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Tausend und Ein Tag im Orient

Friedrich von Bodenstedt: Tausend und Ein Tag im Orient - Kapitel 39
Quellenangabe
typereport
booktitleTausend und Ein Tag im Orient
authorFriedrich Bodenstedt
year1850
firstpub1850
publisherVerlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
addressBerlin
titleTausend und Ein Tag im Orient
pages777
created20100928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierzehntes Kapitel.

Lieder aus dem »Buche der Weisheit und der Quelle der Erkenntniß« des Mirza-Schaffy.

(Fortsetzung.)

        Dies soll Euch jetzt als neuestes Gebot
    Verkündigt werden:
Es soll auf Erden nicht mehr ohne Noth
    Gesündigt werden!

Wo nicht ein süßer Mund, ein schönes Auge
    Verlangen weckt –
Da soll den Sündern alle Gnade nun
    Gekündigt werden!

Jedweder Mund, der sich in schlechten Küssen
    Versündigt hat,
Kann nur durch eine Flut von echten Küssen
    Entsündigt werden. 211


    Daß Du am Abend zu mir kommst,
    Wird sehr zu Deinem Frommen sein
Wenn Du am Morgen lieber kommst,
    Es soll Dir unbenommen sein –
Komm' Du zu irgend einer Zeit,
    Wirst allezeit willkommen sein!

              Trinkt Wein! das ist mein alter Spruch,
Und wird auch stets mein neuer sein,
Kauft Euch der Flasche Weisheitsbuch,
    Und sollt es noch so theuer sein!

Als Gott der Herr die Welt erschuf,
Sprach er: der Mensch sei König hier!
Es soll des Menschen Kopf voll Witz,
    Es soll sein Trank voll Feuer sein!

Dies ist der Grund, daß Adam bald
Vom Paradies vertrieben ward:
Er floh den Wein, drum konnt' es ihm
    In Eden nicht geheuer sein!

Die ganze Menschheit ward vertilgt,
Nur Noah blieb mit seinem Haus,
Der Herr sprach: weil Du Wein gebaut,
    Sollst Du mein Knecht, mein treuer sein! 212

Die Wassertrinker seien jetzt
Ersäuft im Wasser allzumal,
Nur Du, mein Knecht, sollst aufbewahrt
    In hölzernem Gemäuer sein!

Mirza-Schaffy! Dir ward die Wahl
Nicht schwer nach solchem Doppelfall,
Du hast den Wein erkürt, willst nie
    Ein Wasserungeheuer sein!


        Schlag die Tschadra zurück! Was verhüllst Du Dich?
Verhüllt auch die Blume des Gartens sich?
Und hat Dich nicht Gott, wie der Blume Pracht,
Der Erde zur Zierde, zur Schönheit gemacht?
Schuf er all' diesen Glanz, diese Herrlichkeit,
Zu verblühen in dumpfer Verborgenheit?

Schlag die Tschadra zurück! Laß alle Welt seh'n,
Daß auf Erden wie Du Kind kein Mädchen so schön!
Laß die Augen herzzündende Funken sprüh'n,
Laß die Lippen im rosigen Lächeln glüh'n,
Daß Dich Holde kein anderer Schleier umschwebt,
Als mit dem Dich das Dunkel der Nächte umwebt! 213

Schlag die Tschadra zurück! Solch ein Antlitz sah
Nie zu Stambul das Harem des Padischah –
Nie säumte zwei Augen so groß und klar
Der langen Wimpern seidenes Haar –
Drum erhebe den Blick, schlag die Tschadra zurück!
Dir selbst zum Triumphe, den Menschen zum Glück!


        Wenn zum Tanz die jungen Schönen
    Sich im Mondenscheine dreh'n,
Kann doch keine sich so lieblich
    Und so leicht wie meine dreh'n!

Daß die kurzen Röcke flattern,
    Und darunter, roth bekleidet,
Leuchtend wie zwei Feuersäulen
    Sich die vollen Beine dreh'n!

Selbst die Weisen aus der Schenke
    Bleiben steh'n voll Lust und Staunen,
Wenn sie spät nach Hause schwankend
    Sich berauscht vom Weine dreh'n!

Auch der Muschtahid, der fromme,
    Mit den kurzen Säbelbeinen,
Spricht: so lieblich wie Hafisa
    Kann im Tanz sich keine dreh'n! 214

Ja, vor dieser Anmuth Zauber,
    Vor Hafisa's Tanzesreigen,
Wird sich noch berauscht die ganze
    Gläubige Gemeine dreh'n!

Und was in der Welt getrennt lebt
    Durch verjährten Sektenhader,
Wird sich hier versöhnt mit uns in
    Liebendem Vereine dreh'n!

O, Mirza-Schaffy! welch Schauspiel,
    Wenn die alten Kirchensäulen
Selber wanken, und sich taumelnd
    Um Hafisa's Beine dreh'n!


                    Die Distel sprach zur Rose:
Was bist Du nicht ein Distelstrauch?
    Dann wärst Du doch was nütze,
Dann fräßen Dich die Esel auch!

    Zur Nachtigall die Gans sprach:
Was bist Du nicht ein nützlich Thier?
    Das, Blut und Leben opfernd,
Zum Wohl der Menschen stirbt, wie wir? 215

    Zum Dichter der Philister
Sprach: Was nützt Dein Gesang dem Staat?
    Zur Arbeit rühr' die Hände,
Folg' der Philister Thun und Rath!

    Philister, Gans und Distel,
Behaltet Euren klugen Rath!
    Ein jeder von Euch treibe
Und thue was er immer that!

    Der Eine schafft und müh't sich,
Der Andre singt aus voller Brust –
    So war es stets und überall
Zu guter Menschen Glück und Lust.

    Mirza-Schaffy! wie lieblich
Ist Deiner Weisheitssprüche Klang!
    Du machst das Lied zur Rede,
Du machst die Rede zu Gesang!


        Mirza-Schaffy! nun werde vernünftig,
Laß Deines Wesens Unstätigkeit –
Zu ernsterem Geschäfte künftig
Verwende Deine Thätigkeit! 216

Sieh Mirza-Hadschi-Aghassi an,
Was das ein Herr geworden ist!
War früher ein ganz gemeiner Mann,
Wie er jetzt behangen mit Orden ist!

Drum widme Deine Kräfte dem Staate,
Für den sie sonst verloren sind,
Weil meist die größten Herrn im Rathe
Zugleich die größten Thoren sind.

Ich sprach: viel Andre werden schon
Geschickt zu solchem Platz sein,
Doch schwerer dürfte für meine Person
Ein passender Ersatz sein.

Darum: zeigst Du mir einen Mann,
Der jetzt im Rathe Stimm' und Sitz hat,
Und solche Lieder singen kann
Wie ich, und meinen Geist und Witz hat:

So lasse ich meine Unstätigkeit,
Lasse Trinken, Singen und Dichtung,
Und gebe meiner Thätigkeit
Sofort eine andere Richtung. 217


Lieder der Klage.

        Wieder ist der Frühling ins Land gekommen,
Ist in blumigem, buntem Gewand gekommen.

Sonst als einem Freunde bin ich ihm entgegen
Mit einem vollen Becher in der Hand gekommen.

Jetzt meid' ich ihn, denn unter seinen Blumen
Bin ich an der Verzweiflung Rand gekommen.

Bin um Zuléikha, und mit der Geliebten
Um Freude, Glück und Verstand gekommen!


        Ein schlimm'res Unglück als der Tod
Der liebsten Menschen – ist die Noth!
Sie läßt nicht sterben und nicht leben,
Sie streift des Lebens Blüthe ab,
Streift, was uns Lieblichstes gegeben,
Vom Herzen und Gemüthe ab!
Den Stolz des Weisesten selbst beugt sie,
Daß er der Dummheit dienstbar werde –
Der Sorgen bitterste erzeugt sie,
Denn man muß leben auf der Erde. 218

Noth ist das Grab der Poesie,
Und macht uns Menschen dienstbar, die
Man lieber stolz zerdrücken möchte,
Als sich vor ihnen bücken möchte.

Doch darfst Du darum nicht verzagen,
Bis Dir das Herz zusammenbricht:
Das Unglück kann die Weisheit nicht –
Doch Weisheit kann das Unglück tragen.

Verscheuch' den Gram durch Liebsgekose,
Durch Deiner süßen Lieder Schall!
Nimm Dir ein Beispiel an der Rose,
Ein Beispiel an der Nachtigall!

Die Rose auch, die farbenprächt'ge,
Kann nicht der Erde Schmutz entbehren, –
Und Bülbül selbst, die liedesmächt'ge,
Muß sich von schlechten Würmern nähren! 219


        Es hat der Schach mit eigner Hand
Ein Manifest geschrieben,
Und alles Volk im Farsenland
Ist staunend stehn geblieben.

»Wie klug der Sinn, wie schön das Wort!«
So scholl es tausendtönig –
Man jubelt hier, man jubelt dort:
»Heil, Heil dem Farsenkönig!«

Mirza-Schaffy verwundert stand,
Das Schreien war ihm widrig,
Er sprach: Denkt man im Farsenland
Von Königen so niedrig?

Stellt man so tief im Farsenland
Der Fürsten Thun und Treiben,
Daß man erstaunt, wenn mit Verstand
Sie handeln oder schreiben? 220


Mirza-Schaffy! liebliche Biene,
Lange bist Du umhergeflogen,
Hast von Rosen und Jasmine
Nektar und süße Düfte gesogen;
Höre jetzt auf zu wandern
Von einer Blume zur andern –
Kehr' mit dem Gefieder
Deiner duftigen Lieder,
Kehr' mit all Deinem Honigseim
Heim, zur Geliebten heim!221

 

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