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Tartarin in den Alpen

Alphonse Daudet: Tartarin in den Alpen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
translatorStephan Born
firstpub1886
year1886
publisherH. le Soudier
addressLeipzig
titleTartarin in den Alpen
created20070217
sendergerd.bouillon
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XIII

Die Katastrophe.

In einer finstern, schwarzen Nacht, ohne Mond, ohne Stern, ohne Himmel, entrollt sich langsam auf dem zitternd weissen Plan eines ungeheuren ansteigenden Firnfeldes ein langes Seil, an welches furchtsame, zwerghafte Schatten hinter einander gebunden sind, und hundert Meter ihnen voraus, fast den Boden berührend, ein röthlicher Fleck, eine Laterne. Die Schläge mit der Hacke in das körnige Eis, das Fallen der abgeschlagenen Schollen unterbrechen allein die Todesstille des Firnfeldes, auf dem die Schritte der Karawane stumpf und tonlos dahingleiten. Dann von Minute zu Minute ein leichter Schrei, ein erstickter Schmerz, der Fall eines Körpers auf das Eis und bald darauf eine kräftige Stimme, die vom Ende des Seils mit einem «Vorsichtig, Gonzague! langsam!» antwortet. Der arme Bompard hat sich nämlich entschlossen, seinem Freunde Tartarin bis auf den Gipfel des Montblanc zu folgen! Seit zwei Uhr Morgens – auf der Repetiruhr des Präsidenten schlägt es jetzt vier Uhr – tastet der unglückliche Courrier sich vorwärts, gleich einem Galeerensklaven an der Kette, gezogen, geschoben, taumelnd und stolpernd und dabei gezwungen, die verschiedenen Schmerzensrufe, die sein Missgeschick ihm entreissen möchte, hinunterzuwürgen, der von allen Seiten lauernden Lawine wegen, die eine geringste Erschütterung, eine etwas kräftige Luftschwingung schon zu Falle bringen konnte. Schweigend leiden, welche Qual für einen Menschen aus Tarascon!

Die Karawane hat jetzt Halt gemacht. Tartarin erkundigt sich, man hört eine Discussion mit leiser Stimme, ein lebhaftes Zischeln: «Ihr Gefährte ist es, der nicht vorwärts will,» sagte der Schwede. Die Marsch-Ordnung wird jetzt aufgelöst, der menschliche Rosenkranz dehnt sich aus, zieht wiederum sich zusammen; da stehen sie Alle an einem ungeheuren Spalt. Die früheren hatte man mittelst einer querüber gelegten Leiter auf den Knieen überschritten. Dieser Spalt aber ist viel zu breit und das Ufer gegenüber erhebt sich an die hundert Fuss über dem diesseitigen. Es gilt, auf in's Eis gehauenen Stufen in die sich verengende Oeffnung hinabzusteigen und auf der andern Seite wieder hinaufzuklimmen. Bompard jedoch weigert sich hartnäckig, dies zu thun.

Ueber den Abgrund geneigt, dessen Tiefe ihm bei der Finsterniss unergründlich vorkommt, sieht er im Dunst die kleine Laterne der Führer hin und her schwanken, welche den Weg vorbereiten. Tartarin, dem selber nicht wohl dabei ist, macht sich Muth, indem er seinem Freunde zuruft: «Auf, Gonzague, zou!» und ganz leise packt er ihn beim Ehrgeiz, bittet, erinnert an Tarascon, an das Banner, den Klub!...

«Ach was, der Klub.... Ich gehöre ihm nicht an,» antwortet der Andre ganz schamlos.

Hierauf erklärt ihm Tartarin, dass man ihm die Füsse setzen werde, dass nichts leichter sei.

«Für Sie vielleicht, aber nicht für mich....

– Haben Sie nicht gesagt, dass Sie es gewöhnt seien?

– Ja wohl, gewiss... gewöhnt... aber woran gewöhnt.... Ich bin an so vielerlei gewöhnt... zu rauchen, zu schlafen....

– Zu lügen besonders, unterbrach ihn der Präsident....

– Zu übertreiben, freilich!» sagte Bompard, ohne sich darob im Geringsten zu erregen.

Nach langem Widerstand bringt ihn endlich die Drohung, ihn allein zurückzulassen, zu dem Entschluss, langsam, vorsichtig die furchtbare Leiter hinabzusteigen.... Auf der andern, graden, marmorglatten Wand, die noch höher ist als der Thurm des Königs René zu Tarascon, ist es noch schwerer. Von unten gleicht das blinzelnde Licht des Führers einem sich bewegenden Glühwurm. Was hilft es? Es muss sein. Der Schnee unter den Füssen ist nicht fest, man vernimmt am Boden das Gemurmel eines Bachs in der Tiefe des breiten Spalts. den man am Fusse der Eiswand mehr erräth als erkennt, und der seinen kalten Athem aus dem Abgrunde heraufsendet.

«Sachte, Gonzague, nicht fallen!»

Diese Phrase, welche Tartarin in gerührtem, fast flehendem Tone wiederholt, giebt der Lage der aufwärts Steigenden einen gewissen feierlichen Charakter. Sie müssen jetzt mit Füssen und Händen, die Einen unter den Anderen, durch das Seil und dieselben Bewegungen mit einander verbunden, so dass der Sturz oder die Ungeschicklichkeit eines Einzigen sie Alle in Gefahr brächte, sich in die Höhe arbeiten. Und welche Gefahr! Es genügte, die Eisstücke losbrechen und hinunterpurzeln zu hören und das Echo ihres Sturzes durch die Spalten und das unbekannte Innere des Gletschers zu verfolgen, um sich eine Vorstellung von dem Höllenrachen zu machen, der drunten lauerte, um Einen beim geringsten Fehltritt zu verschlingen.

Aber, was giebt es da wieder? Lässt es sich der dürre Schwede, der grade vor Tartarin marschirt, nicht in den Sinn kommen, stehen zu bleiben, und mit seinen eisenbeschlagenen Absätzen die Mütze des P. C. A. zu berühren! Die Führer rufen unaufhörlich «Vorwärts», und der Präsident: «So gehen Sie doch voran, junger Mann....» Er rührt sich nicht. Seiner ganzen Länge nach in die Höhe ragend, mit nachlässiger Hand sich festhaltend, neigt sich der Schwede etwas zur Seite. Die aufgehende Sonne streift seinen dünnen Bart und beleuchtet den sonderbaren Ausdruck in seinen weit aufgesperrten Augen.

«Das wäre ein Sturz! Wie, wenn man losliesse?...» sagte er zu Tartarin.

«Outre! das glaub' ich gern.... Sie würden uns Alle mit hinunterziehen.... So steigen Sie doch vorwärts....»

Der Andre aber blieb regungslos und fuhr fort:

«Eine schöne Gelegenheit, um mit dem Leben ein Ende zumachen, in's Nichts einzugehen durch die Eingeweide der Erde, von Spalt zu Spalt zu rollen, wie das, was ich hier mit meinem Fuss ablöse....» Und er neigte sich grausig über, um dem Eisstück zu folgen, welches dort aufprallt und endlos in der Finsterniss forttönt.

«Unglücklicher, nehmen Sie sich in Acht...» rief Tartarin schreckensbleich, und sich verzweifelnd an die schlüpfrige Wand anklammernd, nimmt er mit vollem Eifer seine Argumentation vom Abend vorher zu Gunsten des Daseins wieder auf: «Es hat doch sein Gutes, den Teufel auch!... In Ihrem Alter, ein schöner Junge wie Sie... Sie glauben also nicht an die Liebe, qué?»

Nein! Der Schwede glaubt nicht an die Liebe. Die ideale Liebe ist eine Lüge der Poeten; die andre ein Bedürfniss, das er niemals empfunden hat....

«Nun ja, nun ja; es ist ja wahr, dass die Poeten ein wenig aus Tarascon stammen, sie sagen immer mehr als in Wirklichkeit ist; immerhin, das ewig Weibliche, oder das femellan, wie man die Damen bei uns nennt, ist doch schön. Und dann, man hat Kinder, hübsche reizende Würmer, die Einem gleich sehen.

– Ach ja, die Kinder, auch eine Quelle von Verdruss. Seitdem sie mich geboren, hat meine Mutter nicht aufgehört zu weinen.

– Hören Sie, Otto, Sie kennen mich, mein lieber Freund....»

Und mit der ganzen Expansivkraft seiner tapfern Seele bietet Tartarin Alles auf, um dieses Opfer Schopenhauer's und Hartmann's neu zu beleben, auf Distanz zu reiben. O, er hätte die beiden Hanswurste, die an alle dem Schuld waren, an einer Waldesecke haben mögen, Himmel und Hölle! um sie all das Unrecht, das sie an der Jugend verübt haben, recht gründlich büssen zu lassen....

Man stelle sich bei dieser philosophischen Discussion die hohe, kalte, grünlich schlüpfrige, von einem bleichen Sonnenstrahl leicht gestreifte Eiswand vor und einen Bratspiess voll menschlicher Leiber, die in Absätzen daran klebten, tief unter dem gähnenden Abgrund das gurgelnde Getön, die Flüche der Führer, ihr Drohen, sich loszumachen und die Reisenden sich selbst zu überlassen. Endlich, da Tartarin zur Einsicht gelangte, dass keinerlei Gründe diesen Wahnsinnigen überzeugen und seine Todessehnsucht besiegen könnten, gab er ihm den sublimen Gedanken ein, sich von der höchsten Spitze des Montblanc hinabzustürzen....

«So lass' ich's gelten, das lohnt sich der Mühe, von hoch oben! Wahrlich, ein schönes Ende.... Aber hier, in einem eisigen Kellerloch.... Ach, warum nicht gar... wie abgeschmackt!...» Und er versteht es, so viel Nachdruck in seine Worte zu legen, dass der Schwede sich endlich gewinnen lässt. Nicht lange darauf sind sie Einer nach dem Andern auf der Höhe dieses furchtbaren Gletscherrisses angelangt.

Man bindet sich los und macht Halt, um einen Schluck zu trinken und an einem Stück Brod zu kauen. Es ist Tag geworden. Ein farbloses Licht ruht bleiern auf einem grandiosen Umkreis von Pfeilern und Spitzen; sie werden alle noch um tausend fünfhundert Meter vom Montblanc überragt. Die Führer gestikuliren und verständigen sich kopfschüttelnd. In ihren braunen Jacken auf dem weissen Boden hingestreckt, den Rücken gewölbt, erinnern sie an Murmelthiere, die im Begriff sind, sich für den Winter einzugraben. Bompard und Tartarin sind ängstlich und klappern vor Kälte. Sie haben den Schweden allein essen lassen und nähern sich dem ersten Führer im Augenblick, wo dieser ernsten Tones sagt:

«Er raucht seine Pfeife, das ist ganz klar.

– Wer raucht seine Pfeife? fragte Tartarin.

– Der Montblanc, Herr, schauen Sie nur hinauf.»

Und der Mann zeigte ganz oben auf dem Gipfel etwas wie einen Federbusch, einen weissen Rauch, der nach Italien wehte.

«Und nun, guter Freund, wenn der Montblanc seine Pfeife raucht, was hat das zu bedeuten?

– Das hat zu bedeuten, Herr, dass oben auf dem Gipfel ein furchtbarer Wind weht, ein Schneesturm, der in kürzester Frist uns erreichen wird.... Und... das ist gefährlich.

– Kehren wir um,» sagte Bompard, grün vor Schrecken.

Und Tartarin fügte hinzu:

«Ja, ja, gewiss, keine dumme Eigenliebe!»

Der Schwede aber mischt sich darein. Er hat dafür bezahlt und er will auf den Montblanc geführt werden. Daran soll ihn nichts hindern. Und wenn Niemand ihn begleiten will, gut, dann geht er allein. «Ihr Memmen,» sagte er zu den Führern, und dabei klang seine Stimme wieder so geisterhaft, wie in dem Augenblick, als er sich bis zu Selbstmordgedanken aufgeregt hatte.

«Nun denn, Sie sollen sehen, ob wir Memmen sind.... Binden wir uns wieder an und vorwärts!... rief der erste Führer. Bompard aber erhebt einen energischen Protest. Er hat genug davon, er will wieder zurückgeführt werden. Tartarin unterstützt ihn auf das Kräftigste.

«Sie sehen ja wohl, dass der junge Mensch verrückt ist...» ruft er, während der Schwede schon mit langen Schritten durch den Schnee schreitet, den der Wind von allen Seiten aufwirbelt. Die Männer aber, die er Memmen genannt, sind jetzt nicht mehr zurückzuhalten; die Murmelthiere sind aufgewacht und benehmen sich wie Helden. Tartarin kann keinen Führer überreden, ihn mit Bompard nach den Grands-Mulets zurückzuführen. Die Richtung sei ja gegeben, sagte man ihm. Drei Stunden, die zwanzig Minuten Umwegs mit eingerechnet, wenn sie den grossen Gletscherbruch umgehen wollten, der sie vielleicht erschreckte.

«Outre! Gewiss erschreckt er uns...» sagte Bompard ohne jegliche Scheu, und die beiden Karawanen trennten sich.

 

Jetzt sind unsere Tarasconnesen allein. Sie rücken, an dasselbe Seil gebunden, vorsichtig über die Schnee-Einöde; Tartarin vorn, ganz und gar von der auf ihm lastenden schweren Verantwortlichkeit erfüllt, tastete sich mit seiner Eishacke weiter.

«Muth... ruhig Blut.... Wir werden schon durchkommen, ruft er in jedem Augenblick Bompard zu. So verscheucht der Offizier seine Angst, wenn er den Degen schwingend seinen Leuten zuruft:

«Vorwärts, Himmel Donnerwetter, alle Kugeln treffen nicht!»

 

Jetzt sind sie endlich am Ende jenes fürchterlichen Spalts. Von da bis zu ihrem Ziel haben sie keine schweren Hindernisse mehr zu überwinden; jedoch der Wind weht heftig und das Schneetreiben macht sie fast blind. Sie können, ohne Gefahr sich zu verirren, kaum mehr vorwärts kommen.

«Machen wir einen kurzen Halt, qué?» sagte Tartarin. Eine riesenhafte Eispyramide bietet ihnen einigen Schutz in einer Höhlung am Fusse derselben. Sie ducken unter, breiten die wasserdichte Decke des Präsidenten über sich aus und öffnen die Rhumflasche, das Einzige, was die Führer nicht mit sich genommen. Sie erlangen jetzt wieder ein wenig Wärme. Indessen verkünden ihnen die immer schwächer werdenden Schläge der Eishacke die Fortschritte der Expedition. Im Herzen Tartarin's regt sich etwas wie Reue, dass er den Montblanc nicht bis zum Gipfel erstiegen hat.

«Wer wird es erfahren? entgegnet ihm Bompard ganz ohne Scham.... Die Träger haben das Banner behalten. Von Chamonix aus wird man annehmen, Sie seien es.

– Sie haben Recht, die Ehre von Tarascon ist gewahrt...» sagte Tartarin voller Zuversicht.

Die Elemente aber beginnen jetzt zu rasen. Der Wind wird zum Sturm und trägt den Schnee in schweren Massen durch die Luft. Die beiden Freunde, von Unheilsahnungen heimgesucht, schweigen; sie denken an die Gebeine unter dem Glaskasten des alten Wirthes, an die Geschichte von dem amerikanischen Touristen, den man erfroren und verhungert aufgefunden, in seinen krampfhaft zusammengezogenen Fingern das Notizbuch, in welches er seine Todesangst bis zur letzten schmerzhaften Zuckung geschildert, die ihn den Bleistift aus der Hand fallen und ihn die Namensunterschrift nicht vollenden liess:

«Haben Sie ein Notizbuch, Gonzague?»

Der Andere brauchte keine weitere Erklärung.

«Warum nicht gar ein Notizbuch.... Glauben Sie etwa, dass ich hier zu Grunde gehen werde wie jener Amerikaner?... Rasch auf, und fort von hier.

– Unmöglich.... Beim ersten Schritt würden wir gleich Strohhalmen fortgeweht und in irgend einen Abgrund geschleudert.

– Ja, dann müssen wir rufen. Das Wirthshaus ist nicht weit....» Und auf den Knieen liegend, den Kopf aus der Versenkung hinausgestreckt, in der Stellung eines Thiers auf der Weide, brüllt Bompard: «Zu Hülfe, zu Hülfe, hierher!

– Zu den Waffen!...» schreit jetzt Tartarin mit aller Macht seiner gewaltigen Bärenstimme, so dass es weithin gleich einem rollenden Donner dröhnt.

Bompard fasste ihn am Arm: «Unglücklicher, die Pyramide!...» In der That zitterte der ganze Eisblock; noch ein solcher Schrei und die ungeheure Eismasse stürzte über ihren Köpfen zusammen. Sie bleiben unbeweglich, wie versteinert, in ein furchtbares Schweigen gehüllt, das jetzt aber durch ein fernes, mehr und mehr sich näherndes Rollen unterbrochen wird, welches wächst, den Horizont erschüttert und endlich tief unten von Abgrund zu Abgrund erlischt.

«Die armen Leute!...» murmelt Tartarin beim Gedanken an den Schweden und seine Führer, die gewiss von der eben gehörten Lawine mit fortgerissen worden sind. Und Bompard schüttelt den Kopf. «Wir sind kaum besser daran als sie», sagte er. Die Lage ist in der That schrecklich genug, da sie in ihrer Eisgrotte sich nicht regen und auch in den Schneesturm sich nicht hinauswagen dürfen.

Ihre Bangigkeit wurde nur noch grösser, als sie jetzt von tief, tief unten aus dem Thale herauf ein jammervolles Hundegeheul hörten. Es wurde ihnen todesweh.

Plötzlich fasst Tartarin, dem die Augen aus ihren Höhlen treten und die Glieder krampfhaft zittern, seinen Gefährten bei der Hand und spricht zu ihm mit Rührung:

«Verzeih mir, Gonzague; ja, ja, verzeih mir. Ich habe Dich eben hart angefahren, Dich habe ich einen Lügner genannt....

– Ach, was! Das hat ja nichts auf sich....

– Ich hatte weniger als sonst Jemand das Recht, so zu reden, denn ich habe in meinem Leben viel gelogen, und in dieser feierlichen Stunde fühle ich das Bedürfniss, öffentlich meine Lügen einzugestehen. Höre mich, Freund... erstlich habe ich niemals einen Löwen getödtet.

– Das wundert mich nicht...» antwortet Bompard ruhig. «Aber braucht man sich um solcher Kleinigkeit wegen zu plagen?... Das macht unsere Sonne, man wird mit der Lüge geboren.... Und ich!... Habe ich ein wahres Wort gesprochen, seitdem ich auf der Welt bin?.. So wie ich nur den Mund aufthue, werde ich von meinem provençalischen Temperament gepackt. Die Leute, von denen ich spreche, kenne ich nicht; die Länder, ich habe sie nie gesehen, und sofort entsteht ein solches Gewebe von Erfindungen, dass ich mich selber nicht mehr daraus zu retten weiss.

– Das macht die Einbildungskraft, gewiss! seufzte Tartarin. Wir sind Lügner aus zu reicher Einbildungskraft.

– Und diese Lügen haben nie Jemand etwas zu Leide gethan, während ein schlechter, ein neidischer Mensch wie Costecalde....

– Sprechen wir nie mehr von dem Elenden!» unterbrach ihn der P. C. A., und plötzlich rief er in einem Wuthanfall aus: «Verwünschtes Schicksal! Es ist immerhin zum T....» Auf ein Schreckenszeichen Bompard's hält er inne.... «Ach ja, die Pyramide....» Er dämpft seine Stimme, der arme Tartarin setzt seine Verwünschungen mit weit geöffnetem, komisch verzerrtem Munde zischelnd fort.... «Ja, sagt er, es ist doch zum Verzweifeln, in der Blüthe seiner Jahre durch die Schuld eines Bösewichts zu sterben, der in diesem Augenblick in aller Gemüthsruhe seine Tasse Kaffee auf dem Stadtwall schlürft....»

 

Während er also donnert, heitert das Wetter sich nach und nach auf. Es schneit nicht mehr, der Wind hat sich gelegt und durch einen Riss in den Wolken zeigt sich der blaue Himmel. Sie brechen rasch auf und binden sich zusammen. Tartarin, der wieder vorangeht, wendet sich um, einen Finger auf dem Munde:

«Sie wissen, Gonzague; Alles, was wir eben gesagt haben, bleibt unter uns.

Té, pardi....»

 

Sie machen voller Eifer sich wieder auf den Weg und sinken bis an die Kniee in den frisch gefallenen Schnee, der unter seiner jungfräulichen Decke die Spuren der Karawane verborgen hält. Tartarin blickt deshalb alle fünf Minuten auf seinen Kompass. Aber der an die tarasconnesische Hitze gewohnte Kompass ist seit seiner Ankunft in der Schweiz vor Frost toll geworden. Die Nadel schwankt unsicher zwischen allen vier Himmelsrichtungen. Sie gehen immer voran und hoffen, plötzlich die schwarzen Felsen der Grands-Mulets in der gleichförmig weissen, stillen, rings von Nadeln, Hörnern, Kuppeln beherrschten Landschaft auftauchen zu sehen, die sie blendet und auch erschreckt, denn sie kann gefährliche Abgründe unter ihren Füssen bergen.

«Nur ruhig Blut, Gonzague, ruhig Blut.

– Das ist es ja gerade, was mir abgeht,» erwiderte Bompard kläglich. Und er stöhnt: «O weh, mein Fuss..., o weh, mein Bein..., wir sind verloren, wir kommen nie an's Ziel....»

 

So gehen sie schon seit zwei Stunden, als Bompard mitten auf einer sehr schwer zu erkletternden Schneehalde entsetzt ausruft: «Tartaréïn, aber das steigt ja wieder!

– Ei freilich; ich sehe schon, dass es steigt,» erwiderte der P. C. A., und er ist auf dem Punkte, seine Gemüthsruhe zu verlieren.

«Es sollte doch aber abwärts gehen, wär' meine Meinung.

– Ei gewiss, aber was kann ich dazu thun? Gehen wir immer bis oben hinauf; vielleicht geht es auf der andern Seite wieder hinunter.»

 

Es ging in der That und fürchterlich wieder abwärts, über eine Anzahl Firnfelder, steil sich aufbäumender Gletscherwände und ganz am Ende dieser gefährlichen, weiss glitzernden und funkelnden Eisbildungen bemerkte man auf einer Felsspitze in Tiefen, die Einem unerreichbar schienen, eine Hütte. Das war ein Zufluchtsort, den man vor Einbruch der Nacht noch erreichen musste, da man die Richtung nach den Grands-Mulets verloren hatte. Aber wie viel Anstrengungen, wie viel Gefahren gab es hier noch zu überwinden?

«Nur Eines bitte ich: Lassen Sie mich nicht los, Gonzague....

– Und Sie mich auch nicht, Tartaréïn.»

 

Sie tauschen diese inhaltschweren Worte aus, ohne einander zu sehen. Denn sie sind durch einen Grat getrennt, hinter welchem Tartarin verschwunden ist; langsam und angstvoll kriecht der Eine aufwärts, der Andere abwärts. Sie sprechen auch nicht mehr mit einander, alle ihre Sinne sind auf den einen Gedanken concentrirt, keinen Fehltritt zu thun, nicht auszugleiten. Plötzlich hört Bompard, der jetzt nur noch einen Meter vom Grat entfernt ist, seinen Begleiter einen entsetzlichen Schrei ausstossen und zu gleicher Zeit spannt sich das Seil nach einem heftigen, erschütternden Ruck.... Er möchte Widerstand leisten, sich fest anklammern, um den Freund vom Sturz in den Abgrund zurückzuhalten. Doch das Seil ist gewiss schon ganz morsch, denn es reisst unversehens infolge seiner Anstrengung.

«Outre!

Boufre!»

Die beiden Ausrufe kreuzen sich, sie zerreissen unheilschwer das Schweigen der Einöde; dann folgt eine lange, schreckliche Stille, eine Todesstille, die kein Laut auf den weissen Schneegefilden mehr unterbricht.

 

Gegen Abend erreichte ein Wesen, das eine entfernte Aehnlichkeit mit Bompard hatte, ein Schreckgespenst, von Schmutz triefend, das Wirthshaus zu den Grands-Mulets. Man rieb den Ankömmling, man erwärmte ihn und brachte ihn zu Bett, bevor er noch etwas Anderes als die durch Schluchzen unterbrochnen Worte, die Arme zum Himmel erhoben, hervorgebracht hatte: «Tartarin... verloren... das Seil zerrissen....» Man konnte endlich begreifen, dass ein grosses Unglück sich zugetragen hatte.

Während der alte Wirth seufzte und die Unheils-Chronik des Berges mit einem neuen Kapitel bereicherte, auch wohl für seine Knochensammlung ein neues Andenken an diesen letzten Unglücksfall in Aussicht nahm, begaben sich der Schwede und seine Führer mit Seilen, Leitern und allen möglichen Rettungsmitteln hinaus, um Tartarin zu suchen. Leider vergebens. Bompard, der wie betäubt da lag, konnte nichts Genaues, weder über das Drama noch über den Ort desselben angeben. Auf dem «Dôme du Gouté» fand man ein Stück Seil, das in einer Rinne des Eises stecken geblieben war. Das war Alles. Aber sonderbar: das Seil war an beiden Enden wie mit einem scharfen Instrument durchschnitten. Die in Chambéry erscheinenden Blätter brachten eine Zeichnung von demselben, die wir hier wiedergeben. Nach acht Tagen gewissenhafter Nachforschungen, als man die traurige Ueberzeugung gewonnen, dass ihr Präsident unfindbar-hoffnungslos verloren sei, begaben sich die verzweifelnden Delegirten auf den Weg nach Tarascon und nahmen Bompard mit sich, dessen armes Gehirn die Spuren einer heftigen Erschütterung zeigte.

«Sprechen Sie mir nicht davon,» das war seine einzige Antwort, wenn man über das Unheil ihn befragte; «sprechen Sie mir nie davon!»

Es war kein Zweifel mehr möglich, der Montblanc zählte ein Opfer mehr, und welch ein Opfer!

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