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Tausend und Ein Tag im Orient

Friedrich von Bodenstedt: Tausend und Ein Tag im Orient - Kapitel 31
Quellenangabe
typereport
booktitleTausend und Ein Tag im Orient
authorFriedrich Bodenstedt
year1850
firstpub1850
publisherVerlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
addressBerlin
titleTausend und Ein Tag im Orient
pages777
created20100928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Die Verbannten.

Unter den polnischen Edelleuten, welche schuldig oder verdächtig, Theil genommen zu haben an der Revolution von 1831, mit Verbannung nach Sibirien und Konfiskation ihrer Güter bestraft wurden, war einer der angesehensten und reichsten Graf R.

Seine Feinde machen es ihm noch heute zum Vorwurf, und seine Freunde sagen es noch heute zu seiner Entschuldigung, daß er im Genusse des Glücks welches sein trauter Familienkreis ihm bot, sich anfangs gar nicht und später nur soweit an der Revolution betheiligte, als er gewaltsam vom Strome mit fortgerissen wurde. Doch konnte bei den Verurtheilungen auf ein größeres oder geringeres Maß von Schuld nicht Rücksicht genommen werden, da besondere Untersuchungen zu den Ausnahmefällen gehörten, während im Allgemeinen das Strafverfahren ein summarisches war.

Graf R. hatte eine, damals etwa funfzehnjährige Tochter, die wegen ihrer seltenen Schönheit, Anmuth und Herzensgüte hochgefeiert in der ganzen Nachbarschaft war. Sie war der 80 Stolz und die Zierde ihres Hauses, und, früh schon durch den Tod der mütterlichen Pflege beraubt, hing sie mit grenzenloser Liebe an ihrem Vater.

Dem Alten seinerseits ging der Gedanke, sich von seinem liebsten Kinde trennen zu müssen, tiefer zu Herzen als selbst der Schmerz über den Untergang des Vaterlandes und den Verlust all seines Gutes und seiner Habe. Die Wechselfälle des äußeren Glückes erträgt der Slave, weß Stammes er auch sei, mit fast moslemitischem Gleichmuth – eine Erscheinung, die wohl hauptsächlich in den unsicheren Zuständen in welchen alle Slavenvölker leben, ihre Erklärung findet, – während die Bande der Familie bei ihnen tiefer wurzeln als bei irgend einem anderen Volke.

Die junge Gräfin vernahm das Verbannungsurtheil ihres Vaters mit viel größerer Ruhe und Festigkeit als dieser erwartet hatte, denn sie knüpfte daran gleich den unwandelbaren Entschluß, ihren Vater zu begleiten, wohin auch das Schicksal ihn führen möge. Doch war dieser Entschluß leichter gefaßt als ausgeführt. Es bedurfte erst langer Anstrengungen, warmer Verwendungen einflußreicher Männer, um als eine besondere Gnade vom Kaiser die Erlaubniß zu erwirken, daß die Tochter ihrem alten Vater in die Verbannung folge. Und als die Erlaubniß endlich eintraf, war die Freude des zarten Geschöpfes so groß, daß sie all ihr sonstiges Leid darüber vergaß, gleich als ob es sich darum gehandelt hätte, eine Lustreise zu machen, statt einer Wanderung in die sibirische Wildniß, wohl über tausend Meilen weit.

Wer nie einen Zug Verbannter gesehen, wie sie auf dem Wege nach ihrem weiten Ziele einherschwanken mit schlotternden Knieen, Dutzendweise an eine eiserne Stange geschmiedet, das Antlitz bleich von Schmerz und Entbehrung, oder verzerrt 81 vom Ausdruck der Verzweiflung, – der begreift nicht was es heißt, in solcher Gesellschaft von einem Ende des riesigen Zarenreichs bis zum andern zu pilgern, mit wunden Füßen und wundem Herzen, hinter sich die verödete Heimath und vor sich eine öde Zukunft.

Sechs bis zwölf Monate dauert – nach Maßgabe der Entfernung des Verbannungsortes – gewöhnlich eine solche Pilgerfahrt, wo das Laster neben der Unschuld wandert, das Verbrechen neben der Tugend. Kosaken vom Don oder vom Ural, entartete Nachkommen eines ritterlichen Volks, begleiten als Schergen den traurigen Zug.

Wer vermag die einzelnen Züge der Leidensgeschichte zu schildern, die eine solche Wanderung in sich schließt und die von den Launen der Menschen, des Wetters und hundert Zufälligkeiten abhängen!

Der roheste Verbrecher flößt Mitleid ein, wenn man ihn, geknebelt wie ein wildes Thier, den Eisgefilden Sibiriens zutreiben sieht . . . nun denke man sich in ähnlicher Lage ein zartes, verwöhntes Wesen, dessen Erinnerungen alle in Eleganz und anmuthiger Häuslichkeit wurzeln!

Die junge Gräfin ertrug die Irrsale der Reise mit einem Muthe und einer Ausdauer, die den stärksten Mann beschämt haben würde. Sie, die sonst jedem Luftzuge auswich, aus Furcht sich eine Erkältung zuzuziehen, bot jetzt freudig dem rauhesten Klima und allem Unwetter Trotz, wie denn überhaupt den ächten Slavinnen eine merkwürdige Zähigkeit innewohnt. Die russische Geschichte ist reich an Beispielen, daß Damen aus den vornehmsten Fürstengeschlechtern, welche mit hingebender Aufopferung ihren Gatten in die Verbannung folgten, den Weg nach Sibirien hin- und zurückgemacht haben, 82 ohne wesentlich schädliche Folgen danach zu spüren. Ich erinnere hier nur an die Namen Trubetzkoi und Dolgorucki . . .

Die junge Gräfin kam frisch und gesund an ihrem wüsten Verbannungsorte an, während ihr Vater die Mühseligkeiten der Reise mit weniger Glück ertragen hatte. Er wurde gleich nach der Ankunft so bedenklich krank, daß sie für sein Aufkommen fürchtete. Sie pflegte ihn mit der liebevollsten Sorgfalt, aber die Kraft des alten Mannes war gebrochen, und wenn auch die augenblickliche Todesgefahr glücklich beseitigt wurde, so blieb doch wenig Hoffnung zu seiner gänzlichen Wiederherstellung.

Seine Tochter wandte sich in ihrer trostlosen Lage an eine alte vornehme Verwandte in Petersburg, welche in dem Rufe stand, großen Einfluß bei Hofe zu haben. Es wurde in dem Briefe besonders hervorgehoben, daß der alte Graf ganz unschuldig verurtheilt worden sei, da er niemals eigenwillig thätigen Antheil an der Revolution genommen, und daß er es daher als eine große Gnade ansehen würde, den Fall nochmals mit strenger Unparteilichkeit untersucht zu sehen.

Der Brief war mit aller Beredsamkeit und Wärme zärtlicher Kindesliebe geschrieben und verfehlte seine Wirkung auf die alte Dame in Petersburg nicht, wenn auch die Folgen etwas lange auf sich warten ließen, wie das bei der großen Entfernung des Verbannungsortes von Petersburg nicht anders möglich war.

Der Kaiser hatte eben keinen persönlichen Groll gegen den Grafen, und ließ sich daher ohne große Schwierigkeiten bewegen, seine Einwilligung zu geben, daß die Gründe der Verbannung nochmals einer strengen Prüfung unterworfen würden.

Von Zeit zu Zeit pflegen sogenannte 83 Inspektions-Kommissionen, gebildet aus jungen, angesehenen Beamten, unter Vorsitz eines Senators oder Generals, aus der Residenz in die entfernteren Provinzen des unermeßlichen Reichs entsendet zu werden, zu dem Zwecke, genaue Kenntniß von den Zuständen zu nehmen, alten Uebelständen abzuhelfen und neue Verbesserungen einzuführen.

Das Schicksal wollte, daß kurze Zeit nach dem Eintreffen des obenerwähnten Briefes eine solche Inspektions-Kommission nach Sibirien entsendet wurde. Der Chef dieser Kommission, Generalmajor Graf Oppermann, Adjutant und – wie man behauptet – damals ein besonderer Günstling des Kaisers, was einigermaßen durch den Umstand bestätigt wird, daß der Graf als junger Dreißiger schon einen so hohen Posten bekleidete, erhielt die Weisung, die auf die Verurtheilung des Verbannten bezüglichen Papiere noch einmal gründlich zu prüfen, den Inhalt an Ort und Stelle mit den mündlichen Aussagen des Verbannten zu vergleichen, und seine Entscheidung danach zu treffen.

* * *

Ein für die Ungeduld des Leidens langer Zeitraum hatte zwischen dem Absenden des Briefes der jungen Gräfin nach Petersburg und dessen Beantwortung gelegen. Aber der günstige Inhalt der Antwort ließ sie schnell alle Drangsal der Vergangenheit vergessen und hoffnungsvollen Blickes in die Zukunft schauen. Es genügte ihr, die Gewißheit zu haben, daß mit Vorwissen des Kaisers eine neue Untersuchung eingeleitet werden solle; sie war so fest überzeugt von der Unschuld ihres Vaters, daß sie in dem Ausgange der Untersuchung auch das Ende der Verbannung erblickte.

84 Die hoffnungsfreudige Stimmung der Tochter verfehlte ihre gute Wirkung auf den Vater nicht. Der Alte, welcher sich längst darauf gefaßt gemacht hatte, in Sibirien sein Grab zu finden, sah neue Bilder einer bessern Zukunft vor sich auftauchen und ertrug die Leiden der Gegenwart mit Ruhe und Ergebung, obgleich die Schicksalsschläge die ihn getroffen, zu erschütternd auf ihn gewirkt, als daß er sich hätte gänzlich davon erholen können . . .

Das Reisen einer russischen Inspektions-Kommission geht, trotz der vielen und schnellfüßigen Pferde welche den Herren überall zu Gebote stehen, ziemlich langsam von Statten. Die Gesellschaft bildet eine vollständige Karavane, welche Bett, Küche und Keller, kurz Alles mit sich führt, was zur Nothdurft und Bequemlichkeit des Lebens gehört. Schon das tägliche Aus- und Einpacken auf den Stationen verursacht einen erheblichen Zeitverlust; noch mehr Zeit geht aber durch die vielen herkömmlichen Formalitäten verloren. In jeder Provinzialstadt wird Halt gemacht, werden Besuche gewechselt mit den Civil- und Militairbehörden, werden die Merkwürdigkeiten besehen, Diners mitgemacht und was dergleichen zeitraubende Formalitäten und Vergnügungen mehr sind, welche in der Geschichte solcher Reisen auf Regierungskosten gewöhnlich die hervorragendsten Momente bilden.

Verging den Herren der Inspektions-Kommission die Zeit schnell, so dauerte sie den armen Verbannten desto länger.

Ich habe einmal von einem Manne, der zehn Jahre im Kerker zugebracht, erzählen hören, daß die drei Tage welche zwischen der Ankündigung seiner Freilassung und der Freilassung selbst lagen, ihm länger vorgekommen, als die zehn Jahre, welche er in der Gefangenschaft verlebte.

In ähnlicher Weise wuchsen den armen Verbannten die 85 Minuten zu Tage, die Tage zu Jahren an, bis endlich die langersehnte Stunde schlug, die den Grafen Oppermann in die Hütte des kranken Polen führte.

Der Graf hatte schon vorher alle Einzelnheiten der Anklage genau geprüft und bedurfte daher nicht langer Zeit, um durch persönlichen Verkehr mit dem Angeklagten seine schon vorgefaßte günstige Meinung von der Sache bestätigt zu sehen.

Das Herz der jungen Gräfin wurde leicht wie es seit lange nicht gewesen, als ihr die Aussicht, ihren Vater wieder in Freiheit zu sehen, so nahe gerückt war, – das Herz des Grafen Oppermann aber wurde schwer, wie es nie gewesen, als der Tag nahe war wo er sich von der schönen Polin trennen sollte. Gleich beim ersten Anblick hatte das holdselige Geschöpf einen unauslöschbaren Eindruck auf ihn gemacht. Seine Zuneigung für die schöne Polin stieg bis zur heftigsten Leidenschaft, als er sie in ihrem häuslichen Treiben und Walten sah. Der weibliche Heldenmuth mit welchem sie ihr hartes Geschick ertragen, die liebevolle Aufopferung für ihren Vater, ihre Anmuth und Körperschöne, alles das hatte den Grafen mit einem Zaubernetz umzogen, dem er nicht mehr entgehen konnte, und je näher die Stunde der Trennung heranrückte, desto klarer empfand er, daß es ihm leichter sein würde, für immer mit der schönen Polin in der Verbannung zu leben, als sich auf ein Kurzes von ihr zu trennen.

Er that, was er nicht lassen konnte: er hielt um ihre Hand an, und – sie ward seine Frau. So wollte das Schicksal, daß ihr das verrufene Land, welches sie unter so trüben Aussichten betreten und wo sie so bittere Stunden verlebt, zum Paradiese werden sollte. Das Maß ihres Glückes war voll; sie wußte ihren Vater, an dem sie mit ganzer Seele hing, in Freiheit, und sie hatte das schöne 86 Bewußtsein, den wieder glücklich gemacht zu haben, der sie glücklich gemacht.

Sie blieb mit ihrem Vater in T. bis ihr Gatte seine sibirische Rundreise vollendet hatte, um dann in Beider Begleitung die lange Reise nach Petersburg anzutreten.

* * *

In der russischen Kaiserstadt sind schöne Frauen selten. Eine so liebliche und anmuthige Erscheinung wie die junge Gräfin Oppermann, hatte man seit lange in den Petersburger Salons nicht gesehen. Es war daher nur natürlich, daß sie in hohem Grade die Aufmerksamkeit der eleganten Welt auf sich zog und bis zu den Stufen des Thrones hinauf Anbeter und Bewunderer fand. Es war eben so natürlich, daß sie, trotz ihrer anspruchslosen Bescheidenheit, den Neid und die Mißgunst anderer Damen rege machte, welche minder schön, aber gefallsüchtiger waren als sie.

Ja, man flüsterte sich hier und da schon kluge Vermuthungen zu über die eigentlichen Gründe, die den Grafen O. bewogen haben mochten, die Untersuchung zu einem so günstigen Resultat zu führen.

»Wo die Tochter so schön ist, da kann man den Vater schon unschuldig finden!« An solchen und ähnlichen Bemerkungen fehlte es nicht; doch wagte man nicht offen damit hervorzutreten, so lange der Kaiser die schöne Polin ganz besonderer Aufmerksamkeit würdigte.

Wir wollen hier nicht die Gründe untersuchen, welche Veranlassung gaben, daß die Gunst des Kaisers für die schöne Polin nicht von langer Dauer war.

Die Gräfin gehört zu jenen edleren weiblichen Naturen, die ihrer Würde und ihrem Familienglücke alle übrigen 87 Rücksichten zu opfern wissen und deren Ehrgeiz nicht über den engen häuslichen Kreis hinausreicht. Aber je weniger sie sich um die Menschen bekümmerte, desto mehr bekümmerten sich die Menschen um sie, und kaum merkte man, daß ihr Stern im Erbleichen war, als man auch schon begann das mit lauter Stimme zu sagen, was man bis dahin nur zu flüstern gewagt hatte. Niemand kannte eigentlich die wahre Ursache der plötzlichen Sinneswandlung des Kaisers, aber Jedermann fand, daß der Kaiser recht hatte, seine Verehrung für die schöne Polin plötzlich in Ungnade zu verwandeln. Nur sehr Wenige kannten die näheren Umstände der Freilassung des Grafen R. und seiner Tochter aus der Verbannung, aber Jedermann that überzeugt, daß Graf Oppermann die Freiheit des alten Polen nur erwirkt habe, um seine schöne Tochter heimführen zu können, und daß es daher nur recht und billig sei, die Sache noch einmal einer genaueren Prüfung zu unterwerfen.

Wie sich unter solchen Umständen voraussehen ließ, fiel die Untersuchung dieses Mal zum Nachtheil des Angeklagten aus . . .

Wir überlassen den alten, kranken Mann seinem unglücklichen Schicksale, dem er bald als Opfer fiel – um die Geschichte des Grafen Oppermann zu verfolgen, über den jetzt der Kaiser die ganze Schale seines Zornes ausgoß. Er wurde degradirt und nach dem Kaukasus in die Verbannung geschickt. Die Gräfin, eine eben so treue Gattin wie Tochter, konnte sich nicht entschließen, unter den ihr gemachten glänzenden Bedingungen in Petersburg zu bleiben. Sie zog es vor, ihrem Gemahl in's Exil zu folgen, um eine neue Schule von Leiden und bitteren Erfahrungen durchzumachen.

* * *

88 Mehrere Jahre nach diesen Vorgängen finden wir den Grafen Oppermann wieder als Oberst des in Gori stehenden Infanterie-Regiments. Verschiedene Reisende, welche in den letzten dreißiger Jahren Georgien besuchten (u. a. Karl Koch) thun seiner Erwähnung und rühmen die gastliche Aufnahme, welche sie in seinem, damals schon durch einige Kinder vermehrten Familienkreise gefunden. Er wäre der glücklichste Mensch gewesen, wenn er in dieser Stelle hätte bleiben können, wo eine anmuthige Häuslichkeit und ein paradiesisches Land Ersatz boten für die Entbehrungen des Exils. Aber das Schicksal hatte es anders beschlossen. Auf einer Rundreise welche der Kaiser durch seine kaukasischen Provinzen unternahm, kam ihm auch sein ehemaliger Adjutant wieder zu Gesicht, und er fand es für gut, ihn von Gori nach Gelendshik zu versetzen, einem der ungesundesten Nester, deren die Erde sich rühmen kann.

Hier ist der Graf inzwischen wieder zum Generalmajor avancirt, die bösen Wirkungen des Klimas haben seine Gesundheit aber bereits so zerrüttet, daß er es nicht lange mehr aushalten wird. Sein Aufenthalt hier ist ein fortwährendes Ankämpfen gegen die schlimmen Fieber und Leberkrankheiten der Küste gewesen, die sein Haus häufig vollständig in ein Lazareth umgewandelt haben. Hätte er dieses Jahr nicht vor Eintritt der heißen Jahreszeit seine ganze Familie nach Kertsch geschickt, die arme Frau mit den kranken Kindern würde in Gelendshik den Sommer schwerlich durchgemacht haben, wo die Menschen hinsterben wie die Fliegen . . .

* * *

89 Ich habe diese Geschichte möglichst kurz und einfach nacherzählt, ohne alle poetische Zuthat, und mit Hinweglassung mancher Einzelheiten, die nicht wohl in die Oeffentlichkeit gehören.

Durch solche, der Wirklichkeit entnommene Bilder lassen sich die Zustände eines Landes am besten veranschaulichen. Das hier Gesagte umfaßt die Hauptpunkte dessen, was mir an verschiedenen Orten und von verschiedenen Personen über die Schicksale des Grafen Oppermann erzählt wurde. In den wesentlichsten Punkten stimmten alle diese Erzählungen überein, während sich in unwesentlichen Dingen mancherlei Abweichungen zeigten. So wäre, nach einer Version, Graf Oppermann nicht als Chef einer Inspektions-Kommission, sondern in rein militairischen Angelegenheiten nach Sibirien geschickt, und nach einer anderen Version wäre die Gräfin zum zweiten Male ihrem Vater in die Verbannung nach Sibirien gefolgt und erst nach dem Tode des Vaters zu ihrem Gatten zurückgekehrt.

Ich lernte die Gräfin später im Hause des Statthalters von Kertsch kennen, und fand Alles, was man mir Günstiges von ihr gesagt hatte, im hohen Grade zutreffend.

Man sah es dem Gesichte an, daß sie viel gelitten, aber zugleich, daß das Unglück nur veredelnd auf sie gewirkt. Ihr schönes, seelenvolles Auge und der frische, empfängliche Geist, der sich bei jeder Gelegenheit offenbarte, bewirkten, daß sie immer noch den Eindruck einer jugendlichen Erscheinung machte. Ich fand es natürlich, daß sie es sorgfältig vermied, von ihrer Vergangenheit zu sprechen, aber es fiel mir damals auf, daß sie bei verschiedenen Gelegenheiten vom Kaiser mit einer Ehrfurcht sprach, welche, in Zusammenhang gebracht mit der oben erzählten Geschichte, meinem Gefühl etwas widerstrebte.

90 Ich habe seitdem jedoch öfter die Erfahrung gemacht, daß selbst Männer, deren Lebensglück durch ähnliche Schicksale gebrochen war, zuletzt dahin kamen an ihrem eigenen Urtheile irre zu werden.

Der Machtumfang des russischen Selbstherrschers, obgleich auf unsittlicher und unnatürlicher Grundlage ruhend, hat etwas so Gewaltiges, Uebermenschliches, daß der hartnäckigste Widerstand des Einzelnen sich über kurz oder lang daran bricht, und der Trotz sich in stumme Ergebung, bei schwächern Naturen in Ehrfurcht verwandelt. 91

 

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