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Tartarin in den Alpen

Alphonse Daudet: Tartarin in den Alpen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
translatorStephan Born
firstpub1886
year1886
publisherH. le Soudier
addressLeipzig
titleTartarin in den Alpen
created20070217
sendergerd.bouillon
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Die Besteigung der Jungfrau. – Vé, die Ochsen! – Die Whymper'schen Steigeisen sind nichts werth, die Kaffeemaschine taugt auch nichts. – Das Erscheinen maskirter Männer in der Klubhütte. – Der Präsident im Gletscherspalt. – Er büsst seine Brille ein. – Auf dem Gipfel! – Tartarin, ein Gott.

An jenem Morgen war ein grosser Menschenzufluss im Hotel Bellevue auf der kleinen Scheideck. Trotz Regen und Wind hatte man draussen unter dem Dach der Veranda die Tische gedeckt. An allen Ecken und Enden ein Aufbau von Alpenstöcken, Feldflaschen, Fernrohren, Kukuksuhren in geschnitztem Holz; beim Frühstück konnten die Touristen über tausend Meter unter sich links das zauberische Grindelwald-Thal, rechts das Lauterbrunner Thal bewundern; und gegenüber, scheinbar auf Büchsenschussweite die unbefleckten, grandiosen Abhänge der Jungfrau, ihre Firnfelder, ihre Gletscher. Der Wiederschein der weissen Pracht ringsumher machte die Gläser noch durchsichtiger, die Tischtücher noch weisser.

Seit einem Augenblick jedoch wurde die allgemeine Aufmerksamkeit von einer lärmenden, bärtigen Karawane in Anspruch genommen, die eben zu Pferde, zu Maulthier, zu Esel, auch in Tragsesseln angekommen war und sich mit einem reichlichen Frühstück auf eine Bergbesteigung vorbereitete. Ihr Leben, ihr Feuer stach auffallend ab von den gelangweilten, feierlichen Mienen der sehr berühmten Pflaumenfreunde und Reisverehrer, die hier auf der Scheideck zusammengetroffen waren: Lord Chipendale, der belgische Senator mit seiner Familie, der österreichische Diplomat, und Andere mehr. Man hätte glauben mögen, alle um den Tisch herum sitzenden bärtigen Personen wollten zusammen die Besteigung unternehmen, denn sie beschäftigten sich Einer nach dem Andern mit den Vorbereitungen zum Aufbruch, standen auf, sprachen mit den Führern, prüften die mitzunehmenden Vorräthe und interpellirten einander mit furchtbarem Geschrei von einem Ende der Terrasse zur andern:

«He, Placide, sieh nach, ob auch die Terrine im Sack ist!

– Die Kaffeemaschine ja nicht zu vergessen.»

Erst beim Aufbruch sah man, dass es sich nur um eine einfache Fahrt handelte, und von der ganzen Karawane nur eine Person den Gipfel der Jungfrau besteigen sollte; aber was für eine!

«Kinder, sind wir bereit?» sagte der gute Tartarin mit triumphirender, fröhlicher Stimme, in welcher auch nicht der Schatten einer Unruhe über die etwaigen Gefahren des Unternehmens sich offenbarte. Sein letzter Zweifel an dem, was ihm Bompard über den grossen Rummel erzählt hatte, war an demselben Morgen vor den beiden Grindelwald-Gletschern geschwunden, wo er vor einer Einlassthür und einem Drehkreuz mit der Inschrift stand: «Zugang zum Gletscher, 1 Fr. 50.»

Er durfte also ohne Bedenken bei diesem Aufbruch die Wonne geniessen, sich betrachtet, beneidet, bewundert zu sehen, und zwar von denselben unverschämten jungen Engländerinnen in Knabenhüten, die sich auf Rigi-Kulm so lustig über ihn gemacht und die in diesem Augenblick sich für ihn begeisterten, wenn sie den kleinen Mann mit dem ungeheuren Berg verglichen, den er eben besteigen sollte. Die Eine zeichnete sein Porträt in ein Album; die Andere war glücklich, seinen Alpenstock zu berühren. «Tschimppenj,... Tschimppenj....» rief plötzlich ein langer, finsterer Engländer mit ziegelrothem Gesicht, der sich ihm mit der Flasche und einem Glase näherte. Nachdem er den Helden zum Trinken genöthigt, sagte er grinsend:

«Lord Chipendale, sir... Und Sie?

– Tartarin de Tarascon.

– Oh, yes! Tarterine... Er war sehr hübscher Name für Pferd....» sagte der Lord, wahrscheinlich ein sehr starker Sportsman jenseits des Kanals.

Der österreichische Diplomat kam ebenfalls heran, um dem Alpenbesteiger zwischen seinen wollenen Halbhandschuhen die Hand zu drücken Er erinnerte sich dunkel, ihn irgendwo schon gesehen zu haben. «Sehr erfreut!.. sehr erfreut!» sagte er mehrere Male, und da er nicht wusste, wie er von den zwei Worten loskommen sollte. so fügte er noch die ihm geläufige Formel hinzu, mit der er aus allen Verlegenheiten sich rettete: «Höfliche Empfehlung an die gnädige Frau....»

Die Führer aber wurden ungeduldig. Man musste noch vor Sonnenuntergang die Klubhütte erreichen, wo man die Nacht zubringt, und man hatte keine Minute zu versäumen. Tartarin begriff das. Er grüsste rings umher, lächelte väterlich den boshaften misses zu, und dann sagte er mit Donnerstimme:

«Pascalon, das Banner!»

Er liess es flattern. Die Südländer entblössten ihr Haupt, denn man liebt alles Theatralische in Tarascon, und auf den zwanzigmal wiederholten Ruf: «Es lebe der Präsident!... es lebe Tartarin!... Ah!... ah!... ah!... fen dé brut...» setzte die Kolonne sich in Bewegung, die beiden Führer voran, mit allem Gepäck, mit Nahrungsmitteln und Holz beladen, dann Pascalon mit der Oriflamme, endlich der P. C. A. und die Delegirten, die ihn bis zum Guggigletscher begleiten sollten. Der Zug über den feuchten Grund und die nackten oder beschneiten Felsblöcke, mit der flatternden Fahne, erinnerte entfernt an eine Procession am Allerseelentage auf dem Lande.

Plötzlich rief der Kommandant, auf's Höchste beunruhigt:

«Vé, die Stiere!»

Man sah einige Thiere, die friedlich das karge Grün auf dem welligen Boden abgrasten. Der alte Soldat hatte vor dem Hornvieh eine nervöse, unüberwindliche Furcht, und da man ihn nicht allein zurücklassen konnte, so machte die Delegation hier Halt. Pascalon übergab die Standarte einem der Führer; noch ein letzter Händedruck, hastige Ermahnungen und dann:

«Adieu, qué!

– Aber ja keine Unklugheit....»

Sie trennten sich. Niemand dachte auch nur an den Vorschlag, mit dem Präsidenten die Fahrt zu wagen. O, das war zu hoch, boufre! Je näher man kam, um so grösser wurden die Berge, um so tiefer die Abgründe, und die Spitzen starrten in einem unübersteiglich scheinenden Eischaos in Himmelshöhe. Es war viel rathsamer, sich die Sache von der Scheideck aus anzusehen.

Noch nie in seinem Leben hatte der Präsident des Alpinenklubs den Fuss auf einen Gletscher gesetzt. Etwas nur annähernd Aehnliches existirt auf den niederen, duftigen, gleich einem Päckchen Mottenwurzeln trocknen Bergen nicht; und dennoch machten ihm die Zugänge zum Guggigletscher den Eindruck eines bereits Gesehenen; sie erweckten eine Erinnerung an die Jagden in der Provence, ganz unten in der Camargue, unweit des Mittelmeers. Es war dasselbe kurze, ausgedörrte, wie am Feuer geröstete Gras. Da und dort Wasserpfützen, dürre Schilfstengel, die auf einen schwammigen Grund hinwiesen, dann ein Steingeschiebe und Gerölle, Spuren organischen Lebens, und endlich der Gletscher, ein blaugrün gefrornes Meer mit weiss erstarrten Schaumköpfen, eine geräuschlose, versteinerte Fluth. Der Wind, der über den Gletscher herüber pfiff, hatte auch das Beissende, das gesund Frische der Meeresbrise.

«Nein, ich danke, sagte Tartarin zu dem Führer, der ihm wollene Socken anbot, um sie über seine Stiefel zu ziehen... ich habe meine Steigeisen, Whymper'sche Steigeisen, neuestes System, sehr bequem!...» Er schrie, wie zu einem Stocktauben, um sich Christian Inebnit, der nicht mehr französisch verstand als sein Freund Kaufmann, verständlich zu machen. Er setzte sich auf einen Stein und schnallte sich die dreispitzigen grossen und scharfen Eissporen an. Hundertmal hatte er die Whymper'schen Steigeisen in seinem Baobab-Garten versucht, die Wirkung war trotz alledem eine unerwartete. Unter dem Gewicht Tartarin's drangen die Spitzen so tief in's Eis ein, dass alle Versuche, wieder loszukommen, vergeblich waren. Er ist wie festgenagelt auf dem Eis, er schwitzt und flucht, telegraphirt verzweifelt mit den Armen und dem Alpenstock, und sieht sich endlich genöthigt, seine Führer zurückzurufen, die ihm vorangegangen waren, weil sie fest überzeugt waren, es mit einem erfahrenen Alpensteiger zu thun zu haben.

Da es unmöglich war, ihn zu entwurzeln, so schnallte man ihm die Riemen auf, die Eissporen blieben im Eise liegen und wurden durch ein Paar gestrickte Socken ersetzt. So setzte der Präsident seinen Weg fort, nicht ohne Anstrengung und schwere Ermüdung. Ungeübt in der Benutzung seines Stockes, stiess er mit den Beinen daran, die Eisenspitze glitt oft aus und er glitt dann mit, wenn er sich zu stark aufstützte. Er versuchte es nun mit der Hacke, aber sie war noch schwerer zu handhaben, da die Gletscherwellen immer wilder auftraten, und wie auf hoher See ihre erstarrten Fluthen wie in einem rasenden, aber versteinerten Sturm über einander stürzten.

Die Unbeweglichkeit ist nur scheinbar, denn ein dumpfes Krachen, ein fürchterliches Knurren in der Tiefe, ungeheure Felsblöcke, die langsam wie die Wanderdekorationen auf der Bühne fortschreiten, zeigen das innere Leben dieses gefrornen Stromes an und seine verrätherischen Elementarkräfte. Unter den Augen des Alpinisten, auf die Wurfweite seines spitzen Stockes, bildeten sich Risse, erstanden unergründliche Spalten, welche die von den Uferfelsen niederstürzenden Blöcke verschlangen. Tartarin fiel oft bis weit über die Hüften in einen jener grünlichen Schlünde, in welchen nur seine breiten Schultern ihn vor dem Sturz in die Tiefe bewahrten

Wenn ihn die Führer so ungeschickt und doch wieder so ruhig und vollkommen seiner sicher sahen, lachend, singend, wie eben noch beim Frühstück gestikulirend, so dachten sie nicht anders als dass der Schweizer Champagner seine Wirkung auf ihn ausübte. Wie konnten sie auch etwas Anderes von dem Präsidenten eines Alpenklubs, von einem berühmten Bergsteiger denken, von welchem seine Kameraden nur mit lauter Bewunderung sprachen. Sie nahmen ihn nun ehrerbietig jeder unter einen Arm, wie wohlgeschulte Policemen einen angeheiterten Jüngling aus guter Familie in einen Wagen heben. Sie bemühten sich, mit vielen einsilbigen Wörtern und Gesten, seine Vernunft auf die Gefahren des Weges, auf die Nothwendigkeit, die Hütte noch vor Sonnenaufgang zu erreichen, aufmerksam zu machen; sie drohten ihm mit Gletscherspalten, mit der Kälte, mit Lawinen. Und mit der Spitze ihrer Eishacke zeigten sie ihm die ungeheuren Eismassen, die gleich Mauern vor ihnen ansteigenden Firnfelder in blendender Spiegelung.

Dem guten Tartarin aber war dies Alles äusserst lächerlich. «Ach was, die Spalten.... Jawohl, die Lawinen...» und er lachte ihnen etwas vor, zwinkerte schlau mit den Augen und stiess ihnen die Ellenbogen in die Seiten, um seinen Führern wohl verständlich zu machen, dass man ihn nicht täuschen könne, dass er eingeweiht in das Geheimniss der Comödie sei.

Die Andern ergötzten sich schliesslich auch an den lustigen tarasconnesischen Liedern, und wenn sie sich einen Augenblick auf einen soliden Block hinsetzten, um dem Herrn Zeit zum Athemholen zu lassen, dann jodelten sie schweizerisch, aber nicht zu laut, aus Furcht vor den Lawinen; auch nicht sehr lange, denn die Stunde rückte vor. An der schärferen Kälte und besonders an der eigenthümlichen Entfärbung des Schnees, der aufgethürmten Eismassen, die selbst bei bedecktem Himmel noch einen Lichtschimmer bewahren, aber, wenn der Tag erlischt, einen fahlen, gespenstischen, mondbleichen Schein annehmen, erkannte man das Nahen der Nacht. Blässe, Kälte, Stille, Tod. Und der gute, so warmblütige, lebhafte Tartarin begann nun doch seine Munterkeit zu verlieren, als plötzlich der Ruf eines Schneehuhns in dieser Einsamkeit eine sonnverbrannte Landschaft und unter der erdbeerrothen Abendsonne eine Bande tarasconnesischer Jäger vor seine aufgeregten Sinne zauberte. Diese Erinnerung hob wieder seine gesunkenen Lebensgeister.

Zu gleicher Zeit zeigte ihm Kaufmann Etwas über ihnen, das einem Holzbündel auf dem Schnee ähnlich sah: «Die Hütte.» Es schien, als wäre sie in wenigen Schritten zu erreichen, doch es bedurfte noch einer guten halben Stunde angestrengten Marsches. Einer der Führer ging voraus, um das Feuer anzuzünden. Jetzt brach die Nacht herein, der Nordwind blies scharf über den bleigrauen Boden. Und Tartarin gab sich noch immer keine Rechenschaft von der Wirklichkeit. Er liess sich von des Führers Arm kräftig unterstützen, stolperte bisweilen, sprang wieder empor, und er hatte trotz der niedern Temperatur doch keinen trocknen Faden am Leibe. Plötzlich gewahrte er eine helle Flamme wenige Schritte vor sich und der gute Geruch einer Zwiebelsuppe war ihm ein willkommener Gruss.

Man war am Ziel.

Man kann sich nichts Einfacheres denken, als die Schirmhütten, welche die schweizerischen Alpenklubs auf den Bergen errichtet haben. Ein einziger Raum, in welchem eine harte Pritsche als Lager den meisten Platz in Anspruch nimmt, und nur wenig für den Ofen und den Tisch übrig lässt, der gleich den Bänken ringsum im Fussboden befestigt ist. Der Tisch war schon gedeckt. Drei Schüsseln, zinnerne Löffel, die Kaffeemachine mit hohem Brenner, zwei Conserven amerikanischen Pökelfleisches. Tartarin schmeckte das Essen vorzüglich, obgleich die Zwiebelsuppe die Luft verpestete und die berühmte neu patentirte Maschine, die einen Liter Kaffee in drei Minuten anfertigen sollte, durchaus nicht funktioniren wollte.

Zum Nachtisch sang er. Dies war seine einzige Manier, mit den Führern zu plaudern. Er sang seine heimathlichen Lieder: «die Tarasque», «die Mädchen aus Avignon». Die Führer antworteten mit schweizerdeutschen Liedern: «Mi Vater is 'n Appenzeller....» Brave Leute mit harten, verwitterten Gesichtern, wie aus Stein gehauen, Barthaar in den Falten. Sie hatten moosähnliche, helle, an weite Räume gewöhnte Augen, wie man sie bei den Matrosen sieht. Und jene Empfindung des Meeres, des unendlichen Raumes, die er eben noch in der Nähe des Guggigletschers gehabt, fand Tartarin hier angesichts dieser Matrosen des gefrornen Meeres wieder, in der engen, niedern, rauchigen Hütte, einem wahren Zwischendeck, in dem Abtropfen des Schnees vom Dache, das von der Wärme innen zu schmelzen begann, in den heftigen Windstössen, die an Allem rütteln, unter denen die Bretter krachen, die Flamme der Lampe zittert und die plötzlich wieder in einem ungeheuren, unnatürlichen, an das Weltende mahnenden Schweigen verstummen.

Man hatte eben das Essen beendigt, als schwere Schritte und laute Stimmen sich näherten. Heftige Stösse erschütterten die Thür. Tartarin, sehr aufgeregt, blickte auf seine Führer.... Ein nächtlicher Angriff auf solcher Höhe!... Die Stösse wurden immer stärker.

«Wer da?» rief unser Held, auf seine Eishacke zueilend. Aber schon standen zwei Riesenyankees, weisse Schleier über den Gesichtern, die Kleider von Schweiss und Schnee durchnässt, in der Hütte, und hinter ihnen Führer, Träger, eine ganze Karawane, die eben von der Jungfrau herunterkam.

«Seien Sie willkommen, Milords», sagte der Tarasconnese, und dies mit einem Entgegenkommen und einer einladenden Geste, deren die Lords durchaus nicht bedurften, um es sich bequem zu machen. Im Handumdrehen ist der Tisch in Besitz genommen, das Draufstehende abgeräumt, werden die Schüsseln und Löffel nach der in allen Klubhütten gültigen Regel in warmem Wasser gewaschen, rauchen die Stiefeln der Lords am Ofen, während sie selber, nachdem sie ihre Füsse mit Stroh umwickelt haben, vor einer frischen Zwiebelsuppe sitzen.

Die Amerikaner waren Vater und Sohn, zwei rothhaarige Riesen, etwas wie Pfadfinder aus dem fernen Westen, harte, willensstarke Physiognomien. Der Eine von beiden, der Aeltere, hatte in dem aufgetriebenen, straffen, rothfleckigen Gesicht weit aufgerissene, leere Augen. An seinem Tasten nach dem Löffel und der Schüssel, an der Fürsorge, die sein Sohn für ihn zeigte, merkte Tartarin, dass dies der famose blinde Bergsteiger war, von dem er im Hotel Bellevue hatte reden hören und an den er nicht hatte glauben wollen. Ein vorzüglicher Kletterer von Jugend auf, erneuerte der nun Sechzigjährige trotz seiner Blindheit mit seinem Sohne alle Bergfahrten, die er ehemals gemacht. So hatte er das Wetterhorn und die Jungfrau schon bestiegen. Er rechnete noch auf die Ueberwindung des Matterhorns und des Montblanc; die Luft auf den Höhen, der Odem des Schnees verursache ihm ein unbeschreibliches Wonnegefühl, es erinnere ihn an seine jugendliche Rüstigkeit, versicherte er.

«Aber sagen Sie, fragte Tartarin einen der Träger, denn die Yankees waren nicht mittheilsam und antworteten nur mit yes und no auf all sein Entgegenkommen... da er nicht sieht, wie macht er es an gefährlichen Stellen?

– O, er hat einen sichern Fuss, dann ist sein Sohn dabei; der stellt ihm die Absätze.... Thatsache ist es, dass er sich stets ohne Unfall aus jeder Gefahr gezogen hat.

– Umsomehr als die Unfälle nie sehr fürchterlich sind, qué?» Und auf das verblüffte Gesicht, mit welchem der Träger sein schlaues Lächeln beantwortete, war Tartarin nur um so fester überzeugt, dass «Alles dies nur ein fauler Zauber» war. Er streckte sich in seine Decke gehüllt, die Kappe bis über die Augen hinabgezogen, auf das Brett und schlief trotz der Lampe, des Lärms, des Tabakrauchs und des Zwiebelngeruchs fest ein....

«Mossie!... Mossie!...»

Einer der Führer schüttelte ihn, um ihn auf die Beine zu bringen, während der andre heissen Kaffee in die Schüsselchen goss. Es fielen einige Flüche; die Schläfer, denen Tartarin auf den Leib trat, um an den Tisch und an die Thür zu gelangen, knurrten. Plötzlich stand er draussen in der Kälte, geblendet von der feenhaften Spiegelung des Mondlichtes auf dem weissen Boden, dem erstarrten Strom, auf welchem die Schatten der Gräte, der Pfeiler, der Nadeln sich tief schwarz abzeichneten. Es war nicht mehr das glitzernde Chaos vom Nachmittag, noch die fahle, bleigraue Färbung des späten Abends, sondern eine von dunklen Gassen, geheimnissvollen Schlupfwinkeln, verdächtigen Spelunken neben marmornen Denkmälern und verwitterten Ruinen durchzogene Stadt, eine todte Stadt mit weiten öden Plätzen.

Zwei Uhr! Bei kräftigem Marsch werde man Mittags droben sein.... «Zou!» sagte der P. C. A. Er war ganz heiter, als ging's zum Tanze. Seine Führer aber liessen ihn Halt machen. Für die gefährlichen Stellen war es nun Zeit, die Seile zu brauchen.

«Ach was! Sich anbinden?... Na wenn das Ihnen Vergnügen macht....»

Christian Inebnit ging an der Spitze, er liess drei Meter Seil zwischen sich und Tartarin, den dieselbe Entfernung von dem zweiten, mit den Nahrungsmitteln und dem Banner versehenen Führer trennte. Der Tarasconnese hielt sich tapferer als am Abend vorher, und er musste in der That seine feste Ueberzeugung sich gemacht haben, da er die Schwierigkeiten des Weges gar nicht ernsthaft nahm; wenn man überhaupt die scharfe Eiskante, auf welcher sie vorsichtig vorwärts rückten, und die nur einige Centimeter breit und so glatt war, dass Christian erst Stufen hauen musste, einen Weg nennen kann.

Und der Grat erhob sich zwischen zwei tiefen Abgründen. Wer jedoch glaubt, dass Tartarin sich fürchtete, der ist in einem grossen Irrthum. Kaum ein leichter, oberflächlicher Schauer wie beim Novizen des Freimaurerthums, den man die ersten Prüfungen bestehen lässt. Er setzte seine Füsse ganz genau in die von dem vorangehenden Führer gehauenen Löcher, that Alles, was er jenen thun sah und eben so ruhig wie in seinem Gärtchen, als er da zum grossen Schrecken der Goldfische auf dem Rande des Bassins seine Uebungen machte.... An einer Stelle war der Grat so schmal, dass man sich rittlings auf denselben setzen musste, und während sie langsam vorwärts rückten, sich gegenseitig mit den Händen helfend, ertönte rechts unter ihnen ein furchtbarer Krach. «Eine Lawine!» sagte Inebnit und er regte sich nicht, so lange der Schall von Wand zu Wand erschütternd, himmelstürmend sich wiederholte und in einem langen Donnergetöse dahinrollte, schwächer und schwächer in der Ferne sich verlierend. Dann breitete das Schweigen sich wieder gleich einem Leichentuch über die erschrockene Welt.

Nachdem sie den Grat überschritten hatten, gelangten sie auf ein ziemlich sanft ansteigendes Firnfeld von unendlicher Länge. Sie kletterten seit mehr als einer Stunde. als eine leichte rosige Linie die Gipfel zu färben begann, oben, hoch oben über ihren Köpfen. Der Morgen kündete sich an.

Als ein ächter Meridionale und geborner Feind der Dunkelheit stimmte Tartarin sein heitres Lied an:

Grand souleù de la Provenço
Gai compaire dou mistrauGrosse Sonne der Provence, – Lustgefährte des Mistral....

Ein rascher Ruck des Seils von vorn und hinten gebot ihm, mitten in seinem Sang einzuhalten: «Scht!... scht!...» und Inebnit zeigte ihm mit der Spitze seiner Hacke die drohende Linie riesiger, auf unsicherem Grunde leicht beweglicher Schneemassen, welche die geringste Erschütterung zum Stürzen bringen konnte. Der Tarasconnese aber wusste ja, was er davon zu halten hatte; ihm sollte man mit solchen Flausen nicht kommen, und mit helltönender Stimme begann er wieder zu singen:

Tu qu'escoulès la Duranço
Commo un flot dé vin de CrauDu, die du die Durance verschluckest – Wie ein Glas Crauer Wein. .

Die Führer, die wohl einsahen, dass sie den rasenden Sänger nicht zur Vernunft bringen würden, machten einen grossen Umweg, um sich von dem Bereich der Lawinen zu entfernen. Sie wurden aber bald von einem ungeheuren Gletscherspalt festgehalten, dessen mattgrüne Wände von einem heimlichen ersten Sonnenstrahl beleuchtet wurden. Eine sogenannte Schneebrücke geleitete hinüber, aber sie war so dünn, so gebrechlich, dass sie nach dem ersten Schritt auf dieselbe in einem weissen Staubwirbel zusammenstürzte, und den ersten Führer mit Tartarin hinunterzog, die beide nur noch an dem Seil hingen, welches Rudolf Kaufmann, der Führer hinten, der sich mit der ganzen Stärke eines Alpenbewohners an seine tief in das Eis hineingetriebene Hacke klammerte, ganz allein festhalten musste. Wenn er aber die beiden Männer von dem weiteren Sturz in den Abgrund bewahren konnte, so fehlte ihm doch die Kraft, sie zurückzuziehen, und er blieb mit gestreckten Muskeln und die Zähne aufeinander gebissen auf seinem Platz hingekauert, zu weit entfernt indessen von dem Spalt, um zu sehen, was dort vorging.

Anfangs von dem Falle betäubt, vom Schnee erblindet, schlug Tartarin eine Minute unbewusst mit Armen und Beinen gleich einem lahmen Hampelmann um sich; dann fühlte er sich, den Kopf nach oben, am Seil über dem Abgrund hängen, die Nase an der Eiswand, die sein Athem glättete, in der Situation eines Spenglers, der eine Dachrinne zuzulöthen hat. Ueber sich sah er den Himmel erbleichen, die letzten Sterne verschwinden, unter sich den Abgrund in undurchdringlicher Finsterniss, aus welcher ein eisiger Hauch emporstieg.

Und doch, nachdem die erste Betäubung vorüber war, fand er seine Zuversicht, seinen guten Humor wieder:

« da oben, Papa Kaufmann, lassen Sie uns da unten nicht vermodern, qué? Es zieht hier ganz schauderhaft und dann schneidet Einem das verdammte Seil in die Seiten.»

Was sollte Kaufmann darauf antworten? Wenn er die Zähne von einander that, war es um seine Kraft dahin. Inebnit aber rief ihm von unten zu:

«Monsié!... Monsié!... Eishacke!....» Er hatte die seinige beim Sturz verloren. Als dann das gewichtige Werkzeug wegen der Entfernung der beiden Hängenden nicht ohne Schwierigkeit aus den Händen Tartarin's in diejenigen des Führers gelangt war, bediente sich dieser derselben, um sich in das Eis Löcher zu hauen, in die er dann seine Hände und Füsse stemmen konnte.

Nachdem das an dem Seile hängende Gewicht solcher Weise um die Hälfte geringer geworden war, begann Rudolf Kaufmann mit wohl bemessner Kraft und unendlicher Vorsicht den Präsidenten zu sich zu ziehen, dessen tarasconnesische Kappe endlich am Rande des Gletscherspalts erschien. Auch Inebnit fasste nun Fuss und die beiden Führer standen wieder nebeneinander und wechselten, wie es bei dieser Art Leuten, die nicht viel zu reden gewohnt sind, kaum anders sein konnte, nur einige kurze Worte nach der überstandenen Gefahr. Sie waren innerlich erregt und ihre Glieder zitterten von der Anstrengung. Tartarin musste ihnen seine Flasche Kirsch reichen, um sie neu zu stärken. Er selbst schien wohl und munter zu sein, und während er sich schüttelte und trampelnd den Takt sich dazu schlug, trällerte er sich sein Lied Angesichts der verblüfften Führer.

«Braver, braver Franzos,» sagte Kaufmann, ihm auf die Schulter klopfend. Tartarin aber antwortete darauf lächelnd:

«Sie Schäker, ich wusste wohl, dass keine Gefahr dabei war....»

So lange es Führer auf den Alpen gab, hatte man einen solchen Bergsteiger noch nicht gesehen.

Sie brachen wieder auf und kletterten eine riesenhafte Eiswand von sechs- bis achthundert Meter Höhe hinan, stets sich Stufen einhauend, was sie viel Zeit kostete. Unser Tarasconnese fühlte sich unter der glänzenden Sonne, welche das Weiss der Landschaft blendend zurückstrahlte, dem Ende seiner Kräfte nahe, und seine Augen wurden um so mehr davon angegriffen, als er seine Schneebrille im Abgrund verloren hatte. Bald wurde er von einer schrecklichen Schwäche überrascht, jener Bergkrankheit, welche dieselben Wirkungen wie die Seekrankheit hervorruft. Lendenlahm, den Kopf hohl, die Beine machtlos, konnte er nicht mehr vorwärts, und die Führer mussten ihn, jeder von einer Seite, wie am Abend vorher, anfassen, ihn unterstützen und bis oben auf die Eismauer hinaufhissen. Jetzt fehlten nur noch hundert Meter bis zur Spitze der Jungfrau; aber obgleich der Schnee hart und der Weg leicht war, kostete sie diese letzte Strecke eine unendliche Zeit, da die Müdigkeit und die Athembeschwerden des P. C. A. fortwährend zunahmen.

Plötzlich liessen die Führer ihn los und ihre Hüte schwenkend, schmetterten sie einen hellen Jodler hinaus. Man war auf dem Gipfel. Der Punkt in dem unbefleckten Raum, der weisse etwas abgerundete Grat war das Ziel und für den guten Tartarin das Ende des somnambulen Zustandes, in welchen er seit einer Stunde versunken war.

«Scheideck, Scheideck!» riefen die Führer und sie zeigten ihm tief unten, in grosser Entfernung auf einem grünen Plätzchen, das aus dem Nebel im Thal auftauchte, das Hotel Bellevue, etwa so gross wie ein Würfel.

Von da bis zu ihnen herauf breitete sich ein wunderbares Panorama aus, aufsteigende Schneefelder, von der Sonne in Gold und Orangefarbe verklärt, oder in tiefes kaltes Blau getaucht, fantastisch anstrebende Eisthürme, Pfeiler, Nadeln, Gräte, Riesenkuppeln, als wölbten sie sich über das Grab eines vorweltlichen Mastodon oder Megatherium. Alle Farben des Prismas spielten und vereinigten sich hier in dem Bette ungeheurer Gletscher, ihre Eiswasserfälle abwärts zielend und sich mit anderen, kleineren erstarrten Strömen kreuzend, deren Oberfläche unter den brennenden Sonnenstrahlen in leuchtende Flüssigkeit sich verwandelte. Ganz oben auf der Höhe aber milderte sich das Glitzern und Flimmern, ein kaltes gespenstisches Licht schwebte hier, darob Tartarin erschauerte gleichwie über die Stille und die Einsamkeit dieser weissen Einöde mit ihren geheimnissvollen dunklen Schluchten.

Ein wenig Rauch, ein dumpfer Knall tönte vom Hotel herauf. Man hatte sie gesehen, man löste ihnen zu Ehren einige Böllerschüsse, und der Gedanke, dass man auf ihn schaute, dass seine Klubkameraden unten waren, und die misses, die gelehrten Berühmtheiten, und dass sie Alle ihre Fernrohre auf ihn gerichtet hatten, erinnerte ihn an die Grösse seiner Mission. Ja, er entriss dich den Händen des Führers, heiliges Banner von Tarascon, er schwenkte dich zwei oder drei Mal. Dann stiess er seine Hacke in den Schnee, setzte sich auf den Rücken des Eisens, das Banner in der Faust, das Gesicht stolz den wimmelnden Punkten in der Tiefe zugekehrt. Und ohne dass er es gewahr wurde, zeichnete sich am Himmel infolge einer auf jenen Höhen nicht seltnen, zwischen der Sonne und den hinter ihr sich erhebenden Nebeln entstehenden Spiegelung ein riesenhafter, verbreiterter, stämmiger Tartarin, mit borstigem Bart, der ihm aus der bis über den Nacken reichenden Kopfbedeckung hervorstarrte, einem nordischen Gotte ähnlich, dessen Thron der Volksglaube in die Wolken versetzt.

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