Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alphonse Daudet >

Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/daudet/tartari1/tartari1.xml
typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110116
projectidb399e539
Schließen

Navigation:

III. Nöt! Nöt! Nöt! – Fortsetzung der Generalübersicht über die gute Stadt Tarascon

Zu der Neigung für die Jagd gesellte sich bei der tapferen Gesellschaft von Tarascon noch eine andere Leidenschaft, die für Romanzen. Der Verbrauch an Romanzen in diesem Lande grenzt an das unglaubliche. Alle sentimentalen Blödheiten, die in den allerältesten Fächern der Notenhändler vergilben, in Tarascon findet man sie in voller Jugend wieder, auf der Höhe ihres Glanzes. Hier sind sie alle, keine fehlt, jede Familie hat ihre eigene, und die ganze Stadt weiß davon. Man weiß zum Beispiel, daß das Leiblied des Apothekers Bézuquet ist: »Oh, du weißer Stern, den ich bete an!«

Das des Büchsenmachers Costecalde: »Kommst du mit mir ins Gefilde kleiner Hütten.«

Das des Steuereinnehmers: »Wäre ich unsichtbar wie Glas, niemand sähe das!« (Komisches Liedlein.) Und so in gleicher Weise fort in ganz Tarascon.

Zwei- oder dreimal in der Woche versammeln sich die X. bei den Y. und singen »sie«. Was daran das Sonderbare ist, das ist der Umstand, daß es immer dieselben Romanzen sind, und daß die braven Tarasconesen niemals den Wunsch haben, ein Lied zu wechseln, und mögen sie es schon Jahre um Jahre gesungen haben. Man vererbt sie in den Familien vom Vater zum Sohn, und niemand rührt daran, sie sind tabu. Man macht auch nicht einmal Anleihen. Niemals würde den Costecaldes der Gedanke kommen, das Lied der Bézuquets zu singen, noch umgekehrt.

Und Sie werden sagen, man müßte doch in den vierzig Jahren, während derer man sie singt, diese Lieder doch schon über haben, aber nein, jeder bewahrt das seine, und alle Welt ist damit zufrieden.

Wie in puncto Romanzen, so war auch in puncto Mützen in der Stadt der erste immer Tartarin aus Tarascon. Seine Überlegenheit über seine Mitbürger bestand darin, daß er kein eigenes Lied hatte. Alle hatte er, ausnahmslos. Nur eine Schwierigkeit. Nicht ums Verrecken brachte man ihn dazu, sie zu singen. Der Heros von Tarascon hatte es bald satt, Triumphe in den Salons zu feiern, es war ihm lieber, sich in seine Bücher über Jagd zu vertiefen und den Abend in dem Klub zu verbringen, als sich vor einem Piano aus Nîmes zwischen zwei Kerzen aus Tarascon zu produzieren. Dieses Getue mit der Musik schien ihm unter seiner Würde. Nur konnte es mal vorkommen, daß er wie durch Zufall bei dem Apotheker Bézuquet vorbeikam, wenn es dort einen musikalischen Abend gab, und dann mußte man ihn recht schön bitten, und dann ließ er sich endlich herbei, das große Duett aus »Robert dem Teufel« mit Frau Bézuquet (der Mama) zu singen. Wer das nicht gehört hat, hat noch nichts gehört. Wenn ich hundert Jahre alt werden sollte, ich werde mein ganzes Leben lang den großen Tartarin sehen, wie er sich mit feierlichen Schritten dem Klavier nähert, sich auf den Ellbogen stützt, sein Gesicht in Falten legt; und nun versucht er, grün angestrahlt von den Apothekergefäßen in der Auslage, seinem gutmütigen Gesicht den satanischen und menschenfresserischen Ausdruck von »Robert dem Teufel« zu geben. Kaum war er so weit, als schon der ganze Salon zitterte. Es lag in der Luft, daß irgend etwas Grandioses vor sich gehen sollte... Und nun, nach einer Pause begann Mama Bézuquet, während sie sich selbst begleitete:

»Robert, den ich bete an,
Der du mein Gelübd' empfangst,
Du siehest meine Angst (da capo).
Gnade für dich,
Und Gnade für mich!«

Und dann flüsterte sie: »Los, Tartarin«, und nun wiederholte Tartarin aus Tarascon, den Arm ausgestreckt, die Faust geschlossen, mit bebenden Nasenlöchern, dreimal mit fürchterlicher Stimme, die wie ein Donnerschlag in den Tiefen des Klaviers nachrollte: »Nein! Nein! Nein!«, was dieser gute Mann wie: »Nöt! Nöt! Nöt!« aussprach, worauf Mama Bézuquet noch einmal begann:

»Gnade für dich,
Und Gnade für mich!«

»Nöt! Nöt! Nöt!« heulte Tartarin aus den Tiefen seines Herzens, und dabei blieb es. Es war nicht viel, wie man sieht, aber das wenige war so fabelhaft hingeworfen, so gut gemeint, so teuflisch vom Scheitel bis zur Zehe, daß ein Zittern des Schreckens durch die Apotheke lief, und daß man ihn bat, vier- oder fünfmal sein »Nöt! Nöt! Nöt!« da capo zu bringen.

Dies vollbracht, trocknete sich Tartarin die Stirn, lächelte den Damen, zwinkerte den Männern zu, zog sich auf seine Lorbeeren zurück, um dann nachher im Klub so mit einer kleinen Handbewegung zu sagen:

»Eben habe ich bei den Bézuquets das Duo aus ›Robert dem Teufel‹ gesungen!«

Und das war die Höhe, er glaubte es selbst.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.