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Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 3
Quellenangabe
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typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
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II. Generalübersicht über die gute Stadt Tarascon und die Mützenjäger

Ich erzähle nun von einer Zeit, wo Tartarin aus Tarascon noch nicht der Tartarin war, der er heute ist, der große Tartarin, der berühmteste Mann von ganz Südfrankreich. Aber schon damals war er der ungekrönte König von Tarascon. Nun wollen wir hören, wie ihm diese Königswürde zugekommen war.

Man muß vor allem als bekannt voraussetzen, daß da unten jeder Mensch eine Schwäche für die Jagd hat, vom Größten bis zum Kleinsten. Die Jagd ist die große Leidenschaft der Tarasconesen, und zwar bereits von der grauen Vorzeit her, wo die wilde Tarasque mit Urgewalt einbrach und die Tarasconesen von Anno dazumal ihre Treibjagden gegen sie in Szene setzten. Das ist schon so einige Jahre her, bekanntlich.

Kurz und gut, an jedem Sonntagmorgen greift Tarascon zu den Waffen und zieht los aus dem Bannkreis der Stadt, den Rucksack auf dem Rücken, die Flinte auf der Schulter, in der Mitte einer wuttobenden Hundemeute, mit Frettchen, mit Trompeten und Jagdhörnern. Wer das nicht gesehen hat, weiß nicht, was grandios ist! Leider Gottes gibt es kein Wild, und zwar fehlt es absolut.

So viechsdumm auch die Viecher sind, auf die Dauer wird es ihnen zu dumm, man kann das verstehen. Im Umkreis von fünf Meilen um Tarascon ist jeder Bau leer, die Nester sind ausgestorben, nicht eine Drossel, nicht eine Wachtel, nicht ein Haar von einem Kaninchen, nicht eine Feder von der allerkleinsten Schnepfe.

Und doch gibt es nichts Reizenderes als diese kleinen Hügelchen um Tarascon, sie duften nach Myrten und Lavendel, nach Rosmarin, und dann gibt es schöne Muskattrauben, durchtränkt mit Zucker, die sich am Ufer der Rhône hinranken, die sind so appetitanregend, kein Teufel könnte widerstehen. Ja, das wäre alles wunderschön, stünde nur nicht die Stadt Tarascon dahinter, und in dem kleinen Reich des fliegenden und des laufenden Wildes hat Tarascon einen sehr schlechten Ruf. Selbst die Zugvögel haben die Stadt auf ihrem Fahrplan mit einem Kreuz angestrichen. Wenn die wilden Enten in langen keilförmigen Zügen nach der Camargue hinabstreifen und von ferne die Glockentürme der Stadt zu Gesicht bekommen, dann fängt der Vogel an der Spitze laut an zu schreien: »Achtung Tarascon! Achtung Tarascon!«, und die ganze Gesellschaft schlägt einen Haken.

Um es mit einem Wort zu sagen: In puncto Wild gibt es in dem ganzen Land nichts mehr außer einem alten abgefeimten Hasen, der sich in den Kopf gesetzt hat: Hier muß ich leben! In Tarascon kennt man diesen Hasen natürlich sehr genau. Man hat ihm auch einen Namen gegeben; er heißt: »D-Zug«. Man weiß, daß er sein Lager auf den Feldern des Herrn Bompard hat – ein Umstand, der den Wert dieses Grundstücks verdoppelt oder verdreifacht –, aber man hat ihn noch nicht erwischen können.

Jetzt im Augenblick sind nur noch zwei oder drei verbissene Jäger hinter ihm her. Die anderen haben ihre Hoffnung schon zu Grabe getragen, und der »D-Zug« ist seil langem Gegenstand eines Mysteriums in dieser Provinz geworden, sowenig sonst der Tarasconese von Natur zum Aberglauben neigt. Er sagt ja auch zu Pasteten aus Schwalben nicht nein, vorausgesetzt, daß es welche gibt.

Nun werden Sie mich fragen: »Was machen denn die tarasconesischen Jäger an ihren Sonntagen, wenn es so wenig Wild in Tarascon gibt?«

Was sie machen?

Ja, großer Gott, sie ziehen ins Freie hinaus, zwei bis drei Meilen vor die Stadt, schließen sich zu kleinen Gruppen von fünf oder sechs zusammen, und dann legen sie sich in aller Seelenruhe im Schatten eines Brunnens oder einer alten Mauer oder eines Ölbaumes nieder, aus ihrer Tasche ziehen sie einen ordentlichen Happen Rinderbraten, dazu rohe Zwiebeln, dazu ein kleines Würstlein und ein paar Anschovis, und nun fangen sie an zu frühstücken, hören nicht wieder auf und befeuchten sich die Kehlen mit einem niedlichen Rhôneweinchen, das den Menschen Lust macht, zu lachen und Lust zum Singen.

Dies vollbracht und den nötigen Ballast eingenommen, erhebt man sich, pfeift den Hunden, ladet die Gewehre und beginnt zu jagen, d. h. jeder von diesen Herren nimmt seine Mütze, wirft sie in die Luft mit voller Kraft und schießt nach ihr im Fluge mit Fünfer-, Sechser- oder Zweierschrot, je nach Übereinkunft. Wer die meisten Treffer in seiner Mütze hat, wird zum Jagdkönig ausgerufen; im Triumph kehrt er abends nach Tarascon zurück, die durchlöcherte Mütze am Laufe seines Gewehres, inmitten von Hundegebell und Fanfarengeschmetter.

Ich muß wohl nicht ausdrücklich betonen, daß in der Stadt ein lebhafter Handel mit Jagdmützen blüht. Es gibt sogar Mützenmacher, die Mützen verkaufen, die von vorneherein durchlöchert und durchsiebt sind, zum Gebrauche für die weniger Vorgeschrittenen; aber Bézuquet, der Apotheker, ist der einzige, der sie kauft. Man weiß davon, es ist eine Schande!

Als Mützenjäger stand Tartarin auf einsamer Höhe. Jeden Sonntagmorgen zog er mit einer neuen Mütze los; jeden Sonntagabend kam er mit einem Lumpen zurück. In dem kleinen Hause mit dem Baobab waren die Schränke voll von diesen ruhmreichen Trophäen. Demzufolge erkannten die Tarasconesen ihn als ihren Herrn und Meister an; und da Tartarin die Jagdmaterie beherrschte, da er alles darüber Geschriebene gelesen und alle Handbücher aller möglichen Jagden durchforscht hatte, von der Jagd auf Mützen bis zur Jagd auf bengalische Tiger, so machten ihn denn die Herrschaften zu ihrem obersten Schiedsrichter in Jagdsportangelegenheiten, und er war in all ihren Diskussionen das Zünglein an der Wage.

Tag für Tag sah man von drei bis vier Uhr nachmittags bei dem Büchsenmacher Costecalde einen dicken Herrn ehrwürdigen Gehabens, die Pfeife zwischen den Zähnen, in einem großen Lederfauteuil sitzen. Das ganze Lokal war voll von Mützenjägern, die aufrecht standen, zankten und sich balgten, und Tartarin aus Tarascon war es, der Recht sprach, Nimrod und Salomo in einer Person.

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