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Tausend und Ein Tag im Orient

Friedrich von Bodenstedt: Tausend und Ein Tag im Orient - Kapitel 23
Quellenangabe
typereport
booktitleTausend und Ein Tag im Orient
authorFriedrich Bodenstedt
year1850
firstpub1850
publisherVerlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
addressBerlin
titleTausend und Ein Tag im Orient
pages777
created20100928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Gagra und der Fels des Prometheus.

Wir benützten einen frischen Südostwind, um dem blühenden und doch so gefährlichen Pitzunda – einem herrlichen Blumenbeete mit verborgenen Giftschlangen vergleichbar – Lebewohl zu sagen, und liefen nach vierstündiger, glücklicher Fahrt in die große, schöne Bucht von Gagra ein. Unsere Reise war um so angenehmer, da uns ein zweiter Barkaß, bestimmt, einige in besondern Aufträgen abgesandte Offiziere nach der Festung Ardiller zu führen, begleitete. Unter diesen Offizieren befand sich auch Kapitän Pépin, der Gemahl der oben erwähnten Dame. Um uns leichter unterhalten zu können, vertheilten wir unsere Mannschaft dergestalt, daß wir mit den Offizieren in einem Barkaß zu sitzen kamen. Die gewöhnlich mit asow'schen Kosaken bemannten Barkasse sind nicht allein bestimmt, die Kommunikation zwischen den russischen Festungen zu unterhalten, sondern müssen auch Jagd auf die sich häufig zeigenden, türkischen und griechischen Schiffe machen, welche den Sklaven- und sonstigen Handel zwischen Cirkasien und der Türkei unterhaltenSeit dem im Herbst 1847 abgeschlossenen Traktat zwischen Tscherkessen und Russen wird bekanntlich der Sklavenhandel eifriger als je getrieben, und von den Russen nicht allein geduldet, sondern auch begünstigt – weil es ihr Vortheil erheischt. Die Menschenliebe des Kaisers übt ihren Einfluß nur zu Gunsten der schwarzen Sklaven, weil diese dem russischen Interesse zu fern liegen..

331 Auf den Karten des russischen Generalstabs ist Pitzunda als der Grenzpunkt zwischen Abchasien und dem Lande der Dschigethen angegeben, obgleich eigentlich Gagra die von der Natur bezeichnete Gränze der beiden Länder bildet, da hier das bis dahin ziemlich flache Gestade plötzlich von mächtigen Bergmauern, gebildet durch Ausläufer der großen Kette, unterbrochen wird.

Die Sage setzt des Dulders Prometheus Leidensstätte an Gagras meerbeherrschendes Felsengestade. Uebrigens streiten sich, die Ostküste des Pontus entlang, vier Felsen um die Ehre, an ihrer Brust die Qualen des Lichtbringers gesäugt zu haben. Kaiser Nikolaus, praktisch wie er ist, hat sich die klassischen Studien, welche jetzt so eifrig in seinem Lande getrieben werden, zu Nutze gemacht, und auf den Baum der Dichtung das Reis der Wirklichkeit gepropft: die Felsengestade dieser Küste dienen heute noch als Verbannungsstätte aller Lichtbringer und Menschenbeglücker des Zarenreichs.

Gagra ist durch seine Lage und großartige Umgebung einer der schönsten Orte der Küste. Schade nur, daß alles oben zum Nachtheil von Pitzunda Gesagte hier in doppeltem Maße seine Anwendung findet. In den Thälern wächst der Weinstock, die riesige Silberpappel, der Mispelstrauch, die Brombeerstaude, gedeihen Feigen und Buchsbäume; aber durch das dichte Gebüsch her drohen verderbenbringende Feuerschlünde – malerische Felsen, hohe, von der üppigsten Vegetation überwucherte Berge drängen sich bis dicht an's Meer, aber Keiner 332 darf es wagen, auf den Bergen Hütten zu bauen, denn die Bäume, die sie tragen und die Höhlen, die sie bergen, dienen lauernden Feinden zum Verstecke, und was die Kugeln der Dschigethen verschonen, rafft der Sommer mit seiner die Thäler verpestenden Glut, mit seinen Fiebern und bösartigen Krankheiten dahin.

Mit der von Seiten der Tscherkessen drohenden Gefahr sieht es freilich heutzutage so schlimm nicht mehr aus wie früher, wo die Offiziere, trotz der sie schützen sollenden Festung, in ihren eigenen Wohnungen nicht sicher waren, und sich's oft gefallen lassen mußten, bei Tische die vor ihnen stehenden Speisen von Tscherkessenkugeln gespickt zu sehen. Wie zweifelhaft übrigens auch jetzt noch die Sicherheit selbst in der nächsten Umgebung der Festung sein muß, geht aus dem Umstand hervor, daß der sonst so freundliche und zuvorkommende Kommandant mir Anfangs durchaus nicht erlauben wollte, einen steilen, die große Schlucht von Gagra nordwestlich begrenzenden Berg zu erklimmen, welcher, wie die Sage geht, große, einst von der berühmten Heiligen Hypata Gagrenikaja bewohnte Gemächer und Reliquien kostbarer Art in sich schließt.

Da der Kommandant sah, daß ich von meinem Vorhaben nicht gern abstehen wollte, so ließ er alle möglichen Sicherheitsmaßregeln treffen, und hatte die Güte, mich selbst mit noch mehrern andern Offizieren bis zu dem am Fuße des Berges stehenden, die Schlucht vertheidigenden Blockhause, welches etwa zwölf Kanonen in sich schließt, zu begleiten.

Schon von unten kann man die oben ziemlich regelmäßig in den Fels gehauenen Eingänge zu den heiligen Gemächern sehen. Der Tag war bereits zu weit vorgerückt, als ich meine mühsame Wanderung antrat, so daß ich kaum die Hälfte der steilen Bergwand erklommen hatte, als mich die plötzlich 333 einbrechende Nacht zwang, wieder umzukehren. Der Rückzug ging schneller von statten, als ich wünschte; ein mir unter den Füßen wegrollender Stein brachte mich in's Fallen, und ich kam, eine lebendige Lawine, unten an, so zerrissen an Kleidern und Körper, daß mir alle Lust verging, am folgenden Tage meine Wanderung von Neuem zu beginnen.

Der Kommandant und die Offiziere von Gagra hatten, trotz der schwierigen Verhältnisse, unter welchen sie leben, alle ihnen zu Gebote stehenden Mittel zur Verschönerung ihres Aufenthalts auf eine Weise benützt, die ihrem Geschmacke alle Ehre macht. Nicht allein fand ich die Wohnungen dieser Herren sehr sauber und nett eingerichtet, und mit allen kleinen Bequemlichkeiten des Lebens versehen – sogar zierliche Stickereien fehlten nicht – sondern es erregte besonders ein im Gebiete der Festung liegender Garten meine Freude und Bewunderung. Das Nützliche ist hier auf die anmuthigste Weise mit dem Schönen gepaart; schwellende Rasenplätze, von laubdichten Fruchtbäumen überschattet, duftende Blumenbeete und große, von Küchengewächsen strotzende Felder wechseln mit einander ab. In der Mitte des Gartens steht ein allerliebst gebauter Pavillon, dessen hölzernes Fachwerk dicht von dunklen Reben und Epheuranken umschlungen ist, in deren Schatten die Offiziere ihre Siesta zu halten pflegen, so lange die im Sommer hier unausstehliche Hitze ihnen erlaubt, ihre Wohnungen zur Mittagszeit zu verlassen.

Es wurde damals thätig an der Verstärkung der Festungswerke und Verbesserung der Wohnungen gearbeitet; das hier befindliche Hospital ist, die Umstände in Betracht gezogen, trefflich eingerichtet.

Es muß wohl, seit Dubois de Montpéreur diese Gegenden bereiste, hier eine bedeutende Umwandlung 334 stattgefunden haben, da seine damals gewiß richtige Beschreibung von Gagra diesem Orte heutzutage wenig mehr entspricht.

Die ehemals dichten Waldungen sind bedeutend gelichtet, der Boden bestmöglichst angebaut, die engen, dumpfen Hütten, deren böse Luft früher Krankheiten aller Art erzeugte, sind niedergerissen und über ihren Trümmern luftige, geräumige Wohnungen emporgewachsen, weshalb sich auch die Sterblichkeit der Soldaten in den letzten Jahren bedeutend vermindert hat. Es leuchtet ein, daß trotz meines gerechten Lobes der heutigen Zustände in Gagra, der Aufenthalt an diesem Orte keineswegs beneidenswerth ist. »Wenn mir keine andere Wahl bliebe, so würde ich es vorziehen, nach Sibirien zu wandern, als lebenslänglich in eine Festung an der Ostküste des Pontus verbannt zu werden,« sagte ein alter Offizier zu mir. »In Sibirien wissen die Verbannten wenigstens, wie sie daran sind, und können ohne große Mühe ihr Stück Brod verdienen, ohne einen andern als den natürlichen Tod fürchten zu müssen; hier am Gestade des Pontus lacht den Verbannten Sonne und Ruhm an, aber die heiße Sonne haucht hier Tod und Verderben, und der Ruhm, wenn er am Leben läßt, macht gewöhnlich um einen Arm oder ein Bein kürzer.« 335

 

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