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Tausend und Ein Tag im Orient

Friedrich von Bodenstedt: Tausend und Ein Tag im Orient - Kapitel 34
Quellenangabe
typereport
booktitleTausend und Ein Tag im Orient
authorFriedrich Bodenstedt
year1850
firstpub1850
publisherVerlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
addressBerlin
titleTausend und Ein Tag im Orient
pages777
created20100928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel.

Abowian.

Ich hatte nach meiner Rückkehr von Armenien zu wiederholten Malen an Abowian geschrieben, um ihn an sein Versprechen zu erinnern, mir eine Fortsetzung der kurdischen Volkslieder und der in tatarischer Sprache geschriebenen Gedichte des Keschisch-Oglu zu schicken. Er wußte, daß es in meiner Absicht lag, eine deutsche Uebersetzung davon zu veranstalten und ihm die daraus entspringenden pekuniären Vortheile zur Verbesserung seiner bedrängten Lage zuzuwenden. Es war mir deshalb unerklärlich, daß alle meine Briefe unbeantwortet blieben, bis ich vor Kurzem zufällig die traurige Ursache erfuhr. Ein alter Bekannter von mir und mein Lehrer der kleinrussischen Sprache, Staatsrath Roskovschenko aus Tiflis, der mich diesen Sommer auf einer Badereise in Berlin besuchte, theilte mir mit, daß Abowian schon seit ein Paar Jahren verschollen sei, ohne daß man, trotz aller Nachforschungen, eine Spur von ihm entdeckt habe. Roskovschenko, der frühere Vorgesetzte Abowians, war veranlaßt worden, ihn nach Tiflis zu ziehen, um ihm hier eine 160 bessere Stellung zu verschaffen. Ein georgischer Hülfslehrer vom Gymnasium zu Tiflis, Turkistanow, wurde nach Eriwan entsendet, um Abowian einstweilen zu vertreten. In Eriwan angekommen, erfährt er, daß Abowian ganz gegen seine Gewohnheit am frühen Morgen das Haus verlassen habe und noch immer nicht zurückgekehrt sei. Turkistanow wiederholt am folgenden Tage seinen Besuch, und findet die Frau Abowian's in Thränen aufgelöst; sie hat in der ganzen Nacht umher nach ihrem Manne gesucht; keiner weiß von ihm, keiner will ihn gesehen haben. Seit jenem Tage ist er verschwunden und man hat nie wieder etwas von ihm gehört.

Wahrscheinlich hat er sich selbst den Tod gegeben, denn schon zu der Zeit, wo ich ihn kennen lernte, war er in einer sehr trüben und hoffnungslosen Stimmung, welche noch vermehrt wurde durch seine traurigen Begegnisse mit Professor Abich von Dorpat, dem er bei dessen Ersteigung des Ararat als Führer beigegeben war. Das hochfahrende Benehmen, zu welchem sich Abich berechtigt glaubte, weil er auf der russischen Rangleiter ein paar Stufen höher stand als Abowian, gab Veranlassung zu Mißhelligkeiten, die in ihren Folgen den armen Armenier an den Rand der Verzweiflung brachten. Abowian übersandte mir später seine Tagebücher aus jener Zeit, mit der Bitte, dieselben unter dem Titel »Nachträge und Erläuterungen zu der Besteigung des Ararat durch Professor Abich« zu veröffentlichen. –

In wohlmeinendster Absicht erfüllte ich diese Bitte nicht, weil nach meiner Ueberzeugung die persönlichen Angelegenheiten, welche den Haupt-Inhalt jener Tagebücher bilden, nicht wohl vor das Forum der Oeffentlichkeit gehören, und weil ich ferner durch die Veröffentlichung Beiden nur geschadet haben würde. So sind denn die Tagebücher bis zu dieser 161 Stunde in meinen Händen geblieben, da sich keine sichere Gelegenheit fand, sie wieder nach Eriwan zu befördern . . .

In seinem letzten Briefe schrieb mir Abowian, daß er entschlossen sei, den russischen Staatsdienst zu verlassen, um sich in das Innere von Armenien zurückzuziehen und dort nach der Weise seiner Vorfahren vom Ackerbau zu leben, da sein geringes Einkommen den Bedürfnissen der Stadt nicht genügte und ein längeres Warten auf etwaige Verbesserung seiner Lage ihn nur noch tiefer in's Elend stürzen würde.

Es waren schlimme Erfahrungen, die den talentvollen und strebsamen Mann zu diesem Entschlusse gebracht hatten. Seine Lebensgeschichte ist zu merkwürdig, als daß ich es unterlassen könnte, einige Züge daraus mitzutheilen.

Abowian wurde zu Anfange dieses Jahrhunderts in einem Dorfe bei Eriwan, dessen Namen ich vergessen habe, von armen Eltern geboren Da er von Kindesbeinen an eine große Lernbegierde zeigte, so kam er schon sehr früh in das Kloster von Etschmiadsyn, um dort zum Geistlichen ausgebildet zu werden. In diesem altberühmten Patriarchensitze am Fuße des Ararat herrschte damals der Katholikos Jephrem (d. i. Ephraim) ein kalter, hochfahrender Mann, der in Bezug auf Formen und Aeußerlichkeiten unter den Mönchen und Zöglingen des Klosters ein strenges Regiment führte, aller wahren Kultur und Wissenschaft aber von Herzen gram war. Mit seinen eigenen Kenntnissen that er immer sehr geheim, und als die gelehrtesten seiner Bischöfe und Mönche galten diejenigen, welche es zu einem nothdürftigen Verständniß der altarmenischen Bibelübersetzung gebracht hatten.

Zu jener Zeit trug das Kloster noch nicht die Maske europäischer Kultur, die es seit dem Besuche einzelner Mitglieder der kaiserlichen Familie angethan hat. Abowian 162 erzählte mir und R., als er uns nach Etschmiadsyn begleitete, daß es ihn immer eiskalt überlaufe, wenn er die alten Gemäuer betrete, so schauerlich seien die Eindrücke gewesen, die er in früher Jugend dort empfangen und die sich nie wieder aus dem Gedächtniß verwischen ließen. Verschiedene Fluchtversuche, auf welchen man ihn ertappt hatte, gaben Veranlassung, daß ihm eine noch strengere Behandlung zu Theil wurde als vorher schon.

So wuchs er heran unter Weinen, Beten und Fasten, in einer rohen, für alles Edle abgestumpften, in unnatürlichen Lüsten verkommenen Umgebung, ohne anderen Gewinn davon zu tragen, als eine nothdürftige Kenntniß der altarmenischen Sprache. Er hatte es bis zum Diakon gebracht, als der berühmte Dorpater Professor Parrot im Jahre 1829 nach Armenien kam, um Versuche zu einer Ersteigung des Ararat zu machen. Der Zufall führte ihn mit Abowian zusammen, der auf Parrot einen so günstigen Eindruck machte, daß dieser die Schwierigkeiten nicht scheute, ihn zum Reisegefährten zu gewinnen, nachdem die andern Schwierigkeiten, welche die hohe Geistlichkeit jedem Versuche einer Ersteigung des Ararat entgegenzusetzen für ihre Pflicht hält, glücklich überwunden waren.

Der erste Versuch, welcher ohne Abowian unternommen wurde, mißglückte. Daß Parrot bei der zweiten Ersteigung zu einer Höhe von 15,138 Par. Fuß kam und endlich beim dritten Versuche (26–28sten September) wirklich die bis dahin seit der Sündfluth von keines Menschen Fuß betretene Spitze des Ararat erreichte, hatte er zum großen Theil den Anstrengungen und der Umsicht Abowians zu verdanken.

Der deutsche Gelehrte faßte eine lebhafte Zuneigung zu dem jungen Armenier und nahm ihn nach seiner Rückkehr in 163 die Heimath mit nach Dorpat, wo er Vaterstelle an ihm vertrat und ihn sechs Jahre lang auf seine Kosten studiren ließ.

Diese sechs Jahre bildeten die Glücksperiode im Leben Abowians. Er sah eine neue Welt vor sich aufgethan und erfaßte Alles mit so regem Eifer und so frischer Empfänglichkeit, daß er sich bald vollkommen heimisch fühlte in seiner deutschen Umgebung. Die bedeutenden Sprachkenntnisse welche er sich in jener Zeit erwarb, legten eben so günstiges Zeugniß ab von seinen geistigen Fähigkeiten, wie die große Anhänglichkeit und Dankbarkeit welche er seinen Lehrern bewies, seinem Herzen zur Ehre gereicht. Seine Dankbarkeit erstreckte sich auf Alles was einen deutschen Namen trug, und wie er nach seiner Rückkehr in die Heimath keine Gelegenheit entschlüpfen ließ, den deutschen Reisenden welche den Kaukasus und Armenien besuchten, nützlich zu sein, so sah er es auch als seinen Lebenszweck an, deutsche Kultur und Sprache unter Georgiern und Armeniern zu verbreiten. Ueber hundert junge Asiaten hatte er zu der Zeit wo ich ihn kennen lernte (1844) soweit gebracht, daß sie sich mündlich und schriftlich mit Geläufigkeit in der deutschen Sprache ausdrücken konnten. Er verlebte nach seiner Rückkehr von Dorpat eine Reihe von Jahren in Tiflis, wo er sich ausschließlich mit der Bildung seiner jungen Landsleute beschäftigte, aber, zu uneigennützig und zu wenig praktischer Natur, um den alten Grundsatz: der Arbeiter ist seines Lohnes werth, in nöthiger Ausdehnung auf sich selbst anzuwenden, bald in pekuniäre Verlegenheiten gerieth, welche die Quelle unendlicher Trübsal für ihn wurden. Mirza-Schaffy sagte einmal treffend von ihm »Abowian awalindshe Armeninder, kje Armenin jochter« ein Satz, der den doppelten Sinn hat: Abowian ist der erste Armenier, der kein Armenier (d. h. kein habgieriger und bestechlicher Mensch) ist; und: 164 Abowian ist der Erste Armenier, weil er kein Armenier ist (in der schlimmen Bedeutung des Worts). Auf Verwendung seiner Dorpater Freunde erhielt Abowian, der sich inzwischen mit einer Deutschen verheirathet hatte, eine Stelle als Inspektor der Kreisschule zu Eriwan, aber mit einem so dürftigen Gehalte, daß er sein Leben nur kümmerlich davon fristen konnte.

Ich habe schon öfter Gelegenheit genommen zu bemerken, daß die Gehalte in Rußland immer auf ein weites Gewissen der Beamten berechnet sind. Leute welche ein solches Staatsgewissen haben, führen durchgängig ein angenehmes Leben und geben oft mehr für ihre Dienerschaft aus, als das ganze Gehalt beträgt, während Andere, die sich aus Furcht oder Ehrlichkeit nicht in die Verhältnisse zu schicken wissen, nie auf einen grünen Zweig kommen.

Zu dieser letzteren Klasse gehörte Abowian. Er war zu ehrlich, um den gewöhnlichen russischen Weg der Bereicherung einzuschlagen, und alle Versuche, seine vielen wissenschaftlichen Arbeiten zu verwerthen, mißglückten So hatte er z. B. mit großem Fleiß und Zeitaufwand eine Grammatik und ein Wörterbuch der neuarmenischen Sprache, wie sie heute im Munde des Volkes lebt, ausgearbeitet und nach Petersburg eingesendet, in der Hoffnung, daß die Akademie der Wissenschaften das Werk auf ihre Kosten zum Druck befördern und ihn durch eine mäßige Unterstützung zu weiteren Arbeiten ermuthigen werde.

Seine Erwartung schlug fehl. Die Akademie verwies das Werk an ihr für sachverständig gehaltenes Mitglied Herrn Brosset den Jüngern, und Herr Brosset erklärte in einem langen Gutachten, daß das Werk zwar ein reiches Material enthalte, daß demselben aber alle wissenschaftliche Grundlage und Eintheilung fehle.

165 Wie komisch auch ein solches Urtheil gerade aus dem Munde des Herrn Brosset klingen mag, dessen georgische Grammatik weder ein reiches Material noch eine Spur von wissenschaftlicher Grundlage und Anordnung enthält, so hatte es doch für Abowian die traurigsten Folgen. Alle Hoffnungen welche er an das, unter langjährigen Mühen und Sorgen vollendete Werk geknüpft hatte, waren mit Einem Federzuge vernichtet, und es war ihm zugleich die Möglichkeit genommen, seine übrigen Arbeiten zu vollenden. Spätere einflußreiche Verwendungen von sachverständigen Leuten blieben aus politischen Gründen erfolglos.

Es lag nämlich in der Absicht Abowians, und alle seine Arbeiten liefen darauf aus, eine neuarmenische Literatur zu gründen und solchergestalt der Entwickelung seiner Landsleute eine nationale Basis zu geben. Ich habe schon früher bemerkt, daß das Alt-Armenische längst zu einer todten oder Gelehrtensprache geworden, deren reiche literarische Schätze im Lande selbst nur wenigen Auserlesenen zugänglich sind. Das Beste von diesen Schätzen wollte Abowian, mit Beibehaltung der alten Schriftzeichen, in die neu-armenische Sprache übertragen, als sicherstes und bequemstes Mittel, um Bildung unter seinen Landsleuten zu verbreiten und wissenschaftlichen Sinn unter ihnen zu wecken. Waren doch früher selbst die Gebildeteren des Volks genöthigt gewesen, die Bibel in einer türkischen, mit armenischen Buchstaben umkleideten Uebersetzung zu lesen, bis dem Uebel durch Dietrich's Versuch einer neu-armenischen Bibelübersetzung theilweise abgeholfen wurde.

Abowian hätte, mit Hülfe seiner tüchtigsten Schüler, durch Uebersetzungen aus dem Alt-Armenischen und aus den europäischen Sprachen, binnen wenigen Jahren eine den augenblicklichen Bedürfnissen des Volks genügende Literatur in's 166 Leben rufen können, wenn seine Pläne nicht von Petersburg aus absichtlich vereitelt wären.

Die russische Regierung strebt darnach, in den Ruf einer Beschützerin der Wissenschaften und Künste gebracht zu werden. Sie verschwendet gern die größten Summen an die unbedeutendsten Menschen, wenn diese nur mit guten Empfehlungen versehen sind. Sie sieht es gern und belohnt es mit Rang und Orden, wenn man in Petersburg kalmückische und kirgisische Grammatiken für Franzosen schreibt. Sie hat nichts dagegen, daß man die alten pontischen Königsgräber aufwühlt und die ausgegrabenen Statuen in Museen ausstellt. Sie hat ebenso wenig dagegen einzuwenden, daß ihre Archäologen diesen Statuen Köpfe und Beine abschlagen (wie das wirklich vorgekommen), um sie bequemer in Kisten verpacken zu können, zur Versendung nach Petersburg.

Aber jede vom russischen Katechismus abweichende nationale Entwickelung ist ihr ein Dorn im Auge. »Wenn die Armenier sich bilden wollen, so mögen sie russisch lernen, und wenn sie beten wollen, so mögen sie russisch beten,« sagte General S., einer der Mitdirigenten der moskowitischen Volksaufklärung.

Man wird es hienach begreiflich finden, daß Abowian, trotz aller Ausdauer und Tüchtigkeit, mit seinen Bestrebungen nicht durchdringen konnte in Rußland.

* * *

Die wenigen Zeilen, welche ich meinem armenischen Freunde als Nachruf widmen wollte, sind unversehens zu einem ganzen Kapitel angewachsen. Ich fürchte nicht, den Unwillen des deutschen Lesers dadurch erregt zu haben.

167 Abowian, der so viel dazu beigetragen, den deutschen Namen im fernen Orient zu Ehren und Ansehen zu bringen, verdient es, daß sein eigener Name in Deutschland zu Ehren und Ansehn komme. 168

 

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