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Tausend und Ein Tag im Orient

Friedrich von Bodenstedt: Tausend und Ein Tag im Orient - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
booktitleTausend und Ein Tag im Orient
authorFriedrich Bodenstedt
year1850
firstpub1850
publisherVerlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
addressBerlin
titleTausend und Ein Tag im Orient
pages777
created20100928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Mirza-Schaffy, der Weise von Gjändsha.

Einige Moskauer Freunde, welche dem neuen Statthalter nach Georgien gefolgt waren, hatten die Aufmerksamkeit, meine Ankunft in der alten Kyrosstadt durch ein heiteres Festmahl zu feiern. Und um mir gleich einen Vorgeschmack des georgischen Lebens zu geben, war bei der Tafel Alles nach asiatischem Brauche geordnet.

Junge Georgier in malerischen Gewändern trugen die Speisen auf; ein schlanker Armenier kredenzte in gigantischen, silbergezierten Büffelhörnern die feurigen, blutrothen Weine von Kachetos; ein persischer Sänger in blauem Talar und hochaufstrebender, pyramidenförmiger Mütze, mit einem feingeschnittenen, verschmitzten Gesichte und blaubemalten Fingerspitzen, spielte die Tschengjir und sang dazu die lieblichsten Oden von Hafis.

Wohin ich mein staunendes Auge schweifen ließ, entdeckte ich Ueberraschendes und Neues. Ich lebte in Wirklichkeit eines der Mährchen der Tausend und Einen Nacht, wovon ich als 51 Kind so oft gelesen und geträumt. In erquicklicher Abwechslung wurde gegessen, gelacht, erzählt, gespielt und gesungen, aber noch mehr – getrunken.

In wunderbaren Weisen erschollen die liebestollen Töne der Lieder des Sängers von Schiras; immer heller strahlte der von Innen erzeugte Wiederschein des blutrothen kachetischen Weines in den Gesichtern der Gäste; auch bei mir blieb sein Feuer nicht ohne Wirkung, aber mein reisemüder Körper verlangte nach Ruhe. Seit vierzehn Tagen hatte ich kein Bett gesehen und die feuchten Nächte theils im Sattel, theils auf ärmlichem Teppich, in noch ärmlicheren Berghütten, zugebracht. Ermüdet schlossen sich hin und wieder die Augen, und als ich dem Andrange des Schlafes nicht länger wiederstehen konnte, verließ ich die Gesellschaft, um meine Wohnung aufzusuchen.

Erst als ich mich erhoben hatte, spürte ich die ganze gewaltige Wirkung des Weines, und in den Beinen noch viel mehr als im Kopfe, denn der kachetische Wein hat die Eigenschaft, daß er nie Kopfschmerz erzeugt, hingegen den untern Körper mit seltsamer Schwere belastet. Ich wäre sicherlich nicht nach Hause gelangt, hätten sich nicht einige der Herren meiner freundlich angenommen und mich durch die ungepflasterten, hundedurchheulten Straßen von Tiflis in meine schützende Wohnung geleitet.

Es war eine mondhelle, duftige Nacht – eine jener zauberischen Nächte, wie man sie nur unter Georgiens Himmel sieht, wo der Mond so hell leuchtet, als sei sein Glanz nur ein, durch einen geheimnißvollen, zartgewebten Schleier gemildertes Sonnenlicht.

Die lange Wanderung durch die nächtliche Kühle hatte mich wieder etwas aufgefrischt; gar zu lockend blinzelten die Sterne vom reinen Himmel her; in der Ferne ragten 52 geisterhaft die halbmondförmigen Gipfel des Kasbék empor, tief unter mir lag die Stadt in mährchenhafter Schöne und dazwischen rollte der Kyros seine glänzenden Wogen.

Es faßte mich ein starkes Gelüsten, mich der lieblichen Landschaft vor meinen Fenstern noch einen Augenblick zu erfreuen; eine Thür führte aus meinem Zimmer auf eine hohe, rings um das Haus laufende Gallerie. Ich hatte unbemerkt gelassen, daß die Gallerie, ein ganz neues Machwerk, erst theilweise vollendet war, während auf verschiedenen Seiten die Bretter ungefügt und unbefestigt, auf den das Gerüst bildenden Balken lagen. Unter großer Anstrengung öffnete ich die zur Gallerie führende Thüre – es summten mir eben die Verse von Puschkin im Kopfe:

        Auf Grusiens Hügeln nächt'ges Dunkel liegt,
Vor mir des Kyros Wogen schäumen &c.

Ich trat hinaus; das Brett, worauf ich getreten, wankte zu meinen Füßen – ein Schlag – ein Schrei, – und blutend und wimmernd lag ich unten im Hofe . . .

Ueber die nächsten Folgen dieses Falles, der mir nahezu das Leben gekostet hätte, schweige ich, denn ein Tagebuch seiner Leiden führen, heißt doppelt leiden. Genüge es Euch zu wissen, daß ich an mehreren Stellen des Körpers gefährlich verletzt war, und daß es einer schmerzlichen Kur und sorgsamen Pflege bedurfte, ehe ich wieder so weit hergestellt wurde, daß ich mich mit Lectüre und Studium zerstreuen konnte.

Vor Allem ließ ich es mir angelegen sein, einen Lehrer für das Tatarische zu nehmen, um diese in den Ländern des 53 Kaukasus unumgänglich nothwendige Sprache in möglichster Eile zu erlernen.

Der Zufall begünstigte meine Wahl, denn mein schriftkundiger Lehrer Mirza-Schaffy, der Weise von Gjändsha, wie er sich nennt, ist, nach seiner eigenen Meinung, zugleich der Weiseste aller Menschen.

Eigentlich nennt er sich in seiner landesthümlichen Bescheidenheit nur den ersten Weisen des Morgenlandes; da aber nach seinem Dafürhalten die Kinder des Abendlandes noch in Finsterniß und Unglauben leben, so versteht es sich für ihn gleichsam von selbst, daß er in seiner Weisheit und Erkenntniß uns Alle überflügelt. Er nährt übrigens die Hoffnung, daß, Dank seinen Bestrebungen, die Aufklärung und Weisheit des Morgenlandes auch bei uns im Laufe der Jahre wirksam um sich greifen werde. Ich sei nun schon sein fünfter Schüler – sagte er mir – der zu ihm gepilgert, um seines Unterrichts theilhaftig zu werden. Er folgert daraus, daß das Bedürfniß nach Tiflis zu wandern und Mirza-Schaffy's Sprüche der Weisheit zu hören, sich bei uns immer fühlbarer herausstelle. Meine vier Vorgänger – meint er ferner – würden bei ihrer Rückkehr ins Abendland doch auch nach Kräften dahin gewirkt haben, morgenländische Bildung unter ihren Stämmen zu verbreiten. Auf mich aber setzte er ganz besondere Hoffnungen, wahrscheinlich weil ich ihm einen Silberrubel für jede Lection zahlte, was – wie ich erfahren habe – für den Weisen von Gjändsha ein ungewöhnlich hoher Preis ist.

Am unbegreiflichsten war es ihm immer, wie auch wir uns Weise oder Gelehrte nennen können und mit diesen Titeln 54 durch die Welt wandern, bevor wir noch die heiligen Sprachen verstehen. Uebrigens entschuldigte er bereitwillig diese Anmaßungen bei mir, da ich doch wenigstens eifrig bemüht war, die heiligen Sprachen zu erlernen, besonders aber, da ich den glücklichen Griff gethan, ihn zum Lehrer zu wählen.

Die Vortheile dieses glücklichen Griffes wußte er mir sehr anschaulich zu machen. »Ich, Mirza-Schaffy – sagte er – bin der erste Weise des Morgenlandes! folglich bist Du, als mein Jünger, der zweite Weise. Du mußt mich aber nicht mißverstehen; ich habe einen Freund, Omar-Effendi, einen sehr weisen Mann, der wahrhaftig nicht der Dritte ist unter den Schriftgelehrten des Landes.

Wenn ich nicht lebte, und Omar-Effendi Dein Lehrer wäre, so wäre er der erste, und Du, als sein Jünger, der zweite Weise!« Nach solchem Ergusse pflegte dann Mirza-Schaffy immer schlauen Blickes mit dem Zeigefinger nach der Stirne zu deuten, worauf ich ihm regelmäßig im stummen Einverständniß mitwissend klug zunickte.

Daß der Weise von Gjändsha seine hohe Ueberlegenheit Jedem, der daran zweifeln sollte, auf das Handgreiflichste zu veranschaulichen weiß, bewies er mir einstmals durch ein schlagendes Beispiel.

Unter den vielen schriftgelehrten Nebenbuhlern, welche Mirza-Schaffy um seine Lektionen beneideten, war der hervorragendste Mirza-Jussuf, der Weise von Bagdad. Er nannte sich nach dieser Stadt, weil er dort seine Studien im Arabischen gemacht hatte, woraus er folgerte, daß er viel gründlichere Kenntnisse besitzen müsse, als Mirza-Schaffy, den er mir als einen Ischekj, einen Esel unter den Trägern der Wissenschaft, bezeichnete. »Nicht einmal schreiben kann der Kerl ordentlich,« belehrte mich Jussuf über meinen ehrwürdigen 55 Mirza, »und singen kann er gar nicht! Nun frag' ich Dich: was ist Wissen ohne Schrift? Was ist Weisheit ohne Gesang? Was ist Mirza-Schaffy gegen mich?«

In dieser Weise perorirte er mit betäubender Redegewandtheit unaufhörlich fort, wobei er besonders die Schönheit seines Namens Jussuf hervorhob, den schon Moses gerühmt und den Hafis so lieblich besungen; er wandte all' seinen Scharfsinn auf, um mir zu beweisen, daß ein Name nicht ein leerer Schall sei, sondern daß die Bedeutung, welche sich an einen schönen oder großen Namen knüpft, sich auch mehr oder minder auf die spätern Träger dieses Namens forterbe. So sei er, Jussuf, z. B. ganz das Ebenbild von dem Jussuf im Egyptenland, der in Keuschheit gewandelt vor Potiphar, und in Weisheit vor dem Herrn.

Er war im Begriff mir noch neue Beweise für seine Vortrefflichkeit anzuführen, als ein gemessenes Pantoffelgeklapper im Vorzimmer mir meines ehrwürdigen Lehrers Ankunft verkündete. Er ließ die hohen Pantoffeln nach Landessitte an der Thüre zurück, und trat mit saubern, buntgewirkten Strümpfen in's Zimmer.

Er schien die Gründe der Anwesenheit meines Gastes zu errathen, denn er maß den plötzlich ganz schüchtern gewordenen Jussuf von Kopf bis zu Fuß mit verächtlichem Blicke, und wollte eben seinen Gefühlen Ausdruck geben, als ich ihn mit den Worten unterbrach: »Mirza-Schaffy, Weiser von Gjändsha! was haben meine Ohren vernommen! Du willst mich belehren und kannst weder schreiben noch singen; Du bist ein Ischekj unter den Trägern der Wissenschaft, – so spricht Mirza-Jussuf, der Weise von Bagdad!«

Der Unmuth in Mirza-Schaffy's Gesichte nahm nach und nach den Ausdruck eines vollkommenen Hohnes an; er 56 klatschte in die Hände, auf welches Zeichen ihm mein Diener gewöhnlich eine frische Pfeife brachte; aber dieses Mal verlangte Mirza-Schaffy nach seinen dickbesohlten Pantoffeln. Er nahm einen und schlug damit so unbarmherzig auf den Weisen von Bagdad los, daß dieser sich umsonst durch die flehentlichsten Bewegungen und Worte der Strafe zu entwinden suchte. Mirza-Schaffy war unerbittlich. »Was, – Du willst weiser sein als ich? Ich kann nicht singen, meinst Du? Wart', ich will Dir Musik machen! Und schreiben kann ich auch nicht? Auf Dein Haupt komme es!« Und dem Worte folgte ein Schlag auf den Kopf. Winselnd und jammernd stolperte der Weise von Bagdad unter den Schlägen des Weisen von Gjändsha durch's Vorzimmer und die Treppe hinab . . .

Ruhiger als ich erwartet hatte, kehrte Mirza-Schaffy aus dem Kampfe der Weisheit zurück, den er so siegreich bestanden hatte. Er ermahnte mich, solchen falschen Lehrern wie Jussuf und Genossen kein Ohr zu leihen, sondern treu auszuharren unter seiner Leitung.

»Es werden ihrer noch viele kommen,« fuhr er fort, »aber Du mußt Dein Angesicht von ihnen wenden, denn Du bist weiser denn sie Alle. Was sagt der Dichter: Wer nicht lesen kann, will Großvezier werden! So geht's diesen Leuten, die nicht lesen noch singen können. Ihre Habsucht ist größer als ihre Weisheit; sie kommen nicht um Dich zu belehren, sondern um Dich zu berauben. Der Appetit steckt hinter den Zähnen!« Dabei zeigte er mir seine weißen Zähne und rückte seine hohe phrygische Mütze auf die Seite, was er gewöhnlich thut, wenn sein Kopf frisch rasirt ist, denn alsdann hält er sich für unwiderstehlich und glaubt bei allen Weibern Liebe zu erwecken und bei den Männern ein Wohlgefallen.

57 Ich kannte seine Schwäche, und jedesmal, wenn er mir sein frischgesäubertes Haupt zeigte, rief ich ihm entgegen: Wie Du schön bist, Mirza-Schaffy!

An diesem Abend schien er, trotz des heftigen Pantoffelausfalls, besonders weich gestimmt zu sein, denn zum ersten Male seit unserer Bekanntschaft ließ er sich bewegen, Wein mit mir zu trinken, was er bis dahin immer sorgfältig vermieden hatte, nicht etwa aus übergroßer Gewissenhaftigkeit, sondern weil er fürchtete, ich würde es einst im Abendlande den Leuten erzählen, wodurch sein Ruf als Lehrer der Weisheit leicht gefährdet werden könnte. Aber im Drang der Gefühle konnte er der Versuchung nicht widerstehen; er trank ein Glas, und dann ein zweites und darauf ein drittes, und der Wein löste seine Zunge und er wurde so gesprächig und zutraulich wie ich ihn nie vorher gesehen. »Was sagt Hafis?« rief er mit schmunzelndem Blicke,

»Der Wein ist der Trank der Weisen,
Und aller Frömmigkeit Meister –
Denn um ihn wandeln und kreisen
Viele selige Geister!«

»Im Grunde« – fuhr er fort –»ist der Genuß des Weines nur für das dumme Volk ein Stein des Anstoßes. Wir, als Philosophen, was haben wir uns um den Koran zu scheren? Alle Weisen und Sänger unseres Volkes haben den Wein gepriesen – sollen wir ihre Worte zu Schanden machen?« Und um mir zu beweisen, daß seine Philosophie nicht von gestern datire, sang er mir ein Lied vor, welches er nach seiner Behauptung schon vor zehn Jahren einem frommthuenden Mullah in's Haus geschickt, der ihn wegen seiner Liebe zum Weine verhöhnt hatte: 58

  »Mullah, rein ist der Wein,
Und Sünd' ist's, ihn zu schmäh'n –
Mögst Du tadeln mein Wort,
Mögst Du Wahrheit drin seh'n!

  Nicht das Beten hat mich
Zur Moschee hingeführt:
Betrunken hab' ich
Mich vom Wege verirrt!«

Ein Glas folgte dem andern und ein Lied dem andern; aber plötzlich umdüsterten sich zu meinem Erstaunen die Blicke des Mirza, er wurde nachdenkend und starrte trüb vor sich hin. So saß er eine gute Weile und ich wagte nicht ihn zu stören in seiner stummen Betrachtung. Erst als er wieder den Mund öffnete und in klagendem Tone die Worte sang:

»Mich hat der Schmerz der Liebe gebeugt,
        Fragt nicht: für wen?
Mir ward das Gift der Trennung gereicht,
        Fragt nicht: durch wen?«

unterbrach ich ihn, theilnehmend fragend: »Bist Du verliebt, Mirza-Schaffy?«

Er sah mich, wehmüthig den Kopf schüttelnd, an, und dann begann er ein anderes Lied zu singen, ich glaube von Hafis:

»Betrittst Du den Pfad der Liebe, den trüb unendlichen,
Findest Du Trost nur im Tode, dem unabwendlichen! &c.

Er brummte das Lied zu Ende, dann wandte er sich zu mir und sprach: »Nein, ich bin nicht verliebt, aber ich war einmal verliebt, wie es nie ein Mensch gewesen!«

59 Ihr könnt Euch denken, daß ich mir alle Mühe gab, das Geheimniß der Liebe meines ehrwürdigen Mirza zu erforschen. Wir saßen zusammen bis tief in die Nacht hinein, und mit immer steigender Neugier hing mein Ohr an seinen Lippen. 60

 

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