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Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 28
Quellenangabe
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typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dritter Teil. Bei den Löwen

I. Postkutschen in der Verbannung

Eine alte Postkutsche von Anno dazumal, nach Urgroßmuttersitte innen ausgeschlagen mit grobem, ganz ausgebleichtem Rips, dazu geschmückt mit gewaltigen Posamenterien aus Leinenschnur und grober Wolle, die jedem Fahrgast nach einigen Stunden geradezu Wunden in den Rücken bohren ...

Tartarin hatte einen Platz im kreisrunden Hinterteil des Wagens. Er machte sich's hier, so gut es ging, bequem, und während er dem muskatartigen Anhauch der großen katzenartigen Raubtiere entgegenträumte, begnügte er sich damit, diesen guten muffligen Geruch nach alter Postkutsche einzuatmen, der in einer nicht zu beschreibenden Weise zusammengesetzt ist aus tausend Gerüchen: Menschenschweiß, Frauenduft, Pferdeodeur und Lederparfüm, Lebensmittelgeruch und dem Moder des verwesenden, zerfallenden Strohs. Von alledem gab es ein Partikelchen in dem Wagenabteil der Kutsche.

Ein Trappistenmönch, eine Menge jüdischer Kaufleute, zwei Damen der leichten Kavallerie, die zu ihrem Regiment einrückten, den Zweierhusaren, ein Photograph aus Orléansville ... Aber diese Gesellschaft hätte noch tausendmal amüsanter und gemischter sein können, Tartarin hatte keine Lust, ein Gespräch zu beginnen, er blieb in Sinnen versunken, den Ellbogen auf die Lehne aufgestützt, die Flinten zwischen den Knien ... Sein Aufbruch in aller Eile, die schwarzen Äuglein seiner Baja, die schauerliche Jagd, die ihm bevorstand, alles das tanzte wirr umher in seinem Gehirnkasten – und zu allem Unheil kam noch hinzu, daß diese pensionierte europäische Postkutsche hier im tiefsten Afrika ihn von weitem an das Tarascon seiner Jugend erinnerte, an die Fahrten in die Umgebung, an kleine Diners an dem Ufer der Rhône, eine unermeßliche Zahl von Erinnerungen ...

Nach und nach senkte sich die Nacht herab ... Die ausgediente Postkutsche schnellte auf ihren alten kreischenden Federn auf und ab, die Pferde trabten flott, die Schellen läuteten, ab und zu kam von oben, von der Plache des Verdecks her, ein schauderhaftes Eisengerassel ... Tartarins Kriegsmaterial.

Tartarin war schon zu dreiviertel eingeduselt; nun starrte er einen Augenblick lang die Mitreisenden an, die in komischer Weise wie groteske Phantome von den Stößen des Wagens geschaukelt und zusammengeschüttelt wurden. Dann ward allmählich Nacht vor seinen Augen, seine Gedanken verschwammen, er hörte nur ganz undeutlich das Quietschen der Räder in den Naben, das klägliche Stöhnen der Wände des Wagens ...

Jetzt auf einmal eine Stimme: eingerostet, brüchig und heiser, wie aus dem Munde einer alten Fee oder jungen Hexe; diese Stimme rief ihn an: »Herr Tartarin! Herr Tartarin!«

»Wer ruft mich?«

»Ich bin's, Herr Tartarin! Sie erkennen mich doch wieder? Ich bin die alte Postkutsche, die einmal, ja, so ein paar zwanzig Jährchen werden es sein, den Dienst zwischen Nimes und Tarascon besorgt hat. Wie oft habe ich euch befördert, Sie und Ihre Freunde auch, wenn ihr auf die Mützenjagd ginget ... dort auf den Hügeln von Jonquières und Bellegarde. Ich habe Sie nicht sogleich erkannt, denn Sie tragen jetzt eine Törkenkopfbedeckung, und dann haben Sie sich ein Bäuchelein zugelegt. Aber als Sie zu schnarchen begannen, ja, Sie verdammter Glückspilz, da wußte ich sogleich: Er ist es, kein anderer!«

»Na, das ist ja schön, sehr schön ist das!« sagte Tartarin etwas verstimmt.

Dann zog er sanftere Saiten auf: »Aber Sie, liebe alte Mama, was treiben denn Sie hier?«

»Ach du meine Güte! Ja! Mein Wille war's nicht, hierherzukommen ... Aber als die Eisenbahn nach Beaucaire fertig war, haben sie gefunden, daß ich zu nichts mehr tauge und haben mich nach Afrika hinübergeschickt. Ich bin nicht die einzige, die ... fast alle die Postkutschen aus Frankreich hat man deportiert wie mich. Fand man uns zu reaktionär? Jedenfalls sind wir jetzt alle hier und verurteilt zu einem wahren Galeerensträflingsleben. Wir sind, was ihr in Frankreich die Eisenbahn von Algier nennt ...«

Hier stieß die alte Postkutsche einen langen Seufzer aus. Dann fuhr sie fort: »Ach ja, mein lieber Herr Tartarin, das ist es, was mir schrecklich fehlt, Tarascon. Das war meine schönste Zeit, das waren meine Jugendtage. Da hätte man mich sehen sollen, wie ich morgens loszog, ja, blitzblank gewaschen, leuchtend wie das Feuer mit meinen neu lackierten Rädern, meine Laternen glichen zwei Sonnen (ich lüge nicht!), und meine Plache war immer mit Öl eingerieben und geschmeidig. Ach war das schön, schön und wunderschön, wenn der Postillion seine Peitsche knallen ließ nach dem Takte des Liebchens: ›Lagadigadeau, la Tarasque, la Tarasque!‹ Und dann warf der Wagenführer, mit seinem Waldhorn an der Seite und seiner gestickten Mütze schief auf dem Kopfe, da warf er mit einem kühnen Griff seinen ewig kläffenden kleinen Hund hinauf auf die Verdeckplache des Wagens, ja, und dann sprang er selbst auf den Bock und schrie: »Vorwärts, holdrio! drauf und dran!« Und dann setzen sich meine vier Pferde in Trab, die Schellen klingeln, der Hund bellt, das Horn tutet, die Fenster gehen auf, ja! Und ganz Tarascon sieht mit Stolz mich, die Postkutsche, auf der großen königlichen Chaussee flott vorbeirollen.

Und das war eine schöne Straße, mein lieber Herr Tartarin, müssen Sie wissen, breit, fein im Stande, mit Kilometersteinen garniert, Schotterhaufen am Rande regelmäßig aufgeschichtet, und rechts und links die schönen Hänge mit Oliven und Weinreben üppig bepflanzt! Dann alle fünf Minuten ein Wirtshaus, alle naselang neue Pferde. Und meine Reisenden, ausnahmslos Prachtburschen! Ja! Bürgermeister und geistliche Herren, ja! Sie fuhren nach Nimes, um den Herrn Erzbischof aufzusuchen oder den Bezirkspräfekten, und dann die braven Seidenhändler, die in allen Ehren von ihren Wochenendhäuschen zurückkamen, und dann Studenten auf Ferien, und Bauern in gestickter Bluse, ja! Alle frisch rasiert am Morgen, und droben, auf Verdeck, da sind Sie, meine Herren Mützenjäger. Sie waren immer froher Laune, und jeder sang so fein ›Die Seine‹, abends, beim Sternenglanz, auf dem Heimweg. Aber jetzt! Aber jetzt, das ist wie Tag und Nacht, ja! Gott soll wissen, was für Gesindel ich herumkutschiere! Einen Haufen Hottentotten und Heiden aus aller Herren Ländern, die ihr Ungeziefer bei mir deponieren, aber Neger sogar auch, Beduinen, alte Kriegsmarodeure, internationale Hochstapler, Bauern in Lumpen, die mich mit ihren stinkigen Pfeifen verpesten, und das Gelichter spricht eine Sprache, die nur der Teufel versteht, aber kein Christenmensch. Und dann, Sie sehen, wie man mit mir umgeht! Nie gebürstet, nie gewaschen! Große Sache schon, wenn sie mir die Achsen schmieren! Statt der dicken schönen Rosse von dazumal, die so schön gemächlich trabten, kleine arabische Viecher, die den leibhaftigen Teufel in sich haben, und die mir die Deichsel zerteppern mit ihren Hufschlägen. Oje, oweh, ojegerl, ja! Haach! Jetzt fängt's schon bald wieder an, ja! Und diese Straßen! Ja, hier mag's noch angehen, weil wir nahe bei der Bezirksstadt sind, aber weiter unten, da gibt's nichts mehr, von Straßen keine Spur. Da geht's dahin ohne Weg noch Steg, über Berg und Tal wie ein Wasserfall, mitten rein in ... in die Zwergpalmen und in die Mastixsträucher, nur immer mitten durch. Nicht einmal ein fester Halteplatz! Man hält, wie es dem Kondukteur gerade in den Kram paßt, bald in diesem Gutshof, bald in jenem.

Und was tut dieser Schweinehund, ja? Manchmal macht er einen Umweg von so zwei Meilen, ja, um bei einem Freunde einen Absinth zu genehmigen oder einen Champoreau, ja! Aber dann, Peitsche raus, Postillion! Man muß die verlorene Zeit einholen. Die Sonne sticht, der Staub glüht! Los, ran mit der Peitsche! Man schwankt, man kippt beinahe, macht nichts, noch mehr Peitsche, schneller, los! Man rattert mitten durch die Flußbetten, die Pferde waten, man kriegt's Zipperlein, man trieft, man schwimmt allbereits, ja! Peitsche, peitsche! flott weiter, stramm drauflos, nur voran! Ja. Und jetzt kommt die Nacht, man hängt noch voller Nässe, ja, das ist gerade das Rechte für mein Alter bei meinem Rheumatismus; da heißt es übernachten unter freiem Himmel, in dem Hofe einer Karawanserei, wo sich alle Winde gute Nacht sagen. Nachts, die Schakale, die Hyänen schnüffeln herum an meinen Kästen, und Landstreicher, die Angst vor der Nachtkühle haben, machen sich's bequem auf meinen Polstern, ja! Ja, mein lieber Herr von Tarascon, das ist mein Leben, wie ich's führe und führen werde, bis ich einmal krepiere, verbrannt von der Sonnenglut, kernfaul von den eisigen Nächten, jawohl, in irgendeinem Winkel auf diesen gottverlassenen Straßen wird's mich packen, und die Araber werden sich ihre Kußkuß kochen auf den sterblichen Überresten meiner alten Knochen.«

»Blidah!« schrie der Kondukteur und riß den Wagenschlag auf.

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