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Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 29
Quellenangabe
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typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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II. Ein kleines Herrlein geht vorbei

Durch die staubbedeckten Fenster sah Tartarin von Tarascon in undeutlichen Umrissen den niedlichen Hauptplatz einer mittleren Bezirksstadt; ein regelmäßiges Viereck, umgeben von Bogengängen, mit Orangenbäumen bepflanzt, und in der Mitte dieses Platzes machten nette kleine Zinnsoldaten ihre Exerzierübungen im rosafarbenen Dunst der frühen Morgenstunden. Die Kaffeehäuser öffneten ihre Fensterläden. In der einen Ecke des Platzes befand sich eine Markthalle für Gemüse. Das alles war bezaubernd, aber den Löwen fühlte man nicht gerade in der Luft.

»Nach Süden ... nur tiefer nach dem Süden!« flüsterte der gute Tartarin und drückte sich tiefer in seine Wagenecke zurück.

In diesem Augenblick öffnete sich der Schlag, eine Welle frischer Luft flog herein, und sie trug auf ihren Fittichen mit dem Parfüm von glühenden Orangen auch ein winziges Herrchen in schwärzlichem Überrock, alt, ausgetrocknet, faltig, von der Zeit mitgenommen, ein Gesicht, nicht größer als eine Faust, schwarze Seidenkrawatte, mindestens fünf Finger breit, eine lederne Aktentasche, einen Sonnenschirm: der Notar vom Lande, wie er im Buche steht.

Der kleine Herr setzte sich dem Tarasconeser gegenüber. Als er dessen Kriegsbewaffnung gewahrte, schien er wie aus den Wolken gefallen und wurde nicht müde, Tartarin mit einer sehr lästigen Beharrlichkeit zu fixieren.

Man schirrte die alten Pferde ab, man schirrte neue an, die Postkutsche ging los. Der kleine Herr guckte unermüdlich Tartarin an. Schließlich wurde das dem Tarasconeser zuviel.

»Das paßt Ihnen wohl nicht?« sagte er und fixierte seinerseits den kleinen Herrn.

»Nein, es geniert mich«, antwortete der andere in aller Seelenruhe. Und man muß zugeben, daß Tartarin von Tarascon mit seinem zusammenlegbaren Zelt, seinen beiden Gewehren in ihren Futteralen, seinen Bowiemessern – ohne von seiner natürlichen Korpulenz zu sprechen – reichlich viel Platz einnahm. Die Antwort des kleinen Herrn gefiel ihm ganz und gar nicht.

»Soll ich vielleicht lieber mit Ihrem Sonnenschirm auf die Löwenjagd gehen?« sagte der große Mann in stolzem Ton.

Das kleine Herrchen guckte seinen Schirm an und lächelte milde, und dann sagte es, immer mit dem gleichen Phlegma: »Ja, mein lieber Herr, dann sind Sie ...?«

»Tartarin von Tarascon, Löwentöter.«

Als der trutzigliche Tarasconese dies gesagt hatte, schüttelte er die Quaste seiner Chechia wie eine Mähne.

Durch die Postkutsche ging eine Bewegung des Schreckens.

Der Trappistenmönch bekreuzigte sich, die Kokotten stießen kleine Schreckensrufe aus, der Photograph aus Orléansville näherte sich dem Lowentöter und träumte bereits von der Ehre, ihn aufnehmen zu dürfen.

Nur der kleine Herr ließ sich nicht aus seiner Ruhe bringen.

»Und wieviel Löwen haben Sie schon getötet, mein lieber Herr Tartarin?« fragte er sehr ruhig.

Der Tarasconese parierte den Angriff in blendender Manier.

»Wieviel ich getötet habe? Mein lieber Herr, ich wünschte nur, Sie hätten ebensoviel Haare auf dem Kopf.«

Und die ganze Postkutsche brach in Lachen aus und guckte die drei gelben Haare an, die sich auf dem Schädel des kleinen Herrchens sträubten. Nun ergriff der Photograph aus Orléansville das Wort: »Ein furchtbarer Beruf, den Sie da haben, Herr Tartarin. Man erlebt da bisweilen schauderhafte Augenblicke. So hat dieser arme Herr Bombonnel ...«

»Ach ja, der Panthertöter«, sagte Tartarin recht verachtungsvoll.

»Sie kennen ihn?« fragte der kleine Herr.

»Ojegerl, und ob ich ihn kenne! Mehr als zwanzigmal sind wir zusammen auf die Jagd gegangen.«

Der kleine Herr lächelte: »Sie gehen also auch auf die Pantherjagd, Herr Tartarin?«

»Manchmal ... so zum Zeitvertreib«, sagte der Tarasconese mit Schwung.

Und während er den Kopf mit einer heldenhaften Bewegung zurückwarf, die den tiefsten Eindruck im Herzen der beiden Kokotten hinterließ, sagte er: »Was ist denn das auch gegen einen Löwen!« »Eigentlich,« bemerkte der Photograph aus Orléansville »ein Panther ist nicht viel mehr als eine große Katze.«

»Stimmt haargenau«, sagte Tartarin, dem es ganz recht war, den Ruhm von Bombonnel ein bißchen zu verkleinern, besonders angesichts der Damen.

In diesem Augenblick blieb die Postkutsche stehen, der Kondukteur kam, um den Wagenschlag zu öffnen, und wandte sich an den alten Herrn: »Wir sind hier, mein Herr«, sagte er sehr respektvoll.

Das kleine Herrchen erhob sich, stieg aus und sagte dann, bevor es die Wagentür schloß: »Würden Sie mir gestatten, Herr Tartarin, Ihnen einen Rat zu geben?«

»Welchen, mein Herr?«

»Auf Ehre und Gewissen! Hören Sie mal! Sie sehen ganz wie ein anständiger Mensch aus, und ich möchte Ihnen lieber sagen, was ich von der Sache halte. Sehen Sie doch zu, daß Sie schnell nach Tarascon zurückkommen, Herr Tartarin. Sie verlieren hier nur Ihre Zeit. Es gibt freilich noch ein paar Panther hier in der Gegend, aber, pfui Spinne, das ist ein viel zu niedriges Wild für Sie. Und mit den Löwen ist es Schluß. Mein Freund Chassaing hat eben den letzten getötet.«

Darauf grüßte der kleine Herr, machte die Wagentür zu und ging lachend davon mit seiner Aktentasche und mit seinem Sonnenschirm.

»Herr Schaffner,« fragte Tartarin und machte dazu sein grimmigstes Gesicht, »wer ist denn dieser ulkige Kerl?«

»Wie, Sie kennen ihn nicht? Das ist doch Herr Bombonnel.«

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