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Tausend und Ein Tag im Orient

Friedrich von Bodenstedt: Tausend und Ein Tag im Orient - Kapitel 29
Quellenangabe
typereport
booktitleTausend und Ein Tag im Orient
authorFriedrich Bodenstedt
year1850
firstpub1850
publisherVerlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
addressBerlin
titleTausend und Ein Tag im Orient
pages777
created20100928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Giorgi, und das Christenthum in Rußland.

Es war am Vorabend meiner Abreise von Osurgethi. Giorgi packte meine Sachen ein, während ich Anstalt traf, mir Thee zu bereiten, ein Geschäft, das ich immer selbst verrichtete, seit es sich einmal ereignet hatte, daß mir Giorgi auf unserer Wanderung durch's Paschalik Achalzich, aus Versehen persisches Insektenpulver statt des Thee's in den Topf geschüttet, und den schönen Thee dafür in's Bett gestreut hatte, um das Ungeziefer des Hauses dadurch fern zu halten.

Verfehlte der Thee seine Wirkung auf das Ungeziefer, so wirkte das ursprünglich für dieses bestimmte Pulver auf mich desto stärker, und geplagt von Innen und Außen brachte ich eine schreckliche Nacht zu.

Ich hatte natürlich gleich beim Trinken gemerkt, daß etwas Absonderliches mit dem Thee vorgefallen sein mußte, aber schrieb es Anfangs der starken Beimischung von Rum zu, bis ich zufällig der Sache auf den Grund kam.

Doch kehren wir von dieser kleinen Abweichung zurück zu unserer Geschichte!

32 Giorgi zeigte sich bei dem Einpacken so zerstreut und schnitt so demuthsvoll-verlegene Mienen, wie ich Aehnliches früher nie an ihm bemerkt. Alle Augenblick machte er sich um meine Person zu schaffen und sah mich dann immer so verlegen an, als ob er etwas Schweres auf dem Herzen habe und doch nicht wage, damit herauszurücken.

Ich hatte die Kanne vom Roste genommen, um mir Thee einzuschenken, wobei ich mich statt einer Tasse meines großen Reisebechers bediente, und eben wollte ich den Trank an die Lippen bringen, nachdem ich den überheißen Topf auf den Tisch gestellt, als Giorgi auf den Kohlenbehälter zustürzte und mit ängstlicher Hast die Kanne wieder auf den Rost setzte. »Aga! Aga! was haben Sie gemacht!« – rief er in klagendem Tone – »Wie viele arme Kinderseelen mag der Teufel (scheitan) jetzt schon auf dem Roste verbrannt haben!«

War mir der Mensch schon den ganzen Tag hindurch räthselhaft vorgekommen, so wußte ich doch in jenem Augenblicke am allerwenigsten, was ich aus ihm machen sollte.

»Giorgi, bist Du nicht recht bei Sinnen?« fuhr ich ihn an, »was hast Du mit der Theekanne zu thun? Warum bleibst Du nicht beim Einpacken?«

Statt aller Antwort schüttelte er ernst den Kopf und hielt die Kanne mit der Hand auf dem Roste fest.

Nach vielen Fragen kam ich endlich der Sache auf den Grund und erfuhr (was nach Giorgi's Voraussetzung jedes Kind wissen müßte), daß nach dem Aberglauben der Armenier niemals ein Eisen über das Feuer gelegt werden dürfe, ohne daß etwas darauf gestellt werde, weil sonst der Teufel das Recht habe, die Seelen der Kinder darauf zu verbrennen!

»Woher weißt Du das denn?« fragte ich ihn weiter, 33 begierig, den Ursprung dieses seltsamen Aberglaubens zu erforschen.

»Verlassen Sie sich darauf! Verlassen Sie sich darauf!« rief er, in sichtbarer Verlegenheit, wie er den Respekt vor mir mit meiner Unwissenheit in Einklang bringen solle. »Warum erzeugt der Hasenschwanz Schlaf, wenn er unter das Kissen eines Kindes gelegt wird? Warum giebt das Wolfsauge Muth, Jedem der es trägt? Wer kann den Schleier heben vom Buch der Geheimnisse? Reibt eine Frau mit Wolfsfett ein und sie wird unfruchtbar werden und ihr Mann wird nie wieder den Arm des Verlangens nach ihr ausstrecken – reibt sie mit der Galle des Wolfes ein und sie wird gesegnet werden mit Leibesfrucht und ihr Mann wird ihr nie untreu werden. Wir wissen, daß dem so ist, aber wir wissen nicht, warum?«

»Ich frage Dich auch nicht, warum dem so ist, ich frage Dich nur, woher Du es weißt?«

»Das lernt sich wie essen und trinken! Was man von Vater und Mutter gehört, vergißt sich nicht leicht wieder und wenn man auch noch so weit umher kommt in der Welt, wie es mein Schicksal gewesen. Die alten Frauen sind nicht mundfaul in Armenien, und wenn ich Ihnen Alles erzählen wollte, was mir aus der Kindheit im Gedächtniß geblieben, die Geduld würde Ihnen bald ausgehen, es anzuhören. Ich sollte ja eigentlich auch ein Wartabed (Gottesgelehrter) werden, aber es kam etwas dazwischen und da ging ich auf Reisen, und bin auf Reisen geblieben bis auf den heutigen Tag. Gute Herren habe ich immer gefunden und Essen und Trinken, und auch wohl einen Sparpfennig für meine alten Tage; aber wenn ich das gewußt hätte, Aga! es wäre nicht so 34 gekommen . . . . . nein Aga! ich hätt's wahrhaftig nicht gethan, wenn ich gewußt hätte« –

»Wenn Du was gewußt hättest?« fragte ich neugierig.

»Daß – seien Sie nicht böse! – daß – Sie kein reicher Mann sind!« . . . . .

Das Eis war gebrochen und in viel freierem Tone fuhr er mit gewohnter Geschwätzigkeit fort:

»Ich will Ihnen Alles gern wiedergeben! es kommt mir nicht darauf an. Ich weiß auch nicht, wie ich bei Ihnen dazu gekommen bin, aber es war mir so in der Gewohnheit aus früherer Zeit, wo es immer flott herging, wenn ich nach Teheran, Tauris, Moskau, oder zur Messe nach Makariew (Nischny-Nowgorod) kam. Meine Herren waren reiche Kaufleute, die viel draufgehen ließen, und besonders der letzte, der alte Tomamschew von Tauris, nahm es nie sehr genau, wenn er ein gutes Geschäft gemacht hatte. Bei dem alten Herrn habe ich einmal in Einem Winter dreihundert Silberrubel verdient« . . . ..

»Dreihundert Silberrubel in Einem Winter?« unterbrach ich ihn, etwas ungläubig.

»Ja, Herr! in Einem Winter, und zwar in einer einzigen Woche!« – fuhr er in sehr sicherem Tone fort. »Es war in der Masslenitza in Moskau. Mein Herr hatte in dem großen Traktir auf der Maraseka mit andern 35 Kaufleuten bis spät in die Nacht hinein gezecht und mehr getrunken, als nöthig war.

»Skurjätin, ein alter Kaufmann, der die Zeche bezahlen mußte, war so benebelt, daß er kaum auf den Beinen stehen konnte und daß mein Herr sich veranlaßt fühlte, ihm einen Platz in unserm Schlitten anzubieten, um ihn vor den großen Unannehmlichkeiten zu wahren, denen Trunkene in russischen Städten durch die Polizei ausgesetzt sind.

»Der Iswoschtschik (Kutscher), der während des langen Wartens unten auch wohl ein Glas zuviel getrunken haben mochte, setzte seine Pferde so in Tritt, daß wir gleich am Anfange unserer Fahrt, beim Einbiegen in die Straße neben der Börse umschlugen und allesammt in den Schnee stürzten, wie das so oft bei den Moskowiter Schlittenfahrten vorkommt.

»Dem alten Skurjätin fiel bei der Gelegenheit seine dicke Brieftasche aus dem Kaftan; ich hob sie auf und überreichte sie ihm. Anstatt mir jedoch dafür zu danken, überschüttete er mich mit Schimpfworten und warf mir die Brieftasche an den Kopf. Ich wollte sie nun selbst einstecken, aber mein Herr, der trotz aller Trunkenheit für dergleichen immer ein scharfes Auge hatte, befahl mir, ihm die Brieftasche zu geben, er wolle sie aufbewahren bis morgen. Darauf steckte er sie in seinen Pelz. Kaum waren die beiden Alten unter großen Anstrengungen wieder in den Schlitten gestiegen, als sie einer nach dem andern einschliefen. Der Weg, den wir zu fahren hatten, war weit. Ich konnte dem Drange der Neugier nicht widerstehen, einen Versuch zu machen, die Brieftasche noch einmal in meine Hand zu bekommen, um zu sehen, was darin war. Der Versuch gelang. Und da ich einmal einen Blick hineingeworfen und eine Menge Banknoten darin 36 entdeckte, so nahm ich drei davon heraus, verbarg sie in meinem Kaftan und steckte darauf die Brieftasche wieder in den Pelz meines Herrn.

»Ich fühlte wohl, daß ich Unrecht gethan, aber es freute mich, dem alten reichen Skurjätin, der mich immer so derb anfuhr, einen Possen zu spielen, und dann wäre ja auch ohne mich seine Brieftasche ganz verloren gegangen; ich hatte sie ihm gerettet, und glaubte eine Belohnung dafür zu verdienen, die ich mir gleich selbst nahm, um ihrer gewiß zu sein.

»Vor Skurjätin's Hause machten wir Halt. Ich weckte den Alten und sorgte dafür, daß er in sichere Obhut kam. Als wir eine Viertelstunde später in unserer Wohnung anlangten, war mein Herr durch den Schlaf, die Kälte und die lange Fahrt wieder ganz frisch geworden. Ich selbst machte ihn aufmerksam, die beigesteckte Brieftasche nicht zu vergessen. Er nahm sie aus dem Pelze und legte sie sammt seiner eigenen Brieftasche in ein vor seinem Bette stehendes Kästchen, worin er sein Geld zu verschließen pflegte.

»Kaum waren wir am folgenden Tage aufgestanden, als Skurjätin ganz außer sich zu meinem Herrn ins Zimmer stürzte (wo ich eben mit den Vorbereitungen zum Frühstück beschäftigt war), und sich erkundigte, ob wir seine Brieftasche nicht gefunden hätten, die er bei der nächtlichen Fahrt verloren haben müsse. Es seien eine Menge werthvoller Papiere, Wechsel und Banknoten darin enthalten.

– »Ich habe sie selbst zu mir genommen und der Vorsicht wegen verschlossen« – sagte mein Herr, indem er die Brieftasche aus dem Kästchen nahm und sie Skurjätin überreichte.

»Unter tausend freudigen Danksagungen nahm dieser den geretteten Schatz entgegen, überzählte schnell den Inhalt, 37 und sein Gesicht umdüsterte sich ein wenig, als er mit dem Durchblicken der Papiere fertig war. Ich hörte, wie er vor sich hinmurmelte: – »Sollte ich das Geld wo anders hingelegt haben?« – Darauf empfahl er sich, ohne weiter etwas zu sagen.

»Ich war den ganzen Tag über mit Gängen und Besorgungen in der Stadt beschäftigt und als ich Abends nach Hause kam, fand ich meinen Herrn in sehr übler Stimmung. Ich erfuhr bald die Ursache seiner Gemüthsbewegung: Skurjätin war wieder bei ihm gewesen, um über die fehlenden Banknoten Rücksprache zu nehmen. Tomamschew, der seiner Meinung nach die Brieftasche bis zum letzten Augenblick ungeöffnet in Verwahrung gehabt hatte, fühlte sich durch die Aeußerungen Skurjätin's beleidigt und wies nach einem heftigen Wortwechsel seinem Geschäftsfreunde die Thüre.

»So standen die Sachen, als ich nach Hause kam. Mir war sehr angst bei der Geschichte; ich fand jedoch einigen Trost darin, daß kein Verdacht auf mich gefallen war und daß bei einem Bruche zwischen den Beiden der Schaden immer auf Seite Skurjätin's blieb, der von meinem Herrn viel Geld verdiente und deshalb Alles daran setzen mußte, um wieder anzuknüpfen.

»Ich begegnete ihm am folgenden Tage auf dem Bazar in der Kitaïsky Gorod. An der ganz besonderen Freundlichkeit, womit er mich begrüßte, merkte ich bald, daß er etwas im Schilde mit mir führte. Er reichte mir die Hand, bat mich, ihn in's Traktir zu begleiten, um einen kleinen Imbiß 38 zu nehmen und war des Lobes voll über meine vortrefflichen Eigenschaften.

»Nachdem wir ein gutes Glas Wein zusammen getrunken hatten und ihm die Zunge geläufig geworden war, rückte er mit der Sprache heraus. Erst sagte er, wie leid es ihm thue, daß ein so unglückliches Mißverständniß zwischen ihm und meinem Herrn entstanden sei; das unerklärliche Verschwinden der drei Banknoten (jede 100 Rubel an Werth) habe ihn zwar sehr geschmerzt und augenblicklich in schlechte Laune versetzt, aber am Ende sei doch der Gegenstand nicht so erheblich, um einen Bruch zwischen alten Geschäftsfreunden zu rechtfertigen; er (Skurjätin) wollte gern das Doppelte verlieren, wenn er seine alte Verbindung mit Tomamschew wieder herstellen könnte. Und nun machte er mir geradezu den Antrag, ich sollte mich stellen, als hätte ich das Geld heimlich beseitigt; für diesen Freundschaftsdienst bot er mir eine erkleckliche Summe, und für den Fall, daß ich den Dienst darüber verlieren sollte, wollte er mir eine andere, noch einträglichere Stelle verschaffen.

»Erst stellte ich mich entrüstet über den Antrag, ging aber bald darauf ein, als ich sah, daß es ihm Ernst damit war. Den scheinbar leichteren Ausweg, zu sagen, er habe das Geld nachträglich gefunden, wollte er um jeden Preis vermeiden, denn er kannte die große Genauigkeit meines Herrn, der eine solche Unordnung schon an und für sich als Grund zum Bruche angesehen haben würde . . .

»Ich warf mich dem alten Tomamschew zu Füßen, und machte ihm ein so rührendes Geständniß meiner Sünde, daß der gute Herr mir Alles verzieh. Bald war auch die Freundschaft mit Skurjätin wieder hergestellt und nach Abzug der Unkosten für die Absolution beim Priester blieben 39 mir gerade dreihundert Silberrubel übrig als Gewinn bei dem Geschäfte.«

»Du bist mir ein schöner Spitzbube!« – rief ich, als Giorgi seine Geschichte geendet. – »Aber hattest Du denn gar keine Gewissensbisse mehr, nachdem der Priester Dir die Absolution ertheilt?«

»Nein,« – entgegnete er sehr gelassen – »wozu hätte ich sonst das schwere Geld ausgegeben?«

Ich machte ihm noch einige andere in's Gewissen redende Bemerkungen, aber er antwortete sehr kurz darauf. Der einzige Zweck seiner Erzählung war gewesen, mir zu beweisen, daß er Gelegenheit genug gehabt habe, sich ein Stück Geld zu verdienen, und daß es ihm kein zu großes Opfer sei, mir das zurückzuerstatten, was er, in dem Wahne, ich sei ein reicher Mann, mir zuviel auf die Rechnung geschrieben.

Natürlich ließ ich mich nicht darauf ein, so sehr er auch bat und flehete; aber von jenem Tage an reiste ich beispiellos wohlfeil und hatte eben so oft Gelegenheit, mich über die Billigkeit der Lebensmittel u. s. w. zu wundern, wie früher über das Gegentheil.

* * *

Ich habe diese Geschichte mit einiger Ausführlichkeit wiedergegeben, da sie einen Blick thun läßt in die Gefühls- und Gedankenwelt einer ganzen Menschenklasse, deren Kenntniß mindestens eben so wichtig ist, als die Kenntniß seltener Steine, Vögel und Pflanzen.

Man kann Giorgi als Repräsentanten derjenigen Armenier seiner Bildungsstufe betrachten, welche mit den Russen in längeren und näheren Beziehungen gestanden haben.

Es ist unglaublich, wie entsittlichend und verderblich der 40 russische Einfluß auf alle dem Scepter des weißen Zaren unterworfenen Völkerschaften einwirkt. Die landesthümlichen Sitten und Gebräuche, welche seit Jahrhunderten die Stelle der Gesetze vertraten, verschwinden vor den fremden Eindringlingen, ohne daß etwas Besseres dafür geboten würde. Die Unterschiede im Guten werden verwischt und das Schlechte wird verallgemeinert, wie das Unkraut überall leicht fortwuchert, während die Blumen und Fruchtbäume sorgfältiger Pflege bedürfen.

Diese Pflege können die Russen nicht ausüben, weil sie ihnen selbst nie zu Theil geworden ist. Sie können die ureinwüchsigen Uebel und Laster der Völker nur vermehren, ohne ihnen ein sittliches Gegengewicht zu geben.

Das einzige, was sie mitbringen in die eroberten Länder, sind neue Zwangsmittel des alten Zwangsstaates, neue Formen des Betruges, der Lüge und des Mißbrauchs der Kirche zu polizeilichen Zwecken.

Veranschaulichen wir kurz das Gesagte an den beiden uns hier zunächst liegenden Ländern: Georgien und Armenien, denen der Kaiser bisher für alle ihnen abgedrungene Opfer nichts Anderes hat bieten können, als einen französischen Frack und die russische Sprache.

Was ist diesen Leuten damit gedient, daß sie, um nach dem herrschenden Vorurtheil einen Anstrich von Bildung zu erlangen, in Kleider und Handschuhe von französischem Zuschnitt hineingezwängt werden auf Kosten ihres malerischen National-Kostüms?

Was ist ihnen ferner damit gedient, sich ihrer eigenen Sprache und Sitte zu entäußern, um russische Sprache und Sitte dafür anzunehmen?

Sowohl die georgische wie die armenische Literatur kann 41 sich der russischen vollkommen gleichstellen. Was die Russen hier Neues zu bieten haben, gehört nicht ihnen selbst an, sondern ist verstümmelt und verfälscht den Deutschen, Engländern und Franzosen entlehnt.

Soll russische Gelehrsamkeit etwa die Vermittlerin zwischen diesen Ländern und dem klassischen Alterthum spielen? Ein einziger Blick in den Katalog der alten Bibliothek von Etschmiadsyn genügt, um zu zeigen, daß das unnöthig ist.

Wie die Armenier eine vortreffliche Bibelübersetzung hatten, ein halbes Jahrtausend bevor die Russen etwas vom Christenthum wußten, so hatten sie auch Uebersetzungen und Nachbildungen der alten Klassiker, lange bevor das Zarenthum aus den Trümmern der Republik Nowgorod emporwuchs, ein Grab der Kultur der alten, und eine Geißel der neuen Welt.

Oder meint Ihr etwa, Rußland habe den Ackerbau, den Handel, die Gewerbe, die Industrie Georgiens und Armeniens gefördert?

Nur wenige der Landeskinder finden in Werkstätten ihr Brot, aber viele finden auf dem Schlachtfelde ihren Tod.

Der Ackerbau erinnert noch an die Urzustände menschlicher Thätigkeit und wurde nur hin und wieder von solchen Statthaltern gefördert, welche, wie Fürst Woronzow, eine Privatliebhaberei daraus machten.

Von den Gewerben blühen nur diejenigen, welche die Werkzeuge des Krieges, Waffen und Rüstungen liefern.

Und wie kann dem anders sein in Ländern, wo seit mehr als einem halben Jahrhunderte alle menschliche Thätigkeit im Großen nur auf Kampf, Mord und Zerstörung gerichtet war, 42 und die Verdienste der Menschen nur berechnet werden nach der Zahl ihrer Mitmenschen, die sie getödtet.

Die Künste des Friedens lieben den Lärm des Krieges nicht und fliehen verscheucht zurück vor Kanonendonner, Schlachtdrommeten und Roßhufgestampf.

Was bleibt, nach dem Gesagten, den Eroberern noch übrig, zum Heil dieser Länder zu thun?

Wer aufmerksamen Blickes und Ohres das weite Zarenreich, das drei Welttheile umstrickende, durchwandert, und dann die Summe seiner Betrachtungen zieht, dem schaudert bei dem Gedanken an die Geschicke, welche dieser Länderkoloß noch zu erfüllen hat.

Wer an der bevorstehenden Erfüllung dieser Geschicke zweifelt, kennt die Geschichte und kennt Rußland nicht.

So unterschieden von Ursprung und Interessen die buntzusammengewürfelten Horden auch sein mögen, welche dieses Riesenreich bilden, es giebt Ein gewaltiges Band, das sie Alle zusammenhält: die byzantinische Kirche! Wer nicht hineingehört, wird hineingezwängt und ehe das kommende Jahrhundert beginnt, werden alle Bewohner Rußlands Eines Glaubens sein.

Schon jetzt umschließt jenes große Netz, dessen Maschen die Newa und die Wolga, der Don und der Dnjepr, der Kyros und der Araxes bilden, eine vorwiegend christliche Bevölkerung, in deren Mitte die zerstreuten islamitischen Stämme, die Nachkommen der goldenen Horde, sich wie Tropfen im Ozean verlieren.

Welch eine wundersame Fügung des Schicksals, daß Rußland, dessen Regierungsprinzip den diametralen Gegensatz christlicher Satzung bildet, gerade das Christenthum zum Eck- und Schlußstein seiner Macht gestalten muß! Und eine nicht 43 minder wundersame Fügung des Schicksals ist es, daß der Zar überall, wohin er seine weitausgreifenden Arme streckt, christliche Anhaltspunkte findet, an welche er die Schicksalsfäden der von ihm künstlich zerstreuten Bekenner des Islam knüpfen kann: Armenien zu den Füßen des Ararat, und Georgien zu den Füßen des Kaukasus!

Welcher Art aber ist dieses Christenthum, das so viele Millionen Menschen zu einem großen Ganzen zusammenschmilzt und ihnen als Triebfeder dient zu Kraftäußerungen, welche über kurz oder lang der alten Welt eine neue Gestaltung geben werden?

Folgt mir einen Moment in das russische Mutterland, um einen flüchtigen Blick auf die dort herrschenden religiösen Zustände zu werfen!

Seht jenen armen Soldaten, der müde und hungrig vom langen Marsche, erst sein Gebet verrichtet, bevor er Speise zu sich nimmt und die Ruhe sucht.

Er zieht ein kleines Heiligenbild aus der Tasche, spuckt darauf und wischt es ab mit dem Aermel seines Rockes; dann setzt er es nieder auf die Erde, kniet hin davor und bekreuzigt sich, und küßt es in frommer Andacht.

Oder tretet Sonntags mit mir in eine der düstern, bildergeschmückten russischen Kirchen. Wenn nicht schon die Kleidung der Anwesenden die Standesunterschiede bezeichnete, Ihr würdet diese Unterschiede erkennen an der Art und Weise wie ein Jeder sein Kreuz schlägt.

Betrachtet zunächst jenen vornehmen Herrn, der vor dem wunderthätigen Kasan'schen Muttergottesbilde stehen bleibt, sich leise verbeugt und andeutungsweise bekreuzigt. In's Deutsche übersetzt, würde die Mienensprache dieses Herrn etwa folgendermaßen lauten: »Ich weiß, daß dies Alles nur 44 ein frommer Unsinn ist, aber man darf den Leuten kein Aergerniß geben, sonst geht alles Ansehen verloren. Würde das Volk sich länger für uns plagen, wenn es den Anweisungen nicht mehr traute, die wir ihm auf die Freuden des Himmels ausstellen lassen?«

Nun sehet jenen kaftanbekleideten, feisten Kaufmann, der verschmitzten Blickes und sichern Schrittes auf den Priester losgeht, um seine Seele von den Schachersünden der vergangenen Woche befreien zu lassen.

Er kennt den Priester und weiß, daß ein gutes Stück Geld bei diesem eine gute Stätte findet; darum geht er so sicher, in dem Bewußtsein, die ganze Sündenrechnung in Bausch und Bogen abmachen zu können. Und wie die Absolution vorüber ist, stellt er sich vor das wunderthätigste Heiligenbild hin und schlägt so gewaltige Kreuze, daß vor dieser Arbeit auch die letzten Skrupel seiner Seele verschwinden müssen.

Betrachtet jetzt jenen armen Bauern, der demüthig zur Pforte hereinschleicht und sich scheu umsieht in den Weihrauch-durchwölkten Hallen. Es ist des Glanzes, der Pracht zuviel für den armen Schelm.

»Gott! – denkt er – was ist der Kaiser doch für ein gnädiger Herr, daß er so schöne Kirchen bauen läßt für uns arme Teufel! Gott segne den Kaiser!«

Und dann schleicht er schüchtern auf irgend ein Heiligenbild los, wo der goldene Grund und die braunen Farben am grellsten kontrastiren und wirft sich nieder davor und schlägt mit der Stirn die Erde, daß die langen Haare ihm weit über's Gesicht fallen, und er mühet sich so ab im Körperverbeugen und riesigen Kreuzschlagen, bis er nicht mehr kann vor 45 Erschöpfung. Denn je ärmer der Mensch in Rußland, desto größer das Kreuz das er schlägt und trägt.

* * *

Wir verlassen Osurgethi bei Sonnenaufgang und werfen einen letzten Rückblick auf das blühende Land und dessen Gebirgsketten, die es durchziehen und umragen.

Der Morgen ist ruhig und frisch. Ueber dem dunklen Grün um uns her schweben weiße, weithin verschwimmende Streifen, die immer lichter und durchsichtiger werden, je weiter der Tag heraufsteigt. Im Norden die schneebedeckten Kuppen des wildzerklüfteten Kaukasus! Schon ergießt es sich über die Höhen des Elborus wie ein Feuermeer, und immer weiter steigt's herab und springt in blendendem Farbenspiel von Berg zu Berg, von Fels zu Fels. Wir wenden das staunende Auge nach Süden, den adsharischen Bergen zu, welche Guria von Anatolien scheiden und uns im frischesten Morgenglanze entgegenschimmern. Von dort lassen wir die Blicke nach Westen schweifen, wo sich das Schwarze Meer in unabsehbarer Weite vor uns aufthut, blitzend und leuchtend wie die Sonne selbst. Dahin führt unser Weg.

Aus dem reizenden, mit Mais und Hirse und rebenumschlungenen Bäumen bedeckten Thale, wo Osurgethi liegt, wenden wir uns, dem Laufe der Natanebi folgend, nach St. Nikolaus, einem elenden, hart an der türkischen Grenze auf einer Sanddüne gelegenen Küstenfort, durch nichts bemerkenswerth als durch seine schlechte Luft und Lage. Von hier kehren wir über Poti und Redoute-Kalé an die Küste des Tscherkessenlandes zurück. 46

 

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