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Tartarin in den Alpen

Alphonse Daudet: Tartarin in den Alpen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
translatorStephan Born
firstpub1886
year1886
publisherH. le Soudier
addressLeipzig
titleTartarin in den Alpen
created20070217
sendergerd.bouillon
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V

Vertrauliche Mittheilungen unter einem Tunnel.

«Die Schweiz, Herr Tartarin, ist gegenwärtig nur noch ein grosser vom Juni bis zum October geöffneter Kursaal, ein Casino-Panorama, wohin man aus allen vier Himmelsrichtungen zu seiner Zerstreuung sich begiebt, und das von einer ungeheuer reichen Compagnie mit hundert Millionen Milliarden ausgebeutet wird, die ihren Sitz in Genf und London hat. Ein wahres Heidengeld hat es natürlich gebraucht, um dieses ganze Gebiet, Seen, Wälder, Berge und Wasserfälle zu pachten, sauber auszuputzen und zu schmücken, um ein ganzes Volk von Angestellten und Statisten zu besolden, und auf schwindelnder Höhe glänzende Hotels mit Gas, Telegraph, Telephon zu erbauen....

– Das ist wirklich wahr, dachte Tartarin ganz laut; er erinnerte sich des Rigi.

– Na, ob!... Aber, Sie haben noch gar nichts gesehen.... Gehen Sie etwas weiter in's Land hinein, Sie finden da nicht einen Winkel, der nicht wie die Versenkungsräume des Opernhauses seine Kniffe und Maschinen-Geheimnisse hätte: Wasserfälle a giorno beleuchtet, Drehkreuze am Eingang zu den Gletschern, und bis auf die höchsten Gipfel eine Menge hydraulischer oder Zahnradbahnen. Immerhin, aus Rücksicht für die englische und amerikanische Kundschaft, bewahrt die Compagnie einigen berühmten Alpenhäuptern, wie Jungfrau, Mönch, Finsteraarhorn, ihr gefahrvolles, wildes Aussehen, obgleich da nicht mehr zu riskiren ist als anderwärts.

– Nicht möglich! Und die Spalten, mein Lieber, die schrecklichen Gletscherspalten!.... Wenn Sie da hineinfallen?

– Sie fallen auf den Schnee, Herr Tartarin, und Sie thun sich nicht sehr wehe. Unten, in der Tiefe, steht immer ein Portier, ein Jäger, irgend Jemand da, der Sie aufhebt, Sie abbürstet, schüttelt und höflichst sich erkundigt: «Haben der Herr auch Gepäck?...»

– Na, na, na.... Was schwatzen Sie da, Gonzague?

Aber Bompard machte ein immer ernsteres Gesicht.

«Der Unterhalt dieser Gletscherspalten ist eine der grössten Ausgaben der Compagnie.»

Einen Augenblick wurde es still unter dem Tunnel, in dessen Umgebung schon alles Geräusch aufgehört hat. Keine bengalischen Flammen, keine Raketen, keine Schiffe mehr auf dem See. Aber der Mond ist aufgegangen und malt eine andere konventionelle Landschaft hin, alles bläulich, flüssig, mit Streifen undurchdringlicher Schatten....

Tartarin sträubt sich doch, seinem Begleiter auf's Wort zu glauben. Indessen, er denkt an alles Unerhörte, was er in den vier Tagen erlebt hat, die Rigisonne, die Tellskomödie, und die Erfindungen Bompards gewinnen für ihn um so mehr Wahrscheinlichkeit, als bei jedem Bürger von Tarascon hinter dem prahlenden Narren ein leichtgläubiger Narr steckt.

«Mag sein, mein lieber Freund, aber wie erklären Sie sich die entsetzlichen Katastrophen?... die vom Matterhorn zum Beispiel?...

– Das ist schon sechszehn Jahre her, die Compagnie existirte damals noch nicht, Herr Tartarin.

– Aber noch letztes Jahr der Unfall auf dem Wetterhorn, die beiden Führer mit den Reisenden verschüttet!..

– Das gehört leider auch dazu, um die Alpenliebhaber anzuziehen... Einen Berg, auf dem noch Niemand den Hals gebrochen, sehen die Engländer nicht für voll an... Das Wetterhorn verlor seit einiger Zeit an Ansehen. Nach dem kleinen Unfall, von dem alle Blätter berichteten, stiegen auch da wieder die Einnahmen.

– Und die beiden Führer?...

– Befinden sich wohl und munter wie die Reisenden. Man hat sie nur verduften lassen, auf ein halbes Jahr in'sAusland geschickt... eine kostspielige Reklame, aber die Compagnie ist reich genug, um sich das leisten zu können.

– Hören Sie, Gonzague....»

Tartarin erhebt sich und legt eine Hand auf die Schulter des ehemaligen Cercle-Verwalters:

«Sie wollen gewiss nicht, dass mir ein Unglück begegnet, sagte er.... Gut, reden Sie offen mit mir; Sie wissen, was ich als Bergsteiger zu vollbringen vermag; nichts Grosses.

– Nichts Grosses, ja freilich.

– Glauben Sie indessen, dass ich ohne allzu grosse Gefahr die Besteigung der Jungfrau unternehmen könnte?

– Dafür stehe ich ein, und ich lege meine Hand dafür in's Feuer. Herr Tartarin; vé!

– Und wenn ich schwindlig werde?

– So machen Sie die Augen zu.

– Wenn ich ausgleite?

– Gleiten Sie zu.... Es geht wie auf der Bühne... Es ist Alles darauf eingerichtet.... Man riskirt nichts...

– Ach, wenn ich Sie bei mir hätte, um es mir an Ort und Stelle zu sagen und zu wiederholen.... Auf! mein Theuerster, eine gute That, kommen Sie mit mir!»

Bompard hätte nichts Besseres gewünscht, aber was war zu thun? er hatte seine Peruaner bis zum Schluss der Saison auf dem Halse. Und da sein Freund seine Verwunderung darüber ausspricht, ihn in einer so untergeordneten Stellung zu sehen, antwortet er ihm resignirt:

«Was wollen Sie, Herr Tartarin?... Es steht in meinem Vertrag.... Die Compagnie hat das Recht, unsere Dienste zu verwenden, wie es ihr beliebt.»

Und nun zählt er ihm alle seine seit drei Jahren erduldeten Schicksale an den Fingern her.... Führer im Oberland, Alphornbläser, alter Gemsjäger, ehemaliger Gardist unter Carl X., protestantischer Prediger auf den Sommerfrischen....

«Ist es möglich?» fragt ihn Tartarin, höchst überrascht.

Und der Andre antwortet in ruhigstem Tone:

«Ja, gewiss. Wenn Sie in der deutschen Schweiz reisen, so erblicken Sie bisweilen auf schwindelnder Höhe einen Pastor, der unter Gottes freiem Himmel predigt. Er steht auf einem Felsblock, oder auf einem zu einer Kanzel hergerichteten Baumstamm. Einige Hirten und Sennen, ihr Lederkäppchen in der Hand, Frauen in der Landestracht, stehen in malerischen Gruppen umher; und die Landschaft ist schön: grüne und frisch gemähte Wiesen, Wasserfälle rechts und links, und auf allen Weideplätzen Kuhherden mit schweren Glocken. Alles das, vé! ist pure Decoration, auf den Effekt berechnet. Aber nur die Angestellten der Compagnie, die Führer, Pastoren, Courriere, Gastwirthe sind in dem Geheimniss. Ihr Interesse ist es, die Sache nicht auszuschwatzen und die Kundschaft nicht zu vertreiben.»

Tartarin ist ganz betäubt von dem Angehörten. Er verstummt, das ist bei ihm der höchste Grad der Verblüfftheit. Und wenn er auch nicht jeden Zweifel an der Wahrhaftigkeit Bompard's zu unterdrücken vermag, so fühlt er sich doch bezüglich der Alpenbesteigungen beruhigter, zuversichtlicher. Bald ist er wieder in der Stimmung. Die beiden Freunde schwatzen von Tarascon, von den Spässen in früheren Tagen, als man noch jung war.

«Ja, was die Possen betrifft, sagte Tartarin plötzlich, da haben sie mir eine recht gute auf Rigi-Kulm gespielt.... Denken Sie sich, dass ich heute Morgen...» und er erzählt ihm von dem Zettel an seinem Spiegel, und er deklamirt pathetisch den Inhalt: Verdammter Franzose!... Es ist ein Spass, nicht wahr?...

– Wer weiss?... vielleicht...» sagt Bompard, der die Sache ernster zu nehmen scheint, als er. Er erkundigt sich, ob Tartarin während seines Aufenthaltes auf dem Rigi mit Niemand etwas Unangenehmes gehabt, nicht ein Wort zu viel gesagt hat.

«Ein Wort zu viel! Oeffnet man auch nur den Mund neben allen den Engländern, Deutschen, die unter dem Vorwand der Anstandsregeln stumm da sitzen wie die Karpfen.»

Nach kurzer Ueberlegung erinnert er sich indessen, so einem Stück Kosaken, einem gewissen Mi... Milanow gründlich heimgeleuchtet zu haben.

«Manilow, verbessert ihn Bompard.

Té! Sie kennen ihn?... Ganz unter uns gesagt, ich glaube, dass jener Manilow mir wegen einer kleinen Russin aufsässig war....

– Ja, Sonia... murmelte Bompard mit besorgtem Gesicht.

– Sie kennen sie ebenfalls? Ach, mein Freund, eine Perle, ein wahrer Schatz von einem Kind.

– Sonia Wassiliew.... Sie war es, die den General Felianin, den Präsidenten des Kriegsgerichts, der ihren Bruder zur lebenslänglichen Verbannung nach Sibirien verurtheilt hatte, auf offner Strasse mit einem Revolverschuss niedergestreckt hat.»

Sonia eine Mörderin! dieses Kind, diese zarte Blondine!... Tartarin will das nicht glauben. Aber Bompard erzählt mehr, er giebt genauere Einzelnheiten von der übrigens altbekannten Geschichte. Seit zwei Jahren wohnt Sonia in Zürich, wohin ihr Bruder Boris, der aus Sibirien entkommen, zu ihr gestossen ist. Er ist brustkrank, und während des ganzen Sommers geht sie mit ihm an einen Luftkurort in's Gebirge. Bompard ist ihr oft begegnet, sie ist regelmässig von Freunden umgeben, wie sie Flüchtlinge, Verschwörer. Die Wassiliew, beide sehr intelligent, sehr energisch, besitzen noch etwas Vermögen und stehen mit Bolibin, dem Mörder des Polizeipräfekten, und jenem Manilow, der letztes Jahr die Explosion im Winterpalast in's Werk gesetzt hat, an der Spitze der Nihilisten.

«Boufre! sagte Tartarin, man hat sonderbare Tischnachbarn auf Rigi-Kulm.»

Nun aber kommt noch etwas ganz Unerwartetes. Lässt der Bompard es sich doch nicht nehmen, dass der famose Zettel von jenen jungen Leuten herrührt! Darin erkennt er das Verfahren der Nihilisten. Alle Morgen findet der Zar solche Warnungen in seinem Kabinet, unter seiner Serviette....

«Aber wissen möchte ich, sagte Tartarin erbleichend, weshalb mir diese Drohungen? Was habe ich ihnen gethan?»

Bompard's Ueberzeugung ist es, dass man ihn für einen Spion gehalten hat.

«Für einen Spion? mich?

– So ist es! In allen nihilistischen Oertern, in Zürich, Lausanne, Genf, unterhält Russland mit schwerem Gelde eine ausgedehnte Ueberwachung. Seit einiger Zeit hat Russland den ehemaligen Leiter der ehemaligen französischen Polizei mit einem Dutzend Corsen in seinen Dienst genommen, welche sämmtlichen russischen Verbannten auf Tritt und Schritt nachgehen und sie beobachten. Sie thun das unter tausend Verkleidungen. Das Aussehen Tartarin's, seine Brille, sein Accent; das reichte hin, um ihn als einen Agenten verdächtig zu machen.

«Verwünschtes Pech! Jetzt fällt es mir ein... sie hatten während der ganzen Zeit einen italienischen Tenoristen an ihre Fersen geheftet.... Das ist sicherlich ein Spion... Aber, lieber Himmel, was soll ich nun thun?

– Vor Allem, mit den Leuten nicht mehr zusammentreffen, da Ihnen ja angekündigt wird, dass es Ihnen sonst schlimm ergehen wird.

– Ach, was, schlimm ergehen!... Dem Ersten, der mir nahe kommt, spalte ich den Kopf mit meiner Eishacke.»

Und seine Augen leuchteten bei diesen Worten in der Dunkelheit des Tunnels. Bompard aber ist nicht so ganz beruhigt, er weiss, was der Hass der Nihilisten zu bedeuten hat, wie er heimlich seine Opfer unterminirt. Es kann Einer, wie unser Präsident, recht gut ein Heros sein, aber man lege sich nur in jedes Wirthshausbett mit Misstrauen, man traue keinem Stuhl, auf den man sich setzen, dem Schiffs-Geländer nicht, an welches man sich lehnen will und das vielleicht nachgiebt und uns einen tödtlichen Sturz in die Tiefe bereitet. Und was man isst und schluckt! und das Glas, das mit einem unsichtbaren Gift präparirt ist!

«Nehmen Sie sich vor dem Kirsch in Ihrer Flasche in Acht, vor der schäumenden Milch, die der beholzschuhte Senn Ihnen reicht. Die Leute schrecken vor nichts zurück, das sage ich Ihnen.

– Ja, dann aber, dann bin ich ja verloren!» stöhnte Tartarin. Er fasste seinen Gefährten bei der Hand:

«Gieb mir einen Rath, Gonzague,» sagte er.

Gonzague dachte eine Minute nach und zeichnete ihm darauf sein Programm vor. Morgen in der Frühe abreisen, über den See und den Brünigpass gehen, Abends in Interlaken übernachten. Am folgenden Tage Grindelwald und die kleine Scheideck. Am dritten Tage die Jungfrau! Dann, ohne eine Minute zu verlieren, und ohne nur sich umzuwenden, heim nach Tarascon.

«Ich reise morgen früh, Gonzague...» erwiderte Tartarin mit männlicher Stimme und einem Schreckensblick auf den geheimnissvollen, nachtbedeckten Horizont, auf den See, der in seinem bleichen Scheine und seiner stummen Tiefe jeden, auch den schwärzesten Verrath zu bergen schien.

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