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Tausend und Ein Tag im Orient

Friedrich von Bodenstedt: Tausend und Ein Tag im Orient - Kapitel 41
Quellenangabe
typereport
booktitleTausend und Ein Tag im Orient
authorFriedrich Bodenstedt
year1850
firstpub1850
publisherVerlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
addressBerlin
titleTausend und Ein Tag im Orient
pages777
created20100928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechszehntes Kapitel.

Sitzungen im Divan der Weisheit. Ein arabisches Gebet und ein tatarischer Lobgesang zur Verherrlichung des Hauses des »Padischah's der Russen, des Herrn der Welt, des Königs der Könige.«

Das Gebet der Tataren von Karabagh für den großen Padischah der Russen, den Beherrscher der Erde &c., und das tatarische Loblied auf die Ankunft der Russen in Erivan, bildeten in den nächsten Sitzungen im Divan der Weisheit den Hauptgegenstand unserer Unterhaltung.

Mirza-Schaffy hatte die Aufmerksamkeit gehabt, mir von erstgenanntem Aktenstücke eine eigenhändige Abschrift zu besorgen, die so schön ausgefallen war, daß der Weise sie selbst für ein wahres Meisterstück orientalischer Schreibekunst erklärte.Ich habe die Hoffnung, daß mein verehrter Herr Verleger eine lithographische Vervielfältigung dieser Handschrift veranlassen wird. Es würde dadurch der doppelte Zweck erreicht: den Freunden Mirza-Schaffys ein getreues Facsimile zu geben, und den orientalischen Gelehrten von Fach zu zeigen, wie man heutzutage im Kaukasus arabisch und persisch schreibt. 257 Der darauf verwendete Fleiß war um so mehr anzuerkennen, als der Inhalt den Grundsätzen meines Lehrers durchaus zuwider lief.

Meine freundlichen Leser haben durch die Gedichte des Mirza-Schaffy nur Eine Seite morgenländischer Poesie der Gegenwart kennen gelernt; es ist billig und gerecht, daß ich sie auch mit der anderen Seite bekannt mache. Denn obwohl die Moslemin des Kaukasus weder Kirchenzeitungen noch politische Tagesblätter kennen, so haben sich dennoch unter ihnen, durch ihre Priester und Schriftgelehrten, verschiedene Parteien gebildet, wovon die eine in den Erinnerungen einer glorreichen Vergangenheit schwelgt, wo der Zar dem tatarischen Herrscher des Landes die Steigbügel halten mußte, – und Träume einer glorreichen Zukunft nährt; während die andere der bestehenden Macht schmeichelt und ihren Gott zur Erde herabzieht, um den Zar in den Himmel zu erheben – und die dritte endlich mit philosophischer Ruhe im Genuß der Gegenwart lebt, und dem Zaren giebt was des Zaren, und Allah was Allah's ist.

Natürlich treten diese Parteien, zersplittert wie sie sind, und unterdrückt wie sie leben, nicht so farbenbestimmt hervor wie die politischen und kirchlichen Parteien bei uns zu Lande; die verschiedenen Richtungen zeichnen sich nur deutlicher ab in den Priestern und Schriftgelehrten, welche als das konkrete Bewußtsein des Volkes zu betrachten sind.

Welcher der genannten Parteien die hier in der Uebersetzung folgenden, frommen Ergüsse entsprungen sind, wird der Leser selbst leicht errathen können. 258

 
Das Gebet der Tataren von Karabagh.

»Ruhm dem Könige der Könige! Groß ist seine Gnade! Es ergießt seine Liebe sich über alle Auserwählten. Ruhm dem Herrscher der Stärke und der Macht, dem Herrn der Gnade und der Gerechtigkeit, der den Bächlein und Strömen ihren Lauf vorschreibt, und seine Gnade in den Regentropfen aus den Wolken herabträufelt, und nicht den Schuldigen von dem Unschuldigen unterscheidet, sondern ihnen in Fülle Gesundheit, Mittel zur Erhaltung und Speise sendet. Der den Himmel erschaffen, die Säulen seines Thrones, und die Erde, das Lager seiner Sklaven, und die Berge, die Nägel der Erde, und der den neunten Himmel zum Fundament seiner Macht gesetzt, und mit seinem Lichte das Licht der Sonne angezündet! Der den Hals der Himmel geschmückt hat mit Perlenschnüren, mit wandelnden Sternen. Dessen Hand die Völker der Erde vor Empörung bewahrt und sie gemacht hat, daß sie sein Bild erkenneten in seinen wunderbaren Schöpfungen, und der Alles was ist, herrlich erschaffen hat nach seinem eigenen Bilde. Der Könige eingesetzt zur Erhaltung der Ordnung, zur Aufsicht über die Handlungen seiner Sklaven, und sie bewahrt hat vor Unterdrückung und Tyrannei des Volkes, und sie gemacht hat zu einer Stütze der Unterthanen und zu Helfern der Hülfsbedürftigen und Armen!

Also als den herrlichsten Edelstein aus der Krone seiner Gnade hat er der Erde gesendet die Kaiserin, die Beschützerin der Welt, die Königin der Könige, die Krone der Sonne, die der Königskrone Hoheit verleihende, die das Weltall schmückende. Die das Weltall erleuchtende Sonne, den Stern der Herrschaft, die hohe Stufe, die gerechte Königin aller Länder des Kaiserreichs und der Majestät. Die berühmten und glücklichen Staaten 259 Gebietende, die die Völker der Erde Beruhigende, die die Erde und Zeit Schmückende. Die Herrin, begabt mit einem Herzen, dem Meere gleich, und mit einer Hoheit, gleich der der Berge; die Königin aller Stufen des Himmels, in ihrem Glanze den Sternen unzähliger Völker vergleichbar. Die Beschützerin der Könige der Welt und ihre Vertheidigerin, die glänzendste Perle im Korbe des Glückes, der leuchtendste Stern des hohen und glücklichen Gestirnes. Der Edelstein der königlichen Krone, die kostbare Perle, das Kleinod des Meeres. Die den Thron und die Krone Schmückende, die den Königen der Welt Gebietende, die den Gewaltigen auf Erden Kraft und Macht Verleihende, die die Reiche der Größe und Herrschaft Unterwerfende, die allen mächtigen und reichen Staaten Gebietende, die das Banner staatlicher Macht und staatlichen Ruhmes Tragende, die den hohen und königlichen Thron Verschönernde. Die Königin des berühmtesten Thrones und Herrscherin des Thrones Feridun's.Feridun (Aferidun) siebenter König von Persien aus der ersten Dynastie, war ein Sohn des Alkian, eines Nachkommen aus dem Geschlecht Dshemschid's. Er besiegte den Zohak, einen Usurpator der persischen Krone, nahm ihn gefangen und hielt ihn in einer Höhle des Gebirges Danavend in sicherer Verwahrung. Der Tag dieser berühmten Schlacht wurde von den Persern Mihirdschan genannt, weil er gerade in den Anfang des Herbstäquinoktiums fiel, welches diesen Namen im persischen Kalender führt.

Saadi und Dschamy verherrlichen in ihren Liedern die Weisheit und Gnade Feridun's.

Die Herrin, die der Sonne Glanz und dem Monde Licht Spendende; die Kaiserin, die große und hohe Königin der Könige.

Und daneben der König der Welt, umgeben von der heiligen Schaar; der Herrscher der Krone, des Thrones und 260 der Fahnen. Iskjander und Darius sind seine Sklaven. Sein Hof ist dem Himmel gleich, sein Heer den Sternen. Der ewige Himmel muß solchem triumphirenden Herrscher viele Jahrhunderte schenken. Er ist selbst noch ein Jüngling, und jung ist auch sein Thron. Er ist das Licht des Herzens, der Beherrscher der Welt, der die Städte und Vesten Unterwerfende. Als das Weltall die Gerechtigkeit dieses Padischah's der Menschheit sah, vergaß es die Gerechtigkeit Nuschirwan's.Nuschirwan – auch Anurschiwan Ben Cobad – hat von den Arabern den Beinamen Kisra und von den Persern den Beinamen Khosru erhalten. Es ist dieses Khosroes der Erste, ein Sohn Cobades, eines Königs aus der Dynastie der Sassaniden, auch die Dynastie des Khosroes genannt.

Nuschirwan wird von den persischen Geschichtsschreibern und Dichtern als ein Fürst gerühmt, der alle Tugenden in sich vereinigte.

Wenn seine Heere gegen die Feinde ziehen, so erzittert das Kaffgebirge wie ein klirrend Glas, und vor dem Klange der Flöten und Trommeln seiner Heere erzittern Alle und erschrecken sehr. Der Herrscher der Schwerter, Lanzen und Banner, der König der Könige der Welt &c. &c.: das ist der große und gebietende Kaiser, der Herr aller Reußen, Nikolai Paulowitsch, dessen Reich Allah bestehen läßt durch die Jahrhunderte, und dessen Größe er ewig macht. Seine Majestät sitzt auf dem königlichen Stuhle der Gerechtigkeit, die Grundlage des Rechtes befestigend. Er schwingt das Banner auf der Seite des Rechtes, und waltet herrlich auf dem Throne der Gerechtigkeit. Die Völker der Länder, welche unter dem Schutze und Scepter eines solchen Herrn stehen, der seinen Unterthanen Gerechtigkeit und Liebe erzeigt, 261 der den Zephyr seiner Gnade und den Hauch seiner Barmherzigkeit über alle Städte wehen läßt wie der Wind über's Rosenbeet wehet; in dessen Gefolge Iskjander geht, und dessen Wächter Darius ist, und von dessen Gerechtigkeitsliebe alle Völker überzeugt sind: ihn müssen wir aus reinem Herzen und ohne Heuchelei mit Nachtigallzungen im Gebete erheben, und den König würdig besingen, der Dshemschid darin vergleichbar, daß seine gerechte Stimme fortwährend die Kette Nuschirwan's erzittern macht, der durch seine Gerechtigkeit, gleich dem Lichte der Sonne, diese Welt erleuchtet, welche durch das Graus der Verbrechen verfinstert ist; – inbrünstig müssen wir beten für die Erhaltung und Fortdauer seines Lebens.

Jetzt ist unser Gebet zu den Pforten des Königs der Gerechtigkeit und das Verlangen zu dem Padischah des Rechtes, welcher alle Theile dieser Welt zusammengefügt und erschaffen durch seine unvergleichliche Macht; der den hellblauen Atlas zum Sonnenschirm gemacht des Weltalls; der den Himmel mit Sternen geschmückt hat; der die Erde geordnet und sie besäet mit Menschen und Dshinnen (Geistern) und bekleidet mit grünem Schmuck &c. &c. &c., zu ihm beten wir für das Glück und Gedeihen des hohen Selbstherrschers und seines kaiserlichen Hauses, für die Kinder der Macht und Größe, für die stolzen Aeste und Zweige des kaiserlichen Stammes. Ihre Majestät die Kaiserin, das Sonnenantlitz des zarischen Sternbildes, 262 das die hellstrahlende Venus verdunkelnde, das den Palast der Macht und des Glückes erleuchtende; die am Himmel des zarischen Harems leuchtende Sonne, die Herrin der Völker, die Hüterin des mit den Früchten des Glücks beladenen zarischen Fruchtbaumes, Alexandra Feodorowna. Wir beten für ihre strahlende Nachkommenschaft, für den Erben des Thrones der Herrschaft, den Sohn des Königes der Könige &c. &c., den Großfürsten und Cäsarewitsch Alexander Nikolajewitsch. Mögest Du, o Gott! sein Leben verlängern und seine Nachkommenschaft ewig machen, und in ewiger Schönheit erhalten die das Harem seines Palastes verherrlichende angebetete Großfürstin, die Cäsarewna Maria Alexandrowna! Und mögest Du auch erhalten den hochgeehrten und großen Herrn, den uns durch seine grenzenlose Liebenswürdigkeit über Alles theuern Großfürsten Michael Paulowitsch und seine hohe Gemahlin. Mögest Du auch erhalten den reinen Perlenschmuck, das Kleinod des Meeres, die Beherrscherin der Anmuth, den Perlenglanz der Sonne, die kostbarste Perle im Korbe der Reinheit, die große Herrin und Fürstin Maria Nikolajewna! Mögest Du erhalten in ewigem Glanze die Sonne im Harem des Palastes des Herrschers der Macht, des großen Schahsadé Alexander Nikolajewitsch! Wir beten für die glücklich unter den Thronesdecken sitzende Großfürstin, die Palme des Lichtes und der Hoheit, Alexandra Alexandrowna, und die der Ehrerbietung, Verehrung, Hoheit und des Ruhmes würdigen Großfürstinnen Maria, Elisabeth und Jekaterina Michailowna, und die den hohen Saal der Versammlung erleuchtende Lampe, die herrliche Palme des zarischen Gartens des großen Schahsadé, die Fürstin Maria Paulowna, und die Rose des zarischen Gartens, die Palme des zarischen 263 Blumenbeets, die große Schahsadé, die Fürstin, Königin der Niederlande, Anna Paulowna &c. &c.«

In ähnlicher überschwenglicher Weise geht es noch mehrere Seiten fort; doch glaube ich, daß der Leser genug hat an dieser Probe, um so mehr, als sich die alten Bilder und Wendungen immer wiederholen und der verherrlichende Wirrwarr immer größer wird, jemehr es dem Schlusse zugeht. Am Schlusse steht in besonders künstlicher Schrift:

Dem Beherrscher der Welten wird dieses reine Gebet für den Kaiser und den großen König der Könige dargebracht von

Mirza-Abul-Kassim,
Kadi des Kreises von Karabagh.
       

* * *

Ich lasse nun das bei Gelegenheit des Einzugs der Russen in Eriwan gedichtete tatarische Loblieb folgen, welches für den Leser schon deshalb Interesse haben wird, weil es eine förmliche Schilderung der Eroberung jener berühmten Veste enthält, welcher Fürst Paskjewitsch seinen Beinamen Eriwansky zu verdanken hat.

Tatarisches Loblied auf den Einzug der Russen in Eriwan.

        »Ich bete des Nikolai Paulowitsch Thron und Krone an;
Ich bete den von ihm allen Königen abgezwungenen Tribut an;
Ich bete des Katholikos Nerses dargebrachte Hülfe an,
Ich bete seine in Etschmiadsyn gehaltene Messe an. 264
Sieben Tage gab man Bedenkzeit und stürmte dann Eriwan,
Warf Kugeln und Bomben in die Stadt, daß Häuser und Steine erdröhnten;
Man nahm den Hassan-Chan fest und überzog sein Gesicht mit Schmerzen.
Nun fing das Tummeln unter den langbeinigen Sarbassen an;
Die Chorassaner sammelten sich um den Melik und fleheten seine Hülfe an.
Die Muschtahiden hatte man getödtet und es blieb kein Imamsadé.
    Ich bete des Nikolai Paulowitsch Thron und Krone an. &c. &c.

Man warf Kugeln und Bomben auf Sardarabad;
Man nahm die Sarbassen gefangen, bärtige und unbärtige;Das Wort unbärtig: thükssüs, hat einen doppelten Sinn. Einmal bedeutet es, was es sagt, und zweitens werden solche junge Leute damit bezeichnet, welche sich zu Werkzeugen geschlechtlicher Verirrungen mißbrauchen lassen. Die letztere Bedeutung des Wortes ist bei Persern und Tataren die allgemeine.
Hassan-Chan nahm die Flucht und die Russen verfolgten ihn;
Er flehete zu Paskjewitsch: Befreie mich um Eures Kreuzes willen! 265
Wer hat je einen Sardaar wie Paskjewitsch gesehen?
Er besiegte den Schach und die Schahsadé's und machte ihr Hab' und Gut zu Schanden.
Der arme Jussuf, der dies Lied gedichtet hat, wozu braucht er die Güter der Welt!« 266

 

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