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Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 5
Quellenangabe
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typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IV. Euch!

Es war nicht ein einzelnes Talent, dem Tartarin aus Tarascon seine beherrschende Stellung in der Stadt verdankt. Im übrigen war es eine unbestreitbare Tatsache, daß dieser Teufelskerl mit allen Menschen fertig zu werden verstand. So war in Tarascon das Militär für Tartarin. Der brave kühne Kommandant Bravida, Hauptmann im Monturendepot a. D., pflegte ihn nur »unser Karnickel« zu nennen. Und Karnickel waren ja sein Spezialfach, da er so viele eingekleidet hatte.

Die Beamtenschaft war für Tartarin. Mehr als einmal hatte der alte Präsident Ladèvèze in offener Sitzung von ihm gesagt: »Tadelloser Charakter!«

Und schließlich war die Masse für Tartarin. Wie er sich räusperte, wie er spuckte, wie er ging, und wie er stand, und dann sein Wesen, das Wesen eines handfesten Trompetergaules, der vor dem Krach keine Angst hat, dieser Ruhm des Heroen, der ihn umgab, man weiß nicht wieso und woher, und dann das Zuckerbrot und die Peitsche, die er den kleinen Gassenjungen verabreichte, die vor seiner Tür herumlungerten, summa summarum, er war der große Lordmilliardär der Provinz, er war der König in den Markthallen von Tarascon. Und wenn Tartarin Sonntag abends am Ufergelände der Rhône von der Jagd heimkehrte, die Mütze an der Spitze seines Schießprügels, fest eingemummelt in seine Flanellweste, da verbeugten sich die Lastträger voll Ehrfurcht bis zur Erde, sie zwinkerten auf seine gewaltigen Armmuskeln hin, die ihm an den Armen rollten, und es war die Stimme der Bewunderung, wenn sie sagten: »Das da, das ist Sache! ... Er hat doppelte Muskeln...«

Doppelte Muskeln! Das ist so recht Tarascon.

Und doch! Dieser Tartarin war trotz alledem mit seinen Talenten ohne Zahl, mit seinen doppelten Muskeln, trotz der Gunst der Masse und der unbezahlbaren Wertschätzung seitens des tapferen Kommandanten Bravida – glücklich war Tartarin nicht. Dieses Kleinstadtleben lastete auf ihm bis zum Erdrücken. Der große Mann von Tarascon langweilte sich in Tarascon. Tatsache ist, daß für eine heldenhafte Natur wie die seine, für eine rasende Abenteurerseele, die nach Schlachten hungerte, nach Rennritten in den Pampas, nach grandiosen Jagden, nach öden Wüsteneien, nach Taifunen und Zyklonen... für eine solche Seele ist die Sonntagsjagd auf Mützen nichts, weniger als nichts ist ihr das Zugerichtsitzen beim Büchsenmacher Costecalde... O du armer, lieber, großer Mann! Wäre es so weitergegangen, er hätte sich verzehrt, wäre an sich verbrannt, an seiner inneren Flamme! Was half es, wenn er, um seinen Horizont zu erweitern und ein wenig den Klub und den »großen Platz« aus den Augen zu bekommen, sich mit Baobabs und anderen afrikanischen Großpflanzen umgab. Wozu Gewaffen auf Gewaffen häufen, Malaienkris auf Malaienkris! Wozu sich bis über die Nasenspitze in Abenteuerromane einbuddeln, immer wie der unsterbliche Don Quichotte gegen die Krallen der unbarmherzigen Realität losziehen mit Hilfe der Urgewalt seiner Phantasie... Ach, vergebens! Alles, was den Durst nach der fremden schönen Abenteuerwelt löschen sollte, machte ihn nur brennender. Der stete Anblick seiner Waffen ließ ihn nie aus seiner Erregung, nie aus seinem ewigen Außersichsein kommen. Seine Rifles, seine Pfeile, seine Lassos schrien ihm zu: »Zur Schlacht! Zum Sieg!« In den Zweigen seines Baobab hauchte der Atem großer Fahrten und flüsterte ihm gefährliche Ratschläge zu.

Und ganz fertig machten ihn Gustave Aimard und Fenimore Cooper...

Ach, was waren das doch für schwere Nachmittage! Wie oft erhob sich Tartarin inmitten seiner Gewaffen von seinem Buche, um loszubrüllen! Wie oft schmiß er sein Buch hin, stürzte zur Wand hin, um eine Trophäe herabzureißen!

Der arme Kerl vergaß, daß er zu Hause in Tarascon war, daß er auf dem Kopfe einen Seidenschal trug und an den Beinen Unterbeinkleider, Wirklichkeit und das Schmökern wurden eins. Er entflammte sich am Ton der eigenen Stimme und schwang einen Tomahawk oder eine Keule: »Nur ran mit euch!«

Euch? Wer soll das sein? Euch?

Wenn es nur Tartarin selbst gewußt hätte!

Euch! Das war alles, was angreift, alles was kämpft, was mordet und meuchelt, alles was krallt und kreischt, alles was skalpiert und schindet, alles was braust und was brüllt! Euch! Das war der Siouxindianer, der um den Marterpfahl tanzt, an welchen der unselige Weiße gefesselt ist. Das war der graue Riesenbär in den Rocky Mountains, der heranschwankt, der sich beleckt mit einer ellenlangen, blutbefleckten Zunge. Aber das war auch der Tuareg der Wüste, der malaiische Pirate, der Bandit in den Abruzzen ... Euch, mit einem Wort, das waren sie, das heißt der Krieg, die Fahrten, das Abenteuer, der Ruhm.

Aber ach! Der Tarasconese ohne Furcht und Tadel konnte sie lange rufen, herausfordern. Die Euch wollten nicht kommen. Pecaïré! Was hätten denn die Euch in Tarascon anfangen sollen?

Aber Tartarin war immer auf Euch gefaßt, besonders wenn er abends in den Klub ging.

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