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Tartarin aus Tarascon

Alphonse Daudet: Tartarin aus Tarascon - Kapitel 24
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typeTartarin aus Tarascon
authorAlphonse Daudet
titleTartarin aus Tarascon
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
illustratorWalter Klemm
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
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IX. Der Prinz Gregory von Montenegro

Der unselige Tartarin suchte zwei lange Wochen sein algerisches Mädchen, und es ist sehr möglich, daß er noch bis zum heutigen Tage auf der Suche wäre, wenn ihm nicht der Schutzengel der Verliebten in der Gestalt des montenegrinischen Aristokraten zu Hilfe gekommen wäre, und das war so: Im Winter gibt an jedem Sonnabendabend das große Theater von Algier seinen Maskenball, ebenso gut und ebenso schlecht wie die Große Oper in Paris. Hier ist es der ewig gleiche öde Maskenball der Provinz. Man kann die Menschen im Saal zählen, ein paar ausgediente Damen von Boullier oder aus dem Kasino, törichte Jungfrauen, immer der Armee nachlaufend, ein paar abgetragene Harlekins, Trommler- und Marketendermasken und dann fünf oder sechs kleine Wäschermädel aus Mahon, die mondäne Kokotten werden wollen, aber noch aus ihrer Jungfrauenzeit her ein bißchen Knoblauchparfüm bewahrt haben und den Geruch nach Safransoße. Das alles ist mehr eine Angelegenheit zweiter Ordnung. Die richtige Sache spielt sich im Foyer ab, das man an solchen Abenden in einen Spielsaal verwandelt hat. Fieberhaft stößt und drängelt sich die Masse rings um die großen grünen Spieltische. Turkos, die Ausgang haben, setzen Fünffrankstücke, die sie sich von ihrer Löhnung abgespart haben, arabische Kaufleute aus der Oberstadt, Neger, Leute von Malta gibt es hier, Araber aus dem Inneren des Landes, die vierzig Meilen weit hergekommen sind, um hier auf ein As zu setzen und die mit dem Gelde für ihren Pflug oder für ein paar Ochsen hasardieren. Alle zittern sie, sind leichenblaß, haben die Zähne zusammengekrampft, und sie alle zeigen diesen unvergeßbaren Blick des Spielers, schief, halb wahnsinnig, der bereits zu schielen beginnt, da die Augen immer an derselben Karte wie festgenagelt hängen.

Weiterhin gibt es ganze Rudel von algerischen Juden, die familienweise spielen. Die Männer tragen ihr orientalisches Kostüm, das in geradezu abscheulicher Weise mit ihren blauen Strümpfen und ihren Samtkappen disharmoniert. Die Frauen sind aufgeschwemmt und fahl; sie halten sich sehr steif in ihren engen goldgestickten Miedern. So schart sich immer ein ganzes Rudel um einen Tisch, verständigt sich untereinander, zählt alles an den Fingern ab und hält sich vom Spiel zurück. Nur nach langen Disputationen löst sich von Zeit zu Zeit ein alter Patriarch mit einem Gottvaterbart von den andern ab und geht daran, den Silberling der Familie auf den Tisch des Hauses niederzulegen. Und jetzt beginnt, solange die Partie dauert, ein unbeschreibliches Glitzern in den Augen der Juden, die gespannt an dem Tisch hängen – schreckliche Augen von unbezwinglichem Schwarz, welche die Kraft haben, die Goldstücke auf dem Tischtuch ins Rutschen zu bringen, und die geheimnisvolle Macht, sie ganz sachte zu sich heranzuziehen wie an einem Fädchen.

Und dann gibt es Differenzen, ganze Schlachten, Flüche in allen Sprachen, Tollhausschreie in allen Dialekten, Messer, die aus der Scheide springen, die Polizei, die erscheint, und Geld, das fehlt. Und zu diesen Orgien war der große Tartarin eines Abends erschienen, um sich zu zerstreuen, und um das Vergessen zu suchen und den Frieden seines Herzens.

Einsam schritt der Held durch die Menge, er dachte an sein Arabermädchen, als mitten aus dem Geschrei bei einem Spieltisch zwei aufgeregte Stimmen hervorklangen, die das Klirren des Goldes übertönten. »Und ich sage Ihnen, daß mir zwanzig Franken fehlen, Herr!«

»Was, Herr?«

»Und? Herr!«

»Wissen Sie, mit wem Sie sprechen, Herr?«

»Bitte darum, Herr!«

»Fürst Gregory von Montenegro mein Name, Herr!«

Bei diesem Namen geriet Tartarin in Aufregung, er durchbrach die Menge, drängte sich in die erste Reihe, stolz, heilsfroh, seinen Prinzen wiedergefunden zu haben, diesen höflichen Herrn, den er auf dem Dampfer kennengelernt hatte.

Unglückseligerweise machte dieser Titel Fürst, welcher dem guten Tarasconesen so sehr in die Augen gestochen hatte, auch nicht den mindesten Eindruck auf den Jägeroffizier, mit dem der Prinz aneinander geraten war. »Damit weiß ich schon etwas Rechtes«, sagte der Offizier höhnisch, dann wandte er sich ans Publikum: »Gregory von Montenegro, kennt jemand diesen Herrn? Kein Mensch!«

Tief empört trat Tartarin vor.

»Verzeihung, ich kenne den Försten«, sagte er mit sehr fester Stimme und seiner ganzen schönen tarasconesischen Aussprache.

Der Offizier von den Jägern guckte ihn einen Augenblick starr an, dann zuckte er die Achseln und sagte: »Na, auch gut, teilt euch die zwanzig Frank, die fehlen, und Schwamm drüber!«

Daraufhin drehte er ihnen den Rücken zu und verlor sich in der Menge.

Unser heißblütiger Tartarin wollte sich auf ihn stürzen, aber der Prinz hielt ihn zurück: »Lassen Sie ihn, das ist meine Sache«, und er faßte den Tarasconeser am Arm und zog ihn in aller Eile heraus.

Als sie draußen auf dem Platz waren, nahm der Prinz von Montenegro sogleich seinen Hut ab, bot unserem Helden die Hand; er entsann sich undeutlich seines Namens und sagte mit bebender Stimme: »Lieber Herr Barbarin.«

»Tartarin, Tartarin«, flüsterte schüchtern der andere.

»Tartarin, Barbarin, einerlei, von jetzt an sind wir eins auf Leben und Tod«, und der edle Montenegriner schüttelte ihm die Hand mit wilder Energie. Man stellt sich leicht vor, wie stolz der Tarasconese wurde.

»Först! Först!« wiederholte er mit überschwenglichem Gefühl.

Eine Viertelstunde nachher hatten sich die beiden Herren in dem Restaurant de Platanes häuslich niedergelassen, einem reizenden kleinen Nachtlokal mit Terrassen aufs Meer – und hier machte man vor einer ordentlichen Schüssel russischen Salats und bei einem guten Tropfen Wein aus Crescia (Kreta) eine intimere Bekanntschaft.

Man kann sich nicht leicht etwas Anziehenderes denken als den Fürsten von Montenegro. Schlank gewachsen, fein, die Haare mit dem Brenneisen gewellt, spiegelglatt rasiert, mit sonderbaren Ordenszeichen behängt. Mit allen Wassern gewaschen, einschmeichelnd in den Manieren. Dazu ein leiser italienischer Beiklang im Akzent – ein Mazarin ohne Schnurrbart. Übrigens sehr bewandert im Latein und immer ein Zitat aus Tacitus, Horaz oder Cäsar auf den Lippen.

Er war von uradeligem Blut. Seine Brüder hatten ihn wegen seiner liberalen Gesinnung (was denn sonst?) im Alter von zehn Jahren außer Landes getrieben, seither trieb er sich in der großen Welt umher, um sich zu bilden und zu amüsieren, eine philosophisch angehauchte Durchlaucht. Und welch wunderbarer Zufall! Der Fürst hatte drei Jahre in Tarascon verbracht, und als Tartarin sehr erstaunt fragt, warum man sich denn niemals im Klub getroffen oder auf der Promenade, sagte Ihre Hoheit ausweichend: »Ich kam wenig außer Haus.« Und der Tarasconese war diskret genug, um nicht weiter zu fragen. Alle großen Persönlichkeiten sind mit einem Schleier des Geheimnisses umwoben. Und um es kurz zu sagen, dieser Prinz war ganz aus Zucker, dieser Herr Gregory. Während er den hellrosafarbenen Wein von Crescia schlürfte, hörte er mit Eselsgeduld zu, wie Tartarin von seinem Arabermädchen erzählte, und er machte sich (welche Dame kannte er nicht?) erbötig, dieses Frauchen sicherlich wiederzufinden.

Man trank massenhaft und lange. Man stieß an: »Auf die holde Weiblichkeit von Algier!« »Auf Montenegros Freiheit, sie lebe hoch!«

Draußen vor der Terrasse wogte das Meer, und die Wellen schlugen mit einem seltsamen Laut ans Ufer, als klopfte man wassergetränkte Tücher aus. Die Nacht war klar, der Himmel voller Sterne.

In den Zweigen der Platane sang eine Nachtigall.

Tartarin bezahlte die Rechnung.

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