein Tag im Orient - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
booktitleTausend und Ein Tag im Orient
authorFriedrich Bodenstedt
year1850
firstpub1850
publisherVerlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
addressBerlin
titleTausend und Ein Tag im Orient
pages777
created20100928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Die Schule der Weisheit.

Seit Mirza-Schaffy mir das Geheimniß seiner Liebe erschlossen, lag sein Herz vor mir offen da, wie die Gärten von Tiflis. Er hatte fortan kein Geheimniß mehr vor seinem Jünger, und alles Angenommene, Uebertünchte seines Wesens streifte er ab im Umgange mit mir.

So gewiß ist es, daß eine einzige Stunde vertraulicher Mittheilung zwei fremde Menschen einander näher bringt, als ganze Jahre gewöhnlichen Beisammenlebens.

Ich ersparte dem Mirza jede demüthigende Erinnerung an das tiefschmerzliche Ende seiner Geschichte, und er wußte mir Dank für meine Zurückhaltung. Wohl schien er anfänglich in Zweifel zu sein, ob die Schattenseite der Erzählung, seiner Würde mir gegenüber nicht geschadet habe; aber bald überzeugte er sich, daß er durch den Gesammteindruck seiner Geschichte eher in meiner Achtung gewonnen als verloren hatte.

Die Sonne seines Lebens war untergegangen und nichts war ihm geblieben, als der Mondschein der Erinnerung. Sein ganzes Schicksal sprach sich in der Schlußstrophe eines seiner wehmüthigen Liedes aus: 80

Und steigen auch in der Jahre Lauf,
Wenn der Tag des Lebens vollbracht ist,
Erinnerungen gleich Sternen auf:
Sie zeigen nur, daß es Nacht ist! . . .

Ich wußte, daß es ihm wohl that, mir in traulichen Stunden von der Verlornen zu erzählen, besonders in den unheimlichen Winterabenden, wenn es draußen stürmte und tobte und der Wind so schaurig vom Gebirge herheulte, als ob die ganze Menschheit ihren Schmerz auspreßte in einem einzigen, langathmigen Klagelaut.

So suchte ich dann häufig das Gespräch auf Zuléikha zu lenken; hatte ihr Name doch auch für mich eine höhere Bedeutung gewonnen, denn die ihr geweihten Gesänge waren die Rosen im Liederkranze Mirza-Schaffy's.

Daß sie des Weisen von Gjändsha erste Liebe war, habe ich schon durch die Ueberschrift seiner Erzählung angedeutet. Auch war er, so viel man wußte, nie wieder mit einer Frau in ein näheres Verhältniß getreten, ohne übrigens einen Augenblick zu bezweifeln, daß alle weiblichen Wesen bei seinem bloßen Anblicke in ihn verliebt sein müßten. War doch Zuléikha, nach seinem Dafürhalten, der verkörperte Inbegriff aller weiblichen Schönheit, der jungfräuliche Mittelpunkt aller Anmuth und Hoheit auf Erden; und da ihn Diese geliebt, wie konnten die Anderen ihn hassen!

Nach dieser bescheidenen Voraussetzung regelte er bisher sein Verhältniß zum weiblichen Geschlechte.

Alle Tugenden, alle Zauber des Weibes kamen auf Rechnung Zuléikha's – alle Schattenseiten hingegen auf Rechnung der übrigen Frauen der Welt. Lieben konnte er nicht mehr, gleichgiltig sein konnte er auch nicht – so entschloß er 81 sich denn, alle andern Frauen büßen zu lassen für den Schmerz, den er durch den Verlust der Einen erlitten.

In seinen eleganten Gewohnheiten wurde nichts geändert; sein Kopf war immer so weiß wie frisch gefallener Schnee, sein Bart duftend und gekräuselt wie der Bart Salomo's, den er häufig citirte, und seine Nägel und Fingerspitzen waren so blau gefärbt, wie der Himmel Georgiens.

Seine pyramidenförmige Mütze war – so glaubte er wenigstens – ein wahres Fangnetz für verliebte Herzen geworden. Wo immer er auf dem Balkon oder der Terrasse eines Hauses ein weibliches Wesen erblickte, benutzte er jedes Mal die Gelegenheit, einen Theil seines weißen Kopfes zu zeigen und sieggewisse Blicke nach oben zu senden. Dann schob er die Mütze wieder keck zurecht und ging rachegesättigt weiter, in der stolzen Ueberzeugung, eine neue Eroberung gemacht zu haben.

Es kam ihm nicht darauf an, Nutzen aus solchen Eroberungen zu ziehen; er wollte nur Opfer machen, und zwar so viel wie möglich. Was kümmerte er sich darum, ob die Jungfrauen errötheten beim Anblicke seines Kopfes, oder ob die Herzen versengten vom Feuer seines Auges!

* * *

Im Laufe des Winters wurde Mirza-Schaffy um einen Jünger reicher. Zwei Reisende, K. und R. waren von Deutschland angekommen, der Erste, um naturhistorische, der Zweite, um linguistische und antiquarische Studien zu machen.

Gleiche Neigungen und Reisezwecke befreundeten mich bald mit R., der schon bedeutende Kenntnisse in den orientalischen Sprachen hatte. Wir studirten und durchwanderten Stadt und Umgegend gemeinschaftlich in den Morgenstunden, und Abends 82 theilte er meine dreimal wöchentlich stattfindenden Lektionen oder »die Stunden der Weisheit,« wie Mirza-Schaffy seinen Unterricht nannte.

Hin und wieder kamen auch noch einige andere, der tatarischen und persischen Sprache mehr oder minder kundige Freunde zum Besuch, während der Stunden der Weisheit. Dann wurde unter Mirza-Schaffy's Leitung ein förmlicher Divan gebildet. Der Weise von Gjändsha nahm zuerst das Wort, und sang und erklärte uns ein Lied, welches, wenn es sein eigenes Erzeugniß war, auch immer mit seiner eigenen Verherrlichung begann oder endete. Z. B.:

          Sing' ich ein Lied, hüpft freudereich
Das Herz der jungen Mädchen;
Denn Perlen sind die Worte gleich,
Gereiht auf seid'nen Fädchen!

  Und Düfte steigen auf daraus,
Von Houris' Hauch getränkte –
Gleichwie aus jenem Blumenstrauß
Den mir Zuléikha schenkte.

  Erstaunt nicht, daß des Sängers Mund
So Herrliches vollbringe,
Und daß die Weisheit hier den Bund
Mit Jugendtollheit schlinge!

  Wißt Ihr, wer mir die Weisheit gab?
Sie kam vom rechten Orte,
Ich las sie ihren Augen ab
Und hüllte sie in Worte! 83

  Was Wunder, wenn so anmuthvoll
Euch meine Lieder tönen,
Ist doch, was meinem Mund entquoll,
Ein Abglanz nur der Schönen!

  Sie ist dem Becher Dshemschid gleich,
Ein Quell der Offenbarung,
Der mir erschließt ein Zauberreich
Der Weisheit und Erfahrung.

  Und sagt: erklingt nicht mein Gesang
Von wunderbaren Tönen?
Und ist nicht meines Liedes Gang
Leicht wie der Gang der Schönen?

Seine Lieder waren immer mit arabischen Wörtern gespickt, und kam uns, was häufig geschah, ein unverständlicher Ausdruck vor, so überließ er es unserem eigenen Scharfsinn, die Bedeutung zu errathen. »Ein feines Wort!« pflegte er dann ausweichend zu sagen; zu einer Erklärung aber ließ er sich nur selten herab.

War das Lied zu Ende gesungen, so mußte Jeder von uns, der Reihe nach, einen Spruch der Weisheit sagen, oder, wenn es an Gedanken fehlte, eine Geschichte erzählen.

Daß dabei in Bezug auf Originalität des Gedankens und Ausdrucks nicht mit übergroßer Gewissenhaftigkeit verfahren wurde, darf ich Euch im Vertrauen schon gestehen. Originell waren gemeiniglich nur die Fehler, welche wir machten. 84 Mirza-Schaffy sagte bei jedem Spruche, ob er weise oder unweise sei. Entfuhr uns hin und wieder ein guter Gedankenblitz, so verfehlte er nicht, ihn in Reime zu bringen, was immer in wenigen Minuten geschehen war.

So bemerkte einst ein Verliebter in unserem Kreise: es sei doch sonderbar, wie das Menschenherz so lange in Nacht gehüllt bleibe und unbewußt die köstlichsten Schätze verberge, bis ein weibliches Auge als Fackel hineinleuchte, das Dunkel verscheuchend und das Verborgene an's Licht ziehend.

Alsobald hub Mirza-Schaffy zu singen an:

  »Mein Herz schmückt sich mit Dir, wie sich
Der Himmel mit der Sonne schmückt –
Du giebst ihm Glanz, und ohne Dich
Bleibt es in dunkle Nacht entrückt.

  Gleichwie die Welt all' ihre Pracht
Verhüllt, wenn Dunkel sie umfließt,
Und nur, wenn ihr die Sonne lacht,
Zeigt, was sie Schönes in sich schließt!«

»Aber Mirza-Schaffy,« sprach der Verliebte, »was Du singst ist Dein Lied! Ich habe keinen Theil daran als die Freude es zu hören.«

»Nein,« erwiederte der Weise von Gjändsha, der Tonkunstmächtige:

»Du bist der Erzeuger des Liedes,
    Ich thue ihm bloß das Gewand an –
Du lieferst den Marmor, den reinen,
    Ich lege die bildende Hand an – 85

Du giebst den Geist, den Gedanken,
    Bei mir kommt's bloß auf Verstand an –
Selbst der mangelt oft, und mit Tollheit
    Füll' ich das Maß bis zum Rand an!«

Der Verliebte, ein aus Persien heimkehrender junger Tourist, dessen Herz sich verloren hatte auf den dunklen Lockenpfaden einer schlanken Georgierin, war ganz entzückt über die Versgewandtheit des Weisen von Gjändsha.

»Mirza-Schaffy!« rief er, »was sind alle Sänger des Abendlandes gegen Dich! Was ist eine Nachtlampe gegen die Sonne, was ein Staubkorn gegen die Wüste!«

»Von ihnen gilt,« entgegnete der Weise, einverstanden mit dem Kopfe nickend, »von ihnen gilt was ich einstmals auf einer Reise durch Persien von den Vezieren des Schach gesungen.«

– Und was sangst Du, o Mirza? –

»Zum Divan der Veziere mußt' ich kommen,
    So war des Schah's Befehl –
»Mirza! jetzt sag', ob dem, was Du vernommen,
    Dein Urtheil ohne Hehl!«

Ich sprach: ich will Dir sagen, was ich fühle,
    Ich mach' es Dir kein Hehl –
Ich höre das Geklapper einer Mühle,
    Doch sehe ich kein Mehl!

Ich war begierig zu erfahren, wie weit es der hart urtheilende Weise in der Kenntniß des Abendlandes gebracht hatte, und durch Fragen aller Art suchte ich ihm sein Wissen darüber zu entlocken. Ich gebe hier kurz das Resultat meiner Forschungen:

86 Um in's Abendland zu gelangen, muß man über das schwarze Gewässer segeln, oder das Land der Moskow durchpilgern. Ob die Kinder des Abendlandes in Zelten oder Felshütten hausen, ferner, ob sie auf Kameelen, Elephanten, Pferden oder Eseln reiten, wußte der Mirza nicht genau zu bestimmen. Ganz genau aber wußte er, daß sie in drei große Stämme zerfallen: in den Stamm der Nemsche, Deutsche, – den Stamm der Inglis, Engländer – und den Stamm der Farsch, Franzosen.

Auf meine Frage, wodurch sich diese drei Stämme von einander unterscheiden, erhielt ich die Auskunft, daß die Nemsche aus lauter Mullahs und Dilbilirs – Sprachenkundigen – bestehen, während die Inglis vortreffliches Tuch bereiten – der Mirza zeigte dabei auf seinen blauen Kaftan – und die besten Rasirmesser der Welt verfertigen. Von den Farsch wußte er nur, daß sie viel lachen und schwatzen und besonders gut riechen.

Die abendländische Völkerkunde des Weisen von Gjändsha war rein empirisch. Alle Deutschen seiner Bekanntschaft hatten bei ihm die heiligen Sprachen studirt; von den Franzosen war ihm kein anderes Specimen zu Augen gekommen, als ein Hofmeister und ein paar Perückenmacher, die ganz seiner Schilderung entsprachen; die Engländer hingegen kannte er nur aus ihren, über ganz Asien berühmten Fabrikaten, und er pries die Gnade Allah's, der auch solche Käuze geschaffen, damit es den Weisen des Morgenlandes nicht an feinen Gewändern fehle, ihre Glieder zu umhüllen, und nicht an scharfen Rasirmessern, ihre Köpfe zu säubern.

Von den englischen Rasirmessern besonders sprach der Mirza mit rührender Anerkennung; denn er selbst hatte einmal in schöneren Jahren ein Paar besessen, und die waren 87 ihm durch die Vermittelung eines Kosaken – Schmutz auf sein Haupt! – abhanden gekommen.

Während der Weise von Gjändsha uns die Geschichte seiner Rasirmesser erzählte, schlich der verliebte Tourist, der Lockengefangene, der mit mir unter Einem Dache wohnte, in sein Zimmer, um dem Mirza eine Ueberraschung zu machen. Er kam zurück, ein Paar funkelneue, schön eingefaßte Rasirmesser in der Hand. Er hielt sie dem Weisen vor die Augen und fragte: »Wie gefallen Dir diese?«

»Tschok! – sehr – W'Allah!« – bei Gott. –

»So nimm sie, mir zum Gedächtniß. Und möge Dein Verstand immer scharf bleiben, wie die Schneide, und Dein Haupt immer glänzen, wie die Klingen dieser Messer!«

Mirza-Schaffy nahm das Geschenk mit einer Gemüthsruhe, welche errathen ließ, daß er in Freude wie in Leid immer das richtige Maß einzuhalten wisse.

Der Weise steckte die Messer zu sich, und machte Anstalt zu gehen; zum Abschied warf er noch einen Blick des Wohlgefallens auf eine vor mir liegende englische Scheere.

»Die Scheere gefällt mir auch!« bemerkte er.

»Das freut mich,« erwiederte ich und wünschte ihm gute Nacht. »Achschamminis chéir olssun! Möge Dein Abend schön sein!« 88

 

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