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Tausend und Ein Tag im Orient

Friedrich von Bodenstedt: Tausend und Ein Tag im Orient - Kapitel 35
Quellenangabe
typereport
booktitleTausend und Ein Tag im Orient
authorFriedrich Bodenstedt
year1850
firstpub1850
publisherVerlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
addressBerlin
titleTausend und Ein Tag im Orient
pages777
created20100928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

Rückkehr in die Schule der Weisheit. Die Lieder des Mirza-Schaffy.

Steige Du wieder empor in meiner Erinnerung, Mirza-Schaffy, Weiser von Gjändsha! Deine Worte sind zur Wahrheit geworden, und erfüllt hat sich was Du uns verheißen. Deine Lieder haben eine gute Stätte gefunden in den Herzen unserer Frauen und Jungfrauen, und Dein Name hat einen Klang der Ehre gewonnen im Abendlande.

Noch einmal wollen wir niedersitzen und mit Dir trinken und singen, und Deinen Sprüchen lauschen im Divan der Weisheit.

Siehe, die Blumen die Du mir geschenkt, hab' ich zu Kränzen gewunden, und die Perlen die Du vor mir ausgestreut, hab' ich auf Schnüre gereihet, Dir zum Ruhme und den Menschen zur Freude.

* * *

Der aufmerksame Leser des ersten Theils von »Tausend und Ein Tag« wird sich erinnern, daß mir Mirza-Schaffy nach meiner Rückkehr aus Armenien eine Sammlung seiner 169 Lieder schenkte, als Andenken an die bei Gesang und kachetischem Wein in Tiflis verlebten Stunden.

Er betitelte diese Lieder: »Das Buch der Weisheit und die Quelle der Erkenntniß,« und schrieb dazu eine Vorrede, gleichsam um sich vor sich selbst zu rechtfertigen, daß er seine größtentheils spielend gemachten Verse zu Papier gebracht, denn im Grunde legte er, trotz des überall durchklingenden Selbstlobes, wenig Gewicht darauf. Wenn es je einen Menschen gegeben, der Thaten höher schätzte als Worte, so war es Mirza-Schaffy.

Viele der Lieder des Weisen von Gjändsha, welche er auf Sängerfesten oder sonst bei feierlichen Anlässen gesungen, leben im Munde der Georgier und Tataren, ohne daß es ihm selbst jemals eingefallen wäre, sie durch das geschriebene Wort festzuhalten. Man würde häufig gar nicht wissen, daß sie von ihm herrühren, wenn es nicht orientalischer Brauch wäre, den Dichternamen jedem Gasel einzuverleiben. Bekanntlich geschieht dieses meist auf höchst naive Weise, indem der Dichter mit einer Fülle von Selbstlob beginnt oder endet. Wie z. B. bei Hafis:

»Wer in Gesang und Melodie
Hafisens Kunst erreichen will,
Der gleicht der armen Schwalbe, die
Dem Adler sich vergleichen will!«

Oder bei Mirza-Schaffy:

»Mirza-Schaffy! wie lieblich
        Ist Deiner Weisheitsprüche Klang!
Du machst das Lied zur Rede,
        Du machst die Rede zu Gesang!«

* * *

170 Diejenigen der Gedichte Mirza-Schaffy's, welche sich übersetzen ließen, ohne Gehalt und Gestalt des Originals wesentlich zu beeinträchtigen, führe ich dem Leser hier in deutschem Gewande vor.

Und da die meisten gleichsam unter meinen Augen entstanden und die Geschichte ihres Entstehens zuweilen eben so interessant ist wie die Lieder selbst, so flechte ich von den begleitenden Umständen Alles ein, was mir Interessantes davon im Gedächtniß geblieben.

Die Vorrede zum Buche der Weisheit lautet in der Uebersetzung wie folgt:

»Im Namen Allah's des Barmherzigen,
des Erbarmungsreichen!

Nachdem wir dem Schöpfer des Himmels und der Erde Lob und Preis dargebracht, beginnen wir, dieses Buches eigentliche Natur und Beschaffenheit zu offenbaren.

Auf wiederholtes Verlangen und Begehren seines Freundes und Jüngers Bunsten-Effendi (möge Gott seine Tage vermehren!) hat Mirza-Schaffy (dessen Zustände Allah verbessern möge!) eine Sammlung seiner Kaßiden, Gasels, Mokataat, Mesnewiat und Rubajat in dieses Buch geschrieben, als eine Quelle der Erkenntniß, daraus die Thoren schöpfen und daran die Weisen sich erquicken mögen.

171 Es sind in dieser Sammlung enthalten Lieder der Freude, der Liebe und des Weines; Lieder des Trostes und der Ermunterung; Lieder zum Preise alles Schönen und Guten, und Lieder zum Tadel und zur Geißel alles Schlechten und Gemeinen; Saatkörner der Weisheit, gemacht um ausgestreut zu werden auf den Acker der Wißbegier und in die Furchen der Empfänglichkeit; Lieder, gemacht zur Richtschnur in Gesang und Wohlredenheit, auf daß Die, welche sich darnach richten, die rechte Mitte halten und das Roß der Rede nicht auf die Bahn der Weitschweifigkeit rennen lassen, wie schon Nechschebi geredet:

»Stets, Nechschebi! im Maß der Mitte bleibe,
Sag' nicht zu wenig und sag' nicht zu viel –
Und was Du schreibst, nach dieser Weisung schreibe,
Der Mittelweg führt sicher Dich ans' Ziel!

Es sollen diese Lieder ferner eine Richtschnur sein zur Unterscheidung der Werke schlechter Dichter und Heuchler (Schmutz auf ihr Haupt!) von den Werken solcher Dichter, welche aus der eigenen Brust schöpfen und stets die Bahn der Aufrichtigkeit wandeln, wofür es untrügliche Zeichen giebt. Ein schlechter Dichter ist zu vergleichen einem Sumpfe, dem Keiner auf den Grund sehen kann, nicht weil er tief, sondern weil er unklar ist, und daraus Niemand schöpfen kann, um sich zu laben, noch um sich rein zu waschen von seiner Thorheit.

Von dem guten Dichter aber gilt wie geschrieben steht:

»Er rühmt sich hohen Besitzes,
Und läßt seine Stimme ertönen
Als Fürst auf dem Throne des Witzes
Und Herrscher im Reiche des Schönen.« 172

        Wodurch ist Schiras wohl, die Stadt
    Berühmt mit Ros' und Wein geworden?
Wodurch berühmt der Rocknabad,
    Berühmt Mosella's Hain geworden?

Nicht ihre Schönheit war der Grund,
    Viel Schöneres auf Erden giebt es –
Sie sind berühmt durch Dein Gedicht,
    Durch Dich, Hafis! allein geworden!

Das Bonzenthum hast Du gestürzt,
    Und Schiras' Ruhm hast Du gegründet –
Es ist durch Dich das Kleine groß,
    Durch Dich das Große klein geworden!

Verherrlicht hast Du Stadt und Hain,
    Verschönt den Strom und seine Ufer –
Durch Dich ist jeder Stein der Stadt
    Zu einem Edelstein geworden!

Auch Tiflis ist an Schönheit reich,
    Hat Rosen, Wein und schmucke Mädchen –
Und durch Dich selbst, Mirza-Schaffy,
    Ist auch ein Sänger sein geworden!

Drum soll, was Schiras durch Hafis,
    Tiflis durch Deine Lieder werden –
Denn aller Zubehör ist Dir
    Im herrlichsten Verein geworden. 173

Die stromdurchrauschte Gartenstadt,
    Umragt von himmelhohen Bergen,
Und was darinnen blüht und lebt,
    Mirza-Schaffy! ist Dein geworden!

Ihr schönen Mädchen (merkt Euch das!)
    Gehört jetzt mir und meinem Liede!
Mein sind nun Augen, Wang' und Mund,
    Sammt ihrem Glanz und Schein geworden!

Zum Paradiese wird mein Lied
    Für Schönheit, Blumen, Wein und Liebe –
Was eingeht in dies Paradies,
    Ist aller Sünden rein geworden!

Doch eine Hölle wird es sein
    Für Bonzen, Kuß- und Weinverächter –
Für dies Geschlecht ist jeder Vers
    Zur Stätte ew'ger Pein geworden!

So soll durch alle Lande nun
    Mirza-Schaffy! Dein Lied ertönen –
Für alles schöne Sein und Thun
    Ist es ein Wiederschein geworden!

*   *   *
Du sandtest Deine Jünger aus,
    Und es geschah, wie Du verheißen:
Berühmt ist Tiflis durch Dein Lied
    Vom Kyros bis zum Rhein geworden! 174

        Komm, Jünger, her! ich will Dich Weisheit lehren,
    Du sollst des Daseins Werth erkennen lernen –
Du sollst zum ächten Glauben Dich bekehren,
    Das Wahre von dem Falschen trennen lernen:

Die Lehre, wie des Wahns, der Thorheit Klippen
    Klug zu umgeh'n, soll Dir im Liede werden –
Wohlredenheit und Anmuth Deinen Lippen
    Und Deinem Herzen Glück und Friede werden!

Fort aus der alten Satzung dumpfen Räumen
    Will ich den Fuß zu besserm Streben führen –
Bei Wein und Liebe, unter Rosenbäumen
    Sollst Du ein neues schön'res Leben führen!

Und wenn Du übst was meine Lieder pred'gen,
    So sollst Du's offen, frohen Muthes üben,
Der Heuchelei, des Truges Dich entled'gen,
    Und im Geheimen nichts als Gutes üben!

Kein Schwert hab' ich, die Thoren zu bekehren,
    Wer Weisheit übt, legt Andern keinen Zwang auf;
Mein Joch ist leicht – der Kern von meinen Lehren
    Löst sich in Wein, in Liebe und Gesang auf. 175

Unendlich ist der Schönheit Zauberkreis,
    Unendlich sehnsuchtsvollen Dranges bleiben
Die Menschenherzen – doch wird stets der Preis
    Den Zaubertönen des Gesanges bleiben!


            Höre was der Volksmund spricht:
Wer die Wahrheit liebt, der muß
    Schon sein Pferd am Zügel haben –
Wer die Wahrheit denkt, der muß
    Schon den Fuß im Bügel haben.
Wer die Wahrheit spricht, der muß
    Statt der Arme Flügel haben!
Und doch singt Mirza-Schaffy:
    Wer da lügt, muß Prügel haben!

            Mag bei dem Reden der Wahrheit auch große Gefahr sein,
Immer doch, Mirza-Schaffy, mußt Du ehrlich und wahr sein –
Darfst nicht zum Irrlichte werden im Sumpfe der Lüge,
Denn alles Schöne ist wahr, und des Schönen kannst Du nie baar sein!

    Doch zu jeglicher Strafe und Unbill kluger Vermeidung
Hüll' Deine Weisheit in blumiger Worte Verkleidung,
Gleichwie die Traube mit köstlichem Tranke erfüllt ist,
Und doch von Laube und grünem Geranke umhüllt ist. 176


              Wo man fröhlich versammelt in traulicher Runde ist,
Ohne zu achten, ob's früh oder spät an der Stunde ist –
      Wo der Becher von Wein überfließt, und die Lippe von Witz,
Und ein rosiges Kind mit den Zechern im Bunde ist:
      Gerne dort weilst Du, o Mirza-Schaffy! wo die Weisheit
Hinter den Ohren nicht feucht, und nicht trocken im Munde ist.

            Es sucht der ächte Weise
Daß er das Rechte finde:
Jung wird er nicht zum Greise,
Alt wird er nicht zum Kinde!

    Der Winter treibt keine Blüthe,
Der Sommer treibt kein Eis –
Was früh Dein Herz durchglühte,
Das ziemt Dir nicht als Greis!

    Jung sich enthaltsam preisen,
Alt toll von Sinnen sein,
Wird nie des wahren Weisen
Rath und Beginnen sein! 177


        O selig, wem von Urbeginn
    Im Schicksalsbuch geschrieben ist,
Daß er bestimmt zu leichtem Sinn,
    Zum Trinken und zum Lieben ist!

Der Zorn des Bonzen stört ihn nicht,
    Moscheenduft bethört ihn nicht –
Ob er allein – beim Becher Wein,
    Ob er beim Lieb geblieben ist!

Solch Loos ist Dein, Mirza-Schaffy!
    Genieß es ganz und klage nie!
Denk beim Pokal – daß stets die Zahl
    Der Wochentage sieben ist!

Am ersten Tag beginnt der Lauf,
    Und erst am letzten hört er auf –
Wie's kommt, so geht's – bedenke stets
    Daß Glück nicht aufzuschieben ist!

Ein leichter Sinn, ein frohes Lied
    Ist Alles was Dir Gott beschied;
Drum laß den Wahn – verfolg die Bahn,
    Auf die Dein Fuß getrieben ist! 178


            Es hat die Rose sich beklagt,
Daß gar zu schnell der Duft vergehe,
Den ihr der Lenz gegeben habe –

    Da hab' ich ihr zum Trost gesagt,
Daß er durch meine Lieder wehe,
Und dort ein ew'ges Leben habe.


        Woran erkennest Du die schönsten Blumen?
            An ihrer Blüthe!
Woran erkennest Du die besten Weine?
            An ihrer Güte!
Woran erkennest Du die besten Menschen?
            An dem Gemüthe!
Woran erkennest Du den Scheich und Mufti?
            An der Kaputze!
Die Antwort, Freund, ist richtig – geh' und mache
            Sie Dir zu Nutze!

            Verbittre Dir das junge Leben nicht,
Verschmähe was Dir Gott gegeben nicht!

Verschließ Dein Herz der Liebe Offenbarung
Und Deinen Mund dem Trank der Reben nicht! 179

Sieh, schönern Doppellohn als Wein und Liebe,
Beut Dir die Erde für Dein Streben nicht!

Drum ehre sie als Deine Erdengötter,
Und andern huldige daneben nicht!

Die Thoren die bis zu dem Jenseits schmachten,
Die lassen leben, doch sie leben nicht.

Der Mufti mag mit Höll und Teufel drohen,
Die Weisen hören das und beben nicht.

Der Mufti glaubt, er wisse Alles besser,
Mirza-Schaffy glaubt das nun eben nicht!


        Ich liebe die mich lieben,
Und hasse die mich hassen –
So hab' ich's stets getrieben
Und will davon nicht lassen.

Dem Mann von Kraft und Muthe
Gilt dieses als das Rechte:
Das Gute für das Gute,
Das Schlechte für das Schlechte! 180

Man liebt was gut und wacker,
Man kost der Schönheit Wange,
Man pflegt die Saat im Acker –
Doch man zertritt die Schlange.

Unbill an Ehr' und Leibe
Verzeihet nur der Schwache –
Die Milde ziemt dem Weibe,
Dem Manne ziemt die Rache!


            Im Garten klagt die Nachtigall,
Und hängt das feine Köpfchen nieder:
Was hilft's, daß ich so schöne Lieder,
    Und wundersüße Töne habe –
So lange ich dies grau Gefieder,
    Und nicht der Rose Schöne habe!

    Im Blumenbeet die Rose klagt:
Wie soll das Leben mir gefallen?
Was hilft's daß vor den Blumen allen
    Ich Anmuth, Duft und Schöne habe
So lang ich nicht der Nachtigallen
    Gesang und süße Töue habe! 181

    Mirza-Schaffy entschied den Streit.
Er sprach: laßt Euer Klagen beide,
Du Rose mit dem duft'gen Kleide,
    Du Nachtigall mit Deinen Liedern:
Vereint, zur Lust und Ohrenweide
    Der Menschen Euch in meinen Liedern!


        Im Winter trink' ich und singe Lieder
    Aus Freude, daß der Frühling nah ist –
Und kommt der Frühling, trink ich wieder
    Aus Freude, daß er endlich da ist.

        Hochauf fliegt mein Herz, seit es sein Glück aus Deines
          Glücks Offenbarung zieht –
Und immer kehrt's wieder, wohin es der Liebe
          Süße Erfahrung zieht –
Dem Springquell ähnlich, der himmelauf in
          Toller Gebahrung zieht,
Und doch immer zurückkehrt von wo er gekommen ist
          Und seine Nahrung zieht. 182

        Sie hielt mich auf der Straße an
Und fragte: »kannst Du schreiben?« – »Ja! –
»So schreib mir einen Talisman!«
– Wird der Dein Weh vertreiben? – »Ja!«

Ich griff sofort zum Kalemdan.
»Komm – sprach sie – treten wir in's Haus,
Dort schreibst Du mir den Talisman,«
– Und darf dann bei Dir bleiben? – »Ja!«

Mit ihr in's Haus trat ich alsdann . . . .
Mirza-Schaffy, es währte lang!
Doch: schriebst Du ihr den Talisman?
Und half Dein langes Bleiben? – Ja! –

 
Sprüche der Weisheit.

Des Zornes Ende ist der Reue Anfang.

Wer Alles auf's Spiel gesetzt,
Hat sicher zu viel gesetzt. 183

        Ein graues Auge
Ein schlaues Auge;
Auf schelmische Launen
Deuten die braunen;
Des Auges Bläue
Bedeutet Treue;
Doch eines schwarzen Augs Gefunkel
Ist stets, wie Gottes Wege, dunkel!

        Ein Jegliches hat seine Zeit,
Ein Jegliches sein Ziel –
Wer sich der Liebe ernst geweiht,
Der treibt sie nicht als Spiel.

Wer immer singt und immer flennt
Von Liebesglück und Schmerz,
Dem fehlt was er am meisten nennt,
Dem fehlt Gefühl und Herz!


        Sänger giebt es, die ewig flennen,
In erkünsteltem Gram sich strecken,
    Wimmern als ob sie stürben vor Schmerzen,
Ewig in falschen Gefühlen entbrennen,
Weil sie das rechte Gefühl nicht kennen,
    Und darum auch in Andrer Herzen
Keine rechten Gefühle wecken. 184

Hüt' Dich vor solcher schwindelnden Richtung,
Vor des Geschmacks und Verstandes Vernichtung.
    Frisch und ureigen
    Mußt Du Dich zeigen,
Wie im Gefühle, so in der Dichtung.


        Ich hasse das süßliche Reimgebimmel
Das ewige Flennen von Hölle und Himmel,
        Von Herzen und Schmerzen,
        Von Liebe und Triebe,
        Von Sonne und Wonne,
        Von Lust und Brust,
        Und von alledem
Was allzu verbraucht und gemein ist,
        Und weil es bequem,
        Allen Thoren genehm,
Doch vernünftigen Menschen zur Pein ist.

        Willst Du den Geist im Gesang erspüren
    Und Dich erfreuen an seinem Duft:
Laß Dich nicht von eitlem Klang verführen,
    Suche der Erde Gold nicht in der Luft. 185

        Meide das süßliche Reimgeklingel,
    Wenn Dir der Sinn nicht zum Herzen dringt –
Merke Dir, daß oft der gröbeste Schlingel
    Die allerzärtlichsten Verse singt.

        Wo sich der Dichter versteigt in's Unendliche,
    Lege sein Liederbuch schnell aus der Hand –
Alles gemeinem Verstand Unverständliche
    Hat seinen Urquell im Unverstand.

        Wenn die Lieder gar zu moscheenduftig
        Und schaurig wehn –
Muß es im Kopfe des Dichters sehr ideenluftig
        Und traurig stehn.

        Wer nicht vermag seine Lieder zu schöpfen
    Aus der eigenen Brust und der wirklichen Welt,
Der gehört selbst zu den hirnlosen Köpfen
    Denen sein hirnloses Lied gefällt. 186

        Wer in Bildern und Worten in Liebestönen
        Zu überschwenglich ist,
Zeigt, daß er dem Geiste des wahrhaft Schönen
        Selbst unzugänglich ist.

        Der kluge Mann schweift nicht nach dem Fernen
      Um Nahes zu finden,
Und seine Hand greift nicht nach den Sternen
      Um Licht anzuzünden.

        Es ist leicht, eine kluge Grimasse zu schneiden
        Und ein kluges Gesicht,
Und gewichtig zu sagen: dies mag ich leiden
        Und jenes nicht!

Und weil ich dies leiden mag, so muß es gut sein,
        Und jenes nicht –
Vor solchen Leuten mußt Du auf der Huth sein
        Mit Deinem Gedicht! 187


        Zu des Verstandes und Witzes Umgehung
Ist nichts geschickter als Augenverdrehung.

        Es ist ein Wahn zu glauben, daß
    Unglück den Menschen besser macht.
Es hat dies ganz den Sinn, als ob
    Der Rost ein scharfes Messer macht,
Der Schmutz die Reinlichkeit befördert,
    Der Schlamm ein klares Gewässer macht!

        Wie auf dem Feld nur die Frucht gedeiht,
    Wenn sie Sonne und Regen hat,
Also die Thaten des Menschen nur,
    Wenn er Glück und Segen hat!

        Wohl mag es im Leben
Der Fälle geben,
Daß Unglück die Seele läutert,
Wie Erfahrung den Blick erweitert. 188
    Es giebt auch Fälle, wo der Arzt
Zur Heilung Gift verschrieben hat,
Und Gift das Uebel vertrieben hat –
    Doch wär' es nicht Uebereilung,
Aus solchem Fall die Erfahrung zu nehmen,
    Zu jeglichen Uebels Heilung
Sei es nöthig Gift zur Nahrung zu nehmen?

        Nicht immer am besten erfahren ist,
Wer am ältesten von Jahren ist –
Und wer am meisten gelitten hat
Nicht immer die besten Sitten hat!

            Mirza-Schaffy! Du müßtest blind sein,
Von Herzen ein Greis, von Glauben ein Kind sein,
Wolltest Du Dich in Deinem Thun und Dichten
Nach Glauben und Satzung der Thoren richten! 189

            Es hat einmal ein Thor gesagt,
Daß der Mensch zum Leiden geboren worden;
    Seitdem ist dies, – Gott sei's geklagt! –
Der Spruch aller gläubigen Thoren worden.

    Und weil die Menge aus Thoren besteht,
Ist die Lust im Lande verschworen worden,
    Es ist der Blick des Volkes kurz,
Und lang sind seine Ohren worden. 190

 

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