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Tausend und Ein Tag im Orient

Friedrich von Bodenstedt: Tausend und Ein Tag im Orient - Kapitel 10
Quellenangabe
typereport
booktitleTausend und Ein Tag im Orient
authorFriedrich Bodenstedt
year1850
firstpub1850
publisherVerlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
addressBerlin
titleTausend und Ein Tag im Orient
pages777
created20100928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

Wanderungen, Fernsichten und Wunder.

Meine Wohnung lag am Fuße des heiligen Davidsberges, der auf einem steilen Vorsprunge in der Mitte seiner Höhe eine uralte Kirche trägt, deren Schutzheiliger dem Berge seinen Namen gegeben.

Seit Alters ist die Kirche des heiligen David berühmt durch ihre wunderthätigen Kräfte.

Welcher Frau oder Jungfrau es gelingt, bei dreimaligem Umwandeln der Kirche jedesmal einen Stein an die äußere Mauer zu kleben, solchergestalt, daß der Stein hängen bleibt, ohne befestigt zu sein durch Kitt oder Mörtel: der wird jeglicher Wunsch erfüllt, den sie auf dem Herzen trägt, wenn ihre Gedanken nicht befleckt sind durch sündliches Begehren.

So aber eine Jungfrau ist, die für einen Mann glüht in reiner Minne, oder eine Frau, so da trachtet nach Leibesfrucht, deren Gebete werden erhört, wenn der heilige David nicht besondere Ursache hat, sie den Ohren des Allmächtigen vorzuenthalten.

So erzählt die Legende von vielen Jungfrauen, die geglaubt an die wunderthätigen Kräfte der Kirche und wirklich 110 einen Mann gefunden haben, und von Frauen, die gesegnet wurden mit Leibesfrucht.

Besonders am Donnerstage, dem Geburts- oder Sterbetage des großen Heiligen, äußert sich sein wunderbares Walten am wunderbarsten.

Denn an diesem Tage finden sich im Umkreise des Tempels eine Menge Steine, die alle kleben bleiben an den äußern Mauern, ohne befestigt zu werden durch Kitt oder Mörtel.

Damit aber diese Steine nicht in ungeweihte Hände fallen, werden sie sorgfältig aufgesammelt von den Dienern der Kirche und den Gläubigen verabreicht gegen ein Entgeld, welches klein erscheint im Verhältniß zu dem großen Segen des heiligen David.

Darum wallfahrten alldonnerstäglich die Frauen und Jungfrauen von Tiflis im festlichen Gewande zum heiligen Davidsberg; und wer die schlanken Töchter Georgia's, die Blüthe der Schönheit, hier in solcher Fülle versammelt sieht, und nicht an Wunder glaubt auf Erden, dem wäre besser, daß eine alte Negerin gehängt werde an seinen Hals, und er hinunterrolle in das Thal Didubeh, wo es am tiefsten ist!

Selbst Mirza-Schaffy, der unchristliche Weise von Gjändsha, pries die Wunderkraft des heiligen David, der noch im Tode so viele anmuthige Weiber in Bewegung setzt zu lebendigstem Streben!

»Wo in aller Welt – rief der Mirza oft begeistert aus, wenn wir, die Pfeife der Betrachtung rauchend, auf dem Balkon oder dem Dache des Hauses saßen und die frommen Pilgerinnen an uns vorüberziehen sahen mit dem Blick des Wohlgefallens – wo in aller Welt erspäht das Auge solche Fülle der lieblichsten Waden? und wo wandelt die Schönheit nackten Fußes wie hier?«

111 Es ist nämlich ein alter, frommer Brauch, – welcher besonders von den Inhaberinnen schöner Füße mit großer Gewissenhaftigkeit aufrecht erhalten wird – daß die Beterinnen vor Beginn der Wallfahrt Schuhe und Strümpfe abthun, und barfuß hinaufklimmen zur Kirche des heiligen David.

Gar lieblich kontrastiren die kleinen Füßchen – gleichviel ob nackt oder strumpfbekleidet – mit den weiten, faltenreichen, roth- oder blauseidenen Pantalons, welche unter einem elegant geformten, am Busen rund ausgeschnittenen Sarafan, von meist schwerem Stoffe, hervorquillen. Den Kopf ziert ein kronenähnlicher Schmuck, von welchem nach hinten ein weißer Schleier über das lange, flechtengeschlungene Haar herabflattert.

Die meisten Georgierinnen aus dem Volke tragen noch die Tschadra, einen schneeweißen, den ganzen Körper verhüllenden Ueberwurf, welchen die Schönen aber so geschickt zu halten wissen, daß sich die ganze Gestalt darin abzeichnet.

Während der Wallfahrtszeit schlingt sich der Weg, welcher zur Kapelle führt, wirklich wie ein Gürtel der Schönheit um den Leib des Berges.

Und wenn das Auge, noch trunken vom Anblick des üppigen Gliederbaues der schlanken Töchter von Tiflis, herabschweift in das wellenförmige Thal, so eröffnet sich wieder eine Aussicht, die den lieblichsten auf Erden vergleichbar.

Uns zu Füßen liegt die Stadt mit ihren Palästen, Kuppeln, Thürmen und halb unterirdischen Sakli's (Erdhütten), durchschlungen von schattenreichen Gärten, wo alle bei uns heimischen Obstarten, sowie der Pfirsich, die Feige, die Granate, der Lotus, die Maulbeere, Rebe, Quitte und Mispel in üppiger Fülle gedeihen. In weiter Ferne verliert sich der die Stadt durchströmende Kyros (Kur) auf seinem Schlangenlaufe 112 hinter grün bekleidetem Hügelland, und hoch über uns wölbt sich der tiefblaue Himmel Georgiens. . . .

Wir steigen hinab vom Davidsberge, betrachten aufmerksam die zu seinen Füßen terrassenförmig übereinander gebauten Sakli's, kleine, unansehnliche, aus rohen Steinen aufgeworfene Häuser ohne Fenster und jegliche äußere noch innere Verzierung, und verwundert fragen wir: sind dieses die Muscheln, worin Georgia seine Perlen der Schönheit birgt?

Das Licht fällt in diese Sakli's von oben durch eine Oeffnung des platten Daches, welche zugleich als Schornstein dient, und bei schlechtem Wetter, wenn die Oeffnung geschlossen werden muß, herrscht im Innern nächtliche Dämmerung.

Nachdem wir mühsam einige Sakli's überstiegen, angebellt von ungethümen Hunden, und unter steter Gefahr, bei einem Fehltritte, irgend einer georgischen Familie uneingeladen von oben in's Haus zu fallen, gelangen wir in eine, nichts weniger als reinliche Gasse, die uns wiederum auf einen freien Platz führt, wo das Gymnasium von Tiflis vor uns aufsteigt und uns daran erinnert, daß unter den Troglodyten des Landes auch Europäer hausen.

Wir gehen an dem Gymnasium, einem kolossalen, ganz in europäischem Geschmack errichteten Gebäude, wo die Söhne des Gebirges zu treuen Unterthanen des russischen Chaliphen herangebildet werden, vorüber, und uns zur Rechten liegt der sich nach hinten terrassenförmig abstufende, prachtvolle Palast der Statthalter vom Kaukasus, mit seinem herrlichen, von asiatischer Ueppigkeit strotzenden, aber von europäischer Hand geregelten Garten. Dieser Palast wurde erbaut auf den Trümmern der alten, von Rostom gegründeten Burg der georgischen Könige.

113 Wir gehen ein paar Schritte weiter und gelangen auf den Eriwan'schen Platz, den eigentlichen Mittelpunkt der vornehmen Welt von Tiflis. Hier reichen sich Europa und Asien die Hand.

Gegenüber den großen, ganz modernen Kronsgebäuden der Russen ziehen sich die wohnlichen, plattabgedachten, gallerieumwundenen Häuser der Armenier hin, welche gleichsam den Uebergang zu den rohen, halb unterirdischen Sakli's der Georgier, Perser und Tataren bilden.

Neben der Tschadraverhüllten Georgierin wandelt die russische Beamtenfrau; neben dem wilden Kurden vom Ararat reitet der donische Kosak; zur Seite der moskowitischen Grauröcke drängen sich die zerlumpten Muschat (Lastträger) aus Imerethi, Ossethi und Lesghistan.

Wir überschreiten den Markt und winden uns durch die langen, krummen Straßen, wo die Schwertfeger, die Gewehrmacher, die Schmiede, die Schneider – kurz, die Vertreter aller Gewerbe ihre Thätigkeit in offenen Werkstätten entfalten. Hier kauft man um ein Billiges die berühmten kaukasischen Dolche (Kinshal's), Degen (Schaschka's), Pulverhörner, Gürtel, Tuche, Tscherkesken und Schabracken.

Diese immer belebten Straßen führen uns zu dem armenischen Bazar, und von dort über den geräuschvollsten Markt von Tiflis zu dem hohen, umfangreichen Karawanserai, welches mit seinen vielen Zellen, Magazinen, Gallerien und Gewölben eine kleine Stadt für sich bildet, und zu den prachtvollsten Gebäuden dieser Art im Orient gehört. Hier liegen die kostbarsten Erzeugnisse des Morgenlandes: Shawls, Seidenstoffe, Teppiche u. s. w. aufgehäuft, und es herrscht in diesen weiten Räumen vom Morgen bis zum Abend ein Menschengewühl, ein Sprachengewirr, eine Mannichfaltigkeit der 114 Physiognomien und Trachten, wie man selbst zur Meßzeit in den lebhaftesten Städten Deutschlands nichts Aehnliches steht.

Unter den Männern finden wir eine Menge hochgewachsene, kräftige, schöne Gestalten; während die georgischen und armenischen Frauen, denen wir im Bazar und dem Karawanserai begegnen, ihrer Mehrzahl nach einen häßlichen Gegensatz bilden zu den schönen Pilgerinnen, welche wir auf der Wallfahrt zum heiligen Davidsberge kennen gelernt haben. Denn auf den Märkten und Bazars lassen sich meistens nur alte Frauen sehen (in Tiflis gilt eine Frau schon für alt, wenn sie das dreißigste Lebensjahr überschritten), und so sehr die Georgierinnen in ihrer Jugend anmuthig erscheinen und hohen Preises werth, so abschreckend ist ihre Häßlichkeit im Alter.

Und diese schnelle Umwandlung wird hier nicht ausgeglichen durch jene aus höherer Bildung entspringenden Eigenschaften, welche bei uns auch häßliche und alte Frauen oft so liebenswürdig und angenehm im Umgange machen.

Ueberhaupt gehört eine solche Häßlichkeit, wie man sie gewöhnlich bei den älteren Georgierinnen findet, bei uns zu den seltensten Ausnahmen. . . .

Wir verlassen das große Karawanserai, wenden, behutsam einer Karawane waarenbepackter Kameele ausweichend, unsere Schritte der Brücke zu, welche die beiden, durch den Kyros getrennten Stadthälften verbindet, und indem wir auf »den Sand« gelangen (so heißt ein Viertel der Neustadt Awlabar), befinden wir uns mitten unter einer – deutschen Bevölkerung!

Hier wohnen die eingewanderten Schwaben, hier ist die deutsche Kolonie von Tiflis, durch den Kyros getrennt von der übrigen Stadt.

115 Aus dem Gewühl des armenischen Bazars und des persischen Karawanserai, aus den Speichern der Schätze des Orients, belebt von Menschen mit feinen, sonnverbrannten Gesichtern und langen, faltenreichen Gewändern, und umlagert von lasttragenden Kameelen und Dromedaren, – sind wir urplötzlich in eine neue Welt versetzt und sehen vor uns ein rechtschaffen Stück Schwabenleben, mit allem Zubehör von Sprache, Behausung, Stummelpfeife und bloßen Hemdsärmeln.

Bei diesen breitschultrigen, faustkräftigen Argonauten des Neckars, die durch den Hellespont geschwommen, durch den Bosporus und das Schwarze Meer, die am Phasis gelandet und die Wälder von Kolchis durchzogen, um hier an den fruchtreichen Ufern des Kyros zu leben in Weingärten und Gottesfurcht, lassen wir uns nieder auf ein Stündchen, zu kurzer Erholung nach der langen Wanderung des Tages.

Hier zur Rechten in dem kleinen, wunderlich aufgestülpten Hause, dessen Dach eine etwas stärkere Hinneigung zur Erde verräth, als der Baumeister ursprünglich beabsichtigte, wohnt der ehrliche Salzmann, der Sandwirth von Tiflis.

Tretet ein, aber bückt Euch ein wenig, um den Kopf nicht an der niedrigen Thüröffnung zu zerschlagen.

Rechts ist das Billardzimmer; dort wird gespielt und gelärmt von russischen Offizieren; aber hier zur Linken ist ein kleines, ruhiges, blauangestrichenes Gemach, das Herr Salzmann allezeit für seine deutschen Landsleute bereitet hält, und das allen russischen und asiatischen Fußtritten unzugänglich bleibt. Dorthin wenden wir uns.

Ein kleiner, steifer Bursche, der allem Andern eher ähnlich sieht, als einem »garçon d'hôtel«, tritt uns entgegen.

116 »Grüß Gott, alter Bursche! Was macht Herr Salzmann?«

– Ischt nich zu Hause! –

»So ruf' die Frau Salzmann her, und bring' uns Wein, Kachetiner Abendröthe!«

Das war der Name, den wir dem blutrothen Weine von Kachetos in feierlicher Taufe gegeben, weil uns bei seinem Anblick immer ein heiliger Schauer überkam, wie beim Anblick der untergehenden Sonne . . .

Frau Salzmann, die kindergesegnete Gattin des Sandwirthes, erscheint, wischt sich nach wirthschaftlichem Brauch erst in der weißen Schürze die küchenbeschäftigte Hand ab, und reicht sie uns darauf zu freundlichem Willkommen.

Frau Salzmann besitzt unter andern trefflichen Eigenschaften auch die: den besten deutschen Eierkuchen in Tiflis zu backen. Sie hat dadurch nicht blos in der Nachbarschaft, sondern bei allen deutschen Kaukasus-Reisenden eine gewisse Berühmtheit erlangt. In jedem Reisewerk wird ihrer Erwähnung gethan. Sie weiß das und hält darauf, daß die Eierkuchen immer hübsch locker gerathen, damit ihr guter Leumund nicht zu Schanden werde vor den Augen der Welt.

In dem blauen Zimmer steht ein blaugedeckter Tisch; dort halten wir unsere Tafelrunde. Dem billigen Kachetiner folgt der theure Champagner; denn es gehört einmal zur europäischen Sitte in Tiflis, das Mahl durch Champagner zu beschließen, und dieser Sitte muß sich hier Jedermann fügen, der für anständig gelten will, wie bei uns der Sitte des Fracktragens und der weißen und gelben Glacéhandschuhe.

Welcher deutsche Reisende, der in Tiflis gewesen, hätte nicht bei Salzmann auf dem Sande an der Tafelrunde gesessen, und sich so begeistert am Kachetiner und Champagner, 117 daß ihm beim Nachhausegehen in der mondhellen Nacht der ganze Himmel vorgekommen wie ein riesiges Tischlaken, und der Mond wie ein leuchtender Eierkuchen, und die Sterne wie funkelnde Gläser!

So erging es auch uns an jenem Abend, als wir, nach begeisternder Erholung von unserer Wallfahrt zum Davidsberge, den »Sand« verließen, um in's Innere der Stadt zurückzukehren.

Kein Wölkchen trübte den lichtblauen Himmel, aber es lag in der Luft eine Wärme, als ob der fast sonnenhelle Mond Georgiens auch das Feuer der Sonne hätte.

Die Straßen waren beinahe ganz menschenleer, der Bazar und alle Werkstätten geschlossen. Nur hin und wieder taumelte ein betrunkener Soldat, schwebte eine tief in die blendendweiße Tschadra verhüllte Georgierin an uns vorüber.

Wir ließen die Straße links liegen, welche zu den kuppelbedeckten, heißen Schwefelbädern führt, denen Tiflis sein Entstehen und seinen Namen verdankt, und wandten uns in kürzester Richtung dem Eriwan'schen Platze zu.

Hier und da waren die Dächer von luftigen, weiblichen Gestalten belebt, die vom Mondschein umflossen, in ihren malerischen Gewändern einen feenhaften Anblick gewährten.

Balalaikatöne erschollen durch die Nacht, abwechselnd mit dem Rundgesange georgischer Schönen.

Doch wir durften nicht lange weilen bei den lieblichen Bildern, denn wo immer wir stehen blieben und die Mädchen uns bemerkten, da verschwanden sie schnell vor unsern spähenden Blicken.

Aber einmal mußte ich stehen bleiben und lauschen, ich konnte nicht fort, es fesselte meine Füße gewaltsam. Der Klang 118 einer Männerstimme traf mein Ohr, und die Töne schienen mir so vertraut . . . ich erkannte die Stimme – ich erkannte das Lied – ich erkannte Dich, Mirza-Schaffy, o Weiser von Gjändsha!

Noch sehe ich die gelben Koschi (Pantoffeln), die rothen Nepkawi (Pantalons), den sammtenen Kaftan und den durchsichtigen Schleier Deiner Schönen, als sie schüchtern auf dem Dache des grauen Häuschens stand und Deinen flehenden Tönen lauschte.

Du glaubtest Dich versteckt und unbemerkt im Schatten des Hauses in der einsamen Gasse. Aber nimmer vergesse ich Dein Bild, o Weiser! wie Du die Hände bald an's Herz preßtest, und bald halbmondförmig an die Ohren hieltest, gleichwie zum Gebete vor dem holdseligen Wesen über Dir!

Wo blieb Zuléikha, und wo Deine Treue für sie?

Es waren der Wunder noch nicht genug für den schönen Abend.

Als ich mich auf dem Eriwan'schen Platze trennen wollte von meinen Begleitern, bat mich einer davon, ihn noch auf ein Stündchen in seine neue Wohnung zu begleiten.

»Ich habe die Wohnung genommen – sagte er vertraulich – weil gerade gegenüber die Fürstin O . . . ., ein wunderliebliches Wesen wohnt, ein Meisterstückchen der Schöpfung! Schon seit drei Monaten folge ich ihr regelmäßig auf all' ihren Wallfahrten zum heiligen Davidsberge. Die landesungewöhnliche Beständigkeit meiner Neigung scheint ihr Herz gerührt zu haben, denn sie hat vor mir schon einen großen Theil ihrer georgischen Schüchternheit abgestreift. Sie zeigt sich mir unverschleiert auf dem Dache, empfängt Blumensträuße, die ich ihr Abends heimlich zuwerfe, und scheint zwei 119 ihrer Freundinnen in ihr Geheimniß eingeweiht zu haben, denn alle drei sitzen oft Stundenlang oben im traulichen Gespräche, ohne sich durch meine bei offenem Fenster angestellten Betrachtungen verscheuchen zu lassen.«

Das Glück folgte unsern Schritten, denn die junge Fürstin saß wirklich noch auf dem Dache mit ihren beiden Freundinnen, als wir eintraten in die Wohnung meines Bekannten.

Wir zündeten kein Licht an im Zimmer, um desto besser sehen zu können, ohne gesehen zu werden.

Wie ein Heiligenschimmer umfloß das Mondlicht die drei lieblichen Gestalten, wie sie da saßen mit gekreuzten Beinen. Die zwei Fremden waren in die weiße Tschadra gehüllt, unter welchen die faltenreichen Nepkawi feuerroth hervorquollen. Die junge Fürstin aber trug blauseidene Hosen, hell wie der Abendhimmel im Mondschein, und ein dunkler Sarafan umschlang ihre jugendlichen Glieder.

Ueber eine Stunde hatten wir gesessen, verloren im Anschauen des schönen Bildes vor uns, als plötzlich alle drei Frauen aufsprangen und schäkernd auf dem Dache umherwandelten.

Da – Eine bleibt stehen! sie scheint uns zu bemerken, denn nachdem sie eine Weile spähende Blicke herübergeworfen, wendet sie sich um, wahrscheinlich um ihren Begleiterinnen einen Wink zu geben; aber siehe! fast in demselben Augenblicke ist die junge Fürstin ebenfalls stehen geblieben, nicht um nach uns zu suchen, nein, sie bückt sich, und lüftet . . . und tastet . . .

Trotz des kleinen Gegenstandes, um den es sich handelt, bin ich in großer Verlegenheit, wie ich die Zeichnung vollenden soll, ohne einerseits den poetischen Anstand, und 120 andererseits die prosaische Wahrheit zu verletzen. Ich bemerke nur, daß mir beim Nachhausegehen unwillkürlich die Worte Göthe's in den Ohren summten:

Es war einmal ein König,
Der u. s. w. 121

 

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