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Tartarin in den Alpen

Alphonse Daudet: Tartarin in den Alpen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
translatorStephan Born
firstpub1886
year1886
publisherH. le Soudier
addressLeipzig
titleTartarin in den Alpen
created20070217
sendergerd.bouillon
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IV

Auf dem Schiff. – Es regnet. – Der Held von Tarascon grüsst die Manen der schweizerischen Helden. – Die Wahrheit über Wilhelm Tell. – Enttäuschung. – Tartarin von Tarascon hat niemals existirt. – «Té, Bompard!»

Auf Rigi-Kulm hatte er den Schnee verlassen. Unten, am See, traf er wieder den feinen, dichten, unerschöpflichen Landregen an, durch dessen Schleier die Berge wie in verwischter Kreidezeichnung gleich fernen Wolken sich ausnahmen.

Der Fœhn wehte. Auf dem See stürmten die weissen Schaumwellen dahin, auf denen die niedrig fliegenden Möwen sich zu wiegen schienen. Man hätte sich auf offnem Meere glauben mögen.

Und Tartarin erinnerte sich des Tages, als er vor fünfzehn Jahren, zur Löwenjagd gehend, aus dem Hafen von Marseille hinausfuhr, dachte des wolkenlosen, von goldnem Lichte strahlenden Himmels, des blauen, aber wahrhaft indigo-blauen Meeres, das vom Mistral mit Millionen weissblitzender Krausen und Schleifen herausgeputzt war, und dazu die Trompeten der Forts, das Läuten sämmtlicher Glocken, der Rausch, die Freude, die Sonne, die Zauber der ersten Reise!

Welcher Unterschied mit dem von der Feuchtigkeit geschwärzten, fast verlassenen Verdeck, auf welchem er in dem dichten Nebel, wie durch Oelpapier, einige in Ulsters und abscheuliche Kautschuks gekleidete Passagiere und den Steuermann unterschied, der hinten unbeweglich, mit ernstem, sybillinischem Gesicht in seinem Matrosenmantel dastand. Und über ihm in drei Sprachen eine Tafel mit den Worten:

«Es ist verboten, mit dem Steuermann zu reden.»

Das Verbot war sehr unnütz, denn Niemand an Bord des Winkelried sprach ein Wort, eben so wenig auf dem Verdeck, wie in den Salons der ersten und zweiten Klasse, beide gepfropft voll mit Reisenden, die sehr saure Gesichter machten, zwischen ihrem auf den Bänken zerstreuten Gepäck schliefen, lasen, gähnten. So denkt man sich ein Schiff mit Deportirten am Tage nach einem Staatsstreich.

Von Zeit zu Zeit kündigte die heisere Dampfpfeife die Nähe einer Station an. Schwere Schritte auf dem Verdeck, das Geräusch vom Hin und Her des Gepäcks. Das Ufer wird allmälig kenntlich, es nähert sich ein dunkelgrünes Gestade. Vor Kälte schlotternde Villen in überschwemmten Gärten, lange Pappelreihen am Rande aufgeweichter Strassen, prunkende Hotels mit goldnen Buchstaben an der Front, Hotel Meyer, Hotel Müller, Hotel du Lac, und gelangweilte Gesichter hinter den triefenden Fensterscheiben.

Man berührte die Landungsbrücke, Leute stiegen aus und ein, Alle gleich schmutzig, durchnässt und schweigsam. An dem kleinen Hafen ein Gehen und Kommen von Regenschirmen und rasch verschwindenden Omnibus. Dann versetzen die grossen Schaufelräder das Wasser wieder in schäumenden Aufruhr, das Ufer entfernt sich und versinkt mit den Pensionen Meyer, Müller, du Lac, deren einen Augenblick geöffnete Fenster in allen Etagen wehende Taschentücher, flehend ausgestreckte Arme zeigen, welche eindringlich zu sagen scheinen: «Gnade, Erbarmen, nehmen Sie uns mit... o, wenn Sie wüssten...!»

Bisweilen kreuzte der Winkelried auf seiner Fahrt einen andern Dampfer mit dem Namen in goldnen Buchstaben auf dem weissen Tambour: Germania.... Wilhelm Tell... Stets dasselbe düstre Verdeck, dieselben glänzenden wasserdichten Mäntel, derselbe klägliche Anblick, ob nun das Gespensterschiff in dieser oder jener Richtung sich bewegte, dieselben trostlosen Blicke von einem Bord zum andern.

Und alle diese Leute reisten zu ihrem Vergnügen und waren um ihres Vergnügens willen eben solche Gefangene wie die Pensionäre der Hotels du Lac, Meyer und Müller!

Was hier wie auf Rigi-Kulm am meisten Tartarin verdross, was ihm wehe that und ihn noch ärger schüttelte als der kalte Regen und der lichtlose Himmel, das war die Unmöglichkeit zu reden. Unten hatte er wohl bekannte Gesichter angetroffen, das Mitglied des Jockeyklubs mit seiner Nichte (hm, hm!), den Akademiker Astier-Réhu und den Professor Schwanthaler, die beiden unversöhnlichen Feinde, welche verurtheilt waren, einen Monat lang neben einander zu leben, denn sie hatten dasselbe Rundreise-Billet. Auch Andere waren noch da, aber keiner dieser berühmten Pflaumen-Liebhaber wollte den Tarasconnesen wiedererkennen, den ja doch seine ganze Ausrüstung hinreichend kenntlich machte und mit einem ganz besondern Stempel versah. Alle schienen des Balls vom vorigen Abend, der unerklärlichen Verführung sich zu schämen, der sie durch das flammende Temperament jenes dicken Mannes zum Opfer gefallen waren.

Frau Schwanthaler allein, die rundliche Fee, war mit ihrer rosigen und lachenden Miene zu ihrem Tänzer herangetreten. Sie hatte dabei den Rock ihres Kleides mit zwei Fingern rechts und links gefasst, als wollte sie ein Menuet beginnen: «Baller, dantser... sehr scholi...» sagte die gute Dame. War es eine Erinnerung an den letzten Abend, die sie wieder heraufrief, oder die Versuchung, sich wieder im Takte zu drehen? Denn sie liess ihn nicht los, und Tartarin, um ihr zu entgehen, kehrte auf's Verdeck zurück, da er es vorzog, bis auf die Haut nass zu werden, als – sich lächerlich zu machen Warum nicht gar?

Und es regnete, und der Himmel war trüb! Um ihn vollends zu verfinstern, hatte sich ein ganzer Trupp Gardistinnen der Heilsarmee. die man in Beckenried aufgenommen, ein Dutzend plumper Mädchen mit blödem Gesicht, in marineblauen Kleidern und Kate-Greenaway-Hüten, unter drei riesigen Regenschirmen auf dem Verdecke niedergelassen und sang dort geistliche Lieder. Ein langer, dürrer Mann mit irren Augen begleitete sie auf dem Accordeon. Ihr schrillendes, schleppendes, unharmonisches, an das Geschrei der Möwen erinnerndes Gesinge drang überall durch, durch die Regenfluth, durch den schwarzen Rauch der Maschine, den der Wind nach unten drängte. Noch niemals in seinem Leben hatte Tartarin etwas so Jammervolles gehört.

In Brunnen stieg die Truppe aus, nachdem sie die Taschen der Reisenden mit frommen Traktätlein gefüllt hatte; und fast in demselben Augenblick, als das Accordeon und der Gesang dieser armen Larven aufhörte, öffneten sich die Wolken und liessen ein Stück klaren Himmels sehen.

Jetzt lenkte man in den Urner See zwischen hohen steilen Bergen ein; auf der Rechten, am Fusse des Seelisberg, zeigten sich die Touristen das Rütli, wo Stauffacher, Walther Fürst, Melchthal und andere Verschworne den Eid für die Befreiung des Vaterlandes schworen.

Tartarin, sehr ergriffen, entblösste feierlich sein Haupt, ohne auf die verwunderten Leute um ihn her zu achten; er schwenkte sogar drei Mal seine Mütze in der Luft, um den Manen der Helden seine Ehrfurcht zu bezeigen. Einige Reisende täuschten sich über seine Absicht und erwiderten höflich seinen Gruss. Endlich gab die Maschine ein heiseres Signal, das vom Echo in dem engen Raum wiederholt wurde, und die Tafel an der Landungsbrücke kündete Tellsplatte an.

Man war am Ziel.

Die Kapelle liegt fünf Minuten von der Landungsstelle, am Ufer des Sees, etwas oberhalb der Felsplatte, auf welche Tell sich schwang, als er Gessler mit dem Schiff in den stürmischen See hinausstiess. Für Tartarin, als er längs des Sees den Touristen mit den Rundreise-Billets folgte, war es ein hoher Genuss, diesen historischen Boden zu betreten, sich der Hauptepisoden des grossen Dramas zu erinnern, das er gleich seiner eigenen Geschichte kannte.

So weit er zurückdenken mochte, war Wilhelm Tell sein Heros gewesen. Wenn man in der Apotheke Bézuquet mit dem bekannten Spiel sich die Zeit vertrieb, wo Jeder auf ein Blättchen den Dichter, den Baum, den Geruch, den Helden, die Frau aufschrieb, die er vorzog, so stand auf einem Blättchen unwandelbar:

«Der Lieblingsbaum? – Der Baobab.

«Der Geruch? – Pulver.

«Der Dichter? – Fenimore Cooper.

«Wer ich hätte sein mögen? – Wilhelm Tell...»

Und in der Apotheke hiess es dann einstimmig: «Das ist Tartarin!»

Nun denke man sich seine Wonne und wie das Herz ihm pochte, als er vor die von der Dankbarkeit eines ganzen Volkes errichtete Erinnerungskapelle trat. Ihm war es, als müsste Wilhelm Tell in eigner Person, seine Kleider noch feucht vom Wasser des Sees, Armbrust und Pfeile in der Hand, ihm die Thür öffnen.

«Man kann heute nicht eintreten.... Ich arbeite.... Es ist heute nicht der Tag», rief eine kräftige Stimme von innen,

«Monsieur Astier-Réhu, de l'Academie francaise!...

– Professor Schwanthaler aus Bonn!...

– Tartarin de Tarascon!...»

In dem kleinen Spitzbogen über dem Portal erschien die Büste des Künstlers in einer Arbeitsblouse, die Palette in der Hand.

«Mein famulus wird herunterkommen und Ihnen öffnen, sagte er ehrerbietig.

– Das wusste ich wohl, dachte Tartarin... Ich brauchte mich nur zu nennen.»

Er hielt sich indessen bei Seite und trat bescheidentlich nach den Andern ein.

Der Maler, eine herrliche Gestalt, ein strahlender Künstlerkopf aus der Renaissance Zeit, empfing die Besucher auf der hölzernen Treppe, welche auf das provisorische Gerüst für die Ausführung der Malereien an den oberen Wänden der Kapelle führte. Die Fresken, welche die Hauptereignisse aus dem Leben Wilhelm Tell's darstellten, waren bis auf eine, die Apfelschuss-Scene auf dem Platze zu Altdorf, beendigt. Er arbeitete in diesem Augenblick daran, und sein junger Famulus, mit dem lockigen Haar eines Erzengels, nackten Beinen und Füssen, stand ihm Modell für den Knaben.

Alle diese Personen in mittelalterlichem Kostüm, roth, grün, gelb, blau, in mehr als natürlicher Grösse, um auf eine gewisse Entfernung, von unten, gesehen zu werden, verfehlten ihren Eindruck auf die Beschauer nicht.

«Ich finde, das ist ein Bild von bedeutendem Charakter», sagte der feierliche Astier-Réhu.

Und Schwanthaler, der seinem Rivalen nicht nachstehen wollte, citirte, einen Feldstuhl unter dem Arm, zwei Schillerische Verse, von denen die Hälfte sich in seinem langen, dünnen Barte verlor. Dann drückten die Damen ihr Entzücken aus und einen Augenblick lang hörte man nur das: «Schön!... o, schön!... – Yes.... lovely.... – Exquis... delicieux...»

Plötzlich schmetterte es wie eine Trompete durch das Gewölbe und unterbrach das andächtige Schweigen:

«Schlecht angelegt, das sage ich Ihnen! Die Armbrust ist nicht am rechten Platz....»

Man kann sich das starre Erstaunen des Malers angesichts des ausserordentlichen Alpensteigers denken, der ihm nun, das Seil in der Hand, die Hacke auf der Schulter, mit welcher er bei jeder seiner häufigen Wendungen Jemand zu erschlagen drohte, mit a + b zu beweisen suchte, dass die Haltung seines Wilhelm Tell nicht richtig war.

«Und ich wenigstens verstehe mich darauf, das bitte ich Sie zu glauben...

– Sie sind?

– Wie? wer ich bin?» antwortete der Tarasconnese sehr aufgebracht. Also nicht vor ihm hatte die Thür sich geöffnet. «Fragen Sie nach meinem Namen bei den Panthern von Saccar, bei den Löwen des Atlas; sie werden Ihnen vielleicht Antwort geben.»

Er richtete sich bei diesen Worten stolz empor. Allgemeines Erstarren.

«Aber schliesslich, fragte der Maler, in wie fern ist meine Zeichnung nicht richtig?

– Schauen Sie auf mich,

Und plötzlich, zwei Schritte vorwärts in die Kniee fallend, dass die Bretter hoch aufstäubten, legte Tartarin seine Hacke gleich einer Armbrust kunstgerecht an.

«Herrlich! Er hat recht... Rühren Sie sich nicht...»

Und zum Famulus gewendet: «Rasch, einen Karton und Kohle!»

Thatsache ist, dass der Tarasconnese, stämmig, den Rücken übergebogen, den Kopf gesenkt und dazu mit dem kleinen flammenden Auge auf den erschrockenen Famulus zielend, zum Malen war.

O Phantasie, du Zauberin. Er glaubte, er stände auf dem Platze zu Altdorf, seinem Kinde gegenüber, er, der nie ein Kind gehabt; einen Pfeil auf der Kehle seiner Armbrust, einen andern in seinem Koller, um damit das Herz des Tyrannen zu durchbohren. Und seine Ueberzeugung war so mächtig, dass sie sich allen Andern mittheilte.

«Es ist Wilhelm Tell!...» sagte der Maler, auf seinen Schemel gekauert, und mit fieberhafter Hand hastig zeichnend: «Ach, mein werther Herr, hätte ich Sie doch eher gekannt! Sie hätten mir als Modell gedient...

– Wirklich! Sie finden einige Aehnlichkeit...» fragte Tartarin geschmeichelt, ohne seine Stellung zu ändern.

So in der That hatte der Künstler sich seinen Helden vorgestellt.

Den Kopf auch?»

– O, den Kopf, was liegt daran?» Der Maler trat etwas zurück und betrachtete seine Zeichnung. «Ein männlicher, energischer Kopf, das ist Alles, was nöthig ist; da man von Wilhelm Tell nichts weiss und er wahrscheinlich niemals existirt hat.»

Tartarin liess vor Schreck seine Armbrust fallen.

«OutreOutre und Boufre sind tarasconnesische Flüche von mysteriöser Etymologie. Selbst die Damen brauchen diese Worte bisweilen, fügen aber eine Milderung hinzu: «Outre!... hätten Sie mich fast ausrufen lassen!» ... Niemals existirt!... Was sagen Sie da?

– Fragen Sie diese Herren...»

Astier-Réhu, sein dreifaches Kinn über seine weisse Kravatte legend, sagte feierlich: «Es ist eine dänische Legende.

– Isländische», betonte Schwanthaler nicht minder majestätisch.

– Saxo Grammaticus erzählt, dass ein tapferer Bogenschütze Namens Toko oder Palnatoke....

– Es steht in der Wilkinasage geschrieben....

Beide zusammen:

von dem König von Dänemark, Harald mit den blauen Zähnen, verurtheilt war...» dass der isländische König Nekding....»

Mit starrem Auge, den Arm weit von sich gestreckt, ohne sich anzuschauen, noch sich zu verstehen, sprachen sie Beide auf einmal, wie vom Katheder herab, in dem doctoralen, gebieterischen Tone des Professors, dem niemals widersprochen wird. Sie erhitzten sich, schleuderten sich Namen und Daten zu: Justinger von Bern! Johann von Winterthur!...

Nach und nach wurde die Discussion sehr bewegt, sie steigerte sich bis zur Raserei. Man schwang die Feldstühle, die Regenschirme, Alpenstöcke, und der unglückliche Künstler suchte die Leute zu beruhigen, denn er fürchtete den Einbruch seines Gerüstes. Als der Sturm sich gelegt hatte, wollte er seine Zeichnung vollenden und den geheimnisvollen Alpen-Klubisten aufsuchen, den Mann, dessen Namen allein von den Panthern des Saccar und den Löwen des Atlas hätte genannt werden können; der Unbekannte war verschwunden.

Er kletterte jetzt mit grossen wüthenden Schritten einen schmalen Pfad zwischen Birken und Buchen zum Hotel Tellsplatte hinauf, wo der Courrier der Peruaner übernachten sollte, und unter dem Eindruck der eben erfahrenen Enttäuschung sprach er laut mit sich selber, und stiess wüthend mitdem Alpenstock in den wieder trocken gewordenen Boden.

Wilhelm Tell niemals existirt! Wilhelm Tell eine Sage! Und der Maler, der den Auftrag hat, die Kapelle zu schmücken, hat das ganz ruhig gesagt. Er zürnte ihm deshalb wie wegen einer begangenen Gotteslästerung, er zürnte den Gelehrten, dem Alles läugnenden, Alles unterwühlenden, gottlosen Jahrhundert, das auch gar nichts mehr achtet, weder Ruhm, noch Grösse. –Abscheulich!

Also, nach zwei, drei Jahrhunderten, wenn man von Tartarin sprechen wird, dann wird sich so ein Astier-Réhu, ein Schwanthaler mit der Behauptung einfinden, dass Tartarin niemals existirt habe, er sei nur ein provençalischer oder barbareskischer Mythus. Die Entrüstung und der steile Aufstieg hatten ihm den Athem genommen; er setzte sich «auf eine Bank von Stein».

Von hier oben sah man durch die Zweige den See und die weissen Mauern der Kapelle. Die Dampfpfeife, das Anschlagen der Wellen an den Felsen kündete die Ankunft neuer Besucher an. Sie stellten sich am Ufer auf, das Reisehandbuch in der Hand, gingen mit andächtigen Mienen, in ernster Haltung vor, ganz unter dem Eindruck der Legende. Mit einem Male, durch einen plötzlichen Umschlag in seinem Ideengange, sah er die komische Seite der Sache.

Er stellte sich im Geiste die ganze historische Schweiz vor, die von diesem imaginären Helden lebte, ihm Kapellen auf den Plätzen der kleinen Orte und in den Museen der grossen Städte Bildsäulen errichtete, patriotische Feste für ihn veranstaltete, zu denen man mit flatternden Fahnen aus allen Kantonen herbeiströmte. Bankette, Trinksprüche, Reden, Gesänge, ergreifende Seelenstimmungen, Alles das für den grossen Patrioten, von dem ein Jeder wusste, dass er niemals gelebt hatte.

Ihr sprecht von Tarascon. Da haben wir eine Tarasconnade, wie es bei uns draussen noch keine gegeben hat, noch nichts Aehnliches erfunden worden ist.

Seine gute Laune war nun wieder hergestellt, und Tartarin erreichte mit einigen kräftigen Sätzen die grosse Strasse nach Flüelen, wo das Hotel zur Tellsplatte seine breite Front mit grünen Fensterladen zeigte. Die Pensionäre ergingen sich in Erwartung der Glocke, die sie zum Mittagessen rufen sollte, vor einer kleinen, wasserbelebten Grotte und auf der vom Regen durchwühlten Strasse, wo auf eine lange Reihe leichter Wagen und Tragstühle die Reflexe der kupferrothen Abendsonne aus schmutzigen Tümpeln fielen.

Tartarin erkundigte sich nach seinem Manne. Er sei bei Tische, erklärte man ihm. «Führen Sie mich zu ihm, zou!» Er sagte dies in so gebieterischem Tone, dass man, trotz der begründeten Scheu, die man empfand, eine so wichtige Persönlichkeit beim Mahle zu stören, ihn durch das ganze Hotel, wo sein Erscheinen allgemeines Staunen erregte, zu dem vornehmen Courrier geleitete, der in einem kleinen, auf den Hof hinausgehenden Saal, ganz allein speiste.

«Mein Herr, sagte Tartarin, als er, seine Spitzhacke auf der Schulter, eintrat; entschuldigen Sie mich, wenn...»

Er verstummte plötzlich, während der Courrier, ein ellenlanger, dürrer Mann, die Serviette am Kinn, im herrlichen Dufte einer warmen Suppe schwelgend, den Löffel aus der Hand fallen liess.

«Vé, Herr Tartarin....

Té, Bompard!»

Es war Bompard, der ehemalige Verwalter des Cercle, eine gute Haut, nur litt er an einer fabelhaften Einbildungskraft, die es ihm unmöglich machte, ein wahres Wort zu sagen und ihm in Tarascon den Beinamen «der Lügner» eingetragen hatte. In Tarascon ein Lügner genannt zu werden, das hat sehr viel zu bedeuten! Und dieser Mann sollte der unvergleichliche Bergführer, der Besteiger der Alpen, des Himalaya, des Mondgebirges sein!

«Ah, jetzt, ich begreife, sagte Tartarin....» Er sah sich ein wenig in seiner Erwartung getäuscht, war aber immerhin froh, ein bekanntes Gesicht anzutreffen und wieder den lieben, süssen, heimathlichen Accent zu hören.

«Versteht sich, Herr Tartarin, Sie speisen mit mir, qué?»

Tartarin beeilte sich, anzunehmen und die Wonne zu geniessen, an einem kleinen freundlichen Tisch zu sitzen, zwei Gedecke, eines dem andern gegenüber, trinken zu können, essen zu können, und zwar lauter ausgezeichnete, natürliche und richtig zubereitete Speisen essen zu können, denn die Herren Courriere werden von den Wirthen wunderbar behandelt, besonders bedient, und das mit den besten Weinen und Extra-Gerichten.

«Also, mein Lieber, Sie waren es, den ich gestern droben auf Rigi-Kulm gehört habe?...

– Ei, versteht sich.... Die jungen Damen bewunderten nach meiner Anleitung.... Er ist schön, nicht wahr, der Sonnenaufgang auf den Alpen?

– Prachtvoll!» antwortete Tartarin, anfangs ohne Ueberzeugung, aber nur, um ihm nicht zu widersprechen; in einer Minute jedoch war er schon gewonnen, und es gab einen Höllenlärm, als nun die beiden Tarasconnesen mit glühender Begeisterung die wunderbaren Schönheiten rühmten, die man vom Rigi aus entdeckt. Joanne stritt um die Palme mit Bädeker.

Im Verlauf des Mittagmahls wurde die Unterhaltung dann herzlicher, vertraulicher, voller Seelenergüsse und Freundschaftsbetheuerungen, welche in die glänzenden provençalischen Augen manche Thräne drängten, was nicht hinderte, dass in ihrer oberflächlichen Erregung stets noch eine Dosis Scherz und leichten Spottes sich geltend machte. Darin allein hatten die beiden Freunde eine gewisse Aehnlichkeit. Der Eine war eben so dürr, verschrumpft, gegerbt, und mit den, gewerbsmässigen Aufschneidern so eigenen Runzeln durchfurcht, wie der Andre klein, gedrungen, glatthäutig und prall sich darstellte.

Der arme Bompard hatte seit seinem Fortgang aus dem Cercle so viel erlebt. Seine unerschöpfliche Phantasie, die ihn hinderte, lange an demselben Orte zu bleiben, hatte ihn unter so vielerlei Himmelsstriche gebracht, so mannigfaltigen Schicksalsprüfungen ausgesetzt! Und er erzählte seine Abenteuer, zählte alle die schönen Gelegenheiten auf, Reichthümer zu erwerben, und wie sie ihm immer aus Händen glitten in dem Augenblick, wo er seiner Sache ganz sicher war, wie z. B. seine letzte Erfindung, am Militärbudget, an den Ausgaben für die Fussbekleidung zu sparen.... Wissen Sie, wie?... O du mein Gott, das ist sehr einfach, man lässt die Sohlen der Soldaten beschlagen.

Outre! rief Tartarin, entsetzt.

Bompard, stets sehr ruhig, fuhr in dem ihm eigenen trockenen Tone fort:

«Eine grosse Idee, nicht wahr? Eh, bé, im Ministerium haben sie mir nicht einmal geantwortet.... Ach, mein armer Herr Tartarin, es ist mir oft sehr schlecht gegangen, ich habe manchmal Noth gelitten, bis ich in den Dienst der Compagnie getreten bin....

– Der Compagnie?»

Bompard senkte seine Stimme vorsichtig: «Still! später, nicht hier...» Dann begann er wieder lauter: «Und ihr daheim, in Tarascon, wie geht es euch? Sie haben mir noch immer nicht gesagt, was Sie hierher führt in unsere Berge....»

Jetzt war es an Tartarin, sein Herz auszuschütten. Ohne Zorn, doch mit jener Melancholie der verlornen Jugend, jenem stillen Weh, von dem alle alternden Künstler und auch die sehr schön gewesenen Frauen, alle Eroberer von Ländern und Herzen ergriffen werden, sprach er von der Untreue seiner Landsleute, von dem gegen ihn angestellten Complott, ihm die Präsidentenwürde zu entreissen, und von seinem endlichen Entschluss, eine heroische That zu vollbringen, auf einer Bergbesteigung das Banner von Tarascon höher aufzupflanzen als man es jemals gesehen, und den Alpinisten von Tarascon redlich zu beweisen, dass er stets würdig... stets würdig... Die Rührung schnürte ihm den Hals zu, er musste aufhören. Dann fuhr er fort:

«Sie kennen mich, Gonzague...» Unmöglich, nur annähernd wiederzugeben, was er an Zärtlichkeit, Herzlichkeit und Innigkeit in diesen Troubadour-Vornamen Bompard's legte. Es war, als ob er ihm dabei die Hände drückte, als ob er ihn an sein Herz zöge.... «Sie kennen mich, qué! Sie wissen, ob ich etwa zögerte, wenn es galt, dem Löwen entgegen zu gehen; und während des Krieges, als wir zusammen die Vertheidigung des Cercle organisirten....»

Bompard schüttelte grimmig sein Haupt; ihm war Alles wieder gegenwärtig.

«Sehen Sie, mein Lieber, was die Löwen, die Krupp'schen Kanonen nicht fertig gebracht haben, den Alpen ist es gelungen.... Ich habe Angst.

– Sagen Sie das nicht, Tartarin!

– Warum? fragte der Held in mildem Tone... Ich sage es so, weil es so ist....»

Und ruhig, ohne jede Komödie, gestand er den Eindruck, den die Dorésche Zeichnung, jene Katastrophe auf dem Matterhorn, auf ihn gemacht hatte. Solche Gefahren fürchtete er. Und so war er, weil er von einem ausgezeichneten Führer gehört hatte, der allen diesen Gefahren überlegen sei, jetzt zu ihm gekommen, um ihm sich anzuvertrauen.

In dem natürlichsten Tone fügte er hinzu:

«Aber Sie sind nie ein Führer gewesen, nicht wahr, Gonzague?

– O doch, erwiderte Bompard mit einem Lächeln... Freilich habe ich nicht Alles vollbracht, was ich erzählt habe.

– Wohlverstanden!» sagte Tartarin.

Und der Andere murmelte zwischen den Zähnen:

«Gehen wir einen Augenblick auf die Strasse, wir werden dort ruhiger plaudern können.»

Die Nacht brach herein. Ein lauer, trockner Wind jagte schwarze Wolken über den Himmel. Sie gingen auf halber Berg-Höhe in der Richtung nach Flüelen, die stummen Schatten hungriger Touristen kreuzend, die in's Hotel zurückkehrten. Sie selber glichen Schatten, sie sprachen kein Wort, bis sie an den langen Tunnel kamen, der nach der Seeseite zu mit Lichtöffnungen versehen ist.

«Halten wir hier still...» rief Bompard mit hohler Stimme, die unter dem Tunnelgewölbe wie ein Kanonenschuss dröhnte. Sie liessen sich an der Brustwehr der Strasse nieder und genossen die wunderbare Aussicht auf den See, vor sich den steil abfallenden dunkeln Tannen- und Buchenwald, hinter sich höhere Berge mit unbestimmt umrissenen Gipfeln, dahinten noch höhere, in wirrem, wolkenähnlichem Blaugrau; in der Mitte der weisse, kaum sichtbare Streifen des aus einer tiefen Senkung hervorblickenden Gletschers, der plötzlich in blauem, gelbem, rothem, grünem Lichte schimmerte. Der Berg wurde mit bengalischem Feuer erleuchtet.

Von Flüelen stiegen Raketen auf und streuten vielfarbige Sterne aus. Venetianische Lichter bewegten sich auf dem See, wahrend die Schiffe unsichtbar blieben, welche mit Musik die festlichen Gäste auf- und abfuhren.

Eine märchenhafte Theaterdecoration in dem Rahmen der schwarzen, graden und kalten Tunnelmauern.

«Welch sonderbares Land, diese Schweiz...» rief Tartarin. Bompard lachte still vor sich hin:

«O ja, die Schweiz... Für's Erste giebt es gar keine Schweiz!»

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