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Tausend und Ein Tag im Orient

Friedrich von Bodenstedt: Tausend und Ein Tag im Orient - Kapitel 11
Quellenangabe
typereport
booktitleTausend und Ein Tag im Orient
authorFriedrich Bodenstedt
year1850
firstpub1850
publisherVerlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
addressBerlin
titleTausend und Ein Tag im Orient
pages777
created20100928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Eilftes Kapitel.

Die Schule der Weisheit.

(Fortsetzung.)

Mirza-Schaffy! – sprach ich, als wir wieder versammelt saßen im Divan der Weisheit – was sagt Hafis, wo er von der Untreue der Frauen spricht?«

Der Mirza stellte seinen ausgerauchten Tschibuq bei Seite, schlürfte ein Glas Wein herunter und hub an zu singen:

        »Wahrlich würd' ich an den Schönen
Gar Nichts auszusetzen wissen,
Als daß insgemein die Schönen
Nichts von Treu' und Liebe wissen.«

Wenn der Weise einmal in's Singen kam, so war kein Aufhören; kaum hatte er die oben angeführten Verse beendet, als er gleich wieder ein anderes Lied von Hafis anstimmte:

        »Seh' ich Dich an, trag' ich die Spur von
Deiner Wangen Wiederschein!
Sieh': die Sonne zittert nur von
Deiner Wangen Wiederschein!«

122 »Laß das jetzt! – unterbrach ich ihn – ich wünsche, daß Du mich heute über andere Dinge belehrst. Sag' mir, o Mirza! hat Hafis nicht auch von der Untreue der Männer gesungen?«

– Deine Frage ist unweise! Wie sollte Hafis auf den Gedanken kommen, von der Untreue der Männer zu singen? Darüber zu klagen, konnt' er den Frauen überlassen; wer wird sich selber ein Feind sein? –

Er klatschte in die Hände, ließ sich eine frische Pfeife bringen, warf mir einen forschenden Blick zu, den ich mit großer Seelenruhe erwiederte, und also fuhr er fort in seiner Belehrung:

– Wie läßt sich die Untreue des Mannes mit der einer Frau vergleichen? Eine Blume kann man nur Einmal brechen; sie welkt, und ihr Duft ist dahin! Aber der Wind, der die zarte Rose zerknickt, braust an dem starken Baume fast spurlos vorüber. –

»Wehen nicht auch Winde durch's Blumenbeet, bei deren Hauch die Rosen nur frischer blühen, statt zu welken?«

– Du redest weise, o Jünger! Du näherst Dich meinen Gedanken. Sieh', wie der Epheu, das Sinnbild des Weibes, sich lieblich emporrankt an dem starken Loorbeerbaume, ihm und sich selber zum Schmucke! Nimm der Epheuranke den stützenden Baum, – und sie sinkt zur Erde und wird zertreten von den Füßen der Menschen; wenn sich nicht eine andere Stütze ihr bietet, daran sie sich aufrichtet und weiter grünt. –

»Rede ohne Bilder, o Mirza! und laß die Umschweife, damit der Sinn Deiner Worte mir deutlicher werde.«

– Was ist eine Rede ohne gute Bilder? Was ist die Tugend ohne gute Werke? –

»Du hast Recht; fahre fort in Deiner Belehrung!«

123 – Ich will Dir eine Frage vorlegen, um Dich zu prüfen in der Erkenntniß der Wahrheit. Was ist seltener: Dummheit bei den Frauen oder Weisheit bei den Männern? –

»Ich glaube, das Letztere.«

Der Mirza nickte bejahend, und nachdem er ein frisches Glas getrunken, fragte er weiter:

– Was ist besser: es mit den Klugen zu halten, oder mit den Thoren? –

»Ich glaube, das Erstere.«

– Unsere Wege führen zusammen. Du wirst nunmehr im Stande sein, den Blick der Aufklärung zu werfen in die Geheimnisse der Untreue, wie bei Männern so bei Frauen! Wenn das Herz ganz voll ist von Einer Liebe, wo bleibt der Platz für eine andere? –

»Ich würde Dich bitten, o Mirza, mir ein Beispiel aus Deinem eigenen Leben zu geben, wenn Du nicht eine Ausnahme bildetest von der Regel, in Deiner Weisheit.«

Wiederum warf der Weise mir einen forschenden Blick zu, den ich eben so ruhig ertrug wie das Erstemal.

– Wohl bin ich eine Ausnahme! – entgegnete er nach kurzer Pause – denn so wie ich, hat nie ein Mann geliebt! Meine Sonne ist untergegangen, aber die Glut, welche sie in mir zurückgelassen, ist immer noch mehr werth, als das Strohfeuer der gewöhnlichen Menschen. Was sagt Hafis:

»Kauf' mein zerschlagenes Herz, in tausend Stücke zerbrochen
Ist es so viel als tausend der anderen werth!«

Die Frauen wissen das und lieben mich. Einst mußte Eine mir Alle ersetzen – jetzt ersetzen Alle mir die Eine nicht! Aber soll ich, weil der Tag entschwunden, mich der Sterne nicht freuen, welche die Nacht meines Lebens durchschimmern? 124 Soll ich die Frauen hassen, weil sie mich lieben? Ist es meine Schuld, daß die Sprache nur Ein Wort hat für Gefühle so verschiedener Art, wie die Frauen verschieden sind, die sie einflößen! Lange war ich ein Thor und lebte ohne allen Verkehr mit den Weibern; aber Zuléikha hat nichts dabei gewonnen und ich habe viel dadurch verloren! –

»Jetzt bist Du weiser, o Mirza?«

Er nickte bejahend und bedeutete mich, das Kalemdan (Schreibzeug) zu bereiten.

Er sang, und ich schrieb:

        »Mirza-Schaffy, leichtsinnig Flatterherz!
Du wechselst Deine Liebe wie die Lieder.«

– Es lieben mich die Frauen allerwärts,
Und da, wo ich geliebt bin, lieb' ich wieder! –

* * *

Ich konnte dem Drange nicht widerstehen, zu erforschen, wie der Weise von Gjändsha mit seiner allzeit fertigen Dialektik die Fragen beantworten würde:

»Worüber so manche Häupter gegrübelt,
Häupter in Hieroglyphenmützen,
Häupter in Turban und schwarzem Barett,
Perrückenhäupter und tausend andere
Arme schwitzende Menschenhäupter.«
(Heine.)

Aber er fertigte mich kürzer ab, als ich erwartet hatte.

– Es ist eine Thorheit – sagte er – über solche Dinge die Zeit zu verlieren! Zu groß ist der Sprung vom Nichts 125 zum Etwas. Hier liegt eine Kluft, welche alle Weisheit der Weisen nimmer ausfüllen wird. Solche Grübeleien haben noch keinen Thoren weiser, wohl aber viele Weisen zu Thoren gemacht. Was sagt Saadi: »Wenn auch die Wolken Wasser des Lebens regneten und das Land am fruchtbarsten machten, würdest Du doch keine Frucht von Weidenbäumen sammeln!« Scheint uns die Sonne weniger schön, weil wir ihr Wesen nicht zu ergründen vermögen? Duftet die Rose minder lieblich, weil sie in der schmutzigsten Erde am besten gedeiht?

Wahrlich, jenes spielende Kind mit den frischen Wangen ist weiser in seiner Einfalt, als der hohlwangige Hadshi, der augenverdrehende Frömmler.

Das Leben ist ein Kampf zwischen Licht und Finsterniß, zwischen Gutem und Schlechtem, zwischen Schönem und Gemeinem; und der Weiseste ist, wer am meisten Schönes herausfindet aus dem Schlamme der Welt.

Es ist eine und dieselbe Glut, welche durch unsern Geist, durch die Sonne, durch die Wange der Schönheit, durch das Blatt der Rose leuchtet.

Vor dieser Glut bete an! – 126

 

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