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Tartarin in den Alpen

Alphonse Daudet: Tartarin in den Alpen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
translatorStephan Born
firstpub1886
year1886
publisherH. le Soudier
addressLeipzig
titleTartarin in den Alpen
created20070217
sendergerd.bouillon
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VIII

Denkwürdiges Zwiegespräch zwischen der Jungfrau und Tartarin. – Ein nihilistischer Salon. – Das Duell auf Jägermesser. – Fürchterliche Angst. – «Mich suchen Sie, meine Herren?» – Sonderbarer Empfang der Delegation von Tarascon durch den Gasthofsbesitzer Meyer.

Wie alle Prachthotels von Interlaken liegt das von Herrn Meyer gehaltene Hotel Jungfrau auf dem Höheweg, der breiten Promenade mit zwei Reihen mächtiger Nussbäume, die Tartarin von fern an seinen geliebten Stadtwall von Tarascon erinnerte, nur dass die Sonne, der Staub und die Grillen hier fehlten; denn seit einer Woche, die er sich hier befand, hatte es nicht aufgehört zu regnen.

Er bewohnte ein sehr schönes Zimmer mit Balcon im ersten Stock. Und wenn er morgens vor einem kleinen Handspiegel am Fenster seine Toilette beendete, eine alte Reisegewohnheit, so war der erste Gegenstand, dem seine Augen jenseits der Wiesen, der Kleefelder und der steil ansteigenden Tannengehölze begegneten, die Jungfrau, die ihren schneeweissen Gipfel aus den Wolken erhob, und stets von einem flüchtigen Blick der verborgenen Sonne geherzt wurde. Dann entspann sich zwischen der rosig und weiss schimmernden Alpenfee und dem Alpenfreund von Tarascon ein kurzes Zwiegespräch, dem es an grossen Zügen nicht gebrach.

«Tartarin, sind wir bereit?» fragte die Jungfrau strenge.

«Voilà, voilà...» antwortete der Heros, und er beeilte sich, mit seinem Bart fertig zu werden. Rasch hatte er sein Kostüm für die Bergbesteigung angelegt, das er seit einigen Tagen in die Ecke geworfen hatte. Er machte sich selbst Vorwürfe über diese Vernachlässigung:

«Verwünschte Geschichte, sagte er zu sich selber. Nun ja, es ist toll von mir....»

Aber eine kleine, bescheidene, helle Stimme drang zwischen den Myrthenstöcken auf dem Fenstersims zu ebner Erde herauf:

«Guten Tag...» sagte Sonia, als sie ihn auf dem Balcon erscheinen sah. «Der Wagen erwartet uns.... eilen Sie sich, Faulpelz....

– Ich komme, ich komme....»

In zwei Bewegungen hatte er das grobwollene Hemd durch ein feines, gestärktes Leinenhemd, seine Bergjoppe durch ein giftgrünes Jaquett ersetzt, das am Sonntag, bei der Musik, allen Damen von Tarascon den Kopf verdrehte.

Der Wagen stand vor dem Hotel. Sonia sass schon darin neben ihrem Bruder, der trotz des wohlthätigen Klimas von Interlaken von Tag zu Tage bleicher und magerer geworden war. Im Augenblick, wo er einstieg, bemerkte Tartarin regelmässig von einer Bank auf dem Höheweg zwei Gestalten sich erheben und in dem schaukelnden Schritt von Gebirgsbären an ihn herantreten: die beiden berühmten Führer von Grindelwald, Rudolf Kaufmann und Christian Inebnit, mit denen er für die Besteigung der Jungfrau abgeschlossen hatte und die jeden Morgen ankamen, um sich zu erkundigen, ob ihr Herr bereit sei.

Die Erscheinung der beiden Männer in starken genagelten Schuhen und groben Tuchjacken, die auf dem Rücken und den Schultern von den Lasten und Seilen, die sie getragen, hart mitgenommen waren, ihre treuherzigen und ernsten Gesichter, die paar Worte französisch, die sie mühsam radebrechten, während sie verlegen an den Bändern ihrer grossen Filzhüte kneteten, für Tartarin war dies eine wirkliche Pein. Er mochte ihnen wohl sagen:

«Bemühen Sie sich nicht... ich werde Sie rufen lassen....»

Was half es?

Tag für Tag fanden sie sich an derselben Stelle ein und entledigte er sich ihrer durch ein grosses Stück Geld, das im Verhältniss zu der Schwere seiner Gewissensbisse stand. Die Führer waren gar nicht unzufrieden, solcher Weise die Jungfrau zu besteigen, sie steckten mit ernstester Miene das Trinkgeld ein und gingen, in ihr Schicksal ergeben, in ihr heimathliches Dorf zurück, während Tartarin, über seine Schwäche arg beschämt, zurückblieb. Dann wirkte wieder die frische Luft, die blumige Aue, die sich in den feuchten Augen Sonia's wiederspiegelte, der zufällige Zusammenstoss eines feinen Schuhs mit seinem schweren Stiefel auf dem Boden des Wagens... und zum Teufel war die Jungfrau! Der Held dachte nur noch an seine Liebe, oder vielmehr an die Aufgabe, die er sich gestellt, diese arme kleine Sonia, eine unbewusste Verbrecherin, die aus geschwisterlicher Anhänglichkeit ausserhalb des Gesetzes und der Natur gedrängt worden war, wieder auf den rechten Weg zurückzuführen.

Dieses Motiv allein hielt ihn in Interlaken zurück, und zwar in demselben Hotel wie die Wassiliew. In seinem Alter, mit seinem papalichen Aussehen durfte er nicht daran denken, die Liebe jenes Kindes zu gewinnen; aber er sah sie so sanft, so brav; sie war so freigebig gegen alle Bedürftigen, die zu ihrer Partei gehörten, so aufopfernd für den Bruder, den die sibirischen Bergwerke ihr von Grünspan vergiftet, mit einem von Geschwüren zerfressenen Körper zurück gegeben hatten, und der durch die Schwindsucht sicherer dem Tode verfallen war, als durch jedes Urtheil eines Kriegsgerichtes. Er hatte wohl hinreichenden Grund, sie mit Rührung zu betrachten, gewiss!

Und Tartarin machte ihnen den Vorschlag, sie mit sich nach Tarascon zu nehmen, ihnen ein sonnenhelles Landhäuschen dicht vor den Thoren der Stadt einzurichten, der guten kleinen Stadt, in der es niemals regnet, in der man sein Leben mit Gesang und Festlichkeiten zubringt. Er gerieth in Eifer, trommelte eine Melodie auf seinem Hut und stimmte nach dem Takt der Farandole die muntere Nationalweise an:

Lagadigadéu, etc.

Doch während die schmalen Lippen des Kranken sich zu einem ironischen Lächeln verzogen, schüttelte Sonia den Kopf. Für sie gab es keine Sonne, keine Festlichkeiten, so lange das russische Volk unter dem Tyrannen sich zu Tode röchelte. Sobald ihr Bruder genesen wäre, – in ihren feucht schimmernden Augen las man diese Hoffnung nicht, – werde nichts sie hindern dorthin zurückzukehren und für die heilige Sache zu leiden und zu sterben.

«Aber, verwünschtes Loos, rief der Tarasconnese aus, wenn sie diesen Tyrannen in die Luft gesprengt haben, kommt nach ihm ein anderer.... Dann heisst es von vorn wieder anfangen.... Und die Jahre schwinden, vé! die Zeit, wo das Glück und junge Liebe uns winkt....» Seine Art, das Wort «Liebe» zu betonen, während ihm die Augen zum Kopf heraustraten, belustigte das junge Mädchen; doch sogleich wieder ernst werdend, erklärte sie, nur den Mann lieben zu können, der ihr Vaterland befreien werde. O, diesem, und wäre er auch so hässlich wie Bolibin, so bäurisch und unmanierlich wie Manilow, ihm würde sie sich bereitwillig hingeben, in «freier Liebe» mit ihm zusammenleben, so lange ihre Jugend daure und jener Mann sie wolle.

«In freier Liebe», der Ausdruck, dessen die Nihilisten sich bedienen, um jene illegalen, nur durch gegenseitige Einwilligung zwischen ihnen eingegangenen Verbindungen zu bezeichnen. Und von einer solchen primitiven Ehe sprach Sonia ruhig mit ihrer jungfräulichen, schuldlosen Miene in Gegenwart des Tarasconnesen, der, obwohl ein braver Philister, ein friedliebender Staatsbürger, ganz und gar geneigt war, seine Tage an der Seite des lieblichen Mädchens, in dem eben erwähnten Verhältniss der freien Liebe zuzubringen, wenn sie nur nicht so mörderische, verabscheuungswürdige Bedingungen gestellt hätte.

Während sie diese äusserst bedenklichen Fragen berührten, entfalteten sich Felder, Seen, Wälder und Berge vor ihren Blicken, und überall, an jeder Krümmung der Strasse, hinter dem durchsichtigen feuchten Schleier unerschöpflichen Regens, der den Helden auf seinen Ausflügen begleitete, erhob die Jungfrau ihren schimmernden Gipfel, als wolle sie in das Vergnügen der köstlichen Spazierfahrt eine herbe Mahnung mengen. Man kehrte zum Mittagessen zurück und setzte sich an die ungeheure Table-d'hôte. Tartarin hatte seinen Platz neben Sonia; er war nur darauf bedacht, dass Boris kein offenes Fenster im Rücken hatte; zuvorkommend, väterlich, kehrte er alle Liebenswürdigkeit des Weltmannes, alle geselligen und häuslichen Tugenden eines vortrefflichen zahmen Kaninchens hervor.

Darauf nahm man den Thee bei den Russen ein in dem kleinen offenen Salon, der im Erdgeschoss auf ein Gartenplätzchen am Rande der Promenade hinausging. Dies war für Tartarin eine köstliche Stunde vertraulicher, mit leiser Stimme geführter Unterhaltung, während Boris auf einem Sopha schlummerte. Im Samowar brodelte das heisse Wasser; der Duft regengetränkter Blüthen drang durch die halbgeöffnete Thür mit dem blauen Schimmer der Glycinen, welche diese umrankten. Ein wenig mehr Sonne, ein wenig mehr Wärme, und der Traum des Tarasconnesen fand sich verwirklicht: seine kleine Russin lebte bei ihm, dort unten in seiner Heimath, und pflegte das Gärtchen mit dem Baobab.

Auf einmal fuhr Sonia in die Höhe:

«Zwei Uhr!... Und die Post?

– Ich gehe,» sagte der gute Tartarin; und schon aus dem Ton der Stimme, der entschlossenen, theatralischen Handbewegung, mit der er sein Jaquett zuknöpfte und nach seinem Stock griff, hätte man entnehmen können, wie wichtig dieser so einfache Gang auf die Post war, um die poste restante eingelaufenen Briefe für die Wassiliew zu holen.

Seit ihrem Aufenthalt in Interlaken hatte Tartarin, da Boris sich kaum mehr schleppen konnte, auf seine Gefahr hin diesen täglichen unangenehmen Gang übernommen, um Sonia das widerwärtige lange Warten am Schalter unter all den neugierigen Blicken zu ersparen. Die Briefpost liegt nur zehn Minuten vom Hôtel entfernt, in einer breiten belebten Strasse, welche die Fortsetzung der Promenade bildet; zu beiden Seiten Cafés, Brauereien, Läden für die Fremden, Verkaufsstände mit Alpenstöcken, Kamaschen, Riemen, Ferngläsern, mit Rauch geschwärzten Brillen, Feldflaschen, lauter Dingen, die absichtlich hier zu sein schienen, um den abtrünnigen Alpensteiger zu beschämen. In ganzen Karawanen zogen die Touristen vorüber: Pferde, Führer, Maulthiere, blaue und grüne Schleier, dabei das Geklirr der Kochgeräthe bei jedem Schritt der beladenen Thiere und das taktmässige Aufstossen der eisenbeschlagenen Spitzen auf das Pflaster. Doch dieser stets sich erneuernde Aufzug liess ihn gleichgültig. Er fühlte nicht einmal den kalten Schneewind, der stossweise von den Alpen herunterwehte, seine ganze Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, die Spione zu erspähen, die ihm vermuthlich auf der Spur waren.

Der erste Soldat im Vorposten, der Tirailleur, der in der feindlichen Stadt sich längs der Mauern hinschleicht, kann sich nicht misstrauischer vorwärts bewegen, als der Tarasconnese während des kurzen Ganges vom Hotel bis zur Post. Bei dem leisesten Geräusch eines Stiefelabsatzes hinter sich, blieb er betrachtend vor den ausgestellten Photographien stehen, durchblätterte er ein englisches oder deutsches Buch, um den Polizisten zu zwingen, an ihm vorüberzugehen. Er drehte sich auch wohl urplötzlich um und guckte mit grimmigen Augen einer dicken, Einkäufe machenden Wirthstochter oder irgend einem unschuldigen Touristen unter die Nase, einem alten Pflaumenesser, der erschrocken das Trottoir verliess und ihn für einen Verrückten hielt.

Vor dem Postgebäude, dessen Schalter seltsamer Weise sich nach der Strasse hin öffnen, schritt Tartarin auf und nieder, die Physiognomien betrachtend, ehe er näher zu treten wagte; dann that er einen Satz, zwängte den Kopf, die Schultern in die Oeffnung, flüsterte undeutlich einige Worte, die er stets wiederholen musste, was ihn zur Verzweiflung brachte; und endlich, im Besitz des geheimnissvollen Packets, kehrte er auf einem grossen Umweg, an der Seite wo die Küchen liegen, in's Hotel zurück, die Hand in der tiefen Tasche, ein Pack Briefe und Zeitungen umklammernd und bereit, bei dem geringsten verdächtigen Umstand Alles zu zerreissen oder zu verschlingen.

Manilow und Bolibin warteten fast immer bei ihren Freunden auf die eingetroffenen Nachrichten. Wegen grösserer Sparsamkeit und vorsichtshalber wohnten sie nicht im Hotel. Bolibin hatte in einer Buchdruckerei Beschäftigung gefunden, und Manilow, ein sehr geschickter Kunstschreiner, arbeitete für mehrere Werkstätten. Der Tarasconnese fühlte keine Zuneigung zu ihnen, der Eine war ihm unangenehm durch sein Gesichterschneiden, seine spöttischen Mienen; der Andere erschreckte ihn durch seine drohenden Blicke. Auch nahmen sie einen zu grossen Platz in Sonia's Herzen ein.

«Er ist ein Held!» sagte sie von Bolibin, und erzählte, wie er drei Jahre lang, ganz allein, mitten in Petersburg ein revolutionäres Blatt gedruckt habe. Drei Jahre lang, ohne ein einziges Mal auf die Strasse zu gehen, ohne sich an einem Fenster zu zeigen, in einem grossen Wandschrank schlafend, in den seine Hauswirthin ihn jeden Abend sammt seinen unerlaubten Drucksachen einschloss.

Und das Leben Manilow's während sechs Monaten, im Souterrain des Winterpalastes, wo er auf den günstigen Augenblick lauerte, in der Nacht auf seinem Dynamitvorrath schlief, was ihm schliesslich unerträgliche Kopfschmerzen und nervöse Anfälle verursachte, die noch verschlimmert wurden durch die fortwährende Angst, durch das oftmalige unerwartete Erscheinen der Polizei. welche die unbestimmte Warnung erhalten hatte, dass etwas im Werke sei, und nun plötzlich die im Palast beschäftigten Arbeiter überraschte. Bei seinen seltenen Ausgängen begegnete Manilow auf dem Admiralsplatz einem Abgesandten des revolutionären Comités, der im Vorübergehen leise fragte:

«Ist es geschehen?

– Nein, noch nichts...» sagte der Andere, ohne die Lippen zu bewegen. An einem Februarabend endlich antwortete er auf dieselbe in den gleichen Worten gestellte Frage mit grösster Ruhe:

«Es ist geschehen....»

Und gleichzeitig bestätigte ein entsetzlicher Knall seine Worte, alle Lichter im Palast verlöschten plötzlich, der Platz war in vollständige Finsterniss gehüllt, aus welcher herzzerreissende Schmerzens- und Schreckensschreie hervortönten, die sich in das Blasen der Signalhörner, in das Rennen der mit Tragbahren herbeieilenden Soldaten und Feuerwehrmänner mischten.

Und Sonia unterbrach ihre Erzählung:

«Wie schrecklich, so viele Menschenleben zu opfern, so viel Mühe, Muth, Scharfsinn, und alles vergeblich?... Der, auf den es abgesehen ist, entkommt immer.... Das richtigste, menschlichste Verfahren wäre, dem Zar zu Leibe zu gehen, wie Sie dem Löwen; fest entschlossen, wohl bewaffnet sich an ein Fenster, einen Wagenschlag stellen... und wenn er vorüberkommt....

, ja... gewi...iss...» sagte Tartarin verlegen; er stellte sich, als ob er die Anspielung nicht verstehe, und sogleich vertiefte er sich in eine philosophische, humanitäre Discussion mit einem der zahlreichen Anwesenden, denn Bolibin und Manilow waren nicht die einzigen Besucher der Wassiliew. Täglich erschienen neue Gesichter, junge Leute, Männer und Frauen, ihrem Aussehen nach arme Studenten, überspannte Erzieherinnen, blond und rosig, welche dabei die energische Stirn und die wilde Kindernatur Sonia's besassen. Es waren Verbannte, ausserhalb des Gesetzes stehende, einige sogar zum Tode Verurtheilte, was ihnen nichts von ihrer lebensfrischen Jugend nahm.

Sie lachten und schwatzten laut, und da die meisten französisch sprachen, fühlte sich Tartarin schnell behaglich unter ihnen. Sie nannten ihn «Onkel», und erkannten in seinem Wesen etwas Kindliches, Naives, das ihnen gefiel. Vielleicht ging er etwas zu weit bei der Erzählung seiner Jagdabenteuer, indem er den Aermel bis zum Ellenbogen hinaufstreifte, um auf dem behaarten Arm die Narbe zu zeigen, welche die Tatze eines Panthers da zurückgelassen, oder auch unter seinem Bart die Löcher fühlen liess, die von den Zähnen eines Löwen vom Atlasgebirge herrührten. Vielleicht war er auch gleich gar zu vertraulich mit den jungen Leuten, nahm sie um die Taille, stützte sich auf ihre Schulter, nannte sie, nachdem er fünf Minuten mit ihnen zusammen gewesen, bei ihrem Vornamen:

«Hören Sie, Dimitri.... Sie kennen mich, Fedor Iwanowitsch...» Nicht gerade seit langer Zeit, jedenfalls; doch trotzdem gewann er sie durch seine Offenheit, durch sein liebenswürdiges, vertrauensvolles Wesen, durch das sichtliche Bemühen, zu gefallen. Sie lasen Briefe in seiner Gegenwart, ersannen Pläne und Losungswörter, um die Polizei irre zu führen, einen ganzen Verschwörungsapparat, der die Phantasie des Tarasconnesen ungemein beschäftigte; und obwohl seine Natur jeder Gewaltthat widerstrebte, konnte er sich bisweilen nicht enthalten, ihre mörderischen Pläne mit ihnen zu besprechen. Er billigte, tadelte, gab Rathschläge, wie sie die Erfahrung eines grossen Anführers lehrte, der auf dem Kriegspfad gewandelt und gewöhnt ist an die Handhabung jeglicher Waffe, der Aug' in Auge mit den gewaltigsten Raubthieren gekämpft hat.

Einmal sogar, als sie in seiner Gegenwart von der Ermordung eines Polizisten sprachen, den ein Nihilist im Theater erdolcht hatte, bewies er ihnen, dass der Stoss schlecht geführt worden war und unterrichtete sie im Gebrauch des Messers:

«Sehen Sie, so, vé! von oben nach unten Man läuft nicht Gefahr sich zu verwunden....»

Und sich durch seine eigene Mimik ereifernd, fuhr er fort:

«Gesetzt den Fall, té! dass ich einen Despoten unter vier Augen, auf einer Bärenjagd anträfe. Er steht dort, wo Sie sind, Fedor; ich stehe hier, neben dem Guéridon, und Jeder hat sein Jagdmesser.... Jetzt gilt's, Euer Gnaden, ziehen Sie los....

Mitten in den Salon hingepflanzt, auf die kurzen Beine gestemmt, um zum Sprunge bereit zu sein, wie ein Holzhacker oder ein Bäckergeselle röchelnd, stellte er durch Geberden einen wirklichen Kampf dar, den ein Schrei des Triumphes beendete, nachdem er die Waffe bis an das Heft, und zwar von unten nach oben, vermaledeites Loos! seinem Gegner in den Leib gestossen hatte.

«So geht es dabei zu, meine Kleinen!»

Doch nachher – welche Gewissensbisse, welche Angst, wenn er dem magnetischen Zauber Sonia's und ihrer blauen Augen, so wie dem berauschenden Einfluss entzogen war, den all' diese überspannten Köpfe ausübten, wenn er in der Nachtmütze mit seinen Gedanken und dem allabendlichen Glas Zuckerwasser sich allein befand.

Worein mischte er sich? Der Zar war doch wirklich nicht sein Zar, und all' jene Geschichten gingen ihn nichts an.... Sah er sich nicht schon an einem der nächsten Tage in's Gefängniss geschleppt, ausgeliefert, der moskowitischen Justiz überwiesen?... Boufre! und sie spassen nicht, diese Kosaken.... Und mit der schrecklichen Erfindungsgabe, welche die horizontale Lage noch erhöhte, entrollten sich in der Dunkelheit seines Hotelzimmers, wie auf einem jener auseinander zu legenden Bilderbogen, die man ihm in seiner Kindheit am Neujahrstage schenkte, die verschiedenen furchtbaren Folterqualen vor seinen Augen, denen er unterworfen wurde. Tartarin, gleich Boris, in den Kupferbergwerken arbeitend, bis zum Bauch im Wasser, den Körper zerfressen, vergiftet. Er entrinnt und versteckt sich in den schneebedeckten Wäldern, verfolgt von den Tartaren und den auf die Menschenjagd abgerichteten Hunden. Von Kälte und Hunger erschöpft, wird er von Neuem ergriffen und schliesslich zwischen zwei Galeerensträflingen gehenkt, nachdem ihn ein nach Branntwein und Thran stinkender Pope mit schmierig glänzenden Haaren umarmt und geküsst hat; während da hinten in Tarascon, im helleu Sonnenschein, bei dem Fanfarengeschmetter eines herrlichen Sonntags, das Volk, das undankbare, vergessliche Volk, den freudestrahlenden Costecalde auf den Präsidentensessel als P. C. A. setzt.

In der Beängstigung eines jener bösen Träume hatte er den Nothschrei ausgestossen: «Zu mir, Bézuquet!...» und dem Apotheker den vertraulichen, von Angstschweiss noch feuchten Brief geschickt. Doch der sanfte Morgengruss Sonia's an seinem Fenster genügte, um ihn zu bezaubern, ihn von Neuem in die Schwäche und Unentschlossenheit zurückzurufen.

Als er eines Abends nach zweistündigem Anhören einer sinnberückenden Musik mit den beiden Wassiliew und Bolibin aus dem Kursaal in's Hotel zurückkehrte, vergass der Unglückliche alle Vorsicht, und das so lange unterdrückte: «Sonia, ich liebe Sie!» er sprach es aus, ihr zärtlich den Arm drückend, der in dem seinigen ruhte. Sie verlor nicht die Fassung, doch ganz blass, betrachtete sie ihn, unter dem Gas des Perrons, auf dem sie stillstanden. «Nun, so suchen Sie mich zu verdienen,» sagte sie mit einem reizenden, räthselhaften Lächeln, einem Lächeln, das sich über die kleinen weissen Zähne zog. Tartarin war im Begriff zu antworten, sich durch einen Schwur zu irgend einer verbrecherischen Thorheit zu verpflichten, da trat der Hoteldiener an ihn heran:

«Es sind oben Leute für Sie.. mehrere Herren.... sie suchen Sie.

– Sie suchen mich.... Outre! weshalb?» Und Nummer Eins des Bilderbogens erschien ihm: Tartarin eingesperrt, ausgeliefert.... Gewiss, er hatte Angst, aber seine Haltung war heldenmüthig. Sich schnell von Sonia losmachend, sagte er mit erstickter Stimme: «Fliehen Sie, retten Sie sich....» Darauf stieg er die Treppe hinauf, mit hoch erhobenem Kopf, stolzem Blick, als ginge er auf's Schaffott, doch so erschüttert, dass er genöthigt war, sich an das Geländer zu klammern.

In den Gang tretend, gewahrte er im Hintergrunde, vor seiner Thür, eine Anzahl Menschen, die durch das Schlüsselloch guckten, sich stiessen, riefen: «Hé, Tartarin!...»

Er that zwei Schritte vorwärts und mit trockner Kehle fragte er: «Mich suchen Sie, meine Herren?

Té! Freilich, Herr Präsident!...»

Ein kleiner, behender, dürrer Alter, ganz in Grau gekleidet, der auf seiner Jacke, seinem Hut, seinen Kamaschen, seinem langen, hängenden Schnurrbart allen Staub der langen Reise zu tragen schien, warf sich dem Helden um den Hals und rieb die ausgedörrte Lederhaut des ehemaligen Monturoffiziers gegen seine platten, weichen Backen.

«Bravida!... nicht möglich!... Excourbaniès auch!... Und dort hinten, wer ist das?...»

Ein Meckern antwortete: «Theurer He...e...e...err!» Es war der Lehrling, der mit einem, wie eine lange Bohnenstange aussehenden Stecken hervortrat, welcher oben mit grauem Papier und Wachsleinwand umbunden war; er stiess damit an alle Wände.

«Hé! vé, das ist ja Pascalon.... Lass dich umarmen, mein Kleiner.... Aber was trägt er da?... Stell' das doch bei Seite!...

– Das Papier! nimm das Papier fort!...» flüsterte ihm der Kommandant zu. Der Junge entfernte mit schneller Hand die Umhüllung, und vor den Augen des niedergeschmetterten Tartarin entfaltete sich die Fahne von Tarascon.

Die Abgesandten entblössten das Haupt.

«Herr Präsident – die Stimme Bravida's bebte in feierlicher Erregung – Sie haben die Fahne verlangt, wir bringen sie Ihnen, ....»

Die Augen des Präsidenten wurden so gross und rund wie Aepfel: «Ich, ich habe verlangt?...

– Wie! haben Sie denn nicht...

– Ach! ja, parfaitemain...» sagte Tartarin, durch den Namen Bézuquet plötzlich aufgeklärt. Er begriff Alles, errieth das Uebrige, und gerührt durch die erfinderische Lüge des Apothekers, die ihn zur Pflicht und Ehre zurückrief, war er dem Ersticken nahe und stotterte in den kurzen Bart hinein: «Ach, meine Kinder, wie gut Ihr seid! wie wohl thut Ihr mir....

– Es lebe der Présidain!...» rief gellend Pascalon, die Oriflamme schwingend. Der mächtige Bass Excourbaniès' ertönte, und sein Kriegsruf «Ha! ha! ha! fen de brut...» drang erschütternd bis in die Keller des Hotels. Thüren wurden geöffnet, in allen Etagen zeigten sich neugierige Gesichter und sie verschwanden entsetzt beim Anblick des Banners, der schwarzen, haarigen Männer, welche mit den Händen in der Luft herumfuchtelnd, fremdartige Worte brüllten. Niemals hatte das friedliche Hotel Jungfrau einen solchen Lärm erlebt.

«Lasst uns in mein Zimmer gehen,» sagte Tartarin, ein wenig beschämt. Sie tasteten in dem dunklen Zimmer umher, die Streichhölzchen suchend, als auf ein gebieterisches Klopfen an die Thür diese von selbst aufging, und das barsche, gelbe, aufgedunsene Gesicht des Hotelbesitzers Meyer sich zeigte. Er war im Begriff einzutreten, wich aber zurück vor dem Dunkel, aus welchem schreckliche Augen hervorleuchteten, und von der Schwelle aus stotterte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen in seinem harten Berner Accent: «Verhalten Sie sich ruhig... oder ich lasse Sie Alle von der Polizei auflesen....»

Das Gebrüll eines Stiers drang bei dem rohen Wort «auflesen» aus dem Dunkel des Zimmers hervor. Der Wirth that einen Schritt rückwärts, warf aber noch die Drohung hin: «Man weiss, wer Sie sind, und ich will solches Volk nicht mehr in meinem Hause haben!...

– Herr Meyer, sagte Tartarin in ruhigem, höflichem, aber sehr bestimmtem Ton.... Stellen Sie mir meine Rechnung aus.... Jene Herren und ich werden morgen früh die Jungfrau besteigen.»

O heimathliche Erde, o kleines Vaterland im Grossen! Er brauchte nur den tarasconnesischen Accent zu hören, nur die heimathliche Luft zu spüren, die aus den azurblauen Falten des Banners ihm entgegenwehte, und Tartarin fühlte sich befreit von der Liebe und ihren Fallstricken, er fühlte sich seinen Freunden, seiner hohen Aufgabe und dem Ruhm zurückgegeben.

Jetzt, zou!...

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