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Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 32
Quellenangabe
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typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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V. Auf dem Anstand nachts in einem Oleandergehölz

So romantisch auch dieser neue Aufzug war, unsere Löwentöter mußten darauf verzichten, ihn in derselben Form bis zu Ende durchzuführen mit Rücksicht auf die Chechia. Es ging also wie zuvor zu Fuße weiter, und die Karawane schlug sich in kleinen Tagesmärschen gemächlich nach dem Süden durch, der Tarasconese immer an der Spitze, der Montenegriner als Nachhut, und mitteninne das Kamel mit den Waffenkisten.

Diese Reife dauerte mehr als einen Monat. Während dieses Monats irrte der schreckliche Jäger immer einher auf der Suche nach Löwen, die sich nicht wollten finden lassen, und so wanderte man von einem Araberdorfe zum anderen in der unermeßlichen Ebene des Scheliff quer durch dieses schauderhafte und zugleich urkomische Französisch-Algier, wo der Geruch des Ur-Orients sich mit einem starken Odeur nach Absinth und Kasernenhof vermählt, Abraham hier und Kommiß dort, Feenmärchen und Groteske in volkstümlichem Stil. So wie eine Seite Altes Testament, erzählt von dem Musketier XYZ. ... Sehr seltsames Schauspiel für Augen, die sehen können. Wir zivilisieren ein uraltes, schon mit allen Wassern (auch faulen) gewaschenes Volk, indem wir ihm unsere Laster beibringen. Es herrscht dort grausam und ohne Kontrolle die Autorität von Paschas, die sich im Vollgenuß ihrer Würde in ihr breites Ordensband der Ehrenlegion schneuzen, und dieselben Paschas lassen ihren Leuten für ein Ja oder Nein Hiebe auf die Fußsohlen geben, wie es ihnen beliebt. Gewissenlos wird die Justiz ausgeübt von bebrillten Kadis, Tartüffs des Korans und des Buchstabens der Gesetze, die unter den Palmen von Orden und Auszeichnungen träumen, und die ihr Urteil genau so verkaufen wie der alte Esau sein Recht der Erstgeburt, nämlich für ein Gericht Linsen oder für einen Kußkuß, gut gesüßt. Dann haben wir hier Araberscheichs, kleine Schweine und Süfflinge, ehemalige Pfeifendeckel irgendeines Generals Yusuff, die sich in der netten Gesellschaft von Wäscherinnen aus Mahon in Champagner sternhagelvoll besaufen und dabei in gebratenem Hammel wüsten, während vor ihren Zelten der ganze Stamm vor Hunger krepiert und sich mit den Hunden um den Abfall der hochherrschaftlichen Küche rauft.

Und ringsum liegt weit und breit das Feld brach, das Gras ist verbrannt, die Büsche sind abgeholzt und kahl. Nur Dschungeln von Kaktus und Dorngestrüpp, siehe da, das ist die Kornkammer Frankreichs ... Eine Kammer ohne ein Korn, stimmt! Reich bloß an Schakalen und Wanzen. Die Dörfer ausgestorben, die Eingeborenenstämme sind wie von Sinnen, wohin sollen sie vor dem Hunger noch fliehen? So zeichnen sie ihren Weg mit Haufen von Kadavern. Hier und dort eine französische Niederlassung mit zerfallenen Häusern, unbestellten Feldern, Heuschreckenschwärmen in toller Wut, die alles ratzekahl fressen bis zu den Fenstervorhängen. Aber die Kolonisten sitzen in den Cafés rum, trinken wacker Absinth und disputieren über die besten Reformen und die geordnetste Verwaltung.

Das alles hätte Tartarin sehen können, wenn er sich die Mühe gegeben hätte. Aber er hatte sich mit Haut und Haar seiner Löwenmanie ergeben, und so marschierte er wie mit Scheuklappen stramm geradeaus, sah nicht rechts, nicht links, den Blick auf diese imaginären Bestien gerichtet, die nie erscheinen wollten.

Da das Patentzelt fest entschlossen war, nicht aufzugehen, ebenso wie der Fleischextrakt, sich nicht auflösen zu wollen, war die Karawane gezwungen, sich morgens und abends in den Dörfern der Eingeborenen aufzuhalten. Überall wurden dank dem Képy des Prinzen Gregory die Reisenden mit offenen Armen aufgenommen. Sie übernachteten bei den Agas in komischen Palästen, großen, weißen, fensterlosen Scheunen, wo folgende Gegenstände wie Kraut und Rüben durcheinander sich vorfanden: Nargilehs, Akajoukommoden, Teppiche von Smyrna und Patentpetroleumlampen, Koffer aus Zedernholz voll von türkischen Goldmünzen und Pendeluhren im Stil Louis Philippe. Überall gab man Tartarin üppige Feste, Diffas, Phantasias. Ganze Regimenter verpafften ihr Pulver ihm zu Ehren und ließen ihre Burnusse leuchten in der Wüstensonne. Freilich, wenn das Pulver verraucht war, kam der Aga an und präsentierte die Rechnung... Das nennt man bei uns die berühmte arabische Gastfreundschaft ...

Aber Löwen? Nicht die Bohne. Ebensowenig hier wie auf dem Pont Neuf in Paris.

Aber unser Held verlor den Mut dennoch nie. Er drang immer tiefer in den Süden, er verbrachte Tage, die Dschungel zu durchstöbern, mit dem Schaft seiner Flinte an die Zwergpalmen zu stoßen. Dazu machte er: »Frrrrt! Frrrrt!«, und zwar bei jedem Gehölz extra. Dazu kamen jeden Tag vor dem Schlafengehen so ein paar Stunden auf dem Anstand ... Verlorene Liebesmüh ... Keine Spur von Löwen.

Nun kam es, daß die Karawane einmal ein bläuliches Mastixgehölz gegen sechs Uhr abends durchquerte. Dicke Wachteln regten sich, träg von der Hitze, hier und da im Grase ... da glaubte Tartarin etwas zu hören ... ganz leise ... nur wie eine Ahnung des wunderbaren Brüllens ... weit hergetragen von dem Wind ... dasselbe Gebrüll, das er sooft in Tarascon gehört hatte hinter dem Zelt des Zirkus Mitaine. Zuerst glaubte unser Held zu träumen ... aber nach einer Sekunde begann das Gebrüll, zwar immer noch entfernt, dennoch deutlicher zu werden. Und gleichzeitig brach an allen Ecken und Enden in den Araberdörfern das Gekläff der Hunde los, und zu gleicher Zeit begann das Kamel bis in seinen Höcker zu erschauern und vor Schreck zu zittern. Laut schepperten dabei die Konservenbüchsen und die Waffenkisten.

Kein Zweifel ... Der Löwe war es ... Schnell, schnell, auf den Anstand! Keine Minute zu verlieren!

Es paßte gerade heute gut. Es gab da ein altes Marabut, das Grabmal eines Heiligen mit weißer Kuppel. Man sah die großen gelben Pantoffel des Heiligen aufbewahrt in einer Nische über dem Eingang, und im Innern lag eine Unmenge von Weihgeschenken durcheinander, da Fetzen von Burnussen, goldene Fäden, dort rote Haare, alles trieb sich wirr an den Wänden umher. Hier brachte Tartarin seinen Prinzen und das Kamel unter und machte sich auf die Suche nach einem passenden Anstand. Der Prinz wollte ihm folgen, aber Tartarin ließ dies nicht zu. Dem Löwen wollte er allein entgegentreten. Jedenfalls bat er den Prinzen, er möge sich nicht weit entfernen und (eine besonders kluge Vorsichtsmaßregel) vertraute Ihrer Hoheit sein Portefeuille an, das dick und voll war von Wertpapieren und Banknoten, denn er hatte Angst, diese könnten unter den Krallen der Bestie leiden. Dies getan, suchte der Held seinen Posten auf.

Zehn Schritte vor dem Marabut zitterte ein kleines Oleandergehölz in dem Dunst der Abenddämmerung. Nahebei fand sich ein beinahe ganz ausgetrocknetes Flußbett. Hier wollte sich Tartarin in den Hinterhalt legen, so wie er's in den Büchern gelernt hatte: ein Knie auf der Erde, Karabiner in die Faust und das Bowiemesser kühn eingegraben in den Wüstensand vor ihm.

Es kam die Nacht. Das Rosa der Natur wandelte sich in Violett, sodann in mattes Blau ... Da unten im verlassenen Flußbett leuchtete zwischen den Kieseln eine kleine Wasserlache wie ein Handspiegel. Das war die Tränke der wilden Tiere. Auf dem gegenüberliegenden Abhang sah man undeutlich den Wildpfad, den ihre schweren Pranken in dem Dorngestrüpp ausgetreten hatten. Dieser geheimnisvolle Abhang machte Gänsehaut. Dazu das unfaßbare Raunen der afrikanischen Nächte, die unaufhörlich sich streifenden Zweige und Äste, der Samtpfotentritt der jagenden Tiere, das schrille Geheul der Schakale; und darüber, hoch in der Luft, so in zwei- bis dreihundert Mieter Höhe, ganze Schwärme von Kranichen, die vorbeiflogen mit Schreien wie von erdrosselten Kindern.

Sie werden gestehen, es konnte einen kalt überlaufen.

Und Tartarin überlief es. Sogar mächtig! Die Zähne klapperten, der arme Teufel! Und auf der Zielgabel, die er aus dem Griff seines in die Erde gesteckten Jagdmessers gebildet hatte, klapperte der Lauf seines gezogenen Gewehres wie ein Paar Kastagnetten ... Was wollen Sie? Es gibt Abende, an denen man nicht in Stimmung ist, denn wo wäre sonst ein Verdienst an der Sache, wenn die Helden nicht wüßten, was Angst ist?

Na, ist schon gut! Tartarin hatte eben Angst, und zwar ohne Unterlaß. Nichtsdestotrotz, er hielt es eine Stunde aus, sogar zwei, aber der Heldenmut hat auch seine Grenzen. Jetzt aber, ganz nahe, hört plötzlich der Tarasconese einen Schritt, Kiesel rollen ... Diesmal reißt ihn die Angst hoch. Er knallt seine zwei Schüsse in die Luft, wie es gerade kommt, und rettet sich mit Windeseile in das Marabut und läßt sein Jagdmesser im Sande aufrecht stehen wie ein Gedenkkreuz zum Andenken an die schrecklichste Panik, die jemals die Seele eines Schlangenbeschwörers ergriffen hat! »Zu mir! Der Löwe!!«

Nichts.

»Först!! Först! Wo sind Sie? Sind Sie hier?« Er war nicht hier. Auf die weiße Mauer des Marabuts projizierte einzig und allein das Kamel den Schatten seines Höckers ... Der Prinz Gregory war getürmt, hatte das Portefeuille mit den Banknoten mitgehen lassen ... Länger als einen Monat hatte der Fürst auf eine so schöne Gelegenheit gewartet ...

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