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Tausend und Ein Tag im Orient

Friedrich von Bodenstedt: Tausend und Ein Tag im Orient - Kapitel 13
Quellenangabe
typereport
booktitleTausend und Ein Tag im Orient
authorFriedrich Bodenstedt
year1850
firstpub1850
publisherVerlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
addressBerlin
titleTausend und Ein Tag im Orient
pages777
created20100928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Kapitel.

Armenisches Allerlei.

Mein Aufenthalt in dem, beinahe 2900 Fuß über der Meeresfläche gelegenen Kloster Etschmiadsin, dessen Gründung in die ersten Jahre des vierten Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung zurückreicht, gehört zu den angenehmsten Erinnerungen meines Lebens.

Ich kann nicht einstimmen in den Tadel, welchen frühere Reisende ausgesprochen haben über die Art und Weise, wie hier die Gastfreundschaft gegen Fremde geübt wird. Nur liebe und freundliche Bilder schweben an mir vorüber, wenn ich zurückdenke an jene Tage, die ich in den Ringmauern dieser uralten, gegen Persien und das Osmanenreich vorgeschobenen Veste des Christenthums verlebte.

Vielleicht hatten wir es wesentlich den zuvorkommenden Empfehlungen des Landeschefs und der freundschaftlichen Vermittlung Obowian's zu danken, daß uns eine Aufnahme und Bewirthung zu Theil wurde, welche alle unsere Erwartungen weit übertraf.

Seit einzelne Mitglieder des Kaiserhauses, und der in Rußland allmächtige Kriegsminister, Fürst Tschernitschew, 168 Etschmiadsin besucht, hat ein Theil der früher klösterlich einfachen Räume einen halb europäischen Anstrich gewonnen. Irre ich mich nicht, war unser Schlafgemach sogar mit Tapeten ausgeschlagen. Man kennt bereits in Etschmiadsin den Gebrauch von Tischen und Stühlen, von Messer und Gabel, von weißen Tischtüchern und Servietten, und die sonst landesüblichen Trinkhörner und Krüge werden durch Flaschen und Gläser ersetzt.

Die Tafel, an welcher wir mit einigen Erzbischöfen und Bischöfen speisten, war so geschmackvoll eingerichtet, wie ich's in den elegantesten Restaurants von Paris nicht besser gefunden, weshalb jede Schilderung der Einzelheiten hier überflüssig erscheinen dürfte. Nur dies Eine sei bemerkt, daß die häufig gehörte Begrüßung: »Blumen vor Eure Füße!« keine leere Phrase blieb, indem wir jeden Morgen auf unserm Zimmer, und jeden Mittag auf unserm Teller ein duftendes Blumensträußchen fanden.

Unsere täglichen Besuche der berühmten Bibliothek des Klosters, waren in Folge verschiedener Umstände leider immer nur von kurzer Dauer.

Brosset der Jüngere, in der Gelehrtenwelt bekannt durch seine Werke über georgische Literatur, hat in französischer Sprache einen Katalog dieser Bibliothek herausgegeben, und der Umstand, daß die sehr unvollständige Arbeit noch keine Ergänzung gefunden, scheint ein Beweis zu sein, daß die Benutzung der literarischen Schätze von Etschmiadsin mit steten Schwierigkeiten verbunden ist.

Schon in einer früheren Arbeit habe ich mich ausführlicher über die räthselhafte Erscheinung ausgesprochen, daß die 169 armenische Literatur, so reich an philosophischen, theologischen und historischen Werken, kein einziges poetisches Erzeugniß von Bedeutung aufzuweisen hat, obgleich die Lage und die Geschichte des Landes, sowie die früh durch Uebersetzungen vermittelte Bekanntschaft des Volks mit den griechischen und römischen Dichtern, der Anregungsmittel so viele boten.

Dagegen war mir von landeskundigen Freunden Hoffnung gemacht, für meine Sammlungen von Volksliedern, sowohl unter den Armeniern, wie unter den Kurden und Tataren, reiche Ausbeute zu finden.

Ich habe es hauptsächlich den eifrigen Bemühungen des trefflichen Obowian zu verdanken, daß diese Hoffnung nicht ganz unerfüllt geblieben, denn bei meiner Unbekanntschaft mit der vulgärarmenischen Sprache hätte ich mich auf das Niederschreiben der wenigen kurdischen und tatarischen Lieder beschränken müssen, welche der Zufall mir entgegen warf, wenn Obowian es nicht auf sich genommen hätte, mir eine Sammlung aller im Sardariat von Eriwan aufzutreibenden Volkslieder zu liefern. Das erste, von seiner eigenen Hand geschriebene, und mit einem vollständigen deutschen Kommentar versehene Heft dieser Sammlung erhielt ich noch vor meiner Rückkehr nach Europa, mit dem Versprechen, daß bald mehrere ähnliche Hefte nachfolgen würden.

Meinem gelehrten Freunde, Herrn Professor Petermann in Berlin, ist es gelungen, die in korrumpirtem Vulgärarmenisch geschriebenen Lieder bis auf Ein Wort zu entziffern.

Noch ist die Sammlung zu klein, um eine besondere Herausgabe zu rechtfertigen, und wiederum zu groß, um hier ganz Platz finden zu können. Ich beschränke mich daher auf die Mittheilung desjenigen Liedes, welches mir unter den in meinem Besitz befindlichen am werthvollsten scheint. 170

 
Armenisches Grablied.

                  Zu Deinem Grabe bin ich gegangen,
Mein Auge wandt' ich dem Grabsteine zu –
O, daß es sich aufthue, mich zu empfangen
An Deiner Seite zur ewigen Ruh'!

  Daß ich mein welkendes Haupt der Erde
Hingebe, und meine Seele Dir!
Daß ich verwese, zu Asche werde,
Um Ruhe zu finden, Ruhe bei Dir!

  Geh' ich in's Haus, da seh' ich die Wände,
Tret' ich hinaus – die Berge steh'n –
Glühend zittert's durch Kopf und Hände,
Kalt aber fühl' ich's mein Herz durchweh'n.

  Erloschen ist meiner Augen Feuer,
Der Tag meines Lebens verdunkelt mir –
Was glaubtest Du mir auf Erden noch theuer,
Daß Du mich hierließest – nicht mitnahmst zu Dir?

  Ein Schatten, schwank' ich umher – zerschlagen
Ist meine Kraft und der männliche Muth;
Mir blieb nur die Stimme, mein Unglück zu klagen,
Und das Auge zu bitterer Thränenflut.

  Laß mich, o laß mich der Erde entfliehen!
Es schlottert mein Knie, meine Wange ist bleich;
Wohin auch die dunklen Gewalten mich ziehen,
Ich finde Dich wieder im Schattenreich! 171

  Dir Weihrauch und Licht hab' ich angezündet, –
Sieh betend auf Deinem Grabe mich knie'n –
O, könnte dem Dampf gleich, der wirbelnd entschwindet,
Auch meine Seele nach oben zieh'n!

  Was hab' ich noch Augen, mein Unglück zu sehen,
Was eine Stimme, die jammernd Dich ruft –
Kannst Du doch nimmer mein Klagen verstehen,
Hörst nicht den Laut in der schaurigen Gruft!

* * *

Man erkennt gleich, daß diese Mimosa sensitiva unter den Blumen morgenländischer Dichtung, auf christlichem Boden gewachsen . . .

Ich übergehe die Schilderung der Ausflüge, welche wir von Etschmiadsin aus in's Innere des Landes machten, sowie der Reliquien und Wunderdinge, welche das Kloster in seinen vielbeschriebenen Räumen birgt. Mit Ausnahme eines Stückes von der Arche Noah, hatte ich alle übrigen hier gezeigten Heiligthümer, als da sind: Nägel und Holzstücke vom Kreuze Christi, Arme und Kleidungsstücke von Aposteln u. s. w., schon früher in solcher Menge gesehen, daß man eine neue Arche Noah daraus hätte bauen können.

Bei der Fülle des zu bewältigenden Stoffes durfte ich nur das Wichtigste hervorheben; wo scheinbar Unbedeutendes in die Darstellung aufgenommen wurde, geschah dies lediglich zur nothwendigen Vervollständigung der vorgeführten Bilder.

Vor Allem mußte mein Streben darauf gerichtet sein, Wiederholungen zu vermeiden; über Manches, was hier nur kurz angedeutet wurde, wird der wißbegierige Leser in meinen 172 früheren Schriften über die Völker Südrußlands und des Kaukasus ausführlichere Mittheilungen finden.

Es liegt in dem Plane dieses Buches, für sich ein abgerundetes Ganzes zu bilden, und doch eine poetische und belebende Ergänzung jener Schriften zu sein, deren Inhalt wesentlich die ethnographischen, statistischen, kultur- und kriegsgeschichtlichen Verhältnisse der Länder zwischen dem Kaspischen und Schwarzen Meere umfaßt.

Wie dort, so hier, habe ich mich einer möglichst objektiven Darstellung befleißigt, und persönliche Bemerkungen und Erlebnisse nur da eingeflochten, wo es zur Vermittelung oder Ergänzung nothwendig erschien.

Eben so sind die Naturschilderungen nur als Hintergrund und Rahmen der vorgeführten lebenden Bilder zu betrachten.

* * *

Bei heiterm Himmel und dem wärmsten Sonnenschein, unter Blumenduft und dem Gezwitscher der Sänger des Frühlings hatten wir unsern Einzug gehalten in Etschmiadsin, und als wir zu Ende März über Eriwan unsere Rückreise nach Tiflis antraten, herrschte auf der Hälfte des Weges eine Kälte, daß wir am zweiten Tage buchstäblich dem Tode des Erfrierens nahe waren. Die Senghi war so stark zugefroren, daß man Schlittschuhe darauf hätte laufen können; eine über zwei Fuß hohe Schneeschicht bedeckte die ganze Araxas-Ebene, und die Obstbäume in den Gärten, welche schon bei unserer Ankunft in voller Blüthe standen, hatten ihren Frühlingsschmuck wieder von sich geschüttelt und ließen traurig ihre Häupter hängen in tiefwinterlicher Umhüllung.

173 Obgleich plötzliche Wetterveränderungen im armenischen Hochlande nichts Seltenes sind, so konnten sich doch die ältesten Väter des Klosters nicht entsinnen, eine so entsetzliche Kälte um diese Jahreszeit erlebt zu haben.

Nach einer rührenden Abschiedsscene im gastlichen Kloster von Etschmiadsin, wobei durch liebliche Redeblumen die verschneiten Blumen des Feldes ersetzt wurden, kamen wir halb erfroren nach Eriwan zurück und stiegen wieder ab im Hause unseres armenischen Gastfreundes. Die immer steigende Kälte und das entsetzliche Schneegestöber zwangen uns, ein paar Tage länger in der Hauptstadt Armeniens zu verweilen, als unsere Absicht war.

Wir empfingen Besuche von der ganzen christlichen und islamitischen Geistlichkeit der Stadt, und unsere Mappe wurde durch manches werthvolle Andenken bereichert. Dem Mangel an Oefen in seinem Hause suchte Fürst T. durch feurige Weine abzuhelfen, und Obowian erfreute uns, soweit es seine Verhältnisse erlaubten, nach wie vor durch seine für uns so lehrreiche Gegenwart.

Es war den Armeniern eine große Genugthuung, aus unserm Munde das Lob des Lehrers ihrer Kinder zu vernehmen, und noch mehr freute es sie, zu hören, wie die jungen Leute selbst sich ganz geläufig deutsch mit uns unterhielten.

Unsere Bekanntschaften mehrten sich von Stunde zu Stunde, und fast jedes Gespräch gab uns neue Aufschlüsse über die Zustände und Sitten des Landes.

»Wie gefällt Euch unser Kreishauptmann?« fragte mich ein alter armenischer Kaufmann mit schlauem Blicke.

»Sehr gut,« erwiederte ich, »ich höre ihn überall nur loben.«

»O, das ist ein prächtiger Herr! – fing der Alte wieder an – wollte Gott, daß überall solche Menschen wären! 174 Strenge, sage ich Ihnen, wie der Teufel, aber ehrlich dabei, wie ich nie Aehnliches im Leben gesehen; er nimmt Nichts, Sie mögen's ihm aufdrängen, wie sie wollen; er nimmt Nichts!«

Der Alte strömte völlig über vom Lobe des Eriwan'schen Kreishauptmanns, und alle Augenblick unterbrach er sich selbst durch die ausdrucksvollen Worte: »er nimmt Nichts!«

Ich war begierig, mir einen Kommentar zu dieser seltsamen Lobeserhebung zu verschaffen, und der Alte erzählte mir mit großer Ausführlichkeit, wie er einen langen Prozeß um eine bedeutende Summe mit einem andern Kaufmann geführt, und wie er schon nahe daran gewesen, den Prozeß zu verlieren; aber da habe er sich, im Gefühl der Gerechtigkeit seiner Sache, geradezu an den Kreishauptmann gewendet, und der habe die Sache streng untersuchen lassen und ihm Recht gegeben.

»Ich wußte nicht, – fuhr der geschwätzige Alte fort – wie ich dem braven Herrn meinen Dank zu erkennen geben sollte. Ich nahm eine Rolle von zwanzig Dukaten und wollte ihm die als ein kleines Andenken in die Hand drücken; es ist nicht viel, sagte ich, aber Euer Hochwohlgeboren können immer auf mich rechnen!«

»Nun, – fragte ich neugierig – und was sagte der Kreishauptmann?«

»Was er sagte? »»Hundesohn!«« sagte er, »»hältst Du mich für einen Wsjätschnik? (bestechlichen Menschen). Ich werde Dich einstecken lassen, wenn Du Dich nicht gleich zur Thür' hinauspackst!«« Und dabei gab er mir einen Stoß in den Rücken, daß ich mit dem Kopfe gegen die Wand schlug, und dann faßt' er mich beim Arm und warf mich zur Thür hinaus mit den Worten: »»Wart', du Rasboinik (Räuber), 175 ich werde Dich lehren Dein Geld an den Mann zu bringen!«« Prächtiger Herr!« rief der Alte in Eins fort – »so etwas haben wir sonst nie gesehen hier zu Lande!«

Alle Nachbaren fielen bestätigend ein, und des Lobes über dieses russische Beamtenwunder war kein Ende.

Bei Tisch mußte uns ein Mährchenerzähler durch Lieder und Geschichten ergötzen. Er drückte sich, um Allen verständlich zu sein, in tatarischer Sprache aus, die den Armeniern eben so geläufig ist wie ihre Muttersprache. Ja, die meisten Volkslieder dieses Landes sind in tatarischer Sprache gedichtet.

Von den vorgetragenen Mährchen ließ ich mir dasjenige, welches den meisten Beifall hervorrief, noch einmal erzählen, und brachte es dann kurz zu Papier, wie folgt:

Armenisches Mährchen.

Vor Zeiten lebte in Artaxata ein alter armenischer König. der eine wunderschöne junge Frau hatte.

Zwölf große Truhen voll der kostbarsten Gewänder und Sachen hatte sie ihrem Ehgemahl als Mitgift gebracht; die Zahl ihrer Sklavinnen aber war hundert und zwölf.

Und die Königin hatte eine Nichte, die noch viel jünger als sie selber, und unmaßen schön war, also daß die Königin sie beneidete.

Die Nichte hieß Horoschan; die Königin aber hieß Ripsime.

Und dieselbe Horoschan war Schlüsselbewahrerin im Königspalaste zu Artaxata. Eilf Schlüssel hatte sie in ihrer Obhut von den Truhen der Königin, den zwölften Schlüssel aber, und den größten von allen, bewahrte die Königin selber, und verbarg ihn vor den Augen der Menschen.

176 Und es faßte Horoschan ein starkes Verlangen, zu wissen, was Ripsime in der zwölften Truhe verborgen hielt; denn alle übrigen Truhen standen frei umher in den Gemächern des Palastes, die zwölfte Truhe aber stand in einem heimlichen Gemache, und Wächter waren ausgestellt, und Niemand durfte hinzu bei Todesstrafe, wenn die Königin darinnen war, wohl zu dreien Malen des Tages.

Und es begab sich eines Tages, als die Königin mit ihren Sklavinnen im Bade war, um ihren Leib salben zu lassen und zu schmücken für das heilige Blumenfest Anahid's, der befruchtenden Göttin, daß Horoschan dem Drange nicht widerstehen konnte, die Gemächer der Königin zu durchsuchen, um den zwölften Schlüssel aufzufinden und zu sehen, was in der geheimnißvollen Truhe verborgen war.

Und siehe, es gelang ihr, den großen Schlüssel zu finden nach langem Suchen; im Schlafgemache des alten Königs Ardaschir fand sie ihn, also versteckt, daß der König selbst nicht darum wußte. Der alte König aber war in starker Liebe entbrannt für die schöne Ripsime, und verschmähete alle anderen Frauen.

Und Horoschan eilte, mit dem Schlüssel die Truhe zu öffnen; aber wie groß war ihr Schrecken, als plötzlich ein hübscher junger Neger daraus hervorstieg, mit Gliedern, glatt wie Elfenbein, und schwarz wie die Zelte der Wanderstämme am Ararat. An den Ohren aber trug er goldene Ringe, und sein Haar war kraus wie die Wolle der Schaafheerden ihres Vaters, und seine Zähne weiß wie die Lilien am Araxes. Und es duftete sein Leib von Narden und Wohlgerüchen.

Horoschan wollte entfliehen, aber der junge Neger hielt sie fest mit seinen starken Armen; sie wollte schreien – aber 177 sie fürchtete, daß der König und die Weiber im Palaste es hörten. Und sie schwieg still dazu. . . .

Der junge Neger aber entbrannte für sie in starker Minne, denn sie war unmaßen schön und ihre Gestalt gar lieblich anzusehen, und sie war noch jünger als die Königin.

Es geschah aber zu derselbigen Zeit, daß durch ein Versehen der Sklavinnen die Schalwari (Beinkleider) der Königin in's Wasser gefallen waren, und Ripsime erzürnte darob, und entsandte der Sklavinnen zwei, ein paar frische Schalwari zu holen.

Und die Sklavinnen suchten umher in den Gemächern des Palastes, um Horoschan aufzufinden, die Hüterin der Schlüssel; denn es befanden sich die Gewänder der Königin in den Truhen, die Schlüssel zu den Truhen aber befanden sich bei Horoschan; Horoschan aber befand sich mit dem jungen Neger in dem heimlichen Gemache der Königin. Und die Sklavinnen suchten, und fanden sie nicht.

Und es faßte Ripsime der Zorn der Ungeduld, und sie begann die abwesenden Sklavinnen zu schmähen mit bitterer Rede, und entsandte zween andere, um die ersten zu suchen und sie zu führen vor der Königin Angesicht.

Aber Horoschan war nirgends zu finden, obgleich die Sklavinnen zuletzt alle ausgeschickt waren, sie zu suchen.

Da entglomm in der Königin schlimmer Argwohn, und sie that selbst ihre Gewänder an, und ohne Schalwari eilte sie in das Schlafgemach ihres Ehgemahls, um nach dem zwölften Schlüssel zu suchen, – aber sie fand ihn nicht. Und der Zorn färbte ihre Wangen mit dunkler Röthe, und sie eilte in das heimliche Gemach, wo die große Truhe stand . . . eben war Horoschan beschäftigt, die Truhe mit dem großen Schlüssel wieder sorgsam zu schließen.

178 Horoschan erschrak, aber schnell faßte sie sich wieder, und mit dem Blicke jungfräulicher Entrüstung trat sie keck ihrer zürnenden Tante entgegen, stemmte die Arme in die Seite, und, o! wer schildert die bitteren Worte, die ihrem süßen Munde entströmten.

»Ist das die hohe Tugend meiner königlichen Tante, davon die Menschen singen und rühmen in den Landen am Massis-Sar (Ararat), und die Ufer des Araxes und Euphrat entlang! O, ich Unglückliche! daß ich Obdach suchen mußte in diesem Hause, wo Scham und Sitte mit Füßen getreten, und der Schnee der Keuschheit verdunkelt wird von der Gestalt eines schwarzen Negers! Armer Ardaschir, treuer Gatte Deiner unwürdigen Gattin! Die schönsten Jungfrauen des Landes warben um Deine Minne, aber ihre Blicke rührten Dich nicht, und kalt wandtest Du Dich hinweg von den Töchtern des Gebirges, um solchen Lohn zu empfangen für Deine Liebe! O, daß ich's erleben mußte, das Haus Ardaschir's entweiht zu sehen von meiner Königin, die ich bis jetzt wie die Tugend selbst verehrt!«

Also klagte sie in Einem fort, daß die Königin gar nicht zu Worte kommen konnte. Die Rache des Königs fürchtend, falls er von ihrer Untreue in Kenntniß gesetzt würde, bot Ripsime Alles auf, ihre Nichte zum Schweigen zu bewegen; insgeheim aber traf sie Anstalt, Horoschan aus dem Wege zu schaffen.

Der Mordplan mißlang, und eine unschuldige Sklavin fiel als Opfer für die Nichte der Königin.

Horoschan, für ihr Leben fürchtend, entfloh in einen fernen Gebirgswald, nachdem sie aus Rache zuvor den König von der Untreue seiner Gattin unterrichtet hatte.

Ardaschir, von hoher Liebe für die junge Königin beseelt, glaubte nicht eher an ihre Untreue, bis er sich mit 179 eigenen Augen davon überzeugt hatte. Aber eines Tages überraschte er sie in dem heimlichen Gemache, wie sie eben ihre Arme um den Hals des Negers schlang und zärtlich ausrief: Möge Dein Haupt nimmer von meinem Haupte getrennt werden!

Der König zog racheglühend sein Schwert, und das Haupt des Negers rollte blutend vor seine Füße. In der ersten Aufwallung wollte er auch Ripsime umbringen, aber so groß war seine Liebe zu ihr, daß er das Schwert nicht gegen sie zu führen vermochte.

»Dein Wunsch sei Dir gewährt, Du Treulose! – rief er – das Haupt des Negers soll nimmer von dem Deinen getrennt werden!« Und er ließ den Schädel des Erschlagenen in Gold fassen, und einen Kopfschmuck daraus bereiten für seine Königin. Das sollte die Strafe sein für ihre Missethat.

Inzwischen irrte Horoschan einsam in den Wäldern umher, jammernd ob ihres unglücklichen Schicksals. Es war mitten im Winter, und Schnee und Eis bedeckten das Land. Aber, o Wunder! wo Horoschan hintrat, da sprangen Blumen aus der Erde hervor, und wo sie hinblickte, da schmolz die Winterdecke hinweg wie vor den Strahlen der Frühlingssonne, und wo ihr Odem wehte, da schüttelten die Bäume den Schnee von sich, und Blüthen und Blätter sproßten aus den Zweigen hervor. So groß war die belebende Macht ihrer Schönheit! Selbst die wilden Thiere des Waldes stutzten und sprangen hoch auf vor Freude bei ihrem Anblick.

Aber ihr eigenes Herz war der Freude fremd geworden; sie fühlte bittere Reue ob ihrer Vergangenheit und flehte die Götter an, ihr den Tod zu geben. So verlebte sie lange Zeit unter Jammer und Wehklagen, ohne andere Gesellschaft, als 180 die Bäume und Thiere des Waldes; ihr Lager war die feuchte Erde, und ihre Decke das blaue Himmelszelt.

Und sie genas eines Knaben, unter wildem Schmerz; Schakale und Geier sangen sein Wiegenlied. Es war aber der Knabe eine Mißgestalt und eine stete Quelle des Kummers für seine Mutter.

Dennoch pflegte sie ihn mit der zärtlichsten Sorgfalt und Liebe; denn das Unglück hatte alles Schlimme aus ihr hinweggeschmolzen, und sie war gütig und liebevoll geworden wie ein Engel. Sie wünschte den Tod nicht mehr, denn ihr Kind fesselte sie an's Leben. Jahre verflossen, und das Kind wuchs heran, und mit ihm wuchs der Schmerz seiner Mutter.

Noch aber hatte das Schicksal nicht alle seine Schreckenspfeile gegen Horoschan abgeschnellt; das Schlimmste stand ihr bevor: sie sollte auch ihr Kind, das Einzige, was sie fesselte an's Leben, verlieren. Nach langem Krankenlager starb der Knabe, und der Schmerz der Mutter drohete zur Verzweiflung zu werden.

Sie wollte gewaltsam ihrem Leben ein Ende machen, und war eben im Begriff, sich von einem hohen Felsen herabzustürzen, als sie erschreckt zurückbebte beim Anblick einer plötzlich vor ihr auftauchenden Lichtgestalt.

Und die Lichtgestalt sprach zu ihr: »Fürchte Dich nicht, o Horoschan! ich bin Anahid, die Göttin der Liebe. Du hast meinen Tempel entweiht und hast gebüßt dafür, aber die Stunde der Erlösung ist nahe. Nicht länger soll die Erde Dir eine Hölle sein. Die Schuld der Vergangenheit nehme ich von Dir, wie ich sie genommen habe von Ripsime, der Königin. Steig' hinab in's Thal, und Du wirst hinfort in einem neuen Leben wandeln.« Und also sprechend, verschwand die Lichtgestalt, wie sie gekommen war.

181 Horoschan aber stieg hinab in's Thal, festen Schrittes. Und siehe, ein fürstlicher Jägersmann, der auf der Hand einen Falken trug, sprengte ihr entgegen, und sein Auge wurde geblendet von der Anmuth des holdseligen Weibes. . . .

Was soll ich Euch lange erzählen, wie es kam, genug – die Beiden wurden Mann und Frau, und lebten kindergesegnet und glücklich bis in ihr spätestes Alter.

Und auch Ripsime, die Königin, sah noch viele glückliche Tage. Sieben Jahre hatte sie gebüßt für ihre Sünden,. da erschloß sich das Herz des Königs Ardaschir wieder in alter Liebe, und er nahm von dem Haupte Ripsime's den goldeingefaßten Schädel des Negers, und begrub ihn tief in die Erde und sprach: So soll auch aller Haß zwischen uns begraben werden!

Und als die zwei Frauen nach langer Trennung sich wiedersahen, wußten sie beide ihr Glück nicht genug zu rühmen.

Das Schicksal hatte den Garten ihres Herzens gesäubert von jeglichem Unkraut, und nur die Blumen des Glückes darin zurückgelassen.

* * *

Nun sagen wir der Hauptstadt und den hohen Bergen Armeniens, den beiden Ararat und dem Allagés Lebewohl, und kehren nach Tiflis zurück, in die Schule der Weisheit.

Kaum eine Stunde vor unserer Abreise von Eriwan kamen noch zwei Mullah's angeritten, – Jeder von einem Kalljan- und Kohlenbeckentragenden Adam (Menschen, Diener) gefolgt, um uns Briefe an Mirza-Schaffy mitzugeben, der bei den Schriftgelehrten dieses Landes in hohem Ansehen zu stehen schien.

182 Der Geleitspruch, den wir dieses Mal mit auf den Weg bekamen, war wiederum dem Gjülistan von Saadi entnommen, und lautete:

»Es wird sich Niemand in der Eulen Schutz begeben,
Ob auch schon in der Welt kein Adler sollte leben.«

So schieden wir. Aber war unsere Herreise beschwerlich gewesen, so wurde unsere Rückreise noch unendlich beschwerlicher. Besonders waren wir beim Uebergange der Gebirge des inzwischen stark zugefrorenen Gjoktschoi-Sees mehr als einmal daran, vor Kälte umzukommen oder in den unergründlichen, von den Gebirgen herabgerollten Schneemassen stecken zu bleiben, wie kurz vor uns eine ganze Karawane Kameele, die sammt ihren Führern unter dem Schnee begraben wurde. Entsetzten Auges sahen wir noch die Spuren dieser grausenvollen Begebenheit.

Doch wenden wir unsere Blicke hinweg von solchen Bildern des Schreckens; statt Euch theilnehmen zu lassen an den Beschwerlichkeiten der Wanderfahrt, will ich lieber noch etwas von den Eigenthümlichkeiten des Landes erzählen, dem wir von den Höhen des Ischekj-Meidan (Eselsplatz; hier: Eselsrücken) unser letztes Lebewohl zurufen.

Folgt mir in ein armenisches Dorf. Wir sehen hier dieselben schmutzigen, roh aufgeworfenen, halb unterirdischen Häuser, die wir in Georgien kennen gelernt haben. Vor jedem Hause steht ein sorgfältig aufgeschichteter, kegelförmiger Thurm von zwölf bis zwanzig Fuß Höhe. Dieser Thurm, zusammengebacken aus verdorbenem Stroh und allem Unrath des Hauses und Stalles, bildet das gewöhnliche Brennmaterial der Familie. Wo dieser Kisljak (die tatarische Benennung dafür) vom Winde und von der Sonne getrocknet und zu einer 183 torfähnlichen Masse gediehen ist, wird der tägliche Hausbedarf geschöpft, und die dadurch entstandene Lücke gleich wieder aufgefüllt.

Ist es schon ein wenig appetitlicher Anblick, solch unreinliches Brennmaterial zur Bereitung des Brotes und zum Kochen verwendet zu sehen, so machte es mir doch einen viel unangenehmeren Eindruck, zu erfahren, daß hauptsächlich den Frauen der Armenier das Aufbauen und die Unterhaltung der Kisljak-Pyramiden obliegt.

Man denke sich diese, im Vergleich zu ihrer dürftigen Behausung, sehr schmuck gekleideten Landbewohnerinnen, mit gelben Schuhen, rothen Pantalons, kurzem Rocke und langem Schleier, wie sie an den Kisljak-Pyramiden beschäftigt sind! Und dieses Schauspiel wurde uns jedes Mal, wenn wir ein armenisches Dorf passirten. Ein Glück, daß das Handküssen hier zu Lande nicht Sitte ist.

Kriechen wir nun in das Innere einer armenischen Dorfwohnung, so glauben wir uns ganz in die Zeiten Abrahams zurückversetzt. Bei wohlhabenden Leuten findet man ein besonderes Gemach für den weiblichen Theil der Familie; bei den Aermeren, welche die große Mehrzahl bilden, besteht die Hütte nur aus Einem großen Raume, wo die Menschen von ihrem Hausvieh blos durch Querbalken getrennt sind. Von Fenstern, Tischen, Stühlen u. s. w. ist natürlich keine Spur zu finden. Das Licht fällt durch eine Oeffnung des Daches; der lehmgestampfte Fußboden ist mit Stroh bedeckt, und die darüber ausgebreiteten Matten (bei den Wohlhabenden Teppiche) ersetzen zugleich Stühle, Betten und Sophas.

In der Mitte des Frauengemaches befindet sich gewöhnlich eine mit Steinen ausgemauerte Oeffnung, wo das Brot (Tschoräkj, Lawasche) gebacken wird.

184 Mögen die kurzen Andeutungen zur Schilderung eines armenischen Dorfhausstandes genügen. Der Leser würde wenig Vergnügen finden, mir durch alle übrigen unerquicklichen Einzelheiten zu folgen.

Ich schließe dieses Kapitel mit Anführung einiger an Ort und Stelle geschöpften Beispiele des unter der christlichen und islamitischen Bevölkerung Armeniens herrschenden Aberglaubens.

 
1. Aberglaube der Armenier.

Hält Dir Jemand die Hand in die Tasche, so wird Deine Frau Dir untreu.

 

Setzt eine Frau, und sei es auch nur zum Scherze, die Kopfbedeckung eines fremden Mannes auf, so gehen ihr alle Haare aus.

 

Das Zimmer eines Kranken ist immer von Engeln bewohnt. Deshalb muß jeder Eintretende, bevor er sich niederläßt, der am Krankenlager stehenden Tschengjir (oder dreisaitigen Balalaika) einige Töne entlocken, um die Engel zu ergötzen. Ferner muß das Zimmer mit Shawls und kostbaren Stoffen geschmückt sein, darauf die Engel sich niederlassen können. Auch ist es eine Gott wohlgefällige Sitte, den Engeln von Zeit zu Zeit Erfrischungen zu bieten, sei es auch nur, um den guten Willen zu zeigen; denn da die unsichtbaren Engel irdischer Genüsse nicht bedürfen, so genügt es, einen Teller mit Zucker, süßem Backwerk und Früchten herumzureichen, sich in jeder Ecke des Zimmers tief zu verbeugen und dann selbst etwas von den Früchten zu kosten. 185

2. Aberglaube der Perser und Tataren.

Findest Du ein Pferd mit zwei weißen Füßen, so schone selbst Deines Feindes, und gieb es ihm nicht! Findest Du aber ein Pferd mit vier weißen Füßen, so schenke es Deinem Freunde; eines mit drei weißen Füßen gieb Deinem Sohne; findest Du aber ein Pferd mit einem weißen Fuße, oder ganz ohne Abzeichen an den Füßen, so behalte es für Dich selbst! 186

 

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