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Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 34
Quellenangabe
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typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VII. Pech und nochmals Pech

Nun war Tartarin endlich vor seinem maurischen Häuschen angelangt. Da blieb er stehen, aufs höchste erstaunt. Es dämmerte. Die Straße war menschenleer. Durch die niedrige Tür mit ihrem Spitzbogen, welche die Negerin aus Versehen offen gelassen hatte, drangen lustiges Lachen, Gläserklirren, Stöpselknallen von Sektflaschen heraus – und den ganzen lustigen Klamauk übertönte die Stimme einer Frau, die in ihrer Herzensfröhlichkeit hell sang:

»Liebst du, o Marco, du Schöne,
Den Tanz im Blumensalon?«

»Tod und Teufel!!« rief der Tarasconese. Er wurde weiß wie die Wand, und in rasender Eile stürzte er in den Hof.

O du mein armer Tartarin! Welch ein Anblick erwartet dich! Unter den Bogengängen seines Klösterchens, mitten zwischen Parfümflaschen, Zuckerkuchen, umhergeschmissenen Kissen, Pfeifen, Tamburinen, Gitarren, wen sah er da? Baja, die kerzengerade dastand, keineswegs mit blauem Leibchen und Miederlein bekleidet, sondern nur mit einem Hemdchen aus Silberschleiern und einem weiten Pluderhöschen aus zartrosa Seide, und so sang sie die Romanze von »Marco! Du Schöne!« und trug dabei die Mütze eines Seeoffiziers auf dem Köpfchen. Zu ihren Füßen lag, selig vor Liebesgenuß und Konfitürensüße, Barbassou, der dreckige Kapitän Barbassou, hörte ihr zu und platzte dabei beinahe vor Lachen.

Und vor ihnen erschien Tartarin, abgemagert, fahl, staubbedeckt, mit irrsinnig leuchtenden Augen, die Chechia gesträubt. So störte er einigermaßen diese nette türkisch-marseillesische Orgie. Baja stieß einen leisen Schrei aus wie eine erschreckte Windhündin, dann flüchtete sie sich ins Innere des Hauses. Barbassou aber verlor nichts von seiner Seelenruhe, sondern lachte aus vollem Herzen: »Oje! bé! Ojegerl! Nun, mein Herr Tartarin, was sagen's nun? Sehen Sie wohl, daß sie Französisch kann?«

Tartarin von Tarascon rückte wutentbrannt vor: »Herr Kapitän!«

»Digo-li qué vengué, moun bon!« schrie die Maurin und beugte sich mit einer niedlichen spitzbübischen Bewegung über die Galerie des ersten Stockwerkes. Der gute Mann blieb starr vor Staunen. Er ließ sich auf eine Trommel niederfallen. Seine Maurin hatte sogar den Marseilleser Akzent weg!

»Ich habe es Ihnen doch gesagt, Sie sollen sich mit den algerischen Weibern nicht einlassen! Das ist dieselbe Sache wie mit dem Prinzen aus Montenegro!« sagte der Kapitän.

Tartarin hob das Haupt: »Sie wissen, wo sich der Prinz befindet?«

»Und ob! Er ist gar nicht weit von hier. Hat auf fünf Jahre im schönen Zuchthaus von Mustafa Quartier genommen. Der Lumpenkerl hat sich erwischen lassen mit der Hand in einer fremden Tasche. Übrigens hat man ihn nicht zum erstenmal gefaßt. Ihre Hoheit hat bereits drei Jahre zurückgezogenes Leben hinter sich da in ..., ja, ich entsinne mich doch, war es nicht Tarascon?«

»Tarascon!« schrie Tartarin, dem plötzlich ein Licht aufging. »Deshalb kannte er sich in der Stadt so schlecht aus!«

»O ja! Das wird schon so sein! Tarascon aus der Zuchthausperspektive! Oje, mein lieber, armer Herr Tartarin! Man muß in diesem Teufelsland ordentlich die Augen aufmachen, sonst hat man unangenehme Überraschungen zu gewärtigen. So ist da Ihre Geschichte mit dem Muezzin.«

»Muezzin? Was soll das heißen? Was für ein Muezzin?«

»Alle verdammten Teufel! Natürlich der Muezzin von dem Turm da gegenüber, der unserer Baja den Hof gemacht hat. Die Zeitung »Akbar« hat die Geschichte am nächsten Tag gebracht, und heute noch lacht sich Algier darüber krank. Es ist auch zu drollig, der Muezzin hier singt von oben seine Gebete ab und macht auf diese Weise vor Ihrer Nase der Kleinen den Hof, bespricht mit ihr die Rendezvous, während er scheinbar den Namen des Propheten anruft.«

»Also gibt es nur Lumpengesindel im Lande hier?«

Barbassou machte eine philosophische Handbewegung: »Sie wissen, mein Lieber, alle diese fremden Länder ... aber es ist wurscht. Folgen Sie mir, sehen Sie zu, daß Sie nach Tarascon zurückkommen.

»Zurückkommen, das ist leicht gesagt. Und wo habe ich das Geld dazu? Sie wissen also nicht, wie man mir die Federn gerupft hat in der Wüste?«

»Wenn's weiter nichts ist!« sagte der Kapitän lachend. »Morgen sticht der ›Zuave‹ in See, und wenn Sie wollen, bringe ich Sie heim. Paßt es Ihnen, Kollege? Also, das wäre in Ordnung. Da sind noch ein paar Gläser Sekt geblieben, ein Rest Pastete, setzen Sie sich zu mir, und nichts für ungut!«

Nach einer kleinen Anstandspause, die ihm sein Gefühl für Würde empfahl, ging der Tarasconese mannhaft darauf ein. Man setzte sich, man stieß an. Bei dem Gläserklirren hatte Baja Mut bekommen, war heruntergestiegen, und nun sang sie das Ende von »Marco, la belle«, und das Fest zog sich bis spät in die Nacht hinaus.

Gegen drei Uhr morgens hatte Tartarin zwar einen leichten Kopf, aber schon etwas schwere Beine. Er hatte den Kapitän heimbegleitet und kam jetzt auf dem Heimwege an der Moschee vorbei. Da machte ihn die Erinnerung an den Muezzin und seine Scherze lachen. Plötzlich blitzte ihm eine famose Idee, wie er sich rächen könne, durch das Gehirn. Die Tür war offen. Er trat ein, kam durch lange Korridore, die mit Matten belegt waren, stieg empor, höher und immer höher, und endlich fand er sich in einer kleinen türkischen Gebetsstube. Eine schmiedeeiserne Laterne hing an der Decke und zeichnete sonderbare Muster auf die weißen Wände. Auf einem Sofa saß der Muezzin mit seinem riesigen Turban und einem weißen Pelzrock, vor sich hatte er ein großes Glas frischen Absinth stehen, in dem er treu und bieder herumrührte, während er auf die Stunde wartete, die Gläubigen zum Gebet zu rufen. Im Munde hatte er seine Pfeife von Mostaganem, die er beim Anblick Tartarins vor Schreck fallen ließ.

»Geistlicher Herr, bitte, halt's Maul!« sagte der Tarasconese, der seinen Plan hatte: »Schnell, gib deinen Turban her, deinen Pelzmantel!«

Der türkische Geistliche zitterte an allen Gliedern, er gab Turban und Pelz ab, alles was man wollte. Tartarin tat sich alles um und begab sich würdevoll auf die Plattform des Minaretts.

Ferne leuchtete das Meer. Die weißen Dächer glitzerten im Mondenschein. Die Brise zog von der Seeseite her und trug ein paar späte Gitarrentöne auf ihren Flügeln herüber. Der Muezzin aus Tarascon sammelte während einer Sekunde seine Lebensgeister, und dann begann er mit überlauter Stimme zu psalmodieren:

La Allah il Allah. Mohammed ist ein alter Schwindler. Der Orient, der Koran, die Bagaschas, die Löwen, die Araberinnen, alles das ist einen Dreck wert. Und es gibt keine Törken mehr. Es läuft nur noch Lumpengesindel hier zusammen. Hoch Tarascon!«

Und während in einer neuerfundenen bizarren Sprache, halb Provenzalisch und halb Arabisch, der berühmte Tartarin seine lustige Verfluchung des Orients in alle vier Weltgegenden ausposaunte, hinaus auf die Berge, auf das Meer, auf das Gebirge, bis zum fernsten Horizont, da antworteten ihm die andern Stimmen der Muezzins, hell und tief, von Minarett zu Minarett, immer weiter in die Ferne, und die letzten müden Gläubigen der Oberstadt schlugen sich fromm an die Brust.

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