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Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 8
Quellenangabe
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typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
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VII. Die Europäer in Schanghai – der Welthandel – Die Tataren – Tartarin aus Tarascon ein Bluff? – Die Spiegelung

Und doch wäre es einmal fast soweit gekommen, daß Tartarin eine große Reise angetreten hätte. Es gab drei Brüder Garcio-Camus, Tarasconesen, die in Schanghai ein Geschäft errichtet hatten, und die ihm die Leitung einer ihrer Niederlassungen da unten angeboten hatten. Und das war ausgerechnet das Leben, wonach er sich gesehnt hatte. Riesige Geschäfte, ein ganzes Regiment von Angestellten ihm untertan, Beziehungen zu Rußland, Persien, asiatischer Türkei und endlich: der Welthandel.

Wenn Tartarin das Wort Welthandel aussprach, da erschien es wie mit haushohen Lettern gedruckt.

Und noch einen Vorteil hatte das Haus Garcio-Camus, nämlich den, daß man manchmal den Besuch von Tataren empfing. Dann schloß man flink die Tore, man hißte die Konsularfahne, und piff, paff schoß man durch die Fenster auf die Tataren.

Mit welch toller Begeisterung sich Tartarin Quichotte auf diesen Vorschlag stürzte, dazu bedarf es weniger Worte. Nur wollte unglückseligerweise Tartarin Sancho auf diesem Ohr nicht hören, und da er der Stärkere war, wurde nichts aus der Sache. In der Stadt sprach man sehr viel darüber. Wird er abreisen? Wird er nicht? Wetten wir, daß ja? Wetten wir, daß nein? Das war ein gewaltiges Ereignis. Um die Sache kurz zu machen, Tartarin reiste nicht. Aber jedenfalls erhöhte die ganze Angelegenheit seinen Nimbus. Ob er hätte nach Schanghai gehen sollen oder ob er hingegangen war, für Tarascon war das Jacke wie Hose. Man hatte schließlich so lange von der Reise Tartarins gesprochen, daß man schließlich glaubte, er sei schon zurück. Und abends im Klub wollten alle diese Herren Bescheid haben über das Leben in Schanghai, über die Sitten, das Klima, das Opium und über den Welthandel.

Tartarin war durchaus auf der Höhe, und er gab sehr bereitwillig alle verlangten Einzelheiten, und am Ende war der gute Mann selbst nicht ganz sicher, ob er nicht doch in Schanghai gewesen, und so kam es ihm sehr selbstverständlich von den Lippen: »Nun, da lasse ich meine Kommis unter Waffen treten, ich hisse die Konsularflagge und piff, paff, puff, durch die Fenster auf die Tataren.« Dabei konnte der Klub ein Zittern nicht unterdrücken.

»Nun, auf diese Art ist doch Ihr Tartarin nichts als ein abscheuliches Lügenmaul.«

»Nicht doch, ganz und gar nicht, Tartarin ein Lügenmaul? Nie und nimmer!«

»Aber er mußte doch wissen, daß er nie im Leben Schanghai gesehen hatte.«

»Na ja, zweifellos, gewußt hatte er es. Nur ist das so eine Sache...«

Es ist so, ich muß Ihnen das ganz genau erklären. Es ist jetzt Zeit, ein für allemal sich über den Vorwurf der Lügenhaftigkeit klar zu werden, welchen die Leute aus dem Norden sooft den Menschen aus dem Süden machen. Es gibt keine Lügner im Süden, nicht einen einzigen in Marseille, ebensowenig in Nimes, keinen in Toulouse, noch auch in Tarascon. Der Mann aus dem Süden lügt nicht, er täuscht sich nur. Er sagt natürlich nicht immer die Wahrheit, aber für ihn ist es die Wahrheit. Seine Speziallüge ist keine Lüge, es ist eine Art Spiegelung.

Ja, ganz richtig, Spiegelung! Wenn Sie mich richtig verstehen wollen, dann begeben Sie sich in den Süden, und überzeugen Sie sich dort durch den Augenschein. Sie werden sehen, daß in diesem verteufelten Land die Sonne alles verändert und alles übernatürlich vergrößert. Sie werden diese ganz winzigen Hügelchen der Provence sehen, nicht höher als der Montmartre mitten in Paris, aber dort erscheinen sie so groß wie ein Gaurisankar, sie werden die Maison carrée von Nîmes sehen, eine Nippesfigur für die Vitrine, aber dort sieht sie aus gewaltig wie die Notre-Dame-Kirche. Sie werden sehen. Ach! Der einzige Lügner im Süden (wenn es überhaupt einen gibt) ist die Sonne. Alles, was sie berührt, wird überlebensgroß. Nun aber wirklich, was war Sparta zur Zeit seines höchsten Glanzes? Ein Krähwinkel. Und was war Athen? Schließlich und endlich auch nicht mehr als der Sitz eines Regierungspräsidenten. Und doch, in der Weltgeschichte figurieren sie als ungeheure Städte. Schuld ist die Sonne. Wen kann es da noch wundernehmen, daß dieselbe Sonne, wenn sie auf Tarascon fiel, aus einem alten Hauptmann des Monturendepots wie Bravida den tapferen Kommandanten Bravida machte? Aus einer Rübe einen Baobab, und aus dem Manne, der einmal nach Schanghai gehen sollte, den Mann der wirklich hingegangen ist.

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