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Tartarin in den Alpen

Alphonse Daudet: Tartarin in den Alpen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
translatorStephan Born
firstpub1886
year1886
publisherH. le Soudier
addressLeipzig
titleTartarin in den Alpen
created20070217
sendergerd.bouillon
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III

Lärm auf dem Rigi. – Kaltes Blut! kaltes Blut! – Das Alpenhorn. – Was Tartarin beim Erwachen im Spiegel sieht. – Bestürzung. – Man bestellt telephonisch einen Führer.

«Was ist los?... Wer da?» rief Tartarin pochenden Herzens und die Augen in die Finsterniss gerichtet.

Im ganzen Hotel eilige Schritte, ein Thürenzuschlagen, ein Hasten und Rufen: «Eilen Sie sich!...» während draussen furchtbar schaurige Töne erschallen und plötzliche Flammen die Scheiben und Vorhänge erleuchten....

Feuer!

Mit einem Satz war er aus dem Bette, angekleidet, gestiefelt, die vielen Treppen hinunter, wo das Gas noch brannte, und ein ganzer Schwarm von eiligst coiffirten, schwatzenden misses in grünen Umschlagetüchern, rothwollenen Halstüchern, mit Allem angethan, was ihnen eben in die Hand gerathen war, stand vor ihm.

Tartarin, um sich selber Muth zu machen und die Damen zu beruhigen, schrie ihnen zu, und dabei rannte er die Leute fast um: «Kaltes Blut, kaltes Blut!» Er schrie mit einer wahren Bärenstimme, – aus welcher dazu der bleiche Schrecken tönte, einer Stimme, wie man sie im Traume hat, dass den Tapfersten, wenn er sie vernimmt, eine Gänsehaut überläuft. Und nun begreife Einer die kleinen Engländerinnen, die bei seinem Anblick kicherten; er musste ihnen sehr drollig vorkommen. In dem Alter hat man eben kein Bewusstsein von einer Gefahr!

Glücklicherweise erschien hinter ihnen der alte Diplomat. Er war nur sehr oberflächlich bekleidet. Unter seinem Ueberzieher schauten die weissen Unterhosen und hängende Bindeschnüre hervor.

Endlich ein Mann!...

Tartarin lief ihm mit fuchtelnden Armen entgegen: «Ach, Herr Baron, welches Unglück!... Wissen Sie etwas Näheres?... Wo ist es?... Wie ist es entstanden?

– Wer? Was?...» stammelte der Baron voller Entsetzen. Er hatte ihn nicht verstanden.

«Nun, das Feuer...

– Welches Feuer?»

Der arme Mann sah so fürchterlich erschrocken und dumm aus, dass Tartarin ihn stehen liess und eiligst fortrannte, um Hülfe zu organisiren....

«Hülfe!» stotterte der Baron und stotterten fünf oder sechs verschlafene Saalkellner, die einander wie vollständig irrsinnig anglotzten... «Hülfe!...»

Beim ersten Schritt in's Freie überzeugte sich Tartarin von seinem Irrthum. Keine Spur von einem Feuer. Eine Hundekälte, finstere Nacht, die kaum durch ein paar Fackeln etwas erhellt wurde, welche man da und dort schwang und die auf dem Schnee ihre schwarzen Spuren zurückliessen.

Unten an der Freitreppe brüllte ein Alpenhorn seine Klagetöne, einen Kuhreihen in vier Noten, mit dem man auf Rigi-Kulm die Sonnenanbeter zu wecken und ihnen das bevorstehende Erscheinen des Himmelsgestirns zu verkünden pflegt.

Es wird behauptet, dasselbe zeige sich bisweilen bei seinem ersten Auftauchen an der höchsten Spitze des Berges hinter dem Hotel. Zu seiner Orientirung brauchte Tartarin blos dem ununterbrochenen Gelächter der misses zu folgen, die an ihm vorüberzogen. Er aber ging langsamer, denn er hatte den Schlaf in den Augen und die Beine waren ihm von dem sechsstündigen Aufstieg noch ganz steif.

«Sie sind es, Manilow?... sagte plötzlich im Dunkel eine helle Stimme... eine weibliche Stimme... Helfen Sie mir doch... Ich habe meinen Schuh verloren.»

Er erkannte das ausländische Gezwitscher seiner kleinen Tischnachbarin, deren zarte Silhouette er in dem weissen vom Schnee aufsteigenden Lichtreflex suchte.

«Es ist nicht Manilow, mein Fräulein; aber wenn ich Ihnen nützlich sein kann....»

Sie stiess vor Ueberraschung und Furcht einen leichten Schrei aus und machte eine Bewegung zur Flucht, die Tartarin nicht bemerkte, denn er war schon am Boden und suchte im kurzen gefrorenen Grase.

«Ja, sehen Sie, da haben wir ihn...» rief er freudestrahlend. Er schüttelte den Schnee von dem leichten Schuh, liess sich höchst galant mit einem Knie auf den kalten, feuchten Boden nieder und erbat sich zum Lohne, Aschenbrödel den Schuh anziehen zu dürfen. Diese, viel schüchterner als im Märchen, antwortete mit einem trocknen «Nein», und bemühte sich, hopsend ihren seidebestrumpften Fuss in den goldbraunen Schuh zu schieben. Ohne die Hülfe des Helden, der ganz aufgeregt darüber war, eine Minute lang die zierlichste Hand auf seiner Schulter zu fühlen, wäre ihr das nie gelungen.

«Sie haben gute Augen, sagte sie jetzt wie zum Dank, während er neben ihr her vorsichtig weiter ging.

– Die Uebung des Jägers, mein Fräulein.

– Ah, Sie sind ein Jäger?»

Sie sagte das in etwas spöttischem, ungläubigem Tone. Tartarin hätte sich ja nur zu nennen brauchen, um sie zu überzeugen; aber, wie alle Träger berühmter Namen, bewahrte er ein kokettes Incognito. Um jedoch die Ueberraschung allmälig zu steigern, fügte er hinzu:

«Ich bin ein Jäger in der That...»

«Und welches Wild jagen Sie vorzugsweise?

– Die grossen Carnivoren, die reissenden Thiere, sagte Tartarin, und er glaubte, damit einen tiefen Eindruck zu machen.

– Finden Sie viel von dem Wild auf dem Rigi?»

Stets galant, wollte der Tarasconnese eben antworten, dass er auf dem Rigi bisher nur Gazellen angetroffen, als seine Replik durch zwei nahende Schatten unterbrochen wurde, welche «Sonia... Sonia!» riefen.

– Ich komme...» sagte sie, und Tartarin sich zuwendend, dessen an die Dunkelheit gewöhnte Augen ihr bleiches, hübsches Gesicht unter einem Manola-Ueberwurf erkannten, setzte sie, aber jetzt in ernstem Tone hinzu:

«Sie gehen auf eine gefährliche Jagd, mein Bester; nehmen Sie sich in Acht, dass Sie mit heiler Haut davonkommen...»

Und verschwunden war sie mit ihren Begleitern in der Finsterniss.

Später sollte der drohende Accent, den sie auf diese Worte legte, die Phantasie unseres Südländers mehr erregen. Hier aber ärgerte er sich über das geringschätzige «mein Bester.» Es klang ihm wie eine zarte Anspielung auf seinen ergrauenden Bart und seine biedermännische Beleibtheit. Und dann ärgerte er sich über ihr plötzliches Verschwinden, just im Augenblick, wo er ihr seinen Namen nennen, an ihrem Erstaunen sich weiden wollte.

Er that einige Schritte in der Richtung, in welcher die Gruppe sich entfernte, und vernahm ein wirres Geräusch, ein Husten und Niesen der Touristen, welche zusammen standen, um den Sonnenaufgang zu erwarten. Einige der Entschlossensten waren auf einen kleinen Luginsland gestiegen, dessen schneebedeckte Stufen in der schwindenden Nacht sich mehr und mehr kenntlich machten.

Ein leichter Schimmer stieg jetzt im Osten auf. Er wurde mit einem neuen Stoss in's Alpenhorn und dem erleichternden «Ah!» begrüsst, das die Kinder im Theater beim Aufziehen des Vorhangs hören lassen. Schmal, wie ein funkelnder Messerrücken, und breiter und breiter dehnte es sich am Horizont aus: aber gleichzeitig stieg aus der Tiefe ein dicker, gelber Nebel auf, der immer dichter und durchdringender wurde, je mehr die Finsterniss schwand. Es war wie ein Schleier zwischen der Bühne und dem Publikum.

Man musste auf das in den Reisehandbüchern angekündigte, grossartige Schauspiel verzichten. Zum Ersatz hatte man den ungewöhnlichen Anblick der dem tiefsten Schlaf entrissenen Tänzer vom letzten Abend, deren Gestalten Einem gleich närrischen, lächerlichen Schattenbildern erschienen. Allerlei Shawls, Bettdecken, ja Bettvorhänge haben sie sich umgehängt. Unter dem mannigfaltigsten Hauptschmuck, seidenen oder baumwollenen Mützen und Mützchen, mit und ohne Ohrenwärmer, verstörte, muffige Gesichter, Köpfe von Schiffbrüchigen, die sich auf eine verlorene Insel im offenen Meere gerettet und mit weit geöffneten Augen nach einem Segel ausschauen.

Und nichts, immer noch nichts!

Einige indessen boten Alles auf, um, von ihrer Phantasie getragen, diesen oder jenen Bergesgipfel zu erkennen. Und ganz oben, auf dem Lugaus, hörte man das Glucksen der peruanischen Familie, die um einen himmellangen Menschen sich drängte, der vom Scheitel bis zu den Füssen in einen dicken, grosscarrirten Ulster gehüllt war und unerschütterlich das unsichtbare Alpenpanorama ausschlachtete, mit lauter Stimme die im Nebel verschwimmenden Linien bezeichnend.

«Dort links sehen Sie das Finsteraarhorn, vier tausend zweihundert Meter..., das Schreckhorn, das Wetterhorn, den Mönch, die Jungfrau, auf deren elegante Formen ich die jungen Damen aufmerksam mache...

– Nun ja, da ist Einer, dem es an edler Dreistigkeit nicht fehlt», murmelte der Tarasconnese vor sich hin; aber dann kam eine plötzliche Erleuchtung über ihn: «Ich kenne die Stimme. Wer ist das doch?»

Er erkannte besonders den Accent, jenen Assent des mittäglichen Frankreichs, den man gleich dem Knoblauchgeruch von Weitem erkennt. Aber ganz von dem Wunsche beherrscht, seine junge Unbekannte wiederzufinden, hielt er sich dabei nicht auf und fuhr in seiner Inspection der Gruppen fort, doch ohne Erfolg. Sie war gewiss in's Hotel zurückgegangen, wie alle Uebrigen, denen es leid wurde, draussen zu stehen und zu frieren.

Runde Rücken, schottische Tücher, deren Fransen im Schnee nachschleppten, entfernten sich, verschwanden in dem immer dichter werdenden Nebel. Bald war auf dem kalten, öden Plateau nur noch Tartarin und der Senne, der wie ein Hund, welcher den Mond anbellt, trübselig in sein Horn blies.

Es war ein kleiner Alter mit langem Bart. Er trug einen spitzen Tyrolerhut mit grünen Eicheln, die ihm auf den Rücken hinabfielen, und wie alle übrigen Kopfbedeckungen der Hoteldiener das REGINA MONTIUM in goldenen Lettern vorn über dem Hutrande.

Tartarin trat zu ihm heran, um ihm ein Trinkgeld zu geben, wie er es von den andern Touristen gesehen.

«Gehen wir schlafen, Alter», sagte er, und ihm mit seiner Tarasconnesischen Vertraulichkeit auf die Schulter klopfend, fügte er etwas hinzu, was auf Berlinisch etwa lauten würde: «Ein fauler Zauber, eure Rigi-Sonne; nicht wahr?»

Der Alte liess sich im Blasen nicht stören. Er beendigte sein ewiges Lied in vier Noten mit einem stummen Lächeln. Seine Augenwinkel legten sich dabei in tausend kleine Fältchen und die grünen Eicheln an seinem Hute tanzten vergnügt dazu.

Bei alledem beklagte Tartarin sich über die unterbrochne Nachtruhe nicht. Das Zusammentreffen mit der hübschen Blondine entschädigte ihn für den eingebüssten Schlaf; denn, obgleich den Fünfzig sich nähernd, besass er noch ein warmes Herz, eine blühende Phantasie, eine jugendliche Lebenskraft. Als er wieder in seinem Bette war, und die Augen zum Schlafe sich senkten, glaubte er noch den niedlichen, leichten Schuh in seiner Hand zu fühlen und die helle, rhytmische Stimme des jungen Mädchens zu hören: «Sind Sie es, Manilow?...»

Sonia... ein hübscher Name!... Sie ist eine Russin, gewiss; und die jungen Leute, die mit ihr reisen, sind sicherlich Freunde ihres Bruders.... Dann verwirrte sich Alles. Das hübsche, goldumlockte Gesichtchen vermischte sich mit anderen schwankenden und sich verflüchtigenden Bildern, den Felsenhängen des Rigi, den schäumenden Wassern, und bald erfüllte der Heldenathem des grossen Mannes, kräftig und in regelmässigen Intervallen, das kleine Zimmer und einen guten Theil des Ganges draussen.

 

Als Tartarin auf den ersten Ruf der Glocke zum Frühstück hinabsteigen wollte, sah er noch einmal nach, ob auch sein Bart wohl gebürstet sei und er in seinem Alpenkostüm sich nicht gar zu schlecht ausnehme. Plötzlich erzitterte er. Vor ihm, auf dem Spiegel, war ein Blatt mit zwei Oblaten angeheftet und auf dem Blatt war folgende anonyme Drohung zu lesen:

«Verdammter Franzose, deine Verkleidung verbirgt dich schlecht. Dieses Mal soll dir noch Gnade werden. Doch, wenn du dich noch einmal auf unserem Wege sehen lässt, dann hüte dich!»

Er war wie geblendet und las den Zettel zwei, drei Mal. Vor wem, wovor sich hüten? Wie war das Papier dahin gelangt? Augenscheinlich während seines Schlafes, denn er hatte es bei der Rückkehr von seiner Frühpromenade nicht bemerkt. Er läutete nach dem Zimmermädchen, einem dicken, bleichsüchtigen, platten Gesicht voller Pockennarben; ein wahrer Greierzer Käse. Er konnte aus dem Wesen nichts Verständliches herausbringen, es sei denn, dass sie aus anständiger, aus einer «pon famille» sei und niemals in die Zimmer komme, so lange die Herren darin seien.

«Was ist das für eine drollige Geschichte?» sagte Tartarin, indem er, sehr aufgeregt, den Zettel von allen Seiten betrachtete. Einen Augenblick fuhr ihm der Name Costecalde's durch den Kopf. War Costecalde etwa von seinen Plänen unterrichtet, versuchte er es vielleicht, durch solche Ränke und Drohungen ihn von seinen hohen Plänen abwendig zu machen? Aber das schien ihm unwahrscheinlich, der Zettel war gewiss eine Posse, die ihm die kleinen Engländerinnen gespielt hatten.... sie lachten so unverschämt, als er an ihnen vorbeikam.... O, die jungen Engländerinnen und Amerikanerinnen sind so frei in ihrem Benehmen!

Er läutete zum zweiten Mal. Er steckte den anonymen Zettel in die Tasche: «Das wird sich schliesslich Alles zeigen....» dachte er. Und die grandiose Geste, mit welcher er diese Reflexion begleitete, war ein neues Zeugniss seines Heldenmuths.

Noch eine Ueberraschung, als er sich zu Tisch setzte. Anstalt der hübschen Nachbarin, welche «die Liebe in pures Gold gekleidet», erblickte er den Gänsehals einer alten Engländerin, deren lange Schmachtlocken bis auf das Tischtuch reichten. Ganz in seiner Nähe sagte man, das junge Fräulein und ihre Begleiter seien mit einem der ersten Morgenzüge verreist.

«Cré nom! Ich bin angeführt...» rief der italienische Tenorist in bestem Französisch, er, der am Abend vorher Tartarin so kurzweg mit der Bemerkung abgewiesen halte, er verstehe nicht französisch. Er hatte es also über Nacht gelernt! Der Sänger erhob sich rasch, warf seine Serviette hin und entfloh. Tartarin sass da wie vernichtet.

Von den gestrigen Gästen war er allein nur noch da. Auf Rigi-Kulm bleibt man eben nur vierundzwanzig Stunden. Tartarin eilte auf sein Zimmer, schnallte sein Gepäck zusammen und verlangte seine Rechnung. Er hatte genug von der Regina montium und ihrer Table d'hôte von Taubstummen.

So wie er erst sein Rüstzeug, die Klammern, die Seile, das Beil auf dem Rücken hatte, wurde er wieder von seiner Manie für die Alpen erfasst; er brannte darauf, einen wirklichen Berg zu besteigen, auf dessen Gipfel es keine befrackten Kellner und keine Photographen in freier Luft gab. Er schwankte noch zwischen dem höheren Finsteraarhorn und der berühmteren Jungfrau, deren hübscher Name von virginaler Reinheit ihm mehr als einmal die kleine Russin vor die Seele zaubern sollte.

Während er mit diesem Gedanken sich beschäftigte, und der Oberkellner seine Rechnung schrieb, betrachtete er in der ungeheuren düstren und stillen Halle die grossen colorirten Photographieen an den Wänden: Darstellungen von Gletschern, Schneefeldern, berühmten und gefährlichen Bergübergängen. Hier, an einem Seile, ein ganzer Trupp, Ameisen ähnlich, die an einer langen Kiefernadel ziehen, einer hinter dem andern auf einem scharfen bläulichen Gletschergrat. Weiter hin ein ungeheurer Gletscherspalt mit durchsichtigen Wänden, über die man querüber eine Leiter gelegt, auf welcher eine Dame auf den Knieen und hinter ihr ein Abbé in aufgeknöpftem langem Rock vorwärts rutschen.

Der Alpenklubist von Tarascon, die beiden Hände auf seine Hacke gestützt, betrachtete dies; er hatte niemals an solche Schwierigkeiten gedacht. Da hinüber muss man!...

Plötzlich erschrak er fürchterlich.

Da hing in einem schwarzen Rahmen ein Stich nach der berühmten Zeichnung Gustave Dorés, die Catastrophe auf dem Matterhorn. Vier menschliche Wesen, welche von einer steilen Gletscherwand fast senkrecht hinunterstürzen, die Arme weit um sich werfend, die Hände nach irgend einem Halt, nach dem gebrochnen Seil tastend, das die noch lebenden Leiber aneinander bindet und nur dazu dient, sie um so sichrer dem Tode, dem Abgrund zuzuführen, in den jetzt Alles, Menschen, Seile, Hacken, grüne Schleier, die ganze wohl ersonnene, plötzlich zu einem tragischen Werkzeug gewordene Ausrüstung der Alpenbesteiger, eine zermalmte Masse, über einander stürzt.

«Diavolo!» ruft der entsetzte Tarasconnese, und er fühlt, wie das Herz ihm an die Rippen schlägt.

Ein sehr höflicher Kellner hört seinen Ausruf und hält es für seine Pflicht, ihn zu beruhigen. Dergleichen Unglücksfälle werden immer seltener. Man dürfe freilich nicht unvorsichtig sein und müsse sich namentlich einen guten Führer verschaffen.

Tartarin fragte, ob man ihm Jemand empfehlen könne, einen zuverlässigen Mann.... Nicht etwa, dass er sich fürchte, Gott bewahre; aber es ist immer besser, einen vertrauenswürdigen Mann um sich zu haben.

Der Kellner dachte nach. Er nahm eine sehr wichtige Miene an und drehte an seinem Schnurrbart. «Einen vertrauenswürdigen Mann? Ach, wenn der Herr mir das nur etwas früher gesagt hätte. Wir hatten diesen Morgen einen Menschen, der ganz für Sie gepasst hätte... Er war Courrier bei einer peruanischen Familie.

– Er kennt die Alpen? fragte Tartarin.

– O, alle Berge der Schweiz, die von Savoyen, Tirol. Indien, der ganzen Welt; er hat sie alle bestiegen, er kennt sie auswendig und beschreibt sie Ihnen. Der würde für Sie passen!... Ich glaube, man würde ihn leicht dazu bewegen.... Mit einem solchen Führer könnte ein Kind überall gefahrlos hingehen.

– Wo ist er? wo könnte ich ihn finden?

– In Kaltbad, mein Herr, wo er für seine Reisenden die Zimmer bestellt... Wir wollen telephoniren.»

Ein Telephon auf dem Rigi! Das überstieg aber Alles. Tartarin wunderte sich jetzt über nichts mehr.

Fünf Minuten später kam der Kellner mit der Antwort. Der Courrier der Peruaner war nach Tellsplatte gereist, wo er sicherlich die Nacht bleiben wird. Auf Tellsplatte steht eine dem Andenken Wilhelm Tell's geweihte Kapelle. Es gingen viele Leute hin, um die Wandgemälde zu sehen, die ein berühmter Maler aus Basel eben vollendete....

Mit dem Schiff brauchte es kaum mehr als eine Stunde, anderthalb Stunden. Tartarin zögerte nicht. Das kostete ihn wohl einen Tag, aber er war Wilhelm Tell, für den er eine besondere Zuneigung hatte, diese Huldigung schuldig. Und dann, welches Glück, wenn er jenen wunderbaren Führer anträfe und er ihn dazu bestimmen könnte, mit ihm die Jungfrau zu besteigen.

Vorwärts, zou!...

Er bezahlte schnell seine Rechnung, in welcher der Sonnenuntergang und der Sonnenaufgang besonders notirt waren, grade so wie das Licht und die Bedienung. Und unter fürchterlichem Eisengerassel, das überall Staunen und Schrecken auf seinem Wege verbreitete, schritt Tartarin dem Bahnhof zu, denn den Rigi zu Fuss hinunterzugehen, wie er ihn hinaufgegangen war, das wäre Zeitverlust und in der That viel zu viel Ehre für diesen künstlichen Berg gewesen.

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