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Tartarin in den Alpen

Alphonse Daudet: Tartarin in den Alpen - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
translatorStephan Born
firstpub1886
year1886
publisherH. le Soudier
addressLeipzig
titleTartarin in den Alpen
created20070217
sendergerd.bouillon
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XIV.

Epilog.

Eine erregbarere Bevölkerung als diejenige von Tarascon hat man noch niemals gesehen, selbst nicht unter der Sonne der Provence. Bei hellem, festlichem Sonntag, wenn die ganze Bevölkerung draussen ist, die Tamburins klingen, es auf dem Stadtwall von grünen, rothen Frauenröcken, bunten arlesischen Kopftüchern wimmelt und auf grossen vielfarbigen Zetteln Ringkämpfe von Männern und Knaben, Kämpfe mit Stieren aus der Camargue angekündigt sind, genügt bisweilen der Ruf eines Spassvogels: «ein toller Hund» oder «ein Stier», und Alles flieht, rennt den Nächsten über den Haufen, geräth ausser sich, die Thüren werden geschlossen, alle Riegel vorgeschoben, die Fensterladen wie von einem Sturmwind zugeschlagen, und ganz Tarascon ist plötzlich öde, stumm, ohne eine Katze, ohne ein Geräusch, selbst die Grillen schweigen in Erwartung furchtbarer Dinge.

So sah es an jenem Morgen aus, und doch war es weder ein Festtag noch ein Sonntag. Die Läden waren geschlossen, die Häuser todt, der grosse und der kleine Platz schienen durch die Stille und die Einsamkeit grösser geworden. «Vasta silentio», sagt Tacitus in der Schilderung Rom's bei dem Leichenbegängniss des Germanicus, und sein Bild von dem in Leid gesenkten Rom passte um so mehr auf Tarascon, als in jenem Augenblick ein Trauergottesdienst für die Seele Tartarin's in der Metropole abgehalten wurde, und die Bevölkerung in Masse ihren Helden, ihren Gott, ihren unbesiegbaren «doppelmuskligen» Sohn beweinte, der in den Gletschern des Montblanc geblieben war.

Aber, während das Todtengeläute seine düstern Klänge über die verlassenen Strassen ausstreute, sass Fräulein Tournatoire, die Schwester des Arztes, die leider ihre schwache Gesundheit stets an das Haus gefesselt hielt, fröstelnd in ihrem grossen Lehnstuhl am Fenster und schaute hinaus, auf die Glocken hörend. Das Haus der Tournatoire steht an der Strasse nach Avignon, fast gegenüber dem Tartarin'schen Hause, und der Anblick dieses berühmten Gebäudes, dessen Eigenthümer nicht mehr wiederkehren sollte, des stets geschlossenen Gitters vor dem Garten, sogar der langen Reihe von Wichseschachteln, welche die kleinen Savoyarden vor der Thür aufgestellt, Alles machte dem armen, kranken Fräulein das Herz schwer; denn seit länger als dreissig Jahren wurde sie von einer heimlichen Leidenschaft für den Helden von Tarascon verzehrt. Wer ergründet die tiefen Herzensgeheimnisse einer alten Jungfer! Ehemals war es ihre Freude, ihm aufzupassen, wenn er zu den gewohnten Stunden vorüberging, sich zu fragen: «Wohin will er?...» die Veränderungen an seinem Anzug zu beobachten, mochte er nun als Alpenbesteiger gekleidet sein, oder sein schlangengrünes Jaquett angelegt haben.

Plötzlich erglühte der lange weisse Pferdekopf von Fräulein Tournatoire in leichter Röthe, ihre erloschenen Augen erweiterten sich beträchtlich, während ihre magere runzlige Hand ein grosses Zeichen des Kreuzes machte.... Er, er ist es, da, längs der Mauer jenseits des Fahrwegs.... Zuerst glaubte sie an eine Sinnestäuschung.... Aber nein, Tartarin selber, leibhaftig, nur zum Erbarmen bleich, zerlumpt, wie ein Bettler oder ein Dieb an den Mauern hinschleichend.

Um seine heimliche Anwesenheit in Tarascon erklären zu können, müssen wir auf den Montblanc zurückkehren, nach dem «Dôme du Gouté», genau zu jenem Moment, wo von den beiden Freunden Jeder auf einer andern Seite des «Dôme» sich befand, und Bompard am Seil, das sie verband, plötzlich wie vom Sturz eines Körpers einen heftigen Ruck und eine höchst bedenkliche Spannung empfand.

In Wirklichkeit hatte das Seil sich zwischen zwei Eisblöcke eingeklemmt, und Tartarin, der dieselbe Erschütterung empfand, glaubte auch seinerseits, dass sein Reisegefährte abwärts rollte und ihn nachzog in's Verderben. In diesem entscheidenden Augenblick... wie soll ich das sagen, mein Gott? in der furchtbaren Noth und Angst vergassen sie Beide den im Hotel Baltet sich geleisteten Eid und mit derselben Bewegung, derselben instinktiven Geste zerschnitten sie das Seil, Bompard mit seinem Messer, Tartarin mit einem Hieb seiner Eishacke. Entsetzt über ihre grause That, der Eine gleich dem Andern fest überzeugt, dass er seinen Freund geopfert, flohen sie Beide in entgegengesetzter Richtung

Als das Gespenst Bompards bei den Grands-Mulets erschien, langte dasjenige Tartarin's in der Sennhütte von Avesailles an. Wie, durch welches Wunder, nach wie viel Stürzen und Rutschpartieen? Der Montblanc allein weiss es, denn der arme P. C. A. verbrachte zwei Tage in vollständiger Verdummung, unfähig, nur einen Laut von sich zu geben. Sobald er wieder transportfähig war, brachte man ihn nach Courmayeur, dem italienischen Chamonix. In dem Hotel, in welchem er Unterkunft fand, war von nichts Anderem die Rede, als von einer fürchterlichen Katastrophe auf dem Montblanc, die ganz und gar an das Unglück auf dem Matterhorn erinnerte. Wieder ein Tourist, der infolge Durchschneidens des Seiles in den Abgrund gestürzt war.

Ueberzeugt, dass von Bompard gesprochen wurde, wagte Tartarin, von Gewissensbissen gepeinigt, es nicht, zur Delegation oder in seine Heimath zurückzukehren. Er las im Geiste auf allen Lippen, in allen Augen das: «Kain, was hast du mit deinem Bruder gethan?...» Jedoch der Mangel an Geld und an Wäsche, die kühle Witterung, die mit dem September eintrat und die Hotels leerte, nöthigten ihn zum Aufbruch. Schliesslich hatte ja Niemand das Verbrechen gesehen! Was sollte ihn hindern, irgend eine Geschichte zu erfinden? Nun kamen auch die Zerstreuungen der Reise hinzu, und er begann wieder Muth zu fassen. In der Nähe von Tarascon aber, als er unter dem blauen Himmel die feinen Linien der Alpinen gewahr wurde, fühlte er sich wieder von Schande, Gewissensbissen und Furcht vor der Justiz gepackt. Um das Aufsehen einer Ankunft am offnen Bahnhof zu vermeiden, stieg er auf der letzten Station vor der Stadt ab.

Ach, wer hätte ihn auf dieser schönen, weissen, zolldick mit Staub bedeckten Landstrasse, die noch keinen andern Schatten als den der Telegraphenstangen und Drähte gesehen, wer hätte ihn auf dieser Bahn des Triumphes, auf welcher er so oft an der Spitze seiner Alpinisten oder seiner Mützenjäger dahergeschritten, wer hätte ihn, den tapfern, den schmucken Präsidenten unter den zerrissenen, schmutzigen Lumpen, dem misstrauischen Blick des Vagabunden erkannt, der ängstlich vor den Gendarmen sich verkriecht? Die Luft war trotz des nahen Herbstes glühend heiss und die Pasteke, die er bei einem Gemüsegärtner sich gekauft hatte, schmeckte ihm köstlich im Schatten eines Karrens, während er den Wuthausbrüchen des Bauers zuhörte, der über die Frauen von Tarascon fluchte, weil sie an jenem Morgen nicht auf den Markt gekommen waren, einer Todtenmesse wegen, die für Jemand aus der Stadt gesungen wurde, der da drüben im Gebirge in ein tiefes Loch gestürzt war.... «Té! die Glocken... man hört sie bis hier....»

Kein Zweifel mehr, das Trauergeläute, das ein lauer Wind über die einsame Landschaft trug, es galt Bompard!

Welche Musik zum Einzug des grossen Mannes in seine Vaterstadt!

Noch eine kleine Weile, und die Thür des Gärtchens drüben wurde rasch geöffnet und geschlossen. Tartarin war wieder auf dem Seinigen, er sah die schmalen, reinlichen, mit Buchsbaum eingefassten Gänge, das Becken in der Mitte, den Springbrunnen, die Goldfische, die beim Krachen des Sandes unter seinen Füssen lebhaft hin- und herschwammen; er sah den Riesen-Baobab in seinem Blumentopf; ein weiches Wohlbehagen, die Wärme des heimathlichen Nestes mit all seiner süssen Sicherheit umfing ihn nach so vielen Gefahren und Abenteuern. Doch die Glocken, die verwünschten Glocken läuteten jetzt so stark, die schweren finstern Klänge fielen ihm wieder auf's Herz und sprachen zu ihm in Klagelauten: «Kain, was hast du mit deinem Bruder gethan?... Tartarin, wo ist Bompard?» Er wagte es nicht, sich zu regen, er setzte sich auf den heissen, steinernen Rand des kleinen Brunnenbeckens und blieb da sitzen, vernichtet, zerschmettert, zum grossen Schrecken der schuldlosen Goldfische.

Die Glocken läuten nicht mehr. Die Vorhalle der Metropolitankirche, vor einem Augenblick noch so laut, ist wieder dem Gemurmel der darin sitzenden Bettlerin und der Regungslosigkeit seiner steinernen Heiligen zurückgegeben. Die religiöse Feier ist beendigt und ganz Tarascon wallt hin zum Alpinen-Club. Die Sitzung findet bei weit geöffneten Fenstern statt, so dass die städtische Trompetenmusik, die sich unten auf dem Platze aufgestellt, die ergreifenden Worte der Redner mit klagenden, auch mit heroischen Akkorden begleiten kann. Eine ungeheure Menschenmenge drängt sich um die Musiker, stellt sich auf die Fussspitzen, horcht mit vorgestrecktem Haupte, um wo immer möglich einige Sätze von den Reden zu erhaschen. Leider sind die Fenster zu hoch und man hätte keine Vorstellung von dem, was oben vorgeht, wenn nicht zwei oder drei Buben, die in den Aesten der Platanen sitzen, so wie man Kirschkerne von einem Baume herunterwirft, von Zeit zu Zeit ihre Beobachtungen in die Masse hinunter besorgten.

«Seht doch Costecalde, wie er sich die Thränen auspresst. O, der Lump, er sitzt jetzt auf dem Präsidentenstuhl. Und der arme Bézuquet, er muss sich in einem fort schnäuzen, und seine Augen sind so roth.... Té! man hat einen Flor an das Banner geknüpft.... Und jetzt kommt Bompard mit den drei Delegirten an den Tisch.... Er legt etwas vor den Präsidenten hin.... Jetzt spricht er... Das muss sehr schön sein!... Ach, jetzt schwimmen sie Alle in Thränen....»

Die Rührung wurde in der That immer grösser, je weiter Bompard in seiner fantastischen Erzählung fortschritt. Ach ja, er hatte sein Gedächtniss, auch die Macht seiner Einbildungskraft wieder erlangt. Nachdem er mit seinem berühmten Reisegefährten, ohne Führer, denn sie hatten aus Angst vor dem schlechten Wetter sich sämmtlich geweigert, ihnen zu folgen, fünf Minuten lang mit entfaltetem Banner auf dem Gipfel des Montblanc, dem höchsten Punkte Europa's sich gezeigt, erzählte er jetzt – und mit welcher Rührung! – die gefahrvolle Rückfahrt, die Geschichte von dem Sturz, wie Tartarin in die Tiefe einer Spalte hinabrollte und wie er, Bompard, Alles aufbot, um den Todesschlund mit einem zweihundert Fuss langen Seil zu durchforschen.

«Mehr als zwanzig Mal, meine Herren; was sage ich? mehr als neunzig Mal habe ich mich in den eisigen Abgrund hinabgelassen, ohne bis zu unserem unglückseligen Präsidenten gelangen zu können, dessen Sturz an jenem Orte ich leider durch einige an den Vorsprüngen des Eises von ihm zurückgebliebene Reste festzustellen vermochte....»

Und indem er so sprach, breitete er auf der grünen Decke ein Stück von einem Backenknochen, einige Barthaare, einen Fetzen von einer Weste, die Schnalle von einem Hosenträger aus. Ach, das hatte so viel Aehnlichkeit mit dem Reliquienkasten auf den Grands-Mulets.

Angesichts dieser Ausstellung brachen die letzten Dämme der schmerzhaftesten Empfindungen, sogar die härtesten Gemüther wurden weich, die Anhänger Costecalde's, die ernsthaftesten Persönlichkeiten, der Notar Cambalalette, der Doctor Tournatoire, vergossen Thränen, so gross wie die gläsernen Pfropfen auf den Wasserflaschen. Die eingeladenen Damen stiessen ein herzzerreissendes Wehgeschrei aus, in das sich das krampfhafte Schluchzen des wackren Excourbaniès und das Meckern des jungen Pascalon mischte, während unten die Trompeten mit ihren tiefsten Bässen einen langsamen und feierlichen Trauermarsch anstimmten.

Und Bompard, als er sah, dass die Rührung ihren Höhepunkt erreicht hatte, schloss jetzt seine Erzählung, indem er mit einer ergreifenden Geste seine Arme über die vor ihm liegenden letzten Andenken des Verunglückten ausbreitete: «Das, meine Herren und theuren Mitbürger, ist Alles, was ich von unserem berühmten und vielgeliebten Präsidenten habe auffinden können.... Was hier nicht ist, das wird in vierzig Jahren der Gletscher wieder herausgeben....»

Er war im Begriff, denen, die es nicht wussten, die neuesten Entdeckungen bezüglich der regelmässigen Bewegung der Gletscher mitzutheilen; das Kreischen der kleinen Thür hinten im Saal unterbrach ihn. Tartarin, bleicher als eine Geistererscheinung, stand vor dem Angesichte des Redners.

«Vé!... Tartarin!

Té!... Gonzague....»

Und diese Rasse ist so sonderbar, so leichtgläubig gegenüber den unwahrscheinlichsten Geschichten, den kühnsten, dabei rasch widerlegten Lügen, dass das Auftreten des grossen Mannes, von dem die angeblichen Bruchstücke noch auf dem Tische lagen, nur geringe Ueberraschung im Saale hervorrief.

«Es ist ein Misverständniss, allons,» sagte Tartarin mit erleichtertem Herzen, strahlend vor Freude, und die Hand auf die Schulter des Mannes legend, den er glaubte getödtet zu haben. «Ich habe den Montblanc auf beiden Seiten begangen; von der einen hinauf, von der andern herunter. Und das hat zu dem Irrthum Veranlassung gegeben, ich sei verschwunden.»

Eines gestand er freilich nicht: dass er den Rückweg auf dem Rücken gemacht hatte.

«Verdammter Bompard!» sagte Bézuquet. «Er hat uns mit seiner Geschichte aber doch das Herz im Leibe umgekehrt....» Und man lachte, man drückte sich die Hände, während draussen die Trompetenmusik, der man vergebens Schweigen gebot, hartnäckig den Trauermarsch fortsetzte.

«Seht nur, wie gelb Costecalde geworden ist!» murmelte Pascalon dem Kommandanten Bravida in's Ohr, indem er auf den Waffenschmied hinwies, der sich erhob, um seinen Sessel dem bisherigen Präsidenten abzutreten, dessen Antlitz vor Wonne leuchtete. Und Bravida, der stets einen Sinnspruch zu seiner Verfügung hatte, sagte ganz leise mit einem Blick auf das Jammergesicht Costecalde's, der wieder zu seiner untergeordneten Stellung zurückkehren musste: «Das Schicksal des Herrn Mandar, gestern noch Pfarrer, heute blos Vicar.»

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