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Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 25
Quellenangabe
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typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
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X. Sag' an den Namen deines Vaters mir, so nenn' ich den Namen des Blümchens dir!

Das muß man ja zugeben, eine feine Nase zum Herausspüren hatte dieser Prinz von Montenegro!

Am Morgen nach diesem Abend bei den Platanen erschien bereits in der Dämmerung der Prinz bei Tartarin in dessen Hotelzimmer.

»Schnell, schnell, ziehen Sie sich schnellstens an, wir haben Ihre Araberdame, sie heißt Baza, zwanzig Jahre alt, hübsch zum Anbeißen und bereits verwitwet.«

»Witwe? Fabelhaft!« sagte voller Frohlocken der gute Tartarin, der sich aus eifersüchtigen orientalischen Ehegatten nichts machte.

»Ja, das wohl, aber vom Bruder mit Argusaugen überwacht.«

»Ojegerl!«

»Ein wüster Araber, der im Basar d'Orleans Pfeifen verkauft.« – Pause.

»Na ja,« sagte der Fürst, »damit wird man einen Mann, wie Sie gebaut sind, nicht schrecken, und schließlich wird man mit diesem Freibeuter sich auch noch einigen, schließlich kauft man ihm ein paar Pfeifen ab. Also schnell, fahren Sie in die Kleider, Sie... verdammter Glückspilz!« Tartarin sprang leichenblaß vor Aufregung, das Herzchen voll von Liebe, aus seinem Bett und knöpfte in aller Eile seine allumfassende flanellne Unterhose zu. »Was muß ich also tun?« fragte er.

»Sehr einfach! Der Dame schreiben und sie um ein Rendezvous bitten.«

»Versteht sie denn Französisch?« fragte Tartarin, denn er hatte sich den Orient in seiner Naivität noch orientalischer vorgestellt.

»Nicht ein Wort!« antwortete der Prinz mit unerschütterlichem Gleichmut, aber Sie diktieren mir den Brief, ich übersetze ihn dann Wort für Wort!«

»Ach, Prinz, wie für soviel Güte danken?«

Und der Tarasconese begann in tiefem Schweigen im Zimmer auf und ab zu marschieren und seinen Geist zu sammeln.

Das versteht doch jedes Kind – an eine Araberin in Algier schreibt man nicht wie an eine kleine Grisette in Beaucaire. Wie fein, daß unser Held seine umfangreiche Lektüre geistig sofort zur Hand hatte, die ihm gestattete, die blumige Sprache des Indien von Gustave Aimard innigst zu mischen mit der »Reise im Orient« von Lamartine. Dazu noch einige Spritzer von Reminiszenzen aus dem Hohenlied, und so kommt die bezauberndste orientalische Epistel zustande, die je ein Menschenauge gelesen. Also man fängt folgendermaßen an: »Wie der Wüstenstrauß im Wüstensand...« und endet: »Sag' an den Namen deines Vaters mir, so nenn' ich den Namen des Blümchens dir!«

An diesen Schreibebrief hätte der Tarasconese gern ein Sträußchen von symbolischen Blümchen geknüpft, wie es im Orient Sitte ist. Aber Fürst Gregory hielt es für besser, einige Pfeifen bei dem Bruder zu erstehen, dies würde der Dame eine wahre Herzensfreude sein, denn sie paffe ohne Unterlaß. »Also los, wir kaufen schnell einen Haufen Pfeifen!« sagte Tartarin in seinem Feuereifer. »Nicht doch! Nicht doch! Lassen Sie mich allein das machen! Ich kriege sie billiger.«

»Ach nein... Sie wollten?! Oh, mein lieber Prinz! Mein Prinz!« Und der brave Mann, nicht mehr Herr seiner selbst, bot seine Börse dem gefälligen Montenegriner an und legte es ihm nur ans Herz, sicher nichts zu verabsäumen, damit die Dame nur ja zufrieden sei!

So war denn die Sache wunderbar in die Wege geleitet, lief aber nicht so flott weiter, wie man hätte hoffen können. Wie es schien, war die Araberdame zwar von Tartarins Beredsamkeit tief ergriffen und auch sonst zu neunzig Prozent schon für ihn eingenommen von vornherein, und ihr Herzenswunsch war es, Tartarin zu empfangen – aber der Bruder fand ein Haar in der Suppe, und um diese Haare einzuschläfern und die Skrupeln abzuschneiden, brauchte man nicht eine Pfeife, sondern ein Dutzend, nicht ein Dutzend, sondern ein Gros, nicht ein Gros, sondern ein Riesenschiff mit Pfeifen ausschließlich beladen, nicht ein einziges Pfeifenschiff, sondern eine ganze Flotte von Pfeifenschiffen. »Was mag nur Baja in Dreiteufelsnamen mit allen diesen Pfeifen anfangen?« fragte sich ab und zu der arme Tartarin. Aber er blechte trotz allem tapfer fort und knickerte nicht. Endlich, als schon so ein kleiner Himalaja von Pfeifen angekauft worden war und ein Strom von orientalischer Phantasie zu ihr geflossen, erhielt er ein Rendezvous.

Es läßt sich schwer beschreiben, mit welchem Herzklopfen der Tarasconese sich auf dieses Rendezvous vorbereitete, mit welcher ergreifenden Sorgfalt er seinen groben Mützenjägerbart gerade schnitt, striegelte und parfümierte, ohne dabei – denn man muß an alles denken – zu vergessen, einen Schlagring mit eisernen Spitzen und so ein halbes Dutzend Revolver in die Tasche zu stecken.

Der Prinz, zuvorkommend wie immer, kam in der Eigenschaft als Dolmetsch zum ersten Rendezvous mit. Die Dame wohnte im Araberviertel. Vor dem Tor des Hauses rauchte ein dreizehn- oder vierzehnjähriger Bengel Zigaretten. Das war Ali, der berühmte Ali, der Bruder und Pfeifenhändler, von dem man immer gesprochen hatte. Als er den Besuch kommen sah, schlug er mit dem Türklopfer zweimal an die Pforte und zog sich diskret zurück.

Das Tor ging auf. Eine Negerin erschien, um die Herren ohne ein Wort über einen kleinen Innenhof in eine winzige kühle Kammer zu führen, wo die Schöne wartete, auf ein niedriges Bettchen hingestreckt.

Beim ersten Blick erschien sie Tartarin kleiner und dicklicher als die Araberin im Omnibus... Nun aber im Ernst, war es dieselbe? Aber der Verdacht dauerte nicht länger als ein Blitz.

Etwas Niedlicheres als diese Dame mit ihren nackten Füßchen, ihren gut gepolsterten, ringgeschmückten Fingerchen gab es nicht. Was war sie doch fein und rosig! Unter ihrem goldbraunen Leibchen, unter dem Rankenwerk der Blumenstickerei auf ihrem Kleid mußte ein zauberhaftes Persönchen sein, ein wenig mollert, frisch zum Anbeißen, und scharfe Ecken hatte sie gerade nicht. Das Ambramundstück eines Nargileh dampfte zwischen ihren Lippen und hüllte sie von Kopf bis zu Fuß in eine goldfarbene Duftwolke ein.

Beim Eintritt legte der Tarasconese eine Hand aufs Herz, er verbeugte sich so arabisch wie nur möglich und rollte die Augen in großer Leidenschaft... Wortlos guckte ihn Baja lange an. Dann ließ sie das Mundstück aus Ambra fahren, warf den Körper zurück, versteckte den Kopf zwischen den Händen, und man sah nichts mehr von ihr als ihre weiße Kehle, die, geschüttelt von tollstem Lachen, auf und nieder hüpfte, ein Beutelchen, mit Perlen gefüllt.

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