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Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 31
Quellenangabe
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typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
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IV. Die Karawane marschiert

Am nächsten Morgen brachen schon in der ersten Dämmerstunde der trutzigliche Tartarin und der nicht weniger trutzigliche Fürst Gregory mit einem Gefolge von einem Halbdutzend schwarzer Lastträger auf und stiegen von Milianah in die Ebene von Scheliff hinab. Der Weg führte durch ein zauberhaftes Gelände voll von Jasmin, Tujapalmen, wilden Ölbäumen und Johannisbrotstämmen. Es ging dahin zwischen den Mauern kleiner Gärten, die den Eingeborenen gehörten, mitten durch eine Menge lustig sprudelnder Bäche, die murmelnd silberhell von Fels zu Fels herabsprangen. Eine Landschaft wie im Libanon.

Prinz Gregory hatte sich, abgesehen von der Last an Waffen, die er mit Tartarin teilte, noch mit einem großartigen und wunderbarlichen Képy beladen, das mit breiten Streifen in Gold von oben bis unten bestickt war, das ferner geschmückt war mit einer Garnitur von Eichenblättern in Silber. Diese Mütze gab Ihrer Hoheit das Aussehen eines mexikanischen Generals oder das eines Stationsvorstehers im tiefen Balkan.

Dieses verdammte Képy spannte unsern Helden ordentlich; und so erbat er sich vorsichtig eine Erklärung.

»So etwas muß man auf dem Kopfe haben, wenn man in Afrika reisen will«, sagte der Prinz und putzte dabei den Schirm der Mütze mit dem Ärmel ab, bis er noch einmal so hell glänzte. Und dann klärte er seinen nichts ahnenden Begleiter über die Riesenrolle auf, welche dieses militärische Würdenzeichen hier unter den Arabern spielt. Ein Képy beherrscht den Verkehr mit den Eingeborenen. Bloß von ihm geht ausschließlich ein heilsamer Respekt aus, dergestalt, daß die Zivilverwaltung gezwungen ist, ihre Angestellten alle mit Képys auszurüsten, und zwar vom Straßenwärter angefangen bis zum Steuerinspektor. Um Algier zu verwalten, genügt (ich gebe immer nur die Ansicht des Prinzen wieder) ein Képy. Man braucht keine großen Köpfe, nein, überhaupt keine Köpfe sind vonnöten. Das Képy tut denselben Dienst, ein schönes natürlich, mit breiten Streifen, das in seinem Glitzerglanz auf einer Fahnenstange aufgehängt wird wie ein Geßlerhut.

In diesem Sinne plaudernd und philosophierend, zog die Karawane ihren Weg. Die Lastträger mit ihren nackten Beinen sprangen unter affenartigen Schreien von Felsen zu Felsen. Die Waffenkisten klirrten, die Flinten leuchteten. Die Eingeborenen kamen vorbei und verbeugten sich bis auf die Erde vor dem magischen Képy ... Droben auf den Wällen von Milianah erging sich der Chef der arabischen Verwaltung mit seiner Gattin, um die gute Luft zu genießen; kaum hörte er das ungewohnte Getöse und sah zwischen den Zweigen die Waffen flimmern, als er an einen Handstreich dachte. Schnell ließ er die Zugbrücke herab, befahl Generalmarsch zu schlagen und versetzte unverzüglich die Stadt in Belagerungszustand.

Ein herrlicher Anfang für eine Karawanenreise!

Unglücklicherweise verschlechterte sich gegen Abend der Stand der Dinge. Einer von den schwarzen Gepäckträgern bekam furchtbares Leibschneiden, denn er hatte das Heftpflaster der Apotheke verschlungen. Ein anderer stürzte am Straßenrand halbtot zusammen, bis zur Bewußtlosigkeit besoffen vom Kampferspiritus, einem dritten, der das Reisealbum trug, hatten es die vergoldeten Schließen angetan; er war überzeugt, er trüge auf seinen Schultern das kostbarste Juwel von Mekka, und er brannte mit diesem in Windeseile in den Zaccar durch. Da mußte man andere Saiten aufziehen. Die Karawane machte halt, und in dem von Sonnenstrahlen durchbrechenden Schatten eines alten Feigenbaumes hielt man Rat.

»Ich wäre dafür,« sagte der Fürst, während er (allerdings vergeblich) versuchte, eine Tablette Fleischextrakt m einem dreifach zusammengeschachtelten Patentkochtopf aufzukochen, »ich wäre also dafür, daß wir von heute abend an auf die schwarzen Träger verzichten. Es findet in dieser Gegend nicht weit von uns ein arabischer Markt statt. Am besten ist es, wir halten uns dort auf und schaffen uns ein paar Bourriquots an.«

»Nein ... nur das nicht! Nie wieder Bourriquots!« unterbrach eiligst Tartarin, den die Erinnerung an das I-a-Pony schamrot gemacht hatte. Und der Heuchler fügte hinzu: »Wie sollen denn auch so kleine Tiere unser ganzes Gepäck tragen?«

Der Prinz lächelte: »Sie sehen, mein berühmter Freund, hier die Tatsachen nicht ganz richtig. So dürr und schäbig uns auch der algerische Zwergesel scheint, er ist von guten Eltern, wie man so sagt. Nur Kerle von seiner Konstitution halten so aus wie er ... Fragen Sie mal die Araber. Denn unsere Kolonialverwaltung ist folgendermaßen organisiert und aufgebaut: Ganz hoch oben, behaupten sie, die Araber, ist Seine Oberexzellenz, der Herr Gouverneur, mit seinem mächtigen Knüppel, den läßt er auf seinem Beamtenstab tanzen. Dieser läßt ihn, um sich zu revanchieren, auf dem Soldaten tanzen, dieser wieder auf dem Landbewohner, der wiederum auf dem Araber, der Araber läßt seine Wut an dem Neger aus, der Neger die seine an dem Juden, und der Jude seinerseits läßt den Knüppel auf dem Esel tanzen, und da der arme kleine Esel niemand hat, worauf er seinen Knüppel tanzen lassen könnte, so hält er seinen Rücken hin und nimmt alles auf sich. Da können Sie sich vorstellen, daß er Ihre Kisten auch noch schleppen wird.«

»Das ist alles gleich,« sagte Tartarin, »ich finde, daß rein ästhetisch unsere Karawane durch die Anwesenheit von Eseln nicht gewinnt ... Ich möchte etwas, wie soll ich's nur sagen, etwas ausgesprochen Orientalisches ... so zum Beispiel, wenn wir ein Kamel kriegen könnten ...«

»Eines? Hunderttausend!« sagte Ihre Hoheit, und man machte sich auf den Weg zu dem arabischen Markte.

Der Markt wurde nur wenige Kilometer entfernt in der Nähe des Scheliff abgehalten ... Da gab es fünf- bis sechstausend zerlumpte Araber, die da im Sonnenbrand umherwimmelten, während sie lärmend mitten zwischen Krügen mit schwarzen Oliven, Honigtöpfen und Säcken voll Spezereien oder Haufen von Zigarren schacherten. Da gab es große Feuer, an denen ganze Schafe rösteten, triefend von Butter; es gab Fleischerläden unter offenem Himmel, wo vollständig nackte Neger bis zu den Knöcheln im Blute wateten. Ihre blutbespritzten Arme handhabten kleine Messer, mit denen sie die an einer Stange aufgehängten Zicklein enthäuteten.

In einem Winkel ein Zelt, mit Flicken von allen Farben besetzt, darunter hockt ein arabischer Gerichtsschreiber, mit großen Büchern bewehrt, hinter seiner Brille, dort wieder ertönen aus einer Gruppe Schreie der Wut, es handelt sich um ein Roulettespiel, aufgestellt auf einer Getreidewage, und die Kabylen treten sich dort beinahe den Bauch ein ... weiter unten hört man Trampeln, Freudenschreie und frohlockendes Lachen: der Anlaß ist ein jüdischer Kaufmann, der mit seinem Maultier eben in den Fluten des Scheliff mit dem Ertrinken kämpft ... Dazu Skorpione, Hunde, Raben – und Fliegen, nicht zu zählen, nichts als Fliegen überall ...

Nur ein Artikel fehlte zufällig: Kamele. Schließlich entdeckte man eines, das die M'zabiten los werden wollten. Es war ein wahres Schiff der Wüste, wie es im Buche steht, kahl, trübsinnig, mit langem Beduinenschädel, und sein Buckel hing dank zahlreichen Fasttagen schlaff auf die Seite, ein melancholischer Anblick.

Aber Tartarin fand es so schön, daß er am liebsten die ganze Karawane darauf placiert hätte. Immer die orientalische Manie! Das Vieh kniete nieder. Man machte die Ballen fest. Der Prinz fand seinen Platz an dem Halse des Tieres, Tartarin ließ sich des majestätischen Eindruckes wegen hoch auf den Buckel installieren, zwischen zwei Kisten gepackt. Da saß er, gab stolz und geruhig das Zeichen zum Abmarsch, während er mit edler Geste den ganzen Markt grüßte, der zusammengelaufen war ... Himmel und Hölle! Wenn das die Tarasconesen hätten sehen können!

Das Kamel richtete sich auf, setzte seine langen knotigen Beine in Schwung und legte los.

O Schreck! Nach wenigen Schritten schon merkt Tartarin, wie er blaß wird, wie seine heldenhafte Chechia eine Positur nach der andern annimmt, wie sie es einst an Bord des »Zuaven« getan. Dieses gottverdammte Kamel schlingert nicht minder als eine Fregatte.

»Först, Först!« murmelte der Tarasconese käsebleich, während er sich an dem spärlichen Haarwuchs des Kamelbuckels anklammerte. »Först, ich muß runter! Ich merk's ... ich merke ... ich mache ... ich mache Frankreich Unehre ...!«

Gut gesagt! Aber erst können vor Lachen! Das Kamel hatte Freilauf, niemand konnte es jetzt noch bremsen. Viertausend Araber liefen hinterher, die Beine nackt, gestikulierend und lachend wie Irrsinnige, sie ließen im Sonnenglanz sechshunderttausend (Tarascon!) blendende Zähne leuchten ...

Der große Mann aus Tarascon mußte sich ergeben. Er sank traurig auf den Höcker zusammen. Die Chechia nahm alle Posituren ein, wie es ihr beliebte – und Frankreich ward Unehre angetan.

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