Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alphonse Daudet >

Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/daudet/tartari1/tartari1.xml
typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110116
projectidb399e539
Schließen

Navigation:

V. Tartarins Gang in den Klub

Ein Tempelritter, der sich zum Ausfall gegen die Heiden rüstet, die draußen lauern – ein chinesischer Held mit Tigerherzen, der sich wappnet für die Schlacht – der Komanchoindianer auf dem Kriegspfad, das alles ist nichts gegen Tartarin aus Tarascon, wenn er sich von Kopf bis zum Fuß equipiert, um neun Uhr abends eine Stunde nach dem Zapfenstreich in den Klub zu gehen.

Schiff klar zum Gefecht, wie es in der Matrosensprache heißt.

In der linken Hand hatte Tartarin einen Schlagring mit scharfen Eisenzähnen, in der rechten einen Stockdegen. In der linken Tasche einen Totschläger, in der rechten einen Revolver. Auf der Brust zwischen Flanell und Rock einen malaiischen Kris. Aber wohlverstanden, niemals einen vergifteten. Das sind zu unfaire Waffen!...

Bevor er fortging, übte er sich in der schweigenden Stille seines Zimmers, er legte aus, zielte nach der Wand, ließ seine Muskeln spielen. Dann nahm er seinen Hausschlüssel, durchquerte den Garten, in aller Gehaltenheit, ohne jede Übereilung. »Nur ruhig Blut, meine Herren! Das ist Mannesmut!« – Am Ende des Gartens öffnete er die schwere Eisentür. Er öffnete sie mit einem Ruck, dergestalt, daß sie rückwärts an die Mauer anprallen mußte... Wenn die »Euch« dahinter gewesen wären, sie wären zu Mus zerquetscht worden. Leider waren »Euch« nicht dahinter.

Jetzt hatte Tartarin das Tor geöffnet, er trat hinaus, warf schnell einen Blick nach rechts und einen nach links, schloß das Tor doppelt zu mit der ganzen Lebhaftigkeit seines Wesens. Und dann los.

Auf der Straße nach Avignon nicht einmal eine Katze. Die Tore zu, die Fenster dunkel. Weit entfernt schimmerte hin und wieder eine Laterne in dem Dunst, der über der Rhône lag.

Stolz und ruhevoll zog Tartarin seinen Weg nun durch die Nacht, ließ im Takte seine Absätze schallen und schlug mit der eisernen Spitze seines Stockes auf die Steine, bis die Funken flogen. Breite Straßen, mittlere Gassen, winzige Gäßchen, immer hielt er sich in der Mitte der Wege, glänzende Vorsichtsmaßregel, die es jedem gestattet, die Gefahr von weitem zu sehen, und vor allem, dem aus dem Wege zu gehen, was manchmal (wenigstens in Tarascon) nachts aus dem Fenster fällt. Wenn man an ihm so viel Vorsicht sah, wäre der Gedanke an Furcht nicht ganz so weit hergeholt gewesen. Aber nein. Nein, er nahm sich nur in acht, sah sich vor.

Der beste Beweis dafür, daß es bei Tartarin nicht Angst war, ist der Umstand, daß er über den Boulevard in den Klub ging, statt durch die Stadt, d. h. er nahm den weitesten Weg, den am schlechtesten beleuchteten, durch winklige, schmierige Gassen, an deren Ende man die Rhône unheimlich blinken sah. Der arme Teufel hoffte immer, daß einer von euch Halsabschneidern aus dem Dunklen hervorspringen würde, um ihm in den Rücken zu fallen. Aber die Euch hätte er gut empfangen; dafür garantiere ich. Aber ach, das Schicksal nahm ihn nicht ernst und Niemals (mit einem großen N) hatte Tartarin aus Tarascon das Glück, einem üblen Kerl zu begegnen, nicht einmal einem Hund, nicht einmal einem Betrunkenen, niemals und nichts.

Manchmal ein falscher Alarm, ein ferner Schritt, ein Flüsterwort. »Achtung!« sagte Tartarin zu sich, und er blieb wie angewachsen an der Stelle, durchforschte das Dunkel und nahm Witterung, legte nach Indianerart das Ohr an die Erde. Näher und näher kommen die Schritte; man hört deutlich Stimmen, kein Zweifel mehr, die Euch kommen näher, die Euch sind da. Schon rafft sich Tartarin feurigen Auges und keuchender Brust in sich selbst zusammen, wie ein Jaguar, schon bereitet er sich vor, loszuspringen und seinen Kriegsruf auszustoßen, als plötzlich aus dem Schoß der Dunkelheit gute Tarasconesenstimmen in aller Seelenruhe sich an ihn wenden: »Ach je, der Tartarin!« und »Auf Wiedersehen, Tartarin!«

Verflucht, es war der Apotheker Bézuquet mit seiner Familie, der gerade seine Arie bei den Costecaldes abgesungen hatte.

»Guten Abend! Gute Nacht!« brummte Tartarin, wütend, daß es wieder nichts gewesen war, und in seiner Zornesglut verschwand er mit hoch erhobenem Spazierstock in der Nacht.

War unser Tarasconese ohne Furcht und Tadel in der Straße des Klubs angekommen, da wartete er noch einen Augenblick, während er kreuz und quer vor dem Tor umherspazierte, bevor er eintrat. Schließlich und endlich wurde er es satt, die Euch zu erwarten, war sicher, daß die Euch sich nicht mehr zeigen würden, und so warf er einen letzten herausfordernden Blick wie einen Fehdehandschuh in den Schatten und murmelte zornentbrannt: »Nichts! Nichts! und niemals Nichts!«

Dies vollbracht, trat der tapfere Mann ein, um sein Spielchen Bézigue mit dem Kommandanten zu machen.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.