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Tausend und Ein Tag im Orient

Friedrich von Bodenstedt: Tausend und Ein Tag im Orient - Kapitel 22
Quellenangabe
typereport
booktitleTausend und Ein Tag im Orient
authorFriedrich Bodenstedt
year1850
firstpub1850
publisherVerlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
addressBerlin
titleTausend und Ein Tag im Orient
pages777
created20100928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Pitzunda und seine Ruinen.

In großen Städten, auf den Tummelplätzen des Lebens, wo Tempel und Paläste zu Hunderten stehen, wo sich Straßen auf Straßen, Häuser auf Häuser und Menschen auf Menschen drängen, als ob Eines dem Andern keinen Platz gönne, gehen wir oft mit übersättigtem Blicke an den großartigsten Gebäuden, an den herrlichsten Denkmälern der Kunst gleichgültig vorüber, denn wo die Eindrücke so schnell auf einander folgen, verwischt oder vermindert einer den andern, und es ist unmöglich, alle klar in uns aufzunehmen und ordnend festzuhalten.

Begegnen wir aber einem solchen Palaste, einem solchen Tempel oder Denkmale in der Wildniß, oder in einer Umgebung, welche nicht verkleinernd noch störend darauf einwirkt, vielmehr das Große noch größer, das Schöne noch schöner erscheinen läßt, so ist die Freude, welche wir fühlen, unbeschreiblich, und der Genuß ein doppelt hoher.

Wir lassen alsdann dem Kunstwerke nicht nur gerechte Anerkennung widerfahren, sondern sind in der günstigen Stimmung des Augenblicks noch geneigt, den Gegenstand unserer Betrachtung zu überschätzen.

322 Nichts von dem Prosaischen des Lebens, das ähnliche Genüsse in den Hauptstädten Europa's oft verleidet, stört uns hier in unserm Anschauen. Kein Wagengerassel und Zurufen der Kutscher zwingt uns hier, auf die Seite zu springen, um nicht überfahren zu werden; kein Schwarm vorübereilender Fußgänger erinnert uns durch unsanftes Stoßen und Drängen, daß wir nicht allein sind; kein zudringlicher Führer langweilt uns durch seine Tausende von Malen abgeleierten Geschichten – wir können uns ruhig und ungestört dem Genusse hingeben, der uns erwartet, und während das Auge sich weidet an dem Anblick der Hallen und Säulen, die sich vor uns aufthürmen, steigt der forschende Geist zurück in das Dunkel vergangener Jahrhunderte und findet Stoff zu großen und lehrreichen Betrachtungen, und wo die Blätter der Geschichte unausgefüllt geblieben, ergänzt die Phantasie das Fehlende, erfüllt das Leere und ruft das Todte in's Leben zurück, daß wir die Menschen, die einst hier gehaust, wieder von Geschlecht zu Geschlecht den Blicken vorüberwandeln sehen. Alle unsere Aufmerksamkeit, all' unsere Gedanken werden so dem einen Gegenstande zugewandt; daher kommt es denn wohl, daß solche vereinzelte Bilder meist lebendiger im Gedächtniß bleiben und angenehmere Erinnerungen zurücklassen, als wenn sie sich in Masse und in gemischter Umgebung dem Auge darbieten.

Mir wenigstens ist es immer so ergangen; aber unter allen Denkmälern der Vergangenheit, die ich auf meinen asiatischen Wanderungen besucht, hat mir keines einen so dauernden und großartigen Eindruck zurückgelassen, als die alte Kirche von Pitzunda.

Nachdem wir unter unsäglichen Anstrengungen unsere Landung bewerkstelligt und den in den letztverflossenen Jahren sehr licht gewordenen Hain durchschritten hatten, welcher sich 323 zwischen dem Meeresgestade und Pitzunda hinzieht (frühere Reisende sprechen von einem dichten Walde, wovon seitdem wohl ein großer Theil der Axt des Zimmermanns hat weichen müssen), und wo riesige Fichten, herrliche Nußbäume, wahrhaft kolossale Ulmen und Buchen mit einander abwechseln, gelangten wir zu den Baracken der Militairkolonie, welche den früher beschriebenen in jeder Beziehung gleicht. Nach Beseitigung der Pflichtbesuche und kleinen Plackereien, welche die jedesmalige Ankunft und Abfahrt von einer Festung bedingt, machten wir uns unverzüglich auf den Weg zur Kirche, deren etwas beschädigte Kuppel wir schon von ferne durch das dunkle Laubwerk hervorragen sahen.

Die Kirche liegt nur ein paar hundert Schritte von den Häusern der Militairkolonie, und der Weg dahin führt über einen großen, üppig bewachsenen, von alten, ehrwürdigen Bäumen überschatteten Rasenplatz, welcher einem Garten gleich von reingehaltenen Fußpfaden durchschnitten und an der einen Seite mit Bänken und Lauben geschmückt ist. An der andern Seite befinden sich Schaukeln und Anstalten anderer Art zur Belustigung und Leibesübung der Soldaten der Garnison. Hinter diesem Platze dehnen sich die halbzerfallenen Mauern aus, in deren Mitte die herrliche Kirche liegt, ein Edelstein in kolossalem Ringe.Eine genaue Abbildung des Tempels und seiner Umgebung findet der Leser in meinem Werke: »Die Völker des Kaukasus« &c. Ebenfalls im Bereiche der Mauern und gerade der Kirche gegenüber, ziehen sich die unansehnlichen hölzernen Gebäude der Kasernen hin.

Lange stand ich in stummer Bewunderung verloren, als ich die am Eingange stehenden Wachen passirt, das Thor 324 durchschritten hatte und plötzlich den herrlichen, in einfachem aber edlem Style erbauten Tempel, diese Perle im Schlamme der Wildniß, vor mir aufsteigen sah. Die Sonne war bereits ihrem Untergange nahe, als ich des ersten Anblicks dieses Prachtgebäudes theilhaftig wurde, und ich mußte daher meine Zeichnungen und nähern Untersuchungen des Innern bis auf den folgenden Tag verschieben, aber auch der erste Anblick schon war ein wahrhaft erhebender. Fernher, durch einige lichte Stellen der Feigenbäume, Ulmen, Granatbäume und Hainbuchen erschimmerte im Glanze der untergehenden Sonne die große Kette des Kaukasus, und der ehrwürdige Tempel selbst, mit seinem alle Mauern und Dächer umrankenden und übersteigenden Laubwerke und Blüthenschmucke, kam mir vor wie ein riesiges Grabmal, auf welches liebevolle Hände in andächtiger Erinnerung Blumen und Epheu gepflanzt.

Auf der großen, etwas beschädigten Kuppel und dem zerrissenen Dache der Façade haben sich mit der Zeit förmlich hängende Gärten gebildet, deren dunkles Grün mit den alten aus grauen Kalksteinen und rothen Backsteinen seltsam gemischten Mauern wunderlieblich kontrastirt. Sogar unser sonst nicht leicht zu rührender Gjül-Bassar war von den großartigen Formen der schönen Ruine ergriffen, und meinte, das müsse eine herrliche Moschee abgeben. Bei dem immer noch streitigen und unsichern Besitze dieses Küstenstriches ist es schwer, die Zukunft des herrlichen Gebäudes, das dreizehn Jahrhunderte den Verwüstungen der Zeit und der Menschen getrotzt hat, zu entscheiden.

325 Schon seit vielen Jahren gehen die Russen mit dem Plane um, die Kirche neu herzustellen und Gottesdienst darin halten zu lassen, was nach meinem Dafürhalten sehr leicht thunlich wäre. Bis jetzt sind noch keine ernsten Anstalten getroffen; der General von Wrangel sagte mir jedoch, daß der Kaiser, welcher sich aus guten Gründen immer großartig bei dergleichen Unternehmungen zeigt, bereits 200,000 Rubel zur Restauration des Gebäudes bewilligt habe.

Zu interessanten Betrachtungen über die Stabilität der griechischen Kirche giebt der Gedanke Anlaß, daß, bei Wiederbelebung des Tempels von Pitzunda durch die Russen, der Gottesdienst hier heute genau auf dieselbe Weise, unter denselben Formen gehalten werden würde, wie vor 1300 Jahren geschehen; ja ich glaube, die Priester, welche heute die Messe hier lesen, würden mit ihren weiten, patriarchalischen Gewändern, mit ihrem langen ehrwürdigen, nie von einer Scheere berührten Barte und Haupthaar, den Priestern, welche zur Zeit der Einweihung des Tempels die Messe an diesen Altären gelesen, zum Verwechseln ähnlich sehen; und wie viel Geschlechter sind nicht seit jener Zeit Angesichts dieser Mauern in's Grab gesunken!

Im Innern der Kirche findet man, außer dem zertrümmerten, marmorüberkleideten Altare und vielen sehr mittelmäßigen, aber meist gut erhaltenen Freskomalereien, keinen andern Schmuck, als die Schönheit und das Großartige der Verhältnisse des Baues.

Die majestätische, von buntverzierten Fenstern mit runden Scheiben durchleuchtete Kuppel wird von vier riesigen, über sechzig Fuß hohen Säulen getragen. Hiermit stehen die vier Haupttheile des Gebäudes in Verbindung, solchergestalt, daß der von kolossalen Fenstern erleuchtete Chor gegen Morgen, 326 und das große Schiff gegen Abend liegt. Mit vieler Mühe erstieg ich die von den engen Seitenwänden getragene Gallerie, von wo ich mich nach allen Seiten hin einer herrlichen Aussicht erfreute. In der Mitte der Kirche fanden wir eine Menge Rüstungen, Metallstücke, Flintenläufe, Panzerhemden und Waffen aller Art sorgfältig aufgeschichtet; es sind dieses – wie der uns begleitende Offizier mich belehrte – Weihgeschenke aus frühern Zeiten, welche die kriegerischen Abchasen, wenn sie von ihren Streifzügen glücklich heimkehrten und reiche Beute mitbrachten, der Gottheit opferten. Hart an die Halle stößt eine mit merkwürdigen griechischen Schriften gezierte kleine Kapelle, deren Bau augenscheinlich einer späteren Zeit angehört.

* * *

Wenn man an einem schönen Frühlingsmorgen die blühenden Umgebungen von Pitzunda (oder Bitschwinda, wie es die Eingebornen nennen) durchwandelt, und das Auge an den mannichfaltigen Naturschönheiten weidet, die uns hier in üppigster Fülle entgegenlachen, so fällt es schwer, zu glauben, daß diese scheinbar so gesegnete Küste ein Aufenthalt des Elends und des Jammers sein soll. Aber leider ist dem so; die krankhafte Gesichtsfarbe der Soldaten, ihre falben, eingefallenen Wangen tragen schreckliches Zeugniß davon. Die Kugeln der Feinde sind hier weniger zu fürchten, als die Wechsel- und gelben Fieber, Leber- und sonstigen Krankheiten, welche in Pitzunda wie fast an der ganzen Ostküste des Pontus ihre Wohnung aufgeschlagen haben, und Verheerungen anstiften, denen wenige der hier Wohnenden entgehen. Wohl ist das 327 Loos derer zu bemitleiden, welche ein feindseliges Verhängniß auf längere Zeit in diese Wildniß geschleudert.

Man darf im Allgemeinen annehmen, daß von den hieher geschickten Soldaten keiner den Boden seiner Heimath wiedersieht. Wenn ich alle Nachrichten vergleiche, welche mir aus verschiedenen Quellen über diesen Gegenstand zugegangen sind, so stellt sich als Resultat heraus, daß die Besatzung der Festungen dieser Küste durchschnittlich alle drei Jahre erneuert werden muß. Zu den hier dienenden untergeordneten Offizieren nimmt man gewöhnlich solche, welche sich irgend eines Vergehens schuldig oder verdächtig gemacht haben; unruhige Köpfe, die das Herz auf der Zunge tragen, liberal gesinnte Leute, welche nicht leise denken gelernt haben, und mit der bestehenden Ordnung – oder besser gesagt Unordnung – der Dinge in Rußland nicht zufrieden sind; junge und alte Polen der verschiedensten Stände und Ansichten finden hier ein zweites Vaterland. Es leuchtet ein, daß man unter diesen Verbannten oft die interessantesten Persönlichkeiten findet, und keineswegs das Herz der armen Leute nach ihrem unglücklichen Schicksale beurtheilen darf.

Hier hat schon mancher hoffnungsvolle Jüngling, der in den Palästen der Hauptstadt aufgewachsen, einsam seinen fernbeweinten Tod gefunden; wohl mancher Jammerlaut hoffnungstodter Herzen mischte sich im Grauen der Nacht mit dem Geheul der unaufhörlich die Küste peitschenden Winde, und schon mancher lebensmüde Verbannte suchte und fand seinen Tod in den weißen Wellen des Schwarzen Meeres. Hinsichtlich der höhern, gewalthabenden Offiziere muß, da so viel von ihnen abhängt, die Regierung äußerst vorsichtig zu Werke gehen; auch habe ich unter diesen Herren sehr humane und tüchtige Leute gefunden.

328 Bei dem gastfreien Kommandanten von Pitzunda, einem Imerier von Geburt, fanden wir eine äußerst freundliche Aufnahme und verfehlten nicht, unsern in letzter Zeit sehr vernachlässigten Magen an seiner Tafel zu restauriren. Wir besuchten in Gesellschaft des Kommandanten die in Berücksichtigung der ungünstigen Verhältnisse trefflich eingerichtete Kaserne, so wie mehrere Häuser der schon erwähnten Militairkolonie, welche hier eben so wie in Suchum-Kalé nach Möglichkeit sauber gehalten sind.

Eine interessante Bekanntschaft machten wir in der Person der Madame Pépin, oder Frau Hauptmännin Pépin, wie man in dem titelgesegneten Deutschland sagen muß. Diese Dame verdiente ihren militairischen Titel eher, als die meisten ihrer Schwestern; sie ist eine moderne russische Jeanne d'Arc, deren Name an der ganzen Ostküste des Schwarzen Meeres mit Respect genannt wird. Schon zu verschiedenen Malen hat sie sich durch ihre Geistesgegenwart und Unerschrockenheit in Augenblicken großer Gefahr so rühmlich hervorgethan, daß der Ruhm ihrer Thaten bis zu den Ohren des Kaisers gedrungen ist, welcher auch nicht unterlassen hat, ihr durch Uebersendung eines ehrenvollen Schreibens und kostbarer Geschenke seine Zufriedenheit und Anerkennung auszudrücken. Madame Pépin war früher an den Kommandanten der Festung Sotscha verheirathet, welcher bei einem nächtlichen Ueberfalle der Tscherkessen das Leben verlor; eben bei Gelegenheit dieses Ueberfalls soll die Dame die unläugbarsten Beweise ihres Heldenmuthes gegeben haben und die Retterin der Festung gewesen sein, indem sie durch Wort und That die schon wankenden Soldaten zur Ausdauer anfeuerte, ihren erkalteten Muth wieder belebte, dem Einen beschämend drohend, dem Andern freundlich zuredend, und sich selbst inmitten des Donners der Geschütze unerschrocken 329 den Kugeln der Feinde aussetzend. Eine derselben war ungalant genug, der Heldenfrau eine Wunde im Arme beizubringen; Madame ließ sich jedoch dadurch nicht abschrecken, sondern beharrte ausdauernd im Kampfe, bis der Sieg für die Belagerten entschieden war. Ich muß hier noch ergänzend bemerken, daß ich obige Details nicht der Madame Pépin selbst, sondern verschiedenen Offizieren zu verdanken habe, welche bei der Belagerung zugegen gewesen sind. Obgleich ich das Vergnügen hatte, mich längere Zeit mit Madame Pépin zu unterhalten, so konnte ich doch nur wenig von ihr in Bezug auf oben erwähnte Begebenheit erfahren. Sie sprach davon, als ob es etwas ganz Gewöhnliches wäre, und lenkte sofort das Gespräch auf andere Gegenstände. Ich hatte geglaubt, eine stämmige, handfeste Frau zu sehen, ein Mannweib, wie man sie häufig in Rußland, besonders unter den Steppenbewohnern findet, und war daher nicht wenig erstaunt, eine geschmackvoll gekleidete, sehr präsentable Person vor mir zu sehen, schlank von Wuchs, mit sehr feiner Taille, augenscheinlich von etwas delikater Gesundheit, den Ausdruck ächter Weiblichkeit in dem blassen Gesichte, gefällig von Manieren und mit einem Paar durchaus aristokratischer Händchen. 330

 

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