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Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 7
Quellenangabe
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typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VI. Die zwei Tartarins

Aber wie kommt es, daß ein Tartarin aus Tarascon mit solch einer Gier nach Abenteuern, solch einem Hunger nach kolossalen Aufregungen, mit dieser wahnsinnigen Lust auf Reisen und Jagden und Wildwestabenteuer, wie zum Teufel kam es, daß Tartarin niemals Tarascon verlassen hatte?

Denn dies ist eine Tatsache. Bis zum Alter von fünfundvierzig Jahren hatte der Tarasconese ohne Furcht und Tadel nicht ein einziges Mal außerhalb seiner Heimatstadt eine Nacht verbracht. Er hatte nicht einmal die berühmte Reise nach Marseille unternommen, die sich jeder gute Provenzale bei seiner Großjährigkeit leistet. Es ist schon viel gesagt, wenn er Beaucaire kannte, und doch ist Beaucaire sehr nahe bei Tarascon, es ist eigentlich nur eine Brücke dazwischen. Nur ist unglückseligerweise diese Brücke so oft schon von Stürmen davongetragen worden, sie ist so lang, so zart gebaut, und die Rhône ist so breit an dieser Stelle, daß, auf Ehre und Gewissen...! Sie verstehen mich. Auf der festen Erde fühlte sich Tartarin besser.

Ich muß Ihnen nun gestehen, es gab in unserem Heros zwei sehr verschiedene Seelen. »Ich fühle, es sind zwei Menschen in mir«, hat irgendein Kirchenvater gesagt. Das traf ganz und gar auf Tartarin zu, der in sich die Seele eines Don Quichotte umhertrug, denselben ritterlichen Elan, dasselbe heroische Ideal, denselben Hang nach Romantik und nach Überlebensgröße. Aber unglückseligerweise hatte er nicht das Äußere des berühmten Hidalgo, diesen Körper aus Haut und Knochen, diese Atrappe von Körper, welche dem tatsächlichen Leben keine Angriffsfläche bietet, diesen hochbeinigen Leib, der imstande war, zwanzig Nächte in seinem Küraß eingepanzert zu bleiben und achtundvierzig Stunden mit einer Handvoll Reis auszukommen. Tartarins leibliches Teil war gerade das Gegenteil. Es war ein wacker befleischter Mann, sehr dick sogar, ein Schwergewicht, recht sinnlich, ordentlich verweichlicht, wehleidig, voll von kleinbürgerlichen Neigungen und mit einer großen Schwäche für die Häuslichkeit – der fette und untersetzte Leib des unsterblichen Sancho Pansa, getragen von kurzen Stummeln.

Doch Quichote und Sancho Pansa in demselben Mann! Man kann sich vorstellen, wie schlecht sie miteinander lebten. Welche Kämpfe, welche Duelle auf Tod und Leben! Und was für einen reizenden Dialog hätte Lukian oder Samt-Evremond schreiben können, einen Dialog zwischen Tartarin Numero eins und Tartarin Numero zwei, zwischen Tartarin Quichotte und dem Tartarin Sancho. Tartarin Quichotte entflammt sich an den Erzählungen Gustave Aimards und schreit: »Ich ziehe los!«

Tartarin Sancho denkt nur an Rheumatismus und sagt: »Ich bleibe hier!«

Tartarin Quichotte, sehr begeistert:

»Hülle dich in Ruhm, Tartarin!«

Tartarin Sancho, sehr ruhig:

»Tartarin, hülle dich in Flanell!«

Tartarin Quichotte mit immer steigender Erregung:

»O ihr guten doppelläufigen Flinten, o ihr Dolche, o ihr Lassos, ihr Mokassins!«

Tartarin Sancho noch ruhiger:

»O ihr herrlichen gestrickten Westen, o ihr feinen warmen Wadenstrümpfe, o ihr wundervollen Mützen mit Ohrenklappen!«

Tartarin Quichotte ganz außer sich:

»Eine Axt, ein Königreich für eine Axt!«

Tartarin Sancho läutet dem Mädchen:

»Jeanette, meine Schokolade!«

Daraufhin erscheint Jeanette mit einer ausgezeichneten Schokolade, heiß, braun wie Mohrenhaut, duftend wie das Himmelreich, und dazu wundervolle frischgebackene Anisplätzchen; ein Gegenstand des Jubels für Tartarin Sancho und das Grab für Tartarin Quichotte.

Und so ist es gekommen, daß Tartarin aus Tarascon niemals Tarascon verlassen hat.

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