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Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 33
Quellenangabe
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typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
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VI. Endlich!

Am Morgen nach diesem abenteuerreichen und tragischen Abend erwachte unser Held zu früher Stunde. Als er die Gewißheit hatte, daß sein Prinz und seine Kasse auf Nimmerwiedersehen verschwunden waren, als er sah, wie einsam er war in diesem kleinen weißen Grabmal, verraten, verkauft und verlassen mitten im wüstesten Algier, ohne andere Gesellschaft als die des Kamels mit nur einem Höcker und ohne andere Hilfe als ein wenig Kleingeld in der Tasche, da kam – zum erstenmal in seinem Leben – den Tarasconesen ein Zweifel an. Er zweifelte am Montenegro, er zweifelte an der Freundschaft, am Ruhme auch, er zweifelte sogar an den Löwen. Und wie der Heiland auf Gethsemane begann er zu weinen, bitterlich.

Und so, als er in tiefem Sinnen dasaß vor dem Eingang in das Marabut, die Flinte zwischen den Beinen, den Kopf in die Hand gestützt und vis-a-vis das Kamel, das ihn anguckte – – da teilte sich die Dschungel ihm gegenüber, und Tartarin sah starr vor Schrecken zehn Schritte vor sich einen Riesenlöwen sich nähern, der mit hocherhobenem Haupt vorrückte und ein schauerliches Gebrüll ausstieß, unter dem die Mauern des Marabut erzitterten mit ihrem ganzen Flitter, und das sogar die Pantoffel des Heiligen in ihrer Nische erbeben ließ.

Das einzige, was nicht zitterte, das war der Tarasconese.

»Endlich!« schrie er und sprang auf, riß die Büchse an die Schulter ... Piff! ... Paff! Pfft! Psst! Nun war's also geschehen. Der Löwe hatte zwei Explosivgeschosse im Schädel. Nun ging eine ganze Minute lang ein unbeschreiblich schreckliches Feuerwerk los von zersprengtem Gehirn, kochendem Blut und durcheinander wirbelnden rötlichen Fetzen des Felles. Dann sank alles in sich zusammen, und Tartarin sah ... zwei riesige Neger mit geschwungenem Knüppel auf ihn zulaufen, die zwei Neger aus Milianah.

O du meine Güte! Es war der dressierte Löwe, der arme blinde aus dem Kloster von Mohammed, den die Kugeln Tartarins hingemordet hatten.

Dieses Mal, beim Barte des Propheten, kam Tartarin gerade noch mit knapper Not davon. Die zwei Bettelneger waren in ihrer fanatischen Wut wie von Sinnen.

Sie hätten ihn in eine Million Stücke zerrissen, wenn nicht der Christengott ihm einen hilfreichen Engel gesandt hätte, um ihn zu befreien, denn es kam gerade der Flurhüter der Gemeinde von Orléansville mit seinem Säbel unter dem Arme auf einem kleinen Pfad einher.

Der Anblick des amtlichen Képy beruhigte mit einem Male die Wut der Neger. Friedlich und zugleich würdevoll nahm der Mann des Gesetzes den Tatbestand der Sache auf, ließ auf das Kamel das aufladen, was von dem Löwen noch übrig war, befahl sowohl den Klägern als dem Beklagten, ihm zu folgen, und so begab man sich nach Orléansville, wo die ganze Angelegenheit dem ordentlichen Gericht übergeben wurde.

Das war eine lange und schreckliche Prozedur. Das Algier der eingeborenen Stämme hatte Tartarin kreuz und quer durchstreift, nun sollte er ein anderes Algier kennenlernen, das genau so urkomisch und zugleich schreckenerregend war, das Algier der Städte, der Prozeßschikanen und der Advokatenkniffe. Er lernte die schielende Rabulistik kennen, wie sie in dem Hintergrund von Kneipen geübt wird, indem man alle Parteien durcheinander hetzt, er lernte alle diese zweideutigen Rechtsgelehrten kennen, die Aktenbündel, die nach Absinth riechen, die weißen Krawatten, die mit Champoreau befleckt sind. Er lernte die Gerichtsdiener kennen, die Konzipisten, die Gerichtsvollzieher, die Rechtsanwälte, alle diese mageren und ausgehungerten Heuschrecken, welche den Bauern die letzte Mark aus den Knochen saugen und ihn abnagen, Blatt für Blatt, wie eine Maisähre ...

Vor allem handelte es sich darum, festzustellen, ob der Löwe auf staatlichem oder militärischem Boden sein Leben gelassen hatte. Im ersten Falle gehörte die Sache vor das Handelsgericht, im zweiten mußte Tartarin vor das Kriegsgericht, und bei dem Worte Kriegsgericht sah sich der zartbesaitete Tartarin schon an einem Festungswall aufgestellt und zusammengeschossen oder wenigstens verschmachtend in den Tiefen einer Kasematte.

Die furchtbare Schwierigkeit ist dabei nur, daß in Algier diese beiden Territorien kaum richtig abzugrenzen sind. Ein ganzer Monat wurde ausgefüllt von Laufereien, von Winkelzügen, von stundenlangem Warten in der Sonnenglut der arabischen Gerichtshöfe, und schließlich kam es zu der Entscheidung, daß einerseits der Löwe auf militärischem Territorium sein Leben gelassen hatte, daß aber andererseits Tartarin bei der Abgabe des Schusses sich auf bürgerlichem Territorium befunden hatte. Die Sache gehörte demnach zum Zivilgericht, und unser Held wurde verurteilt zu zweitausendfünfhundert Franken Geldstrafe und zu den Kosten.

Aber wie sollte er es zuwege bringen, diese Riesensumme zu bezahlen? Die wenigen Piaster, die dem Prinzen nicht zum Opfer gefallen waren, waren schon längst draufgegangen für gestempeltes Papier und für Bestechungsschnäpse.

Der unglückselige Löwentöter war daher gezwungen, im Einzelhandel die Waffenkiste zu verhökern, Karabiner für Karabiner. Er schlug also die Dolche los, die malaiischen Kris, die Totschläger ... Ein Kolonialwarenhändler erwarb die Nahrungsmittelkonserven, ein Apotheker den Rest des Heftpflasters, auch die großen Stiefel folgten diesem Weg, das Patentzelt wanderte zu einem Kuriositätenhändler, der es als cochinchinesische Merkwürdigkeit ausstellte ... Und als Tartarin seine Schulden los war, blieb ihm nichts an Besitz als das Löwenfell und das Kamel. Die Haut ließ er sorgfältig einpacken und nach Tarascon an die Adresse des braven Kommandanten Bravida senden (wir werden gleich sehen, was aus dieser erstaunlichen Jagdbeute wurde). Was das Kamel betrifft, so rechnete er darauf, mit seiner Hilfe nach Algier zurückzukommen, aber nicht in dem Sinne, daß er vorhatte, es zu besteigen, sondern es zu verkaufen, um mit dem Gelde die Eilkutsche zu bezahlen. Denn dies ist immer noch die beste Methode, mit Kamelen zu reisen. Aber unglückseligerweise war das Biest schwer anzubringen, und kein Mensch wollte auch nur einen schäbigen Heller dafür bieten.

Aber Tartarin hatte es sich in den Kopf gesetzt, er mußte Algier wiedersehen. Er hatte Sehnsucht nach dem blauen, goldgestickten Wams seiner Baja, nach dem niedlichen Häuschen mit seinen Springbrunnen, er wollte sich erholen unter den weißen, kleeblattförmig ausgeschnittenen Bogengängen seines Klösterchens, und währenddessen wollte er auf Geld aus Frankreich warten. Und nun gab es bei unserem Helden kein Zögern mehr. Er war angeschlagen, aber nicht knock-out, und so wagte er die Reise zu Fuß ohne einen Heller Geld in kleinern Tagereisen. Selbst in diesen schweren Tagen verließ ihn das Kamel nicht. Dieses sonderbare Biest hatte für seinen Herrn und Meister eine unbeschreibliche Zärtlichkeit, und als es sah, daß er von Orléansville wegwanderte, begann es treu und bieder hinter ihm herzutraben, paßte sein Tempo dem von Tartarin an und ließ nicht locker.

Im ersten Augenblick fand das Tartarin sehr rührend. Diese Treue, diese restlose Ergebenheit bei allen Proben machte Eindruck auf sein Herz, um so mehr, als das Tier ja keine Last war und mit einem Nichts zufriedenzustellen war.

Aber nach einigen Tagen ödete es Tartarin gewaltig an, stets diesen melancholischen Gesellen an seine Fersen geheftet zu wissen, der ihn immer und ewig an seine unglücklichen Abenteuer erinnerte. Dann wurde er richtig böse, er haßte das Tier wegen seines trübseligen Wesens, wegen seines Höckers, wegen des Gewatschels, das dem einer aufgezäumten Gans glich.

Um es mit einem Worte zu sagen, das Kamel ärgerte ihn bis aufs Blut, und er dachte nur daran, wie er es loswerden könnte. Aber das Tier war wie eine Klette. Tartarin versuchte, es zu verlieren, aber es fand ihn wieder. Er probierte es, ihm zu entlaufen, aber das Biest lief noch schneller. Er schrie es an: »Marsch fort!« und warf es mit Steinen. Das Kamel blieb stehen und sah ihn mit traurigen Blicken an, es zögerte, aber nach einer Pause setzte es sich in Paß und kam ihm flink nach. So war es immer. Tartarin mußte klein beigeben.

Aber dann, nach acht langen Tagen Fußmarsch, als er, Tartarin, staubbedeckt, mitgenommen, mehr tot als lebendig von weitem durch das Grün die ersten weißen Terrassen von Algier sah, als er sich vor den Toren der Stadt fand, auf der wogenden, lebhaften Avenue de Mustapha, mitten zwischen Zuaven, Biskris, Mahonesen, die alle um ihn herumwimmelten und ihn mit seinem Kamel vorbeiparadieren sahen, da riß ihm mit einem Male die Geduld: »O nein, o nein,« sagte er, »es kann nicht sein, ich kann mit einem solchen Vieh nicht in Algier einziehen.« Und er benützte eine Stockung im Fuhrwerksverkehr, schlug einen Haken in die Felder und warf sich in einen Graben.

Nach einer Sekunde sah er über seinem Kopfe auf der großen Chaussee das Kamel mit Riesenschritten vorbeirennen, während es ängstlich den Hals ausreckte.

Nun war unser Held von einem Bleigewicht befreit. Er wagte sich aus seinem Schlupfwinkel hervor und kam nach seinem Häuschen zurück über einen engen, verwickelten Pfad, der an der Mauer der kleinen Villa vorbeizog.

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