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Tausend und Ein Tag im Orient

Friedrich von Bodenstedt: Tausend und Ein Tag im Orient - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
booktitleTausend und Ein Tag im Orient
authorFriedrich Bodenstedt
year1850
firstpub1850
publisherVerlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
addressBerlin
titleTausend und Ein Tag im Orient
pages777
created20100928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Des Weisen von Gjändsha erste Liebe.

Es sind jetzt eilf Jahre,« begann Mirza-Schaffy seine Erzählung, »als ich zum ersten Male Zuléikha erblickte, die Tochter Ibrahims, des Chans von Gjändsha.

Was soll ich Dir sagen von ihrer Schönheit? Soll ich erzählen von ihren Augen, die, dunkler als die Nacht, dennoch heller leuchteten als alle Sterne des Himmels? Soll ich Dir sagen von der Anmuth ihrer Gestalt, von der Lieblichkeit ihrer Hände und Füße, von ihrem weichen Haar, das sich herabschlängelte lang wie die Ewigkeit, und von ihrem Munde, dessen Hauch süßer war als der Duft der Rosen von Schiras!

Was nutzt alles Reden, Du würdest mich doch nicht verstehen, denn der Mensch vermag nicht Uebermenschliches zu begreifen.

Ueber sechs Monate hatte ich sie täglich beobachtet, wenn sie um Mittag mit ihren Gespielinnen auf dem Dache des Hauses saß, oder Abends, wenn sie ihre Sklavinnen vor sich tanzen ließ im Scheine des Mondes. Noch hatte ich kein Wort mit ihr gesprochen, noch wußte ich nicht, ob sie mich je eines Blickes gewürdigt. Wie konnte ich es wagen, mich 61 ihr zu nähern? Vermag auch der Mensch sich der Sonne zu nahen? Was kann er thun, als sich laben im Glanz ihres Angesichts?

Am Tage mußte ich mich immer mit großer Vorsicht bewegen, denn hätte Ibrahim-Chan bemerkt, daß ich liebende Blicke auf seine Tochter geworfen, es wäre mein Leben gefährdet gewesen. Aber Abends war ich sicherer in meinem Verstecke, denn nach acht Uhr betrat Ibrahim-Chan nie mehr die Schwelle oder das Dach seines Hauses. Dann schlugen die Flammen meines Herzens in Liedern aus; bald sang ich ein Ghasel von Hafis und bald von Firdusi:

O, sanfter Wind! zum Ort hinwehe
        Der Dir bekannt –
Und jenes süße Wort gestehe
        Das Dir bekannt!

Die Antwort bleibe, bringt sie Wehe,
        Mir ungenannt –
Doch, bringt sie Heil: komm und gestehe
        Was Dir bekannt!

Am öftesten aber sang ich meine eigenen Lieder. Was braucht Mirza-Schaffy sich zu schmücken mit erborgtem Schmuck? Wessen Stimme klingt heller als meine Stimme, und wessen Lieder sind schöner als meine Lieder?

Auch gelang es mir endlich nach langem Harren, das Auge der Herrin auf mich zu lenken. Ibrahim-Chan war nach Tiflis gereist, um mit dem Heere des Sardaar's gegen die Feinde der Moskow zu kämpfen. Ich durfte mich jetzt freier hören und sehen lassen, meine Stimme und meine Gestalt konnten Zuléikha nicht länger unbemerkt bleiben.

62 Eines dunklen Abends, als ich vergeblich zwei lange Stunden hindurch harrend und singend in meinem Versteck gestanden hatte, ohne auf Ibrahim's Dache ein weibliches Wesen zu erblicken, wollte ich eben mißmuthig in meine Behausung zurückschleichen, als leisen Schrittes eine weißverhüllte Gestalt an mir vorüberwandelte und die Worte sprach: Folge mir, Mirza-Schaffy und merke wohin ich gehe.

Mein Herz schlug hoch auf in zitternder Erwartung. Baschem üsta! Auf mein Haupt komme es! dacht' ich und folgte bedächtigen Schrittes der in einiger Entfernung mir vorschwebenden weißen Gestalt.

Rechts ab von der einsamen Gasse, durch welche wir schritten, führt ein Pfad ins Gebirge, umwachsen von Mispelsträuchen und Oleandergebüsch, und wegen seiner Enge unzugänglich für Lastthiere und Karawanen. Dorthin wandten wir uns. Ein bald aufgefundenes heimliches Plätzchen sicherte uns vor der Neugier der Menschen. Mein Herz ließ mich richtig errathen, von wem die Botin, die mich führte, gesandt war.«

»Ich glaubte schon,« unterbrach ich den Mirza, während er beschäftigt war, die Zunge wieder durch ein Glas Wein anzufrischen, »ich glaubte, es sei Zuléikha selber gewesen.«

Er schien diese Bemerkung mit Unwillen zu hören. »Kann die Sonne,« entgegnete er, »niedersteigen zur Erde? Konnte Zuléikha allein sein mit mir, bevor sie mich zu sich heraufgezogen? Kann das Ende kommen vor dem Anfang, oder der Tag vor Sonnenaufgang?«

Er schlürfte, sich beruhigend, wieder ein Glas hinunter, und dann fuhr er fort in seiner Erzählung:

»Meine geheimnißvolle Gefährtin brach zuerst das Schweigen. – »Ich bin Fatima,« sprach sie, »die Vertraute 63 Zuléikha's. Meine Herrin blickt auf Dich mit dem Auge des Wohlgefallens. Der Klang Deiner Stimme hat ihr Ohr ergötzt und der Sinn Deiner Lieder ihr Herz gerührt. Ich bin zu Dir gekommen aus eigenem Antriebe, ohne Geheiß meiner Herrin, um Dich aufzurichten und Dich Hoffnung schöpfen zu lassen aus dem Quell meines Wortes, weil ich Dir gut bin und es mir weh thut, Dich leiden zu sehen aus Liebe zu ihr.«

»So hat Zuléikha ihr Ohr dem Flehen des ärmsten ihrer Sklaven nicht verschlossen?« rief ich freudeberauscht, taumelnd von Glückseligkeit, »und mein Herz wird nicht zerrissen werden vom Dorn des Mißfallens? Allah min! Allah bir! Der Gott der Tausende ist ein einiger Gott! Groß ist seine Güte, und wunderbar sind seine Wege! Was habe ich gethan, daß er den Strom seiner Gnade über mich ergießt durch die Hand Zuléikha's, daß er den Quell meiner Lieder geleitet hat zum Meere der Schönheit!« . . .

»Du thust wohl,« sprach Fatima, »die Gnade Allah's zu preisen und die Anmuth meiner Gebieterin. Sie ist der Edelstein im Ringe der Schönheit, sie ist die Perle in der Muschel des Glückes. Schon längst hätte sie Dir ein Zeichen ihrer Gunst gegeben, wenn ihre Schamhaftigkeit und Unschuld nicht noch größer wäre als ihre Schönheit. Und sie fürchtet ihren Vater, der seine Tochter zärtlich liebt, aber nimmer zugeben würde, daß ein armer Mirza nach ihrer Minne trachte. Achmed-Chan von Awarien, der jetzt mit Ibrahim-Chan zum Heere der Moskow gezogen, wirbt um Zuléikha's Hand, und der Vater wird sie ihm geben, wenn er glücklich aus dem Feldzuge heimkehrt. Darum müssen wir trachten, daß Euere Liebe vor der Heimkehr Achmed-Chans zu erwünschtem Ziele komme. Wenn morgen Abend der Muezzim 64 vom Minarete zum Gebete ruft, so zeige Dich an der Gartenseite des Hauses; ich werde die Blicke Zuléikha's auf Dich zu lenken suchen, und wenn Du ein Lied singst, das ihr wohlgefällt, so darfst Du der Knospe gewiß sein.«

»So sprach Fatima, und noch viel mehr; ich habe Dir nun das Wichtigste davon wieder erzählt. Ich schenkte ihr Alles, was ich Kostbares bei mir hatte, meine Uhr und meine Börse, und versprach ihr, einen Talisman zu schreiben zur Vertreibung eines schwarzen Fleckes auf ihrer linken Wange. Wir schieden mit dem Versprechen, uns wieder zu sehen zu weiterem Verständniß.«

Mirza-Schaffy unterbrach seine Erzählung durch einen langen Seufzer und griff wieder nach dem frisch gefüllten Glase. Ich benutzte die kurze Pause, um mir Aufklärung über einige dunkle Stellen seiner Geschichte zu verschaffen. »Was war der Sinn Deiner Worte,« fragte ich ihn, »als Du sprachest vom Dorn des Mißfallens, und welche Bedeutung knüpft sich an die Knospe, davon Dir Fatima sagte, Du dürftest ihrer gewiß sein?«

»Bist Du so unerfahren,« entgegnete er mitleidig, »daß Du nicht weißt, welchen Ausdruck die Liebe hat? Wie soll eine Jungfrau ihre Gefühle offenbaren, einem Manne gegenüber, mit dem sie nie ein Wort spricht, bevor er mit ihr vereint ist?«

Und nach seiner gewöhnlichen Weise, mir alle seine Lehren in Reimen zu geben, in deren Zusammenstellung mein Mirza eine fabelhafte Gewandtheit besitzt, hub er folgendermaßen zu singen an:

»Der Dorn ist Zeichen der Verneinung,
Des Mißgefallens und des Zornes,
Drum, widerstrebt sie der Vereinung,
Reicht sie das Zeichen mir des Dornes. 65

Doch wirft die Knospe einer Rose
Die Jungfrau mir als Zeichen hin,
So heißt das: günstig steh'n die Loose,
Nur harre noch mit treuem Sinn!

Doch beut den Kelch der Rose offen
Die Jungfrau mir als Zeichen dar,
So ist erfüllt mein kühnstes Hoffen,
So ist die Liebe offenbar!«

»Ich verstehe,« sprach ich, »nun fahre fort in Deiner Geschichte.«

»Am folgenden Abend,« hub Mirza-Schaffy wieder an, »fand ich mich ein zur bezeichneten Stunde. Ich hatte den Tag über ein Minnelied geschrieben, dem kein weibliches Wesen widerstehen konnte. Wohl zwanzig Mal sang ich das Lied für mich allein, um meines Erfolges gewiß zu sein. Dann war ich ins Bad gegangen und hatte mir den Kopf so rein scheeren lassen, daß er an Weiße wetteifern konnte mit den Lilien im Thale der Senghi. Der Abend war ruhig und heiter. Von der Gartenseite aus, wo ich stand, konnte ich deutlich meine Zuléikha sehen; sie war mit Fatima auf dem Dache allein und hatte ihren Schleier etwas zurückgeschlagen, als ein Zeichen ihrer Gunst. Ich faßte Muth und schob die Mütze in den Nacken, um der spähenden Jungfrau meinen weißen, ganz frisch geschorenen Kopf zu zeigen. Du begreifst, welchen Eindruck das auf ein Weiberherz machen muß! Ach, damals war mein Kopf noch viel weißer als jetzt; das ist aber auch schon über zehn Jahre her!« sprach er wehmüthig und wollte in dieser Abschweifung fortfahren, als ich ihn mit den Worten unterbrach: »Dein Kopf ist immer noch weiß genug, um das jungfräulichste Herz zu bezaubern; doch Du hast mir noch nicht erzählt, wie Du Dein Minnelied gesungen und welchen Eindruck es auf Zuléikha gemacht.«

»Ich hatte das Lied,« sprach der Mirza, »um einen doppelten Mandelkern gewickelt und es auf's Dach geworfen, der Schönen zum Gedächtniß, noch ehe ich anhub es zu singen. Dann aber begann ich mit heller Stimme:

Was ist der Wuchs der Pinie, das Auge der Gazelle,
Wohl gegen Deinen schlanken Wuchs und Deines Auges Helle?
Was ist der Duft, den Schiras Flur uns herhaucht mit den Winden,
Verglichen mit der Düfte Hauch, die Deinem Mund entschwinden?
Was ist Ghasel und Rubajat, wie Hafis uns gesungen,
Wohl gegen Eines Wortes Ton, aus Deinem Mund entklungen?
Was ist der Rosen Blüthenkelch, d'ran Nachtigallen nippen,
Wohl gegen Deinen Rosenmund und Deine Rosenlippen?
Was ist die Sonne, was der Mond, was alle Himmels-Sterne?
Sie glühen, zittern nur für Dich, liebäugeln aus der Ferne!
Was bin ich selbst, was ist mein Herz, was meines Liedes Töne?
Als Sklaven Deiner Herrlichkeit, Lobsinger Deiner Schöne!

»Allah! wie schön!« rief ich. »Mirza-Schaffy, Deine Worte klingen süß wie die Lieder der Peris im Geisterlande? Was ist Hafis gegen Dich? Was ist ein Tropfen gegen den Ocean?

67 »Das war blos der Anfang, die Vorbereitung,« sprach der Weise von Gjändsha, »die eigentlichen Minneverse kommen nachher:

»Mit züchtigem, mit treuem Sinn,
Nah' ich der Liebe Heiligthume,
Und werfe dieses Lied Dir hin,
Dies duft'ge Lied, als Frageblume!

Nimm es in Freude oder Zorn hin,
Gieb Tod dem Herzen oder Nahrung –
Wirf Knospe, Rose oder Dorn hin,
Ich harre Deiner Offenbarung!«

»Und was that Zuléikha?«

»Sie warf mir lächelnd eine Knospe herunter, und zum Erstenmal schaute ich ihr Antlitz in seiner ganzen, seligen Schöne!« . . .

»Was sagt Fisuli:

»Um zu Dir, mein Leben, zu kommen, hab' ich Leben gegeben;
Sei barmherzig, denn durch Dich erst kam ich zum Leben!«

»So war's auch mit mir. Seit ich wußte, daß Zuléikha mich liebte, hatte mein altes Scheinleben aufgehört, und ein neues, wirkliches Leben hub für mich an. Wer zählt die Stunden, die ich durchlebt im Vollgenuß des Bewußtseins ihrer Liebe; wer die Lieder, die ich gesungen zu ihrem Ruhme, wer die Schritte, die ich gethan um sie zu sehen! Die Sonne des Glücks schien für mich aufgegangen; alle frühern Hindernisse waren weggeräumt durch die Gunst des Schicksals. Zwar blieb meine Liebe in Gjändsha kein Geheimniß; aber 68 alle meine Bekannten schienen sich verbunden zu haben, um mir zu dienen; die Einen aus Freundschaft für mich, die Andern aus Haß gegen Ibrahim-Chan.

Etwa sechs Wochen mochten seit dem seligen Tage verflossen sein, an welchem Zuléikha mir die Knospe geschenkt, als plötzlich eine drohende Wolke den Himmel meines Glückes umdüsterte.

Ibrahim-Chan kehrte zurück aus dem Feldlager, und mit ihm kam Achmed-Chan, der Freier seiner Tochter.

Die Nachricht erschreckte mich zugleich und belebte mich.

Aus dem Abgrunde des Entsetzens wurde ich wie auf Adlerflügeln getragen auf den Berg der Hoffnung. Ich fühlte, daß mein Schicksal seiner Entscheidung nahe war, und das gab mir Muth. Ich hatte ja nur Eines, was mich fesselte an's Leben; ging dies Eine mir verloren, so hatte die Welt dem armen Mirza nichts mehr zu bieten; darum mußte ich Alles daran setzen, um das Eine, mein Alles, zu gewinnen.

Schon hatte Achmed-Chan einen Reitertrupp nach Chunsag, der Hauptstadt von Awarien, entsendet, um den Käbin – das Brautgeschenk – zu holen und dann die Auserwählte mit sich fort zu führen in seine Heimath.

In Gjändsha wurden Kampfspiele und Festlichkeiten begangen zur Feier der Rückkehr der beiden ruhmbedeckten Chane. Auch ein Sängerfest sollte stattfinden auf Zuléikha's Wunsch. Alle Sänger des Landes wurden dazu eingeladen und jeder mußte sich vorbereiten auf ein schönes Lied zum Ruhme der Herrin. Du weißt, daß der Sieger bei solchem Feste hochgepriesen wird und das Recht hat, das Saitenspiel aller übrigen Sänger zu zerschlagen.

Ich wußte im Voraus, daß ich sie Alle besiegen würde, denn wer von ihnen hatte die Quelle der Begeisterung, die 69 ich hatte! Wie kann die Nachtigall singen, wo keine Rose blüht? Wie kann ein Lied gelingen, wo keine Liebe ist? Im sicheren Vorgefühl meiner Ueberlegenheit machte ich den Tag des Sängerfestes zum Gipfel und Wendepunkt meines Geschickes.

Ich hatte einen Armenier in mein Geheimniß gezogen; Du kennst die Schlauheit der Söhne von Haighk! Er hatte eine Karawane nach Schemacha zu führen im Lande Schirwan, und versprach ein Kameel zu bereiten für mich und meine Zuléikha, um uns mit sich zu führen heimlich und verkleidet, falls meine Pläne sich glücklich verwirklichten.

Mit Fatima war Alles verabredet; sie hatte die kostbarsten Sachen zusammengepackt und Sorge getragen, daß der Armenier zufrieden gestellt wurde, denn der Tag des Sängerfestes sollte auch der Tag unserer Flucht sein.

Um Mitternacht sollte ich mich einfinden auf dem einsamen Plätzchen, wohin ich zuerst mit Fatima geschlichen; von dort gedachten wir uns auf abgelegenen Fußpfaden der großen Straße zu nähern, um in sicherem Versteck das Vorüberziehen der Karawane zu erwarten.

Der verhängnißvolle Tag brach an. Schon seit einiger Zeit war ich mir vorgekommen wie ein Fremdling in meiner eigenen Wohnung. Bald starrte ich die weißen Wände an, mit den Nischen darin, zur Aufbewahren der Kleidungsstücke, – bald konnte ich stundenlang mit dem Blicke der Verwunderung auf den lehmgestampften, mattenbedeckten Fußboden schauen, oder auf die geringelten Drahtgitter, die man bei uns statt der Fenster hat, als ob ich alles das niemals gesehen.

Die Minuten kamen mir vor wie Tage und die Stunden wie Jahre. Ich wälzte mich auf dem Polster der Ungeduld 70 und konnte die Zeit nicht erwarten der Entscheidung meines Schicksals.

Um Mittag langte eine freudige Botschaft an. Akim, der Armenier, kam, um mir zu melden, daß Ibrahim-Chan mit seinem Gaste hinausgeritten sei in's Freie, und daß die waffentragenden Männer des Orts sich rüsteten, ihnen zu folgen, um sich im Kampfspiel zu ergötzen, während die Weiber daheim sich die Zeit vertreiben ließen mit den Liedern der Sänger.

Hättest Du gesehen, wie die Dächer sich füllten mit Frauen und Mädchen, wie Alles schimmerte von dunklen Augen und bunten Gewändern, rund um den Platz her, wo das Sängerfest begangen wurde vor dem Hause Zuléikha's.

Ein großer Teppich war ausgebreitet, darauf zu beiden Seiten ein Spieler der Saß und Tschengjir saß, zwischen welchen immer der Sänger, an dem die Reihe war, Platz nahm, um sein Lied zu singen zum Klange der Saiten.

Der schönste Knabe von Gjändsha war aufgestellt, um den silbernen Teller zu halten und ihn den Sängern zu reichen, wie sie der Reihe nach sich setzten und aufstanden.«

»Wozu brauchte er den Teller, o Mirza?«

»Was für Fragen Du thust! Wozu braucht der Sänger einen Teller, als um den Ausdruck seiner Gefühle zu verbergen? Oder kann er sein Antlitz zeigen vor dem Auge der Schönheit, wenn er singt, wie die Schmerzen der Liebe ihm das Herz zernagen und die Wangen bleichen? . . .

Zwanzig Sänger standen im Kreise umher, und einer nach dem andern trat auf vor mir, denn ich mußte der Letzte sein, weil ich der Jüngste war.

Und wenn Du mich fragst, was sie gesungen, ich könnt' es Dir nicht mehr erzählen. Ich weiß blos, daß Alles, was sie von sich sprühten aus Auge und Mund, nur matte Funken 71 waren im Vergleich mit dem Feuer meines Liedes und meiner Augen. Mir selber schwoll das Herz vor Entzücken beim Klange meiner Worte.

Vernimm was ich sang:

Nicht mit Engeln im blauen Himmelszelt,
Nicht mit Rosen auf duftigem Blumenfeld,
Selbst mit der ewigen Sonne Licht
Vergleich' ich Zuléikha, mein Mädchen, nicht!

Denn der Engel Busen ist liebeleer,
Unter Rosen drohen die Dornen her,
Und die Sonne verhüllt des Nachts ihr Licht:
Sie alle gleichen Zuléikha nicht!

Nichts finden, so weit das Weltall reicht,
Die Blicke, was meiner Zuléikha gleicht –
Schön, dornlos, voll ewigem Liebesschein,
Kann sie mit sich selbst nur verglichen sein!

Das Lied war zu Ende gesungen, und – zu meinen Füßen lag eine schwellende Rose!

Ich war der Sieger des Festes! . . . In der Freude meines Herzens dacht' ich an Nichts als an Zuléikha und mich. Ich lief nach Hause, um die Anstalten zur Abreise zu treffen, und vergaß darüber ganz, das Saitenspiel der besiegten Sänger zu zerschlagen – ich war ja so glücklich!«

Hier machte Mirza-Schaffy eine lange Pause, ließ sich eine frische Pfeife bringen und sah starr vor sich hin, sichtbar überwältigt von den unaufhaltsam sich ihm aufdrängenden Erinnerungen. So saß er wohl eine halbe Stunde trüb und schweigsam, den Dampf des Tschibuqs in langen, vollen Zügen 72 einschlürfend und ihn dann minutenlang wieder aus dem Munde hauchend, so daß sein ganzer Kopf von einer Rauchwolke umschwebt war, aus welcher die hohe phrygische Mütze hervorragte wie die Spitze eines Kirchthurms.

Endlich stand er auf, brummte einige unverständliche Verse vor sich hin und machte Anstalt zu gehen. Ich hatte große Mühe, ihn zurückzuhalten, um ihn weiter erzählen zu hören, aber nur durch Bitten und Fragen aller Art konnte ich ihm bruchstückweise das Ende der Geschichte entlocken. Ich setze seine eigenen Worte her, soweit ich mich derselben entsinne.

»Um Mitternacht sollte die Abreise vor sich gehen. Die zur Flucht nöthigen Sachen befanden sich schon in der Obhut des Armeniers. Zuléikha theilte mit Fatima ihr Schlafgemach, welches durch ein zum Baden bestimmtes Zwischen-Zimmer von den Gemächern der übrigen Frauen getrennt war.

Fatima hatte es über sich genommen, mich zur bestimmten Stunde heimlich in das Gemach der Geliebten zu führen.

Welch wundersame Furcht überkam mich, wie schlug mir das Herz, wie zitterten alle Glieder an mir, als ich mich rüstete zu dem verhängnißvollen Gange! »Mirza-Schaffy,« sprach ich zu mir selbst, »wie konntest Du solch' kühnes Beginnen wagen? Wie konntest Du sündigen Schrittes die schneidende Brücke El-Sirat betreten, die Dich einführen soll in's Paradies? Was ist alle Weisheit der Erde gegen die Schönheit Zuléikha's!« So und noch mehr sprach ich für mich hin, bis ich an den Ort kam, wohin mich Fatima bestellt hatte.

»Auf, beeile Dich, Mirza,« sprach sie, »und folge mir; schon sitzt meine Herrin bräutlich angethan im Schlafgemache.«

73 Ich folgte der behenden Fatima schlotternden Schrittes. Unbemerkt gelangten wir in die Muschel der Perle der Schönheit: in Zuléikha's Gemach.

Da saß sie, züchtig verschleiert und die jungen Glieder mit einer blendend weißen Tschadra umhüllt, anmuthig wie eine Peri aus dem Dshinnistan. Das Wort stockte mir auf der Zunge, als ich anbetend stand vor der holdseligen Jungfrau.

»Jetzt ist's nicht Zeit zu staunen,« sprach die sinnige Fatima, »wir müssen eilen zu entkommen, um nicht überrascht zu werden von den Dienern des Hauses. Nimm die Hand der Gebieterin und bitte sie, Dir zu folgen, wohin Allah Deine Schritte lenkt.«

»Ich that, wie mir geheißen, aber mit einem lauten Schrei fuhr Zuléikha zurück, als ich ihre Hand erfaßte. Und wiederum fiel die kluge Fatima vermittelnd ein: »Wer zweifelt am Glanz der Sonne? Wer zweifelt am Duft der Rosen? Wer zweifelt an Deiner Jungfräulichkeit? Darum laß den Kampf der Liebe jetzt, süße Herrin, und folge ohne Wehklagen dem, den Dir Allah gesendet!« –

Hier muß ich, bevor ich Mirza-Schaffy fortfahren lasse in seiner Erzählung, zum richtigen Verständniß des Obigen ein paar erläuternde Worte einschalten. Unter den Moslem des Kaukasus ist es Sitte, daß die Braut, selbst wenn die Verbindung von den Eltern ausgeht, vom Bräutigam gewaltsam entführt wird. Je mehr sie sich dabei sträubt, ringt, schreit und wehklagt, für desto jungfräulicher und 74 züchtiger gilt sie. Gewöhnlich finden sogar – nicht immer ungefährliche – Scheingefechte zwischen den Verwandten der Braut und den Freunden des Bräutigams bei der Entführung Statt. Nach dieser nöthigen Abschweifung lassen wir Mirza-Schaffy die Geschichte seiner Flucht vollenden.

»Erst nach langem Flehen gelang es der klugen Fatima, meine Zuléikha zu beruhigen. Zitternd und zagend folgte sie mir, als ich sie auf dieselbe heimliche Weise, wie ich gekommen war, hinausführte in's Freie. Dort vertraute ich sie der Leitung Fatima's an und folgte in einiger Entfernung. Glücklich erreichten wir den Ort zunächst dem engen Fußpfad im Gebirge, wo ich meine erste Zusammenkunft mit Fatima gehabt hatte. Der Schmerz, den der Abschied von der Schwelle des Vaterhauses erzeugt, machte bald in der Brust der Geliebten andern Gefühlen Platz. . . . Wir waren sicher, wir waren selig! Und nie hat mir die Sonne im Leben so hell geschienen, als der erst spät aufgehende Mond in jener Nacht!«

* * *

Mit Tagesanbruch schlossen wir uns der vorüberziehenden Karawane an, nachdem uns auf dem Hinwege Fatima durch ein Geständniß ganz eigener Art überrascht hatte. Sie warf sich ihrer Herrin zu Füßen und gestand, daß sie Akim liebe! den Armenier, unsern Beschützer. Obgleich Zuléikha Anfangs in heftigen Zorn gerieth, daß eine Tochter Ali's einem Ungläubigen ihre Neigung zugewendet, so beruhigte sie sich doch bald, denn die Liebe verzeiht der Liebe gern, und dann war uns das Verhältniß Akim's mit Fatima auch ein Unterpfand für unsere eigene Sicherheit. Unsere Gefahr 75 war nun seine Gefahr, darum mußte er Sorge tragen, uns zu schützen. Die beiden Frauen hatten sich so verhüllt in ihre Tschadras, daß sie Niemand erkennen konnte. Auch ich hatte mich in Gesicht und Kleidung unkenntlich gemacht und galt als ein Teppichhändler von Baku.

So zogen wir langsam die Straße entlang nach Kuraktschaïskaja zu.

Für den ersten Tag hatte Akim die Vorsichtsmaßregel getroffen, getrennt von der Karawane mit den beiden Frauen auf einem waldversteckten Seitenpfade zu ziehen; Zuléikha ritt auf einem Esel voran, und der Armenier mit Fatima folgten zu Fuß. Ohne diese Vorsichtsmaßregel wären wir gleich Anfangs verloren gewesen, denn schon nach wenigen Stunden kam ein Reitertrupp hinter uns hergesprengt, als dessen Anführer ich den tollkühnen Achmed-Chan erkannte. Zum Glück hatte er mich niemals in Gjändsha beachtet, und deshalb durfte ich in meiner Verkleidung um so weniger fürchten, sein Mißtrauen rege zu machen. Er musterte die Karawane mit scharfspähendem Auge, da aber nirgends eine Weibergestalt zu entdecken war, so sprengte er nach kurzem Aufenthalt unter gräßlichen Flüchen mit seinem Gefolge weiter. . . .

Drückend ist die Armuth, – aber unerträglich wird sie, wenn wir an einem gefundenen und wieder verlorenen Schatze ihre ganze Tiefe ermessen lernen.

Was nützt es, durch die Gärten des Paradieses zu wandeln, wenn es blos ein Durchgang zur Hölle ist!«

»Du sprichst weise, o Mirza,« unterbrach ich ihn, »aber was sollen die Sprüche der Weisheit in der Erzählung der Liebe? Singt nicht Hafis: Der Verstand muß schweigen, wo die Liebe spricht!«

76 Doch meine Worte klangen ohne Erwiederung in seine Ohren, und durch nichts konnte ich den sonst so redseligen Mirza zum Schluß der Erzählung bewegen. »Laß mich,« sprach er, »was helfen alle Worte! Wen das Unglück treffen soll, auf dessen Haupt kommt es.«

»Mich hat der Schmerz der Liebe gebeugt,
            Frag' nicht für wen?
Mir ward das Gift der Trennung gereicht,
            Frag' nicht durch wen?«

So sang er in klagendem Tone, und ohne mir eine gute Nacht zu wünschen, verließ er das Zimmer. Ich aber darf mich, da ich einmal Euere Neugier rege gemacht habe, nicht so davonschleichen, wie mein ehrwürdiger Lehrer, sondern muß Euch den Schluß der Geschichte erzählen, so viel mir aus spätern Mittheilungen darüber bekannt geworden ist. Mit wenigen Worten ist das Ganze vollendet.

Am dritten Tage überfiel die Reisenden ein entsetzliches Gewitter, gefolgt von starken, langanhaltenden Regengüssen. Zum Glück oder Unglück befand sich ein Dorf in der Nähe, und während die Lastthiere der Obhut der Kameeltreiber überlassen blieben, suchten Mirza-Schaffy und Akim Schutz für ihre Geliebten in einer Tatarenhütte.

Als die beiden eselberittenen Frauen in Begleitung ihrer Männer in's Dorf einzogen, fand in einem nah am Wege liegenden Hause folgendes Zwiegespräch Statt.

»Schau Selim, ist das nicht Akim, der Kaufmann von Baku? W'Allah! – Bei Gott – er ist es! Seit wann hat der angefangen, mit Weibern zu handeln, statt mit Teppichen? Schau, wie er da ein paar schlank gebaute Houris neben sich hertraben läßt.«

77 »Man sollte darauf schwören, es wäre Akim,« erwiederte der Gefragte, »aber er war doch nicht bei der Karawane, als wir vorbeiritten, und auch von den beiden Frauen war nichts zu sehen.«

»Du redest wie ein Kaswiner. Kann er der Karawane nicht auf Nebenwegen vorausgeritten oder gefolgt sein? Was sagt der Volksmund: Zwei Russen auf einen Perser, zwei Perser auf einen Armenier, so bleibt sich der Handel gleich. Allah hat mir Licht in den Kopf geblitzt, daß meine Augen sehen; ich errathe den ganzen Hergang. Jetzt laß uns eilen und zu Achmed-Chan gehen, und sein Zorn wird sich in Freude verwandeln.«

Die Redenden waren zwei Nuker Achmed-Chan's, der auf der Heimkehr der bis dahin erfolglosen Entdeckungsreise begriffen, ebenfalls mit seinem Gefolge Schutz vor dem Regen gesucht hatte.

Eine halbe Stunde später waren Zuléikha und Fatima schon in der Gewalt ihrer Verfolger. Ich übergehe die traurigen Scenen, welche sich an diesen Vorgang knüpfen. Nur Eines muß ich erwähnen, so weh es mir auch thut, es nicht verschweigen zu können. Die beiden Frauen wurden mit aller möglichen Zartheit behandelt, sie trugen ihr Weh blos im Herzen, während Mirza-Schaffy, der Weise von Gjändsha, der Sänger der Liebe, des Weines und der Rosen, außer dem nimmerheilenden Wehe im Herzen, auf Befehl des 78 rohen Achmed-Chan noch ein anderes schimpfliches Wehe zu ertragen hatte.

Auf denselben Fußsohlen, die ihn emporgetragen in die Kammer Zuléikha's, zum Gipfel des Glücks, erhielt er – die Bastonade. . . . 79

 

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