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Tartarin in den Alpen

Alphonse Daudet: Tartarin in den Alpen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
translatorStephan Born
firstpub1886
year1886
publisherH. le Soudier
addressLeipzig
titleTartarin in den Alpen
created20070217
sendergerd.bouillon
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IX

Zur treuen Gemse.

Der Weg, den sie am folgenden Morgen zu Fuss nach Grindelwald machten, wo man die Führer nach der kleinen Scheideck mitnehmen sollte, war reizend, reizend der Triumphmarsch des P. C. A., der wieder in seinem Bergkostüm und seinen hohen Kamaschen steckte und sich rechts auf die magere Schulter des Kommandanten Bravida, links auf den kräftigen Arm des Freundes Excourbaniès lehnte, die Beide stolz darauf waren, ihrem theuren Präsidenten behülflich zu sein, seine Eishacke, sein Gepäck, seinen Alpenstock zu tragen, während der fanatische Pascalon, wie ein junger Hund, mit dem Banner, das, um tumultuarische Scenen in der Stadt zu vermeiden, zusammengerollt und wohl verpackt war, bald voraus, bald hintennach trabte.

Die Heiterkeit seiner Gefährten, das Bewusstsein erfüllter Pflicht, am Himmel droben die weiss strahlende Jungfrau, was brauchte es mehr, um den Helden Alles vergessen zu lassen, was er – vielleicht auf Nimmerwiedersehen –zurück liess. Bei den letzten Häusern von Interlaken rötheten sich seine Augenlider, und während des Marsches ergoss er seine wärmsten Empfindungen bald in den Busen des theuren Excourbaniès: «Hören Sie, Spiridion», bald in denjenigen Bravida's: «Sie kennen mich, Placide....» Denn infolge einer Ironie des Schicksals hiess dieser unbändige Krieger Placidus, und jener rauhhäutige Stier voll materieller Instinkte Spiridion.

Leider nimmt sich die mehr galante als sentimentale tarasconnesische Rasse die Dinge niemals zu Herzen: «Wenn Einer eine Frau und fünfzehn Sous verliert, so thut es ihm sehr leid um's Geld...» antwortete der sentenzenreiche Placide, und Spiridion dachte genau wie er.

Was aber den unschuldigen Pascalon betrifft, so hatte er eine unüberwindliche Angst vor allem Weiblichen und er erröthete bis über die Ohren, wenn man von der kleinen Scheideck sprach, da er nicht anders glaubte, als es sei eine sehr leichtsinnige junge Dame. Der arme Verliebte aber sah sich gezwungen, seine Herzensempfindungen für sich zu behalten; er tröstete sich ganz allein, was immer das Sicherste ist.

Welcher Kummer hätte übrigens auf einem Marsch durch dieses enge, tiefe, dunkle Thal Stand halten können, in das sie jetzt längs eines vielfach gewundenen schäumenden Wildbachs traten, der mit donnerndem Getöse zwischen die ihn einschliessenden, auf beiden Seiten steil anstrebenden Tannenwälder dahinbrauste?

Die tarasconnesischen Delegirten schritten mit religiöser Bewunderung und einer Art Grausen dahin. Ihnen waren bisher nur ihre kahlen und steinigen Hügel bekannt, und sie hätten niemals geglaubt, dass es so viel Bäume auf einmal auf so hohen Bergen geben könnte.

«Und das ist Alles noch nichts.... Sie werden erst noch die Jungfrau sehen», sagte der Präsident, der sich über ihr Staunen freute und sich in ihren Augen wachsen sah.

Um die Scenerie zu beleben und das überwältigende Schauspiel ihrem menschlichen Empfinden näher zu bringen, kamen ihnen jetzt Reiter entgegen, grosse, rasch abwärts rollende Kutschen. Wallende Schleier, neugierige Gesichter neigten sich herüber, um die fremdartigen Gestalten zu betrachten. Von Zeit zu Zeit allerlei Kram in geschnitztem Holz, kleine Mädchen am Rande des Weges, kerzengrad unter ihren breiten Strohhüten mit grossen Bändern, lange Schürzen über die schweren Röcke; sie sangen dreistimmige Chöre, und boten Himbeeren oder Edelweiss an. Bisweilen sandte das Alpenhorn seine melancholische Weise in die Berge, wo die anschwellenden und wie eine in Dunst sich auflösende Wolke langsam wieder abnehmenden Töne in den Schluchten wiederhallten.

«Es ist schön, es klingt wie die Orgel...» murmelte Pascalon feuchten Auges und verzückt wie ein Heiliger im Kirchenfenster. Excourbaniès brüllte, ohne müde zu werden, und das Echo wiederholte von Fels zu Fels den tarasconnesischen Lieblingsruf: «Ha!... ha!... ha!... fen de brut!»

Aber nach zweistündigem Marsch in derselben Scenerie wird man müde, und selbst wenn sie grün auf blau, Gletscher im Hintergrunde, und sonor wie ein Glockenspiel sich darstellt. Das Getöse der Wildbäche, die dreistimmigen Chöre, die Holzschnitzereien, die kleinen Blumenhändlerinnen wurden unseren Leuten lästig, besonders die Feuchtigkeit, der Dunst in dem tiefen Trichter, der breiige Boden, auf welchem Wasserpflanzen blühten und wo nie ein Sonnenstrahl noch hingedrungen war.

«Man kann sich hier Aergeres als einen Schnupfen holen», sagte Bravida, und er schlug den Kragen seines Jaquettes in die Höhe. Dann kam die Müdigkeit dazu, der Hunger, die schlechte Laune. Nirgends ein Wirthshaus, und Excourbaniès und Bravida, die sich mit Himbeeren vollgestopft hatten, wurde es mit einem Male höchst ungemüthlich. Pascalon selbst, dieser Engel, der nicht blos das Banner trug, sondern dem die Andern auch die Eishacke, das ganze Gepäck und den Alpenstock aufgeladen hatten, Pascalon hatte seine Munterkeit eingebüsst und seine lebhaften Sprünge vergessen.

Bei einer Wendung des Weges, da sie eben die Lütschine auf einer gedeckten Brücke überschritten hatten, wie man sie in den Ländern, wo es viel Schnee giebt, häufig findet, wurden sie mit den gewaltigen Tönen des Alpenhorns empfangen.

«Ach, genug, genug!» brüllte die auf's Aeusserste schöpfte Delegation.

Der Mann, ein Riese, der am Rande des Weges in einem Hinterhalt versteckt lag, stellte sein ungeheures tannenes prähistorisches Blasinstrument fort.

«Fragen Sie ihn doch, ob er kein Wirthshaus weiss?» sagte der Präsident zu Excourbaniès, der mit einer ungeheuren Zuversicht und einem ganz kleinen Wörterbuch der Delegation als Dolmetscher zu dienen sich rühmte, seitdem sie in der deutschen Schweiz sich befanden. Doch bevor er sein Wörterbuch hervorgezogen, antwortete der Alphornbläser in recht gutem Französisch:

«Ein Wirthshaus, meine Herren? ganz gewiss... die «Treue Gemse» ist hier ganz in der Nähe. Erlauben Sie mir, Sie hinzubegleiten.»

Und während sie mit ihm gingen, erzählte er ihnen, dass er lange Jahre in Paris gewohnt und Commissionär an der Ecke der Rue Vivienne gewesen sei.

«Auch einer von der Compagnie, natürlich!» dachte Tartarin, und er überliess das Staunen seinen Freunden. Der Kollege Bompard's war ihnen indessen sehr nützlich, denn trotz ihres französischen Wirthsschilds verstanden die Leute in der «Treuen Gemse» nur ihren Berner Dialekt.

Bald hatte die tarasconnesische Delegation, Dank einem ungeheuren Kartoffelfladen, die Gesundheit und die gute Laune wiedergefunden, die zum Südländer so nothwendig gehört wie die Sonne zu ihrer Heimath. Man trank tüchtig, man ass nach Gebühr. Nach häufigem Anstossen auf den Präsidenten und seine Bergfahrt, fragte Tartarin, dem seit seinem Eintritt in's Wirthshaus das Schild viel zu denken gab, den Alphornbläser, der in einer Ecke des Saales an einer Brodrinde knusperte:

«Es giebt also Gemsen bei Ihnen?... Ich glaubte, sie seien in der Schweiz schon ganz ausgerottet.»

Der Mann blinzelte bäurisch schlau mit den Augen:

«Nicht, dass es noch sehr viel Gemsen giebt, aber ich könnte Ihnen doch welche zeigen.

– Sie müssen ihn welche schiessen lassen, vé!... sagte Pascalon voller Begeisterung.... Noch niemals hat der Präsident einen Fehlschuss gethan.»

Tartarin bedauerte, seine Büchse nicht mitgebracht zu haben.

«Warten Sie nur, ich will mit dem «Meister» reden.»

Ganz zufällig fügte es sich, dass der «Meister» ein ehemaliger Gemsjäger war; er bot sein Gewehr, sein Pulver, sein Blei, sogar seine Führerdienste zu einem ihm wohlbekannten Platze an.

«Vorwärts, zou!» rief Tartarin. Er musste ja wohl den Wünschen seiner Klubgenossen nachgeben und in der Fremde seine Geschicklichkeit als ihr Oberhaupt glänzen lassen. Eine kleine Verzögerung im Grunde. Die Jungfrau verlor ja nichts beim Warten.

Sie gingen zur Hinterthür hinaus, wenige Schritte quer durch den Obstgarten, der nicht grösser war als das Gärtchen eines Bahnwärters, und befanden sich in einer zerrissenen Schlucht voll finstrer Tannen und Brombeerstauden. Der Gemsenwirth war schon weit voraus und die Tarasconnesen sahen ihn hoch oben; er schwenkte seine Arme und warf mit Steinen, wahrscheinlich um das Wild aufzuscheuchen. Es war keine Kleinigkeit, zu ihm hinaufzuklettern über das steile, steinige Gehänge, und besonders für Personen, die eben von Tisch sich erhoben und das Klettern nicht besser gewohnt sind, als die braven Alpenbrüder von Tarascon. Und dabei zog über ihre Häupter, längs der Bergesspitzen, eine schwere schwüle Luft dahin, wie vor einem Gewitter.

«Boufre!» ächzte Bravida.

Und Excourbaniès brummte:

«Outre!

– Fast hätte ich gesagt...» setzte der sanfte Pascalon blökend hinzu.

Aber der Wirth machte ihnen plötzlich ein Zeichen, zu schweigen: «Man schwatzt nicht unter den Waffen», sagte Tartarin von Tarascon mit einer strengen Miene, von der jeder sein Theil für sich nahm, obgleich der Präsident allein Waffen trug. Sie standen kerzengerade da und hielten den Athem an, als plötzlich Pascalon ausrief:

«Schaut die Gemse...»

Etwa hundert Meter über ihnen sah man das hübsche Thier, es war wie aus Holz geschnitzt: die steilen Hörner, das lichte Fell, die vier Füsse am Rande des Felsens vereinigt. Es betrachtete sie ohne die geringste Angst. Tartarin legte methodisch an, seiner Gewohnheit gemäss, er wollte eben Feuer geben, da war die Gemse verschwunden.

«Es ist Ihre Schuld, sagte der Kommandant zu Pascalon... Sie haben gepfiffen... das hat ihr Angst gemacht.

– Ich habe gepfiffen? ich?

– Dann war es Spiridion....

– Warum nicht gar? in meinem ganzen Leben nicht.»

Man hatte aber doch einen schrillen, langen Pfiff gehört. Der Präsident machte dem Streit ein Ende, indem er erzählte, dass die Gemse beim Nahen des Feindes ein warnendes Signal ausstösst. Der Teufel von Tartarin kannte diese Jagd eben so gründlich wie jede andere. Auf den Ruf ihres Führers brachen sie wieder auf. Aber der Abhang wurde immer steiler, die Felsen mit tiefen Abgründen rechts und links immer gefährlicher. Tartarin ging an der Spitze, drehte sich häufig um, um den Delegirten zu helfen, ihnen die Hand oder seine Büchse entgegenzureichen. «Die Hand, die Hand, wenn es Ihnen gleich ist», rief der gute Bravida, er hatte einen ungeheuren Respekt vor den geladenen Schusswaffen.

Ein neues Zeichen des Führers, ein neuer Halt der Delegation, ein neues Nasenlüpfen in die Wolken.

«Es fallen Tropfen, ich habe Einen gefühlt!» murmelte der Kommandant, sehr beunruhigt. Man hörte schon den rollenden Donner, aber den Donner noch übertönend, die Stimme unseres Excourbaniès: «Aufgepasst, Tartarin!» Die Gemse sprang dicht an ihnen vorüber, setzte gleich einem goldnen Lichtschein über eine Schlucht, aber zu rasch, als dass Tartarin hätte anlegen können, nicht rasch genug, als dass sie den gellenden Pfiff des Thieres nicht gehört hätten.

«Ich muss es haben, verwünschtes Pech!» sagte der Präsident, aber die Delegirten erhoben Widerspruch dagegen. Excourbaniès fragte ihn plötzlich sehr gereizt, ob er etwa geschworen habe, sie auszurotten?

«Lieber He...e...e...err, meckerte Pascalon schüchtern, ich habe sagen hören, dass die Gemsen, wenn man sie an den Abgrund drängt, sich gegen den Jäger wenden und ihm sehr gefährlich werden.

– Also drängen wir es lieber nicht,» rief Bravida in fürchterlichem Tone, seine Mütze zückend, wie zum Gefecht.

Tartarin nannte sie Hasenfüsse. Plötzlich, während sie mit einander stritten, verschwand Einer dem Andern in einer dichten, feuchten, nach Schwefel riechenden Wolke, in welcher sie gegenseitig sich suchten und riefen.

«Hé, Tartarin!

– Sind Sie da, Placide?

– He... e...e...er!

– Nur ruhig Blut, ruhig Blut!»

Eine wahrhafte Panik. Da zerriss ein Windstoss die Wolke und entführte sie gleich einem an einer Brombeerstaude hängenden Schleier; ein Blitz mit einem furchtbaren Donnerschlag fuhr im Zickzack hernieder. «Meine Mütze!..» schrie Spiridion barhäuptig; die Haare, electrisch knisternd, standen ihm zu Berge. Sie befanden sich im Centrum des Gewitters, in der Schmiede Vulkans. Bravida, als der Erste, machte sich eiligst auf die Flucht. Die übrigen Mitglieder der Delegation hinter ihm drein; aber ein Ruf des P. C. A., der an Alles dachte, hielt sie zurück.

«Ihr Unglücklichen... hütet euch vor dem Blitz....»

Auch von der sehr wirklichen Gefahr abgesehen, der sie sich aussetzten, war es übrigens kaum möglich, auf den steilen, vom Regen durchwühlten, in Bäche, in Wasserfälle verwandelten Abhängen hinunterzueilen. Die Rückkehr, selbst langsamen Schrittes, war unter der tollen Regenfluth, bei Blitz und Donner, wo der Eine ausglitt, der Andere stürzte, der Dritte nicht mehr weiter konnte, durchaus keine Kleinigkeit. Pascalon machte das Zeichen des Kreuzes, und wie in Tarascon rief er ganz laut: «Heilige Martha, und heilige Helena, heilige Maria Magdalena», während Excourbaniès über «das verwünschte Pech» fluchte, und Bravida in der Nachhut sich voller Unruhe umkehrte:

«Was Teufel hört man hinter uns?... das pfeift, das trappt, dann steht es still....» Der Gedanke an die verzweifelnde Gemse, die sich dem Jäger entgegenwirft, kam dem alten Krieger nicht aus dem Sinn.

Ganz leise, um die Andern nicht zu erschrecken, theilte er Tartarin seine Befürchtung mit, der tapfer seinen Platz als letzter in der Kolonne einnahm und stolzen Hauptes, bis auf die Haut durchnässt, mit der stummen Entschlossenheit gewappnet war, die eine nahe Gefahr uns eingiebt. Freilich, als er nun in die Gaststube trat, und seine lieben Klubgenossen unter Dach und damit beschäftigt sah, sich zu reinigen, und um einen grossen Kachelofen herum stehend sich zu trocknen, als er den Geruch des bestellten Glühweins verspürte, da fing der Präsident mit einem Male an, sich zu schütteln, und plötzlich erbleichend sagte er: «O, ich glaube gar, ich habe ein Uebel....»

«Ein Uebel haben»! Es ist ein heimathlicher unheilsschwerer Ausdruck, der in seiner Unbestimmtheit und Kürze alle Krankheiten in sich fasst: Pest, Cholera,Vomito negro, schwarzes Fieber, gelbes Fieber, Schlagfluss; von allen diesen Krankheiten fühlt der Tarasconnese beim geringsten Unwohlsein sich befallen.

Tartarin «hat ein Uebel»! Von einer Weiterreise war nicht mehr die Rede, und die Delegation verlangte nichts sehnlicher als Ruhe. Man liess rasch das Bett wärmen, man eilte mit der Anfertigung des Glühweins, und schon beim zweiten Glase fühlte der Präsident durch seinen ganzen Leib eine wonnige Wärme gleiten, ein Prickeln von guter Vorbedeutung. Zwei Kopfkissen unter den Schultern, ein Federbett auf den Füssen, seine gestrickte Mütze tief über das Gesicht gezogen – er empfand ein köstliches Wohlbehagen beim Anhören des tobenden Sturms draussen. Und das Zimmer war von oben bis unten mit Holz bekleidet und hatte noch den angenehmen Tannengeruch. Die kleinen mit Blei eingefassten Fensterscheiben waren so gemüthlich und es war so herzerquickend, die Freude, Jeden mit einem dampfenden Glase in der Hand an seinem Bette zu sehen, und sie nahmen sich mit ihrem gallischen, sarrazenischen oder römischen Gesichtstypus so drollig aus in den Bettvorhängen, Gardinen, Teppichen, mit denen sie sich behängt hatten, während ihre Kleider am Ofen dämpften. Er wurde ganz weich, und sich selbst ganz vergessend, fragte er sie mit theilnehmender Stimme:

«Ist Ihnen wohl, Placide?... Spiridion, Sie sahen eben etwas leidend aus?...»

Nein, Spiridion war nicht leidend; das war ihm vergangen, als er den Präsidenten so krank sah. Bravida, der den Sprüchwörtern seines Landes die Moral anpasste, fügte cynisch hinzu: «Des Nachbars Krankheit ist heilsame Medicin!...» Dann unterhielten sie sich von ihrer Jagd, erhitzten sich bei der Erinnerung an gewisse gefahrvolle Episoden, als zum Beispiel das Thier wüthend umkehrte; und ohne lügnerische Absicht, ganz harmlos, arbeiteten sie schon an der Fabel, die sie daheim zu erzählen gedachten.

Plötzlich erschien Pascalon, der nach einer neuen Bowle Glühwein hinabgegangen war, in der Thür. Er war ganz ausser sich. Einen nackten Arm streckte er, nach Worten suchend, aus dem unwillkürlich geöffneten geblümten Bettvorhang, den er, gleich Polyeucte, verschämt wieder an sich zog. Er brauchte über eine Secunde, ehe er mit angehaltenem Athem, ganz leise, das Wort hervorbrachte:

«Die Gemse!...

– Ja was, die Gemse?...

– Sie ist unten in der Küche.... Sie wärmt sich!...

– Ah! vaï....

– Du faselst!...

– Wenn Sie nachsehen wollten, Placide?»

Bravida zögerte. Excourbaniès stieg auf den Fussspitzen hinab, kam aber sofort mit ganz verblüfftem Gesicht zurück.... Immer besser!... Die Gemse trank warmen Wein.

Das war man ihm gewiss schuldig, dem armen Thier, nach dem tollen Rennen, zu dem es auf dem Berge sich hatte hergeben müssen, bald von seinem Herrn gejagt, bald von ihm zurückgerufen, während er sich sonst damit begnügte, die Gemse in dem Gastzimmer herumspringen zu lassen, um den Reisenden zu zeigen, wie gut er sie dressirt hatte.

«Das ist, um närrisch zu werden!» sagte Bravida, der auch gar keinen Versuch mehr machte, sich die Sache zu erklären, während Tartarin seine gestrickte Mütze noch tiefer über die Augen zog, um seinen Freunden die göttliche Heiterkeit zu verbergen, die ihn jetzt erfasste, da er auch hier wieder die ihm von Bompard geschilderte Schweiz mit allen ihren Theaterkniffen und Figuranten wieder erkannte.

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