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Tausend und Ein Tag im Orient

Friedrich von Bodenstedt: Tausend und Ein Tag im Orient - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
booktitleTausend und Ein Tag im Orient
authorFriedrich Bodenstedt
year1850
firstpub1850
publisherVerlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
addressBerlin
titleTausend und Ein Tag im Orient
pages777
created20100928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.

Die Donische Steppe.

Ich schwamm hinaus auf die Fläche des trockenen Oceans. Der Wagen versinkt in Grün und schwankt wie ein Nachen durch die Wogen der rauschenden Wiesen hin. Ueberschwemmt von Blumen umschiffe ich die korallenen Eilande des Steppengrases. Schon sinkt die Dämmerung herab; kein Weg noch Hügel zeigt sich dem spähenden Blicke. Ich schaue zum Himmel empor und suche die Sterne, die Leiter des Nachens . . .«

So begrüßte einst Mickiewicz das Steppenland, das er wahrscheinlich zu einer günstigeren Jahreszeit besuchte, als ich.

Wohl glich jetzt die Steppe mit ihrem leicht aufsteigenden, weit verschwimmenden Hügelland einem trockenen Ocean, aber verdorrt lag das Gras und geknickt von den kalten Herbststürmen oder zerstampft von Kosakenrossen, und von der reichen Vegetation des Sommers zeigten sich nur noch kümmerliche Reste.

Die Winterlandschaft, welche uns von Moskau aus begleitet hatte, war schon bei Jeletz, in der Mitte des Weges zwischen Tula und Woronesch, verschwunden.

27 Von Jeletz, bis zu dem hart am Don gelegenen und danach benannten Sadonsk, bildete ein unergründlicher Schmutz den Uebergang zu erfreulicheren Bildern. Die Wege wurden besser, die Luft milder, der Himmel klärte sich wieder auf und einige prachtvoll gebaute, inmitten großer Gärten anmuthig gelegene Landhäuser verschönerten die Gegend.

In Woronesch machte sich schon eine bedeutende Veränderung des Klima's fühlbar. Das Thermometer zeigte 16° Wärme R., während es bei meiner Abreise aus Moskau um dieselbe Tageszeit auf dem Gefrierpunkt stand.

Nirgends in der Welt habe ich eine so große Menge Windmühlen gesehen, wie in dieser getreidereichen Provinz. Aus allen Dörfern ragen sie hervor, alle Hügel sind damit überdeckt. Und die seltsame Bauart dieser Windmühlen überrascht fast noch mehr als ihre große Anzahl. Ihre Flügel bilden ein vollständiges Viereck, zusammengehalten und getragen von vier kolossalen Speichen.

Auch die vielen Kreidehügel, welche das Land durchziehen und von Weitem, im Glanz der Sonne, wie kleine Gletscher schimmern, gewähren einen eigenthümlichen Anblick.

Bei Kasanskaja überschreiten wir auf einer Fährte den Don und gelangen in das Land der nach dem Strome benannten Kosaken.

Die Einförmigkeit dieses dünnbevölkerten Landes spiegelt sich wieder in den ärmlichen Wohnungen, die alle nach Einem Muster gebaut sind, und deren Jede nur knappen Raum für eine kleine Familie und die nothwendigsten Geräthschaften bietet.

Die meisten dieser vereinzelt in den Stanitzen (Kosakendörfern) stehenden Häuser sind mit kleinen Gärten umgeben, wo außer den gewöhnlichen Küchengewächsen besonders Wein und Melonen trefflich gedeihen.

28 Jede Stanitza, und sei sie noch so unbedeutend, hat ihren kleinen Bazar, wo alle Erzeugnisse des Landes bescheiden vertreten sind.

Die Donischen Kosaken haben von ihren ritterlichen Vorfahren nichts geerbt, als einen großen Hang zum Trinken und zum Müßiggange; alle Haus- und Feldarbeit bleibt den Frauen überlassen, die durchgehends von derbem, kräftigem Schlage sind und Axt, Spaten und Kochlöffel mit gleicher Geschicklichkeit handhaben.

Hübsche Gesichter sind hier häufiger als im eigentlichen Rußland; doch habe ich nur in Nowo-Tscherkask, der Hauptstanitza, wirkliche Schönheiten getroffen.

Die Lebensweise der Kosaken ist so rauh und einfach, daß ein verwöhnter Reisender es nicht lange bei ihnen aushält. Fische aus dem Don gehören zu den Leckerbissen; Krautsuppen, Grütze mit Oel zubereitet, Melonen und grobes Brot bilden die gewöhnliche Nahrung.

Man muß mit Sitte und Sprache des Landes vertraut sein, um die Innerlichkeit des Volkslebens kennen zu lernen und poetischere Anschauungen davon zu gewinnen, als jener Korrespondent der Allgemeinen Zeitung, der bei den Kosakenweibern keine andern Erfahrungen gemacht hatte, als daß sie »die Mistgabel schwingen und irrende Ritter aus dem Dreck ziehen.«

Wenngleich das Leben der Kosaken durch die russische Herrschaft ein ganz anderes geworden, und weniger poetische Momente bietet, als das ihrer freien Vorfahren, so fortbesteht unter ihnen jedoch eine gewisse traditionelle Poesie, welche dem Forscher reiche Ausbeute gewährt.

Ich führe hier als Beispiel ein älteres Lied an, welches mir in Inhalt und Gestalt am besten geeignet scheint, die 29 Eigenthümlichkeiten der donischen Volkspoesie zu veranschaulichen.

        »Grüß' Dich, Väterchen! herrlicher, stiller Don!
Unser Ernährer Du, Don Iwanowitsch!
Gehen zu Deinem Ruhm bei uns Sagen viel',
Gehen Sagen viel', Dich zu verherrlichen.
Wie vor Zeiten sich wild Deine Flut ergoß,
Wie sie wild sich ergoß, und doch klar und rein; –
Aber jetzt, mein Ernährer! so trüb fließest Du,
Hast getrübt Dich von oben bis unten hin! –
Sprach zur Antwort der herrliche, stille Don:
Aber wie soll ich nicht trübe, nicht finster sein!
Hab' ich zieh'n lassen meine hellen Falken all',
Meine hellen Falken, die Kosacken vom Don!
Spült sich ab ohne sie mein Uferland,
Streut hinab ohne sie viel gelben Sand . . .«

Angeregt durch solche Erzeugnisse der alten Zeit, so wie durch sein wechselvolles Leben, fühlt der Kosak auch noch heute das Bedürfniß, seinen Gefühlen in Versen Luft zu machen, bei der Trennung von der Geliebten, beim Abschiede von der Heimath und ähnlichen trübstimmenden Gelegenheiten.

Der Eine singt ein Lied, der Andere verbessert es, der Dritte fügt ein paar Verse hinzu, und so gestaltet sich zuletzt ein abgerundetes Ganze daraus.

Welcher Reisende wäre wohl im Stande, eine getreuere, anschaulichere Beschreibung des Rundtanzes zu geben, welchen die frischen Kosakenmädchen Abends nach vollbrachter Arbeit an den Ufern des »heimathlichen« Don aufführen, als sich im folgenden Volksliede findet, dessen Verse zugleich die ganze Musik des Tanzes wiedergeben! 30

        »Seht die Mädchen, zum Stromesrand gingen sie,
Dort im Tanzreih'n, im bunten, sich schlingen sie,
Eine Jungfrau dreht trippelnd im Kreise sich,
Rührt nach des Tanzes, des heimischen, Weise sich:
Jetzt die Arme gestemmt, jetzt die Kniee gebeugt,
Mit den Füßchen gestampft, und das Köpfchen geneigt; –
Und das zertretene Gras, neu belebt es sich,
Und wie neugierig lüstern, bang' hebt es sich;
Und die Blüm'lein im Grase, mit klugem Aug',
Heben neidisch die Köpfchen, und lugen auch . . .
Immerfort tanzt die Schöne, drehend und schwingend sich,
Um die Eine dreh'n die Andern alle singend sich.«

Ehe ich Nowo-Tscherkask erreichte, hatte ich ein friedliches Abenteuer zu bestehen, welches sich nimmer aus meiner Erinnerung verwischen wird.

Ich war die ganze Nacht durchgefahren, hatte den folgenden Tag nichts gegessen als ein Stück Schwarzbrot, und müde und hungrig kam ich mit anbrechendem Abend in einer Stanitza an, deren Aeußeres nichts weniger als einladend war.

Inmitten schöner Gegenden kann der Reisende oft Tage lang Essen und Trinken vergessen bei der steten Abwechselung der Bilder, die sich vor seinem Auge entrollen. Es ist, als ob die frische Bergluft und der Duft von Wiesen und Waldesgrün etwas Sättigendes habe, oder als ob der Magen durch das Auge mitgenösse.

In öden, flachen Gegenden aber, wie in den endlosen Steppen am Don, machen sich die Bedürfnisse unseres sterblichen Theiles doppelt fühlbar. Man hört nichts, als das Rasseln des Wagens und Pferdegestampf, man sieht nichts, 31 als weite, wüste Flächen. Kommt dazu noch schlechtes Wetter und schlechte Wege, wie ich's den ganzen Tag hindurch gefunden hatte, so möchte man umkommen vor Ekel und Unmuth.

In einem solchen Gemüthszustande kam ich in der Stanitza an. Der Wagen hielt in der Mitte des Dorfes still, und ich schickte meinen Diener auf Kundschaft aus, um ein Obdach und warmes Essen aufzutreiben.

»Hier im Dorfe ist kein Wirthshaus, und Sie werden schwerlich etwas zu essen finden,« rief mir eine freundliche Frau von mittleren Jahren durch das offen stehende Fenster ihrer Hütte zu, »wenn Sie aber mit unserer schlechten Kost vorlieb nehmen wollen, so sollen Sie uns willkommen sein; wir sind gerade beim Abendessen.«

Sie sagte mir dies in so einladend freundlichem Ton, und ihr Gesicht hatte einen so frommen, gemüthlichen Ausdruck, daß ich unwillkürlich bei mir dachte: das kann unmöglich eine gewöhnliche Kosakin sein! Es fehlt ihr ganz jener trotzige, determinirte Ausdruck, welcher den Weibern der Kosaken vom Don eigen ist.

Und ihrer Einladung folgend, trat ich in's Haus. Da saßen an einem weißen tannenen Tische drei Mädchen, von denen das älteste etwa zwölf Jahre zählen mochte, und ein Knabe von ungefähr vierzehn Jahren. Sie standen alle auf, als ich in die Stube trat, grüßten mich freundlich bescheiden, und wollten sich nicht wieder setzen, bis ich selbst unter ihnen Platz genommen hatte.

Auf dem Tische dampfte einladend das Abendessen, bestehend aus einer Krautsuppe mit Grütze.

Die Wohnstube, das Haus- und Tischgeräth, alles zeugte von großer Armuth, war aber so rein und sauber gehalten, 32 daß das Auge gern darauf weilte. Decke und Wände waren blendend weiß angestrichen, Thür und Fenster sauber gewaschen. Auf einem kleinen, alten Schränkchen stand das ärmliche, blankgescheuerte Küchengeräth, und in der Ecke hing ein Heiligenbild mit einem brennenden Lämpchen davor.

Die Art und Weise, wie die gute Frau mir ihr frugales Abendessen anbot, und meinen Teller füllte, hatte etwas so Gefälliges, Ungezwungenes, wie man es sonst nicht bei Frauen dieses Standes zu sehen gewohnt ist. Man sah es ihren Augen an, daß sie gern gab, was sie hatte, und sie schien mit Wohlgefallen zu bemerken, daß ich mir die Suppe nach Herzenslust schmecken ließ.

Während des Essens und nach Tische unterhielt ich mich, so gut ich konnte, mit meiner freundlichen Wirthin, und wußte bald ihre ganze Lebensgeschichte.

Sie war aus dem Gouvernement Pultawa gebürtig, hatte aber schon in früher Kindheit mit ihrem Vater, einem Offizier von bekannter Familie, nach Sibirien wandern müssen. Ihr Vater starb in der Verbannung, und eine wohlthätige Frau nahm sich des verwaisten Mädchens an. Sie blieb eine Reihe von Jahren im Hause dieser guten Frau, erhielt hier eine Art Erziehung und Unterricht, und heirathete später einen Chorundschi, dem sie in ihrem zwanzigsten Jahre in sein donisches Heimathland folgte.

Eine geraume Zeit lebte sie hier glücklich und zufrieden, bis auch der Gatte ihr durch den Tod entrissen wurde. Seitdem hatte sie immer mit Noth und Unglück zu kämpfen gehabt, und ihren einzigen Trost in ihren Kindern gefunden, deren Unterhalt und Erziehung all' ihre Kräfte gewidmet waren.

33 »Die Kinder lesen schon recht hübsch, – sagte sie, – ich habe nur immer so wenig Zeit, mich mit ihnen zu beschäftigen. Sascha, hol einmal Dein Buch her und lies dem fremden Herrn etwas vor.«

Ich besah das Buch, und war nicht wenig erstaunt, eine russische Uebersetzung des zweiten Bandes der Campeschen Jugendschriften vor Augen zu haben.

Die Kinder lasen mir Alle nach der Reihe etwas vor, und es ging wirklich recht hübsch, wie ihre Mutter gesagt hatte. Doch die Pferde waren schon seit einer Stunde angespannt, die Zeit drängte, ich mußte davon.

Ich küßte freundlich die Kinder und nahm Abschied von der Mutter mit einem herzlichen Händedruck, bei welcher Gelegenheit ich ihr ein Geldstück in die Hand schlüpfen ließ.

Aber ohne zu sehen, was es war, reichte sie mir das Geld zurück mit den Worten: »Ihr Geld mag ich nicht!« und dabei sah sie mich an mit einem Blicke, der mir durch die Seele ging.

Ich begriff im Nu, welchen Mißgriff ich gethan, wie sehr ich durch mein Geldanbieten die gute Frau beleidigt hatte, und wandte all' meine Beredsamkeit auf, den Fehler wieder gut zu machen; aber Fehler dieser Art lassen sich leider nicht wieder gut machen. Das ist der Fluch der Armuth, daß all' ihre Handlungen, mögen sie noch so uneigennützig sein, niedrigem Interesse zugeschrieben werden.

»O Gott,« sagte die gute Frau, »kann ich denn nicht einmal mein Stück Brot mit einem Fremden theilen, ohne Glauben zu machen, ich thue es für Geld? Ich hatte mich so gefreut, sie bei mir zu sehen, und nun muß es so kommen!«

34 Nowo-Tscherkask, die Hauptstanitza des Landes der Kosaken vom Don, breitet sich malerisch über die grünen Abhänge eines hochaufgeschwellten Hügelzuges aus.

Ich nenne den Ort, trotz seines bedeutenden Umfanges, eine Stanitza, weil das Ganze ein zu dorfähnliches Ansehen hat, um den Namen einer Stadt zu verdienen.

Die krummen, ungepflasterten Straßen, die kleinen, bunt zusammengewürfelten Häuser, die malerischen Trachten der Einwohner, geben dem Orte ein ganz orientalisches Gepräge, welches nur hin und wieder durch einige, in europäischem Geschmack erbaute Kronsgebäude und Paläste unterbrochen wird.

Die Hauptvorzüge von Nowo-Tscherkask sind der gute, billige Wein und die hübschen Frauen, die man hier findet. So viele schlankgebaute Mädchen, mit leichtem Gange und feinem Gesichte, wie hier, habe ich in keiner russischen Stadt gesehen.

Doch, wir dürfen nicht lange weilen in der hügelgetragenen Stanitza, und müssen wieder hinabsteigen in die Ebene, denn noch weit ist der Weg, den wir zu pilgern haben, bis zu Georgiens blühenden Fluren . . .

Der Himmel drohte aufs Neue mit Regen, und ich gab den Jämschtschicks doppelte Trinkgelder, um so schnell als möglich Stawropol, die ciskaukasische Hauptstadt zu erreichen.

Die im Sommer hier zwischen dem Don und dem Bolschoi Osero nomadisirenden Kalmüken hatten schon ihre Zelte niedergeschlagen, und ihre Winterbehausungen in Ciskaukasien bezogen.

35 Ich ließ in einem Kalmükendorfe anhalten, um zu frühstücken, verlor aber allen Appetit, noch ehe ich eine dieser dumpfen, roh aufgeworfenen Hütten betrat, wo die Menschen mit ihrem Vieh zusammenwohnen und sich von letzterm nur durch größeren Schmutz unterscheiden.

Trotzdem konnte ich nicht umhin, nachdem ich die Schwelle der Hütte einmal überschritten hatte, meine Selbstbeherrschung an dem Genusse eines mir dargebotenen Kruges Milch zu üben.

Ich gab dem Kalmüken, welcher mir den Krug gereicht hatte, einen Tschetwertak, den er augenscheinlich mit größerer Befriedigung betrachtete, als ich seine schmutzigen Hände. Er gab mir durch Zeichen und gebrochene russische Worte zu verstehen, ich möchte noch einen Augenblick in der Hütte verweilen; er werde gleich zurückkommen und mir etwas Besonderes mitbringen. Darauf ging er hastigen Schrittes davon.

»Was das schwarze Bilsenkraut, welches die Ufer des Don entlang wuchert, unter den Kräutern, das sind die Kalmüken unter den Bewohnern der Steppe.« Solche und ähnliche Gedanken fuhren mir durch den Kopf, als nach kurzer Abwesenheit mein Wirth wieder eintrat, gefolgt von einem ältlichen, etwas sauberer aussehenden Manne, der ein sorgfältig zusammengeschlagenes Tuch vor mir ausbreitete, welches verschiedene kleine Bilder und Schnitzarbeiten enthielt.

Es waren Thier- und Menschenfiguren, deren Anlage keinen besonderen Kunstsinn verrieth, deren Ausführung aber von einer Kunstfertigkeit zeugte, welche ich bei diesen Nomadenstämmen nimmer erwartet hätte. Die mit großer Sicherheit aus Holz geschnitzten Kühe hatte der alte Mann selbst 36 verfertigt; die Bilder aber waren von seinem Bruder, der, wie ich belehrt wurde, die Farben dazu aus Nowo-Tscherkask holte.

Ich freute mich, unter dieser rohen Wanderhorde wenigstens eine Spur schaffender Geistesthätigkeit zu entdecken, kaufte für ein Billiges einige der Bilder, und begab mich dann wieder auf die Reise, um noch vor anbrechendem Abend die Stanitza Donskaja zu erreichen.

Hier blieb ich zur Nacht, da der Posthalter sich weigerte, mir Pferde zur Weiterreise zu geben, weil, wie er sagte, die Wege durch die nächtlich in der Gegend umherstreifenden, räuberischen Nagaizen unsicher gemacht werden.

Die Gleichförmigkeit in Kleidung und Bewaffnung der kaukasischen Kosaken und der feindlichen Bergvölker macht, daß nur ein geübter Blick die Einen von den Andern zu unterscheiden vermag, und der Reisende, welcher zum Erstenmale dieses Weges zieht, glaubt schon mitten unter den Tscherkessen zu sein, wenn er die stattlichen Linienkosaken in ihrer Pelzmütze und dem kaukasischen Waffenrock an sich vorübersprengen sieht. –

Ich verließ Donskaja mit anbrechendem Morgen und gelangte schon um Mittag nach Stawropol, der Hauptstadt der ciskaukasischen Länder.

Kleine, unansehnliche Häuser, krumme, schmutzige, ungepflasterte Straßen, belebt von russischen Grauröcken, friedlichen Tscherkessen, Kosaken, Persern und Tataren – dies ist Alles was mir von diesem Orte im Gedächtniß geblieben, der, früher ein elendes Dorf, im Jahre 1785 zu dem Range einer Stadt erhoben wurde, aber noch heute nichts davon hat als den Namen.

Hinter Stawropol nimmt das Land schon ein kriegerisches Gepräge an. Auf den Hügeln, welche sich zu beiden Seiten 37 des Weges hinziehen, brennen Wachtfeuer, umlagert von Linienkosaken, welche sich in ihren blauen Waffenröcken mit der zottigen Burka darüber, gar stattlich ausnehmen; Patrouillen durchziehen die Straßen, und hin und wieder erblickt man eine Wuischka, d. h. ein hohes, Taubenschlagähnliches Gerüst, in welchem oben zwei Kosaken stehen, die mit Fernröhren bewaffnet, nach allen Seiten umherspähen, um bei feindlichen Ueberfällen gleich das Allarmzeichen zu geben.

Da man aber, trotz der schärfsten Augen und der besten Fernröhre, bei trübem Wetter selbst in geringer Entfernung keinen Linienkosaken von einem Tscherkessen unterscheiden kann, so wird den Reisenden, wenn sie nicht eine starke Eskorte mit sich haben, nur bei ganz heiterm Himmel das Weiterreisen gestattet. Aus diesem Grunde mußte ich zwei Tage in Stawropol bleiben, ehe ich die Erlaubniß zur Fortsetzung meiner Reise erhielt.

Es war ein heller, aber feuchtkalter Morgen, als ich der ciskaukasischen Hauptstadt Lebewohl sagte.

In den ersten Stunden begegneten wir einer Menge, theils einzeln, theils in kleinen Abtheilungen reitenden Kosaken; aber je mehr der Tag hereinbrach, desto stiller wurde es auf der Straße. Unfern Staro-Marjéwska, etwa dreißig Werst hinter Stawropol, lagen vier Kosaken neben dem halb erloschenen Wachtfeuer auf ihren Burka's ausgestreckt, in tiefem Schlafe. Eine Patrouille ritt vorüber; die Reiter lachten beim Anblick ihrer schlafenden Kameraden, aber trabten weiter ohne sie zu wecken.

Hierauf verging über eine Stunde, ehe mir wieder eine Patrouille zu Gesicht kam.

38 Kaum ein Paar Minuten waren verflossen seit die Reiter hinter uns verschwanden, als fernes Glockengetön uns das Nahen einer Kuriertroika verkündete.

Das russischen Kutscherohren so lieblich klingende Gebimmel der Glöckchen von Waldai trieb auch meinen Jämschtschik zu größerer Eile an. Er brummte einen lustigen Fluch durch die Zähne und schnalzte den Pferden ermunternd zu.

Schon konnten wir das fern herbrausende Dreigespann deutlich sehen, und immer heller klang uns das Glockengetön entgegen. Plötzlich trifft ein langgezogenes, lautgellendes Pfeifen unser Ohr; wir spähen umher: in der Mitte des Weges zwischen uns und der Troika taucht eine lange Gestalt auf, und wiederum erschallt, dieses Mal in drei kurzen Stößen, ein weithin gellendes Pfeifen.

Der Jämschtschik hält mit aller Kraft seine Pferde zurück und richtet sich auf, um die Blicke umherschweifen zu lassen. Doch schnell setzt er sich wieder und treibt seine Pferde zur Umkehr an, denn wie aus der Erde gestampft erscheinen drei Reiter auf der Heerstraße und sprengen in gestrecktem Galopp der kaum noch funfzig Schritt entfernten Troika entgegen. – Ein Schuß fällt – der Kutscher stürzt vom Bocke; in demselben Augenblicke erscheinen noch zwei andere Reiter, Jeder ein gesatteltes Pferd neben sich am Zügel führend. Mit Blitzesschnelle sind die beiden in der Telega Sitzenden gebunden, auf's Pferd geworfen, und schnell wie der Sturm der die Steppe fegt, jagen die Reiter mit ihren Gefangenen davon, nach der Richtung des Kuban zu, woher sie gekommen waren. 39

 

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