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Tausend und Ein Tag im Orient

Friedrich von Bodenstedt: Tausend und Ein Tag im Orient - Kapitel 37
Quellenangabe
typereport
booktitleTausend und Ein Tag im Orient
authorFriedrich Bodenstedt
year1850
firstpub1850
publisherVerlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
addressBerlin
titleTausend und Ein Tag im Orient
pages777
created20100928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Hafis.

Die folgende Sitzung im Divan der Weisheit wurde damit ausgefüllt, daß Mirza-Schaffy mir ein paar der lieblichsten Gasels Hafisens erklärte, welche als echte Diamanten aus der Krone des persischen Dichterkönigs, hier ihren Platz finden mögen.

Die Uebersetzung ist möglichst wortgetreu. Kenner der persischen Sprache mögen beurtheilen, ob es mir gelungen ist, auch den Duft und die Frische des Originals wiederzugeben.

 
1.

            Wenn, schöne Maid von Schiras, Du
    Wollt'st mein mit Herz und Hand sein:
Dein Grübchen sollte mir lieber als
    Bochara und Samarkand sein!

Trinkt Wein und freut Euch dieser Welt!
Denn wie Mosella wird kein Hain,
Es wird kein Strom wie Roknabad
    So schön in Eden's Land sein! 201

Wie der Tatar auf seinen Raub,
So stürmt auf mich die Schönheit ein,
Raubt Herz und Ruhe mir, und bald
    Wird hin auch mein Verstand sein!

Wie wahre Schönheit Nichts gewinnt
Durch Schminke, Putz und Flitterstaat:
So Ihr durch uns Nichts – unser Herz
    Kann Euch nur Spiel und Tand sein!

Sprecht mir von Wein und von Gesang,
Und grübelt ob dem Jenseits nicht –
Denn keinem Weisen war es je,
    Und wird es je bekannt sein!

Wohl fass' ich's, wie Zuléikha kühn
Der Keuschheit Schleier abgestreift,
Weil sie, gerührt von Jussuf's Reiz
    In Liebe wollt' erkannt sein!

Bleib', Mädchen, frei von Zwang und Furcht,
(Der Jugend ziemt des Alters Rath),
Wenn Dich ein Band umschlingen soll:
    Lass' es ein Rosenband sein!

Du schmollst mir, Kind? Ich zürne nicht,
Doch: ziemt das Bittre Deinem Mund?
Ein Quell von Süße sollte der
    Rubinenlippen Rand sein! 202

Als sollten Deine Worte all
Wie Perlen auf der Schnur sich reih'n,
Als sollte der Plejaden Glanz
    Ihr leuchtendes Gewand sein:

So schön, Hafis! gelang Dein Lied!
Doch noch unendlich schöner ist
Sie, der es gilt, und der es soll
    Geweiht von Deiner Hand sein!

 
2.

        Der Rose Duft will mir nicht süß
    Ohn' meines Mädchens Wangen sein,
Und ohne Wein der Frühling nicht
    Voll Lust und Blüthenprangen sein!

Ob Du im schatt'gen Lorbeerhain,
Ob Du in blum'gen Lauben weilst:
Schlägt nicht die Nachtigall darin,
    Wird bald die Lust vergangen sein!

Ob die Cypresse mich umschwankt,
Ob mich ein Blumenmeer umwogt:
Stets wird nach einem schönen Kind
    Mein Sehnen und Verlangen sein!

Doch selbst der Schönsten Gegenwart,
Der süße Mund, das Wangenroth,
Kann mir nur wahrhaft angenehm
    Bei liebendem Umfangen sein! 203

Schön ist die Rose, süß der Wein,
Doch nur mit Selma – wo sie fehlt,
Wird jeder Schritt zu Glück und Lust
    Ein eitel Unterfangen sein!

Was auch die Hand der Kunst erzeugt:
Das schönste Kunstgebild kann nur
Voll Leben durch den Wiederschein
    Von meiner Selma Wangen sein!

Dein eig'nes Leben, o Hafis!
Ist ein zu werthlos Stückchen Geld,
Als könnte es von Selma's Hand
    Für ihre Gunst empfangen sein!

 
3.

        Willst Du stets im Leben frei von
    Kummer und Beschwerden sein,
Lasse diese gold'nen Worte
    Deinen Spruch auf Erden sein:

Schmähe nicht den Feind im Unglück –
Traue nicht im Glück dem Freund,
Läßt das Glück ihn hochmuthsvoll in
    Thaten und Geberden sein. 204

 
4.

        So geht es mit dem Glücke,
Daß seine schönsten Gaben,
Wie seine schlimmste Tücke,
Nie lange Dauer haben.

Ein ewig Geh'n und Kommen,
Ein ewig Zieh'n und Wandern –
Was eine Hand genommen,
Das giebt es mit der andern.

Es wandelt Lust in Wehmuth,
Zieht Niedriges nach oben,
Bekehrt den Stolz zur Demuth
Und stürzt wen es erhoben.

Niemand bei dem es bliebe,
Und Keiner der es fasse –
Leicht ist's in seiner Liebe,
Doch schwer in seinem Hasse. 205

 

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